20. September 1986: Tod von Friedrich Oberschelp, Gründer des Bielefelder Kinderchors

• Helmut Henschel, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

Bei einer Abstimmung über die wichtigsten Bielefelder Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts dürfte Friedrich Oberschelp, Gründer und langjähriger Leiter des Bielefelder Kinderchors, zweifellos einen der vorderen Plätze belegen. Dass er bei einer Umfrage des Westfalen-Blatts aus dem Jahr 2014 zu den bedeutendsten Bielefelder Persönlichkeiten keine Platzierung erreichte, schmälert seine herausragende Bedeutung für das kulturelle Leben der Stadt nicht. Als er anlässlich seines 90. Geburtstags in der heimischen Presse als „eine Art Denkmal der Stadt“ bezeichnet wurde, brachte dies die außergewöhnliche Wertschätzung zum Ausdruck, die ihm weit über die Grenzen des Musiklebens hinaus entgegengebracht wurde.

Friedrich Oberschelp mit Kindern, o.J., StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-15-23.

Kindheit und Ausbildung

Friedrich Christian Carl Oberschelp wurde am 13. Mai 1895 in Brackwede als ältestes Kind des Kaufmanns und Gärtnereibesitzers Friedrich „Fritz“ Wilhelm Oberschelp (1867-1912) und seiner Ehefrau Marie Wilhelmine Oberschelp geb. Overbeck (1869-1939) in eine evangelisch-lutherisch geprägte Familie geboren. Das Einkommen des als Gärtnermeisters und Kaufmanns tätigen und zudem früh verstorbenen Vaters war nicht besonders hoch, sodass größere Anschaffungen und besondere materielle Zuwendungen für die insgesamt drei Kinder nur selten vorkamen. Umso bedeutender war die Geige, die Friedrich Oberschelp als Zehnjähriger von seinen Eltern erhielt und die seine weitere musikalische Laufbahn prägen sollte. Bis etwa 1905 besuchte der junge Friedrich die II. Bürgerschule sowie anschließend die Knabenmittelschule in Bielefeld, die er Ostern 1909 erfolgreich absolvierte. In der Folge begann er eine Ausbildung zum Lehrer: zunächst in der Präparandenanstalt Schildesche und im Anschluss am Lehrerseminar Herdecke. Die Erste Lehrerprüfung 1914 bestand er mit insgesamt guten Noten; in der Retrospektive können nur die leicht abfallenden Ergebnisse während der Seminarzeit im Fach Musik als kleiner, unerwarteter Schönheitsfehler gelten. Allerdings genoss der junge Oberschelp in Herdecke exzellenten Dirigierunterricht, was ihm später sehr nützlich werden sollte. Nach der Prüfung fungierte er etwa ein halbes Jahr als Vertretungslehrer einer kleinen Schule in Ahlenberg, einem heutigen Stadtteil von Herdecke.

Friedrich Oberschelp als Lehrer an der Fröbelschule, 1929, StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 24-129-5.

Seine gerade erst begonnene Laufbahn als Pädagoge wurde durch den Ersten Weltkrieg und den Einzug ins Heer im August 1915 bald unterbrochen. Während seines Kriegsdienstes erkannte er beim gemeinsamen Gesang mit seinen Soldatenkameraden erstmals sein Talent für die musikalische Leitung. Nach der Rückkehr vom Heeresdienst beim Reserve-Infanterie-Regiment 204 und französischer Kriegsgefangenschaft war Oberschelp zunächst an der VI. Bürgerschule in Bielefeld tätig, im April 1920 erfolgte die Überweisung in eine Lehrerstelle an der XI. Bürgerschule (ab 1927 Fröbelschule). Im gleichen Jahr legte er die Zweite Lehrerprüfung ab und erwarb somit die Befähigung als Lehrer an Volksschulen. 1924 wurde Friedrich Oberschelp auf eigenen Wunsch ein Jahr vom Schuldienst beurlaubt, um sich zum Handelslehrer ausbilden zu lassen. Eine spätere Tätigkeit in diesem Feld ist jedoch nicht nachweisbar.

Neben beruflichen Erfolgen fand Oberschelp schließlich auch privat sein Glück: Am 5. April 1927 heiratete er in Wuppertal-Ronsdorf Anna Elfriede „Friedel“ geb. Schulte (1903-1991), die später bei der Arbeit im Kinderchor zu einer wichtigen Bezugsperson nicht nur für ihren Ehemann wurde. Laut Oberschelp war es „Liebe auf den ersten Blick“, als sich die beiden während einer Bahnfahrt das erste Mal begegneten. Aus der Verbindung gingen die Söhne Kurt-Friedrich (1928-2018) und Jürgen (geb. 1938) hervor. Seine Ausbildung setzte Oberschelp indessen fort und legte 1930 erfolgreich die Prüfung zum Mittelschullehrer in den Fächern Physik, Mathematik und Chemie mit guten Ergebnissen ab. Neben Familie und Beruf widmete er sich weiteren Aufgaben: Er erteilte Schülern Geigenunterricht und sammelte durch die Leitung des Männergesangsvereins „Sängerwarte“ sowie des Männerchors Uerentrup erste Erfahrungen in der Chorarbeit. Zudem war er seit 1920 Mitglied des heimischen Lehrergesangvereins.

Gründung und kometenhafter Aufstieg des Bielefelder Kinderchors

Im September 1932 kolportierte die Presse erstmalig Gerüchte, „einen Chor aus allen Schulen Bielefelds unter Lehrer Oberschelps Leitung zusammenzustellen“. Unerwähnt blieb in den Westfälischen Neuesten Nachrichten allerdings, dass es bereits seit 1930 eine als „Kinderchor im Volkschor“ firmierende Gruppe gab, die unter der Leitung von Ernst Püttbach (1903-1974) immerhin rund 200 mutmaßlich vor allem aus der Arbeiterbewegung stammende Kinder versammelte. Das Umfeld des Volkschors zeigte sich nach der Gründung des Bielefelder Kinderchors auch recht pikiert, indem im „eigenen“ Blatt, der sozialdemokratischen Volkswacht, die Meldung verbreitet wurde, man habe mit der Neugründung nichts zu tun. Man wundere sich aber über die städtische Unterstützung, denn bei eigenen Anliegen wären einem seitens der Verwaltung sowie der Schulen eher Steine in den Weg gelegt worden. Während der neu gegründete Bielefelder Kinderchor fortan zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit erhielt, verliert sich die Spur des „Kinderchors im Volkschor“ in den folgenden Jahren weitgehend.

Die erste Zusammenkunft fand am 28. September 1932 in der Aula des heutigen Ratsgymnasiums statt. Zwar handelte es sich noch nicht um eine offizielle Probe, doch die mehreren hundert Kinder aus verschiedenen Bielefelder Schulen sangen bereits gemeinsam. Zu den Liedern gehörte auch „Wahre Freundschaft soll nicht wanken“, Oberschelps Lieblingslied, das sich im Laufe der Jahre zu einer Art musikalischer Visitenkarte des Chors entwickeln sollte. Als der Chorleiter 1950 von der Münsterschen Zeitung dazu befragt wurde, wie ihm die Idee eines schulübergreifenden Chors gekommen sei, antwortete er: „Auf den Gedanken bin ich gekommen, als das Fundament […] bereits da war. Es war der Schülerchor der Fröbelschule, ein Chor, wie ihn jede Schule besitzt, dessen Leitung mir Ende der 20er Jahre – eigentlich rein zufällig – übertragen wurde. Die Freude an dieser Arbeit veranlasste mich 1932, den Chor auf eine breitere Grundlage zu stellen.“ Den städtischen Schulrat Dr. Erich Schrader (1885-1975?) hatte Oberschelp nach eigener Aussage während eines zufälligen Aufeinandertreffens in den Osterferien 1932 in der Straßenbahn von der Idee überzeugt.

Der Bielefelder Kinderchor anlässlich einer Aufnahme für den Reichssender Köln in der Rudolf-Oetker-Halle im April 1935, StArchBi, Bestand 107,3/Schulverwaltungsamt, Personalakten, Nr. 342.

Bereits in den ersten Jahren prägte Oberschelp die Gesangsgruppe mit einer Arbeitsweise, die Zeitungsberichte der 1930er-Jahre immer wieder als ausgesprochen gewissenhaft beschrieben. Disziplin galt ihm als das „A und O“ erfolgreicher Chorarbeit: Während der Proben mussten die Kinder „mucksmäuschenstill“ stehen, die Liedtexte waren bis zur nächsten Zusammenkunft auswendig zu lernen, und klare Ansagen sowie hohe musikalische Ansprüche bestimmten den Ablauf. Diese Konsequenz verband Oberschelp jedoch mit einer persönlichen Nähe zu seinen Sängerinnen und Sängern. Zeitgenössische Berichte charakterisieren ihn trotz seiner fordernden Art als einen Freund der Kinder. Die Sängerinnen und Sänger verstanden ihre Gemeinschaft als eine Art „Familie“ und nannten ihren Dirigenten liebevoll „Vati“ (nach anderen Quellen „Vai“).

Am 21. Dezember 1932 trat der nunmehr auf etwa 180 Mitglieder konsolidierte Chor erstmalig mit einer halb-öffentlichen Probe in der Aula der Lessing-Oberrealschule in das Rampenlicht. Im Februar 1933 erfolgte das erste (inoffizielle) Konzert zum Abschluss der sogenannten Bielefelder Missionswoche in der Ausstellungshalle. Am 19. März wurde es endgültig historisch: Mit einem Konzert in der Rudolf-Oetker-Halle erreichte das junge Ensemble erstmals eine breite Öffentlichkeit. Das vielbeachtete, durch Einlagen der Sängerin Lore Hoffmann (1911–1996) bereicherte Programm umfasste Werke unter anderem von Mozart, Mendelssohn und Volkslieder, die später für den Chor so charakteristisch werden sollten. Die Westfälische Zeitung formulierte 1937 in der Rückschau: „Dass Kinder […] so singen konnten, hatte man bis dahin nicht für möglich gehalten“. Die Nachricht über die Qualität der Darbietungen verbreitete sich schnell: Schon im Sommer des Jahres beging der Chor seine erste Konzertrundreise, die über Höxter und Corvey bis nach Kassel und Bad Wildungen führte, was jedoch nur der Auftakt zu wesentlich Größerem sein sollte. NSDAP-Kreiskulturwart Karl Wilke (1887-1964) formulierte es 1934 so: „Wir haben hier in Bielefeld einen Kinderchor, der noch viel zu wenig bekannt ist. Ich habe in Rundfunksendungen manchen Kinderchor gehört, aber noch keinen, der künstlerisch auf solcher Höhe steht und so straff diszipliniert singt, wie der Bielefelder unter der Leitung des Lehrers Oberschelp.“

Der Kinderchor in „Kieler Blusen“ in der Hochstraße, ca. 1935, StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 51-3-80.

Das Jahr 1935 markierte den endgültigen Durchbruch des Chorprojekts. Essenziell dafür war die Aufnahme des Kinderchors beim Reichssender Köln am 5. April. Der Liveauftritt, der vor allem mit einfachen Volksweisen aufwartete (unter anderem „Hensel, dein Gretelein ist ein faul’s Schlamperlein“), sorgte für überregionale Begeisterungsstürme. Unter anderem der Fürsprache des Intendanten (und überzeugten Nationalsozialisten) Dr. Heinrich Glasmeier (1892-vermutlich 1945) war es zu verdanken, dass in der Folge viele weitere Kooperationen mit dem Rundfunk initiiert werden konnten, die dem Chor eine Bekanntheit über die Reichsgrenzen hinaus bescherte und dazu führten, dass die Bielefelder von manchen Stimmen als der „beste Kinderchor ganz Deutschlands“ bezeichnet wurden. Selbst ausländische Radiosender brachten die jungen Sängerinnen und Sänger in ihrem Programm, was durch die 1936 erstmalig von der Telefunken-Gesellschaft produzierten Schallplatten möglich wurde. Ab diesem Zeitpunkt erfolgten darüber hinaus Auftritte im ganzen Reichsgebiet, unter anderem Köln, Frankfurt, Stuttgart und Berlin. Bei diesen Reisen wurde Oberschelp, der hauptamtlich weiter Lehrer an der Fröbelschule war, vom Dienst befreit. Der Hagener Beobachter fasste den Wirbel um den Kinderchor 1936 schließlich so zusammen: „Es ist, als ob die unfassbare Weichheit dieser Töne aus einer fernen, schöneren Welt zu uns herüberklingt.“ Auf die Frage nach dem Geheimnis dieses Erfolgs antwortete Oberschelp 1937 knapp: „Zusammenhalten und unbedingte Disziplin“.

Friedrich Oberschelp, o.J., StArchBi, Bestand 270,70/Bielefelder Kinderchor, Nr. 8.

Welches Ansehen er in seiner Funktion als Dirigent und Chorleiter genoss und wie groß der Rückhalt war, den er in weiten Kreisen besaß, verdeutlicht ein Vorgang aus dem gleichen Jahr: Der mittlerweile bestehende Elternausschuss des Kinderchors regte an, Friedrich Oberschelp den Titel eines „städtischen Chormeisters“ zu verleihen. Die vorgeschlagene Bezeichnung sollte seine Verdienste anerkennen, ihm aber als Amtsträger gleichzeitig die weitere Arbeit erleichtern. Die städtische Verwaltung konnte dem Vorhaben auf ideeller Ebene viel abgewinnen, war jedoch hinsichtlich möglicher daraus erwachsender Verbindlichkeiten für die Stadtkasse eher zurückhaltend. Das Ansinnen wurde an die zuständige Reichsmusikkammer weitergeleitet, die es im März 1938 aus ähnlichen Erwägungen ablehnte; ein solcher Titel könne ein besonderes Anstellungsverhältnis suggerieren und das sei zu vermeiden.

Im Spannungsfeld des NS-Regimes

Friedrich Oberschelp ist nach 1945, wohl zurecht, als innerlich Distanzierter und Kritiker des NS-Regimes betrachtet und eingeordnet worden. So berichtete die Neue Westfälische angesichts seines 90. Geburtstages im Mai 1985, dass es den Jubilaren „noch heute“ erfreue, dass „er selbst nie mit dem Chor auf Naziveranstaltungen aufgetreten ist.“ Bei genauerer Betrachtung ist dieses Selbstbild jedoch nicht in vollem Umfang zutreffend: Im März 1933 hatte Oberschelp bei der Reichstagswahl, so gab er nach dem Krieg an, die demokratisch gesinnte Deutsche Staatspartei gewählt. Bereits wenig später trat er jedoch der NSDAP als „Märzgefallener“ bei; über die Motive lässt sich ohne Einblicke in Ego-Dokumente nur spekulieren, war doch die Parteimitgliedschaft für Beamte nicht vorgeschrieben, wenn auch Loyalität erwartet wurde. Friedrich Oberschelp übernahm allerdings nie ein Parteiamt und auch in weiteren nationalsozialistischen Organisationen, darunter dem NS-Lehrerbund, war er anscheinend nur nominelles Mitglied, ohne erkennbar in Erscheinung zu treten. Auch der Kinderchor wurde schnell in die propagandistische Maschinerie der Partei integriert, wie zum Beispiel ein Auftritt der Mädchen und Jungen bei der ideologisch stark aufgeladenen Feier zum 1. Mai 1933 in den Heeper Fichten, oder die Mitwirkung beim „Deutschen Abend“ der NSDAP nur wenige Tage später deutlich machen. Schon bald folgten weitere nationalsozialistisch gefärbte Veranstaltungen, unter anderem im Kontext der Veranstaltungen der „Deutschen Arbeitsfront“ respektive des Werks „Kraft durch Freude“.

Zum fünfjährigen Bestehen des Kinderchors wurde dieser im Oktober 1937 in Anwesenheit des Gebietsführers Gustav Adolf Langanke (1912-1941) während eines Konzerts in die Hitlerjugend eingegliedert. In der Folge mussten die zuvor in „Kieler Blusen“ eingekleideten Jungen und Mädchen in Uniform auftreten. Während Zeitungen ihn als Oberscharführer der Gebietsleitung der HJ ausweisen, bestritt Oberschelp eine Mitgliedschaft in der NS-Jugendorganisation unter anderem im Entnazifizierungsverfahren. Die Quellenlage ist hierzu nicht eindeutig. Infolge der Gleichschaltung des Chores nahm auch die Zahl der Auftritte bei Veranstaltungen nationalsozialistischer Organisationen zu. Der Kinderchor wirkte unter anderem bei Veranstaltungen der Hitlerjugend, von NSDAP-Ortsgruppen, der NS-Frauenschaft, des Frontkämpferbundes sowie bei Feiern zum „Heldengedenken“ mit. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs trat er zudem im Rahmen von „Kraft durch Freude“-Konzerten für Wehrmachtsangehörige auf. Im August 1941 unternahm der Kinderchor eine 17-tägige propagandistisch aufgeladene Reise in das „Protektorat Böhmen und Mähren“ sowie in die „Ostmark“. Die Fahrt wurde vom Bund Deutscher Mädel (BDM) organisiert und führte 86 Kinder in die besetzten Gebiete. Sie erfolgte auf Einladung des „Volksbundes für das Deutschtum im Ausland“, der die Reise überwiegend finanzierte. Für die Durchführung wurde Oberschelp eigens von seinem Wehrmachtsdienst freigestellt. Zeitgenössische Berichte in der überregionalen Presse dokumentierten die Reise ausführlich und illustrierten sie unter anderem mit Fotografien des uniformierten Chores vor verwundeten Soldaten.

Chor mit Dirigenten in HJ-Kluft bei einem Auftritt der „Deutschen Arbeitsfront“ („Kraft durch Freude“) im Assapheum in Bethel. Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Oberschelp und den Kinderchor, o.J., StArchBi, Bestand 270,56/DRK-OG Bielefeld, Nr. 24

Trotz dieser weitreichenden Einbindung des Kinderchores in die Organisationen des NS-Staates blieb dessen musikalisches Profil bemerkenswert konstant. Die erhaltenen Konzertprogramme belegen die fortgesetzte Aufführung vor allem von Volksliedern sowie von Werken klassischer Komponisten. Bezeichnend ist zudem, dass Heinz Hüttemann (1907-1957), später erster Leiter der Musikschule Bielefeld, anlässlich der Eingliederung 1937 die Erwartung formulierte, künftig auch HJ-Lieder in das Repertoire aufzunehmen – eine Aussage, die darauf schließen lässt, dass dies bis dahin gerade nicht oder nur in geringem Umfang geschehen war, was durch die zeitgenössischen Konzertprogramme weitestgehend bestätigt wird, die nur einen sehr geringen Teil Lieder der „Bewegung“ ausweisen. Gleichzeitig war Oberschelp bis zu einem Grad bereit, die vom Regime erwarteten Loyalitätsbekundungen zu leisten. So überreichten Chormitglieder während einer Schallplattenaufnahme in Berlin Blumen und ein Bild des Chores in der Reichskanzlei. Im Mai 1939 erlangte Oberschelp das silberne Treuedienstabzeichen für seine 25-jährige Tätigkeit als Pädagoge und Chorleiter. Bei der Verleihung versprach er, seine Kräfte auch weiterhin „in den Dienst des Chores und der HJ zu stellen“. Einige Male erhielt er von Parteidienststellen Leumundszeugnisse, die ihm „politische Zuverlässigkeit“ attestierten.

Nach dem Zusammenbruch des Regimes erklärte Oberschelp, diese Zugeständnisse seien notwendig gewesen, um den Fortbestand des Bielefelder Kinderchores zu sichern. Die Eintragung des Chores am 20. Dezember 1937 in das Vereinsregister verstand er ausdrücklich als Maßnahme zum Erhalt einer gewissen Eigenständigkeit gegenüber der Hitlerjugend. Tatsächlich finden sich in den Akten starke Indizien auf Auseinandersetzungen mit Parteidienststellen im Sommer 1937, die erst nach einer Besprechung mit Vertretern der Hitlerjugend, der Reichsmusikkammer, dem Oberbürgermeister Fritz Budde (1895-1956) und der Partei beigelegt werden konnten. Nach Oberschelps späterer Darstellung bereitete insbesondere das Festhalten an Kirchenauftritten sowie das traditionelle Weihnachtssingen in der Rudolf-Oetker-Halle der Kreisleitung der Partei erhebliche Schwierigkeiten. Auch dies deutet darauf hin, dass er zumindest in einzelnen Bereichen versuchte, die gewachsene musikalische und kulturelle Ausrichtung des Chores gegenüber den ideologischen Ansprüchen des Regimes zu bewahren, wie sich unter anderem im Lieder-Repertoire zeigt. Die Quellen sprechen dafür, dass Oberschelp um Handlungsspielräume für den Chor rang, auch wenn er hierfür weitreichende Zugeständnisse an das Regime in Kauf nahm.

Schreiben der Hitlerjugend an den NSDAP-Gauleiter bezüglich der zukünftigen Rolle des Kinderchors, 1937, StArchBi, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 227-2.

Gestützt wird dieses Bild durch mehrere Aussagen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, deren Entstehungskontext im Rahmen der Entnazifizierung allerdings zu berücksichtigen ist. So setzte sich der als „Halbjude“ verfolgte Walter Fritz (geb. 1915) bereits im Juni 1945 in seiner Rolle als städtischer Musikbeauftragter für Oberschelp ein und betonte, dieser sei „alles, bloß kein überzeugter Nazi“ gewesen. Ähnlich urteilte der langjährige Vorsitzende des Kuratoriums des Kinderchores und spätere Verkehrsdirektor, Josef Fuchs (1905-1993), der rückblickend feststellte, Oberschelp habe den Chor nur durch notwendige „Konzessionen“ durch das „Dritte Reich“ bringen können. Diese Deutung prägte die Entnazifizierung und die daraus hervorgehende Einstufung Oberschelps als „entlastet“.

Die spätere Erinnerungskultur knüpfte an dieses Narrativ an und stellte vor allem die Verdienste um den Erhalt des Kinderchores heraus. Dabei geriet dessen tatsächliche Einbindung in die Organisationsstrukturen des NS-Staates in den Hintergrund. Die Quellen zeichnen insgesamt jedoch ein differenziertes Bild: Einerseits lassen sich Anpassung und Loyalitätsbekundungen gegenüber dem Regime nicht übersehen, andererseits sprechen sowohl die Konflikte mit Parteistellen als auch das weitgehend unpolitische Liedgut des Chors und die zahlreichen entlastenden Zeugnisse dafür, dass Oberschelps vorrangiges Ziel der Erhalt des Chores gewesen sein dürfte. Zugleich verdichten sich die Hinweise darauf, dass er dem Nationalsozialismus innerlich distanziert gegenüberstand und dessen Einfluss auf den Kinderchor nach Möglichkeit zu begrenzen versuchte. Die vielfach belegten Zugeständnisse erscheinen vor diesem Hintergrund weniger als Ausdruck ideologischer Überzeugung denn als pragmatische Maßnahmen zum Schutz und Fortbestand des Chores.

Im Krieg

Nach Kriegsausbruch konnte Oberschelp zunächst weiter Lehrer bleiben. Seit dem 1. Juli 1939 war er jedoch nicht mehr an der Fröbelschule, sondern als Mittelschullehrer an der Falkschule beschäftigt. Im Zusammenhang mit der Bewerbung auf die neue Stelle hatte Schulrat Arthur Meiners (1881-1948), der Oberschelp erkennbar unterstützte, dem Schreiben folgende Bemerkung beigefügt: „Oberschelp ist ein gut begabter, fleißiger und geschickter Lehrer, der im Unterricht recht erfreuliches leistet. […] Hervorragendes leistet er auf dem Gebiete der Musikerziehung. Durch ihn ist der Name ´Bielefelder Kinderchor´ zu einem Begriff geworden, der weit über die Grenzen Deutschlands hinaus voll Anerkennung und Bewunderung genannt wird. Seinen Schulkindern ist Oberschelp ein wirklicher väterlicher Freund, dem alle Verehrung und Hochachtung entgegenbringen.“ Ende Mai 1940 wurde Oberschelp doch zu einem Lehrgang der Wehrmacht beordert, konnte aber bereits einen Monat später nach dessen Beendigung wieder zurückkehren. Die endgültige Einberufung erfolgte schließlich im Dezember des Jahres, im folgenden April wurde Friedrich Oberschelp bereits zum Oberleutnant befördert. Bis Januar 1942 leistete er seinen Wehrdienst nicht unmittelbar an der Front, sondern im „Heimatkraftfahrpark“, der als Schirrmeisterei für die zentrale Reparatur, Wartung und Verwaltung militärischer sowie requirierter ziviler Kraftfahrzeuge zuständig war, überwiegend am Standort Bielefeld und dort als Leiter der Rechnungsstelle. Anschließend wurde er Teil der Kraftwagen-Transport-Abteilung 578 der Wehrmacht, die primär im besetzten sowjetischen Gebiet im Nachschubwesen eingesetzt wurde; dort beförderte man ihn auch zum Hauptmann. Aus dieser Zeit ist ein Brief Oberschelps an die Chormitglieder erhalten, der eine gewisse Kriegsskepsis des Dirigenten durchscheinen lässt – angesichts der Zensurmaßnahmen der Wehrmacht nicht zwingend erwartbar.

Der erste Auftritt des Kinderchors nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Rudolf-Oetker-Halle, August 1945, StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 51-3-53.

Während seiner Abwesenheit vertrat ihn der Lehrerkollege Fritz Westerfrölke (1894-1957) von der Sudbrackschule, der schon seit Anfangszeiten als Unterstützer den Kinderchor begleitet hatte und in der Leitung von Gesangsgruppen einschlägige Erfahrung besaß. Nicht weniger von Bedeutung war die Rolle von „Friedel“ Oberschelp, die während der Abwesenheit ihres Mannes wesentlich dazu beitrug, die Kontinuität des „Familienunternehmens“ zu sichern, wenngleich das Kriegsgeschehen begreiflicherweise nicht ohne Einfluss blieb. Doch auch Friedrich Oberschelp wurde nicht vollständig von Wehraufgaben eingenommen: Pfingsten 1942 übertrug der Rundfunk einen Soldatenchor im Wehrmachtssender Smolensk, den der Bielefelder Chorleiter dirigierte. Im Juni 1945 kehrte Oberschelp schließlich nach knapp zweiwöchiger Gefangenschaft bei den Amerikanern zurück nach Bielefeld. Viele Jahre später erzählte der Chorleiter, der beide Weltkriege körperlich unverletzt überstanden hatte, er sei nach dem Ende der Kampfhandlungen durch einen fünf Tage andauernden Gewaltmarsch durch die Tschechoslowakei vor den Sowjets geflüchtet, um zu den Amerikanern zu gelangen. Nach seiner Rückkehr nach Bielefeld wurde Oberschelp bis zur Wiederaufnahme des Schulbetriebs übergangsweise im städtischen Wohnungsamt eingesetzt.

Neuanfang

Die Fürsprache von Walter Fritz bei der Stadt sowie der Militäradministration ermöglichten schon im August 1945 das erste Konzert des Kinderchors, und im September war auch der weitere Einsatz von Oberschelp als Lehrer an der Falkschule genehmigt worden. Der Chor knüpfte schnell an alte Erfolge an, sämtliche Konzerte waren ausverkauft, bereits 1947 gab es allein 15 Auftritte in der Rudolf-Oetker-Halle. Obwohl die Verwaltung auch in dieser Phase nicht direkt unterstützte, profitierte der Chor doch auf vielfältige Weise vom Entgegenkommen der städtischen Entscheidungsträger. So wurde unter anderem keine Miete für die Nutzung der Konzerthalle erhoben, Auftritte wurden geringer besteuert und Oberschelp wurden in seiner Lehreranstellung diverse Erleichterungen zum Nutzen der Chorarbeit ermöglicht. Das Verhalten der Stadt lag sicherlich an dem Bewusstsein für die Bedeutung des Kinderchors für das eigene Renommee, doch war die Wertschätzung gegenseitig: So konnte Friedrich Oberschelp, der durch die Einnahmen aus den zahlreichen Konzerten über entsprechende finanzielle Mittel verfügte, den städtischen Haushalt in der prekären Lage des Jahres 1947 mit einem größeren Betrag unterstützen.

Das Gebäude der Kuhlo-Realschule an der Fritz-Reuter-Straße, 1958, StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 24-217-1.

In besonderer Hinsicht zeigte sich die städtische Verbundenheit durch die zielgerichtete Einrichtung der Kuhlo-Realschule, deren Schulleiter Oberschelp werden und dessen Schülerschaft hauptsächlich aus Chorkindern bestehen sollte. Nach dem Krieg war die Belastung durch die wachsende Probenarbeit und zunehmende Konzertreisen für Dirigent und Kinder immer größer geworden, darüber hinaus benötigte die bevölkerungsmäßig wachsende Stadt sowieso eine neue Mittelschule. So reiften ab 1947 erste Pläne, die eine eigene Schule für den Chor vorsahen, in welcher die Probenarbeit usw. in den Lehrplan integriert werden konnten. Doch die Verantwortlichen hatten nicht mit den ablehnenden Einwänden des Kultusministeriums gerechnet. Vor allem an der Person Oberschelps schieden sich die Geister: Er habe, so argumentierten die Ministerialbeamten, neben seinen musikalischen Begabungen keine weiteren Kompetenzen, die eine Schulleitungsposition für ihn rechtfertigen könnten. Schwerwiegender aber waren die Verweise auf die NS-Vergangenheit, die hinsichtlich der vorgebrachten Apologien Oberschelps eine große Skepsis erkennen lassen. Doch war das Veto der Landesbehörde nicht absolut und der vehemente Widerspruch seitens der Stadtverwaltung, die sich in Form von Oberbürgermeister Artur Ladebeck (1891-1963) und Schulrat Ernst Becherer (1889-1968) außerordentlich für Oberschelp einsetzte („Das Maß [seiner] Arbeit überschreitet alle Grenzen“), tat sein Übriges. Zwar verzögerte sich die Einrichtung der neuen Schule, doch wurden in der Zwischenzeit an der Luisenschule und der Falkschule stattdessen separate Klassen für Kinder des Chors eingerichtet; aus diesen erwuchs später die erste Schülerschaft der nach Karl Kuhlo (1818-1909) benannten neuen Realschule, die zum beginnenden Schuljahr 1951 den Unterrichtsbetrieb aufnahm. Schulleiter der zunächst in den Räumen der Falkschule untergebrachten Lehranstalt wurde wie geplant Friedrich Oberschelp. 1954 zog sie in ein eigens errichtetes Schulhaus um.

Mit der institutionellen Verankerung des Kinderchors in der neu geschaffenen Schule waren wichtige Voraussetzungen für seine weitere Entwicklung geschaffen. Doch ein weiterer Aspekt sollte sich für seinen fortgesetzten Erfolg als ebenso bedeutsam erweisen: 1947 kaufte Oberschelp weitestgehend mit eigenen finanziellen Mitteln das seinem Wohnhaus anliegende Grundstück am Paderborner Weg (heute Furtwänglerstraße), um dort ein Probenhaus für den Chor zu errichten. Die Stadt übernahm die Planung und Bauleitung, Versorgungsleitungen wurden kostenlos gelegt und diverse heimische Firmen unterstützten das Projekt durch Vergünstigungen. Viele Eltern der Chorsänger beteiligten sich durch praktische Mithilfe, häufig nach Feierabend. Das 1955 fertiggestellte „Kinderchor-Heim“ umfasste einen großen Probenraum und mehrere kleinere Übungszimmer, auch Tonaufnahmen waren möglich. Zum Anlass der feierlichen Eröffnung berichtete der Südwestrundfunk in einer Reportage aus Bielefeld.

Fernsehaufnahmen zum 30-jährigen Bestehen des Kinderchors, 1962, StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 51-3-9.

Die außerordentlichen Erfolge des Bielefelder Kinderchors nach 1945 blieben jedoch nicht ohne Kritik. Musikpädagogen beanstandeten die von Oberschelp gepflegten „klassisch-volkstümelnden Liedersätze“ und warfen dem Chor ein „musikalisches Zinnsoldatentum“ vor. Aus dem Ministerium hieß es sogar, der Bielefelder Kinderchor werde „von allen einsichtigen Musikerziehern als ein Beispiel dafür angesehen, wie die Jugendmusikerziehung nicht sein soll“, da er eine „pseudovolkstümliche Liedpflege“ betreibe, die „vom Standpunkt einer verantwortungsbewussten Volksmusikpflege und Musikerziehung entschieden abzulehnen“ sei. Diese Einwände waren aus musikpädagogischer Perspektive möglicherweise nicht völlig unbegründet, wirken rückblickend jedoch mitunter wie Urteile aus dem Elfenbeinturm, die den Blick auf die gesellschaftliche Realität vor Ort verstellten. Für den weit überwiegenden Teil der Bielefelder Bevölkerung überwog die Identifikation mit „ihrem“ Kinderchor deutlich. Der Chor galt als kulturelles Aushängeschild und als Visitenkarte der Stadt, auf deren Erfolge viele Bürger mit sichtbarem Stolz blickten.

Lebenswerk und Anerkennung

Die Geschichte des Chors und seines Leiters setzte sich in den folgenden Jahrzehnten mit zahlreichen weiteren Höhepunkten fort: von den zur festen Institution gewordenen Weihnachtskonzerten, den zahlreichen Konzertreisen im In- und Ausland, den Schallplattenaufnahmen und Rundfunkproduktionen sowie den unzähligen musikalischen Begegnungen, mit denen der Bielefelder Kinderchor weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt wurde. All dies verdeutlicht, dass der Chor für Friedrich Oberschelp weit mehr als ein musikalisches Ensemble war – er war sein Lebenswerk und zugleich der bestimmende Inhalt seines Lebens, auch nach seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst 1961. Bis zur Übergabe der musikalischen Leitung an seinen Sohn Dr. Jürgen Oberschelp 1974 blieb er die prägende Persönlichkeit des Chors und sorgte zugleich für dessen Fortbestand. In den letzten Jahren seines Lebens rückten zunehmend die Ehrungen und Auszeichnungen in den Vordergrund, mit denen sein jahrzehntelanges Wirken gewürdigt wurde, ehe Friedrich Oberschelp 1986 im Alter von 91 Jahren starb.

Die Würdigung seines Wirkens beschränkte sich dabei keineswegs auf die großen Auszeichnungen am Ende seines Lebens. Bereits früh spiegelte sich seine Bekanntheit auch in kleineren, teils ungewöhnlichen Ehrungen wider. So wurde er 1951 zum „rücksichtsvollsten Kraftfahrer“ der Stadt gewählt. Die Auszeichnung hatte zwar nichts mit seiner musikalischen Tätigkeit zu tun, verdeutlicht aber, wie bekannt der Chorleiter inzwischen auch über das kulturelle Leben hinaus geworden war.

Friedrich Oberschelp mit seiner Ehefrau Elfriede, 1963, StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-15-8.

Weitaus größeres Gewicht besaßen die Ehrungen, die seinem kulturellen Wirken galten. Am 20. März 1963 beschloss der Bielefelder Stadtrat einstimmig und unter Beifall, Friedrich Oberschelp den Kulturpreis der Stadt Bielefeld zuzuerkennen. Der Preis, der seit 1956 an Persönlichkeiten verliehen wurde, die sich „auf dem Gebiet der Kunst, der Wissenschaft und der Technik“ durch außergewöhnliche Leistungen ausgezeichnet hatten und aus Bielefeld stammten oder dort wirkten, war mit 3.000 DM dotiert. In der Öffentlichkeit stieß die Entscheidung auf uneingeschränkte Zustimmung. Die Presse bemerkte, selten habe eine Auszeichnung „eine so einhellige Zustimmung in allen Kreisen der Bevölkerung gefunden“. Die feierliche Verleihung fand am 4. Mai 1963 im Theater am Alten Markt statt. Der Kinderchor gestaltete die Feier musikalisch. Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl (1914-1993) und Regierungspräsident Dr. Gustav Galle (1952-1964) würdigten in ihren Ansprachen Oberschelps Verdienste, bevor dieser selbst das Wort ergriff. Im Rahmen derselben Veranstaltung überreichte Dr. Galle dem Chorleiter zugleich das Bundesverdienstkreuz. Zur Begründung hieß es, Oberschelp habe Bielefeld durch den Kinderchor in der ganzen Welt bekannt gemacht. Die Ehrungen fanden bundesweit Beachtung und wurden von zahlreichen Zeitungen aufgegriffen.

Auch in den folgenden Jahrzehnten riss die Anerkennung nicht ab. Anlässlich des 35-jährigen Bestehens des Bielefelder Kinderchors erhielt Oberschelp am 28. September 1967 die „Goldene Stimmgabel“. Am 23. September 1982 verlieh ihm die Stadt Bielefeld als Anerkennung seiner außergewöhnlichen Verdienste um das kulturelle Leben den Ehrenring, eine ihrer höchsten Auszeichnungen. Den Schlusspunkt setzte schließlich eine weitere hohe Ehrung ein Jahr vor seinem Tod: Am 15. September 1985 wurde Oberschelp als erster Träger mit der neu geschaffenen Leineweber-Medaille des Bielefelder Verkehrsvereins (heute Bielefeld Marketing) ausgezeichnet. Mit ihr werden Persönlichkeiten geehrt, die sich in besonderer Weise um das Ansehen der Stadt Bielefeld verdient gemacht haben.

Am 20. September 1986 starb Friedrich Oberschelp in Detmold. Zur Trauerfeier in der Paul-Gerhardt-Kirche und zur anschließenden Beisetzung auf dem Friedhof am Betheleck versammelten sich Hunderte von Menschen, darunter langjährige Weggefährten sowie zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Stadt. Die Atmosphäre dieses Tages brachte ein Bericht der Neuen Westfälischen mit den Worten einer „alten Bielefelderin“ auf den Punkt: „Er hat uns geprägt.“ Zwei Jahre später, im Juni 1988, wurde auf Anregung des Kuratoriums des Kinderchors ein von der Detmolder Straße abgehender Weg nach ihm benannt. Vorhergehende Überlegungen, ein Teilstück der Welle in der Altstadt umzubenennen, hatten sich nicht realisieren lassen.

Mit dem letzten offiziellen Konzert des Bielefelder Kinderchors im Jahr 2016 und der sich anschließenden Vereinsabwicklung fand die Geschichte des von Friedrich Oberschelp gegründeten Ensembles ihr Ende. Das Urteil der Westfalen-Post aus dem Jahr 1957 hat jedoch nichts von seiner Gültigkeit verloren: „Es war ein wundersamer Aufstieg vom kleinen unbekannten Volksschüler-Chor zur Weltberühmtheit, und er ist das Verdienst eines einzigen Mannes …“

Literatur und Quellen

Literatur

  • Bootz, Andreas, Kultur in Bielefeld 1945-1960, Bielefeld 1993.
  • Gerke, Günter, Bielefeld – so wie es war (2. Band), Düsseldorf 1978.
  • Lehmann-Ewald, Inge, 25 Jahre Bielefelder Kinderchor, in: 18. Bielefelder Spiegel 1957, S. 12-14.
  • Schnoor, Hans, Friedrich Oberschelp, in: 19. Bielefelder Spiegel 1957, S. 14-15.
  • Wasgindt, Horst, Bielefelder Kinderchor. Ein Album mit Liedern, Bildern und Geschichten, Dortmund 1982

Archivquellen

  • Bundesarchiv, NSDAP-Mitgliederkartei, Karteikarte Friedrich Oberschelp, Mitglieds-Nr. 2 485 882, Digitalisat: NARA, A3340-MFOK: Number Q0015, NAID 601436573.
  • Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Bestand NW 1057-ED / SBE Hauptausschuss Stadtkreis Bielefeld, Nr. 62: Entnazifizierung Friedrich Oberschelp
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister, Nr. 730: Benennung einer Straße nach Friedrich Oberschelp
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,2/Hauptamt, Nr. 272: Aufbau und Wiederaufnahme des kulturellen Lebens in der Nachkriegszeit und diesbezügliche Korrespondenzen mit der britischen Militärregierung
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. A 1548: Personalakte Fritz Westerfrölke
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,5/Presse- und Verkehrsamt, Nr. 338: Bielefelder Kinderchor
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 227-2: Schülerkonzerte, Vorträge, Ausstellungen (u.a. BKC und HJ)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 300: Nebentätigkeit von Lehrern (u.a. Oberschelp)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 2152-2: Jahresberichte der Schulen 1952
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 2345: Schülerorganisation und Bielefelder Kinderchor 1947-1969
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,3/Schulverwaltungsamt, Personalakten, Nr. 342: Personalakte Friedrich Oberschelp
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 140/Protokolle, Nr. 503: Kulturausschuss 1962-1964, Kulturpreis
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 140/Protokolle, Nr. 647: Stadtratssitzungen 1963, Kulturpreis
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 140/Protokolle, Nr. 666-2: Stadtratssitzungen 1982, Ehrennadel
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,11/Kuhlo-Realschule, Nr. 9: Protokolle der Lehrerkonferenzen
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 270,70/Bielefelder Kinderchor: Materialsammlung Bielefelder Kinderchor
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr. 1394: Materialsammlung zur Ausstellung „Bielefelder Kulturleben 1945-1960“ von Andreas Bootz, 1991-1993
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr. 1404: Poesiealbum der Schülerin Lieselotte Reinert (mit Eintrag von Oberschelp)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,20/Schülerzeitungen, Nr. 7: Analyse. Schülerzeitung der Kuhlo-Realschüler Bielefelds 1964-1969
  • WERAG, off. Organ d. Westdeutschen Rundfunk AG, Köln, 10. Jg (1935), H. 15 + H. 19
  • Verwaltungsbericht der Stadt Bielefeld 1963

Zeitungen

u.a.:

Westfalen-Blatt,

  • Ausgabe vom 13. Mai 1975: 80. Geburtstag
  • Ausgabe vom 14. Mai 1975: 80. Geburtstag
  • Ausgabe vom 26. September 1986: Bericht von der Trauerfeier

Neue Westfälische,

  • Ausgabe vom 29. September 1967: Verleihung der goldenen Stimmgabel
  • Ausgabe vom 11. Mai 1985: 90. Geburtstag
  • Ausgabe vom 14. Mai 1985: 90. Geburtstag
  • Ausgabe vom 26. September 1986: Bericht von der Trauerfeier
  • Ausgabe vom 23. Juni 1988: Straßenbenennung
  • Ausgabe vom 10. September 2016: Auflösung des Chores; Vermögensübergang; Vereinsgeschichte

Diverse Zeitungsartikel vorrangig in der Westfälischen Zeitung und den Westfälischen Neuesten Nachrichten über die Plattform zeitpunkt.nrw (vor 1945)

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