15. August 1951: Tod des ehemaligen Bürgermeisters Josef Köllner

• Heino Siemens, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

Josef Köllner war seit 19 Jahren Bielefelder, hatte einen gut dotierten Posten inne, fand Rückhalt bei seiner Familie und war in seiner eigenen Partei, der SPD, durchaus aber auch bei vielen Vertretern seiner politischen Gegner sehr beliebt, da bot sich ihm unerwartet 1923 die Möglichkeit, Zweiter Bürgermeister und Finanzreferent der Stadt Bielefeld zu werden. Ein solcher Wechsel in die Politik war jedoch gerade in der Zeit der Hyperinflation und den damit verbundenen politischen Unruhen nicht ohne Risiko. Köllner versuchte sich vor allem zugunsten seiner Pensionsansprüche abzusichern, aber schon im November 1924 wurde er „abgebaut“ und saß auf der Straße. Josef Köllner wehrte sich juristisch gegen seine Entlassung, bekam Recht und konnte beide Posten dann noch bis 1933 bekleiden. Gegen die Nationalsozialisten, die ihn wegen seiner SPD-Zugehörigkeit erneut aus seinen politischen Ämtern entfernten, hatte Josef Köllner auch juristisch keine Chance mehr.

Herkunft und Werdegang

Josef Köllner war gebürtiger Erfurter. In der Stadt im thüringischen Becken war er als Johann Joseph Köllner am 6. Mai 1872 zur Welt gekommen. Seinen Vornamen „Joseph“ schrieb er allerdings stets mit „f“. Köllner war das zweite Kind des Zimmermeisters Ernst Wilhelm Emil Köllner (1840-1911) und dessen Ehefrau Christine Köllner geb. Kaps (geb. 1847). Er hatte fünf Geschwister. In seinem Lebenslauf zur Bewerbung als Zweiter Bürgermeister beschrieb er, wie das Schicksal des Vaters seinen weiteren Lebensweg prägte: „Schon als Kind lernte ich die Existenzschwierigkeiten eines kleinen Handwerkers kennen. Durch den Zusammenbruch, der auf die sogenannten Gründerjahre nach dem Kriege von 1870 erfolgte, wurde auch unser Vater in Mitleidenschaft gezogen. Jahrelang vegetierte er als kleiner selbständiger Handwerker dahin, bis er sich entschloß[,] die Selbständigkeit aufzugeben und Stellung in der Gewehrfabrik in Erfurt anzunehmen“.

Josef Köllner (links am Bildrand) und Karl Severing (zweiter von links) 1919 auf einer Veranstaltung der SPD in Bielefeld (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung Nr. 52-2-28)

Nach dem Besuch der Volksschule Erfurt von 1878 bis Ostern 1886 erlernte Josef Köllner den Beruf des Maschinenbauers und arbeitete nach Abschluss der Lehre in verschiedenen Betrieben als Maschinenschlosser. Bereits 1891 trat er der SPD bei. Der eigene Wunsch, ein Technikum zu besuchen, sei aus finanziellen Gründen leider nicht möglich gewesen, schrieb Köllner in seinem Lebenslauf. Nachdem er am 26. November 1898 im Erfurter Stadtteil Ilversgehofen Leonore Heßler (1876-1959) geheiratet hatte, war Köllner im April 1904 als Geschäftsführer des Deutschen Metallarbeiterverbandes nach Bielefeld berufen worden, woraufhin er mit seiner Frau und der 1899 in Erfurt geborenen Tochter Elsa am 6. Mai 1904 von Erfurt nach Bielefeld in den Bürgerweg (heute Stapenhorsstraße) 118 zog. 1905 wurde die zweite Tochter Martha in Bielefeld geboren. Ihrem Vater wurde am 1. Juli 1919 der Posten als Verwaltungsdirektor der Allgemeinen Ortskrankenkasse Bielefeld übertragen, den er bis zu seiner Wahl zum Zweiten Bürgermeister hauptberuflich innehatte. Außerdem war er seit 1919 Mitglied und Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung. In dieser Situation befand sich Josef Köllner, als Anfang 1923 ein Kompromisskandidat für das Amt des Zweiten Bürgermeisters gesucht wurde, der sowohl von den bürgerlichen wie auch von den linken Ratsmitgliedern mitgetragen werden konnte.

Im Stadtrat von Bielefeld funktionierte in den schwierigen 1920er-Jahren vieles nur aufgrund von Kompromissen zwischen der in Bielefeld starken SPD und dem bürgerlichen Block, bestehend aus DDP, DVP, DNVP und dem Zentrum. Nachdem 1922 der parteilose Dr. Rudolf Stapenhorst (1864-1944), der selbst ab 1895 Zweiter Bürgermeister gewesen war, als Oberbürgermeister bestätigt worden war, ebenso Dr. Paul Prieß (1879-1935) als sein Stellvertreter, durfte die SPD zwei Kandidaten aus ihren Reihen für wichtige Posten präsentieren. Man einigte sich auf Dr. Ludwig Landzettel (geb. 1882) aus Waren und Karl Oster (1879-1937), Landzettel sprang jedoch ab. In dieser verfahrenen Situation hatte nicht einmal der nun für das Amt des Zweiten Bürgermeisters ins Rennen gebrachte Kandidat Köllner, dessen fachliche Kompetenz von niemandem angezweifelt wurde, wirklich gute Chancen auf ein hohes Wahlergebnis. Er wurde schließlich am 7. Februar 1923 nur mit den 26 Stimmen der SPD gewählt, während die bürgerlichen Parteien leere Stimmzettel abgaben und die Deutschnationalen Dr. Prieß wählten. Nichtsdestotrotz war Köllner damit zum Zweiten Bürgermeister gewählt worden, Karl Oster wurde Stadtrat. Josef Köllner übernahm mit seiner Ernennung die städtischen Finanzen sowie die Stadtsparkasse und wurde Dezernent für das Städtische Theater und das Städtische Krankenhaus.

„Fidele Arbeitswillige“

Ob sich die Bielefelder angesichts des neuen Zweiten Bürgermeisters, eines gesetzten Herren, der auf seinen Alters-Porträtfotos wie ein gütiger Großvater wirkt, wohl noch an den jungen Josef Köllner erinnern konnten, der auch vor spektakulärem politischem Aktionismus nicht zurückschreckte, wenn es um die Sache der SPD und der Arbeiter ging? Eine dieser Aktionen hatte 1905 in Bielefeld Furore gemacht, der Unternehmer Carl Lohmann (1896-1940) war zum Gespött der Bielefelder geworden, die beteiligten jungen Sozialdemokraten waren in allen Zeitungen und in aller Munde. Was war geschehen?

Bei C. Lohmann, Fahrradteile und Zubehör wurde im Bereich Laternenbau gestreikt, sodass die Maschinen nicht mehr bedient werden konnten. Am 8. Januar 1905 erhielt die Firma ein Schreiben, in dem „3 Klempner und 1 Polierer“, die sich zufällig im Zug kennengelernt hatten, für Montag, den 9. Januar um 10.14 Uhr ihr Eintreffen mit der Bahn aus Leipzig avisierten. Man deutete an, aus Chemnitz zu stammen und sofort bei Lohmann anfangen zu wollen, somit also als Streikbrecher zu fungieren. „Wir bitten Sie also, uns am Bahnhof abholen zu lassen“, heißt es weiter in dem Schreiben, das von einem Herrn Julius Schulze „hochachtungsvoll“ unterzeichnet wurde. Was dieses Schreiben bei der Firma C. Lohmann auslöste, beschrieb die SPD-Zeitung Volkswacht unter der Überschrift „Fidele Arbeitswillige“ am folgenden Tage genüsslich: „Freude war in Trojas Hallen, und alles rüstete sich, um die Herren Schulze, Richter, Beickert und Krause würdig zu empfangen […]. Herr Paul Lohmann, der Vertreter des Chefs, Herr Küper, der Prokurist, Werkmeister erster und zweiter Klasse und die Kanzleibeamten ohne Charge – all[e] machen die Honneurs: Sehr angenehm, sehr erfreut! – so und ähnlich lautete die Begrüßung, die an Herzlichkeit und wirklicher Freu[n]de nichts zu wünschen übrig ließ“.

Die Streikposten wurden von den vermeintlichen Streikbrechern abgeschirmt, in der Droschke ging es zur Wohnung des Kutschers, „da aber im Hause kein Bierladen vorhanden war, die Fremdlinge begreiflicherweise aber durch einen guten Trunk sich aufmuntern wollten, wurde im nächsten Restaurant Halt gemacht“. Der falsche „Herr Reickert“ verlor hier seinen angeklebten Bart, aber das fiel niemandem auf. Das Abendessen, bestehend aus kaltem Aufschnitt und Tee, wurde in der Renteistraße beim Barbier Jülich serviert, da man jedoch nachdrücklich nach Alkohol verlangte, wurde auch noch ein Rotweinpunsch besorgt. „Als die Stimmung eine recht gemütliche wurde, erschien auch Herr Paul Lohmann wieder. Freundlich offerierte er den Herren einige seiner Zigarren, deren würziges Aroma die ungezwungene Unterhaltung noch mehr anregte“. Um Mitternacht war die Sause dann jedoch vorbei. Josef Köllner alias „Herr Richter“ erhob sich und sprach: „Höflich, wie wir nun einmal sind, können wir es nicht unterlassen, Herrn Lohmann unseren freundlichsten Dank für die freundliche und liebenswürdige Aufnahme auszusprechen. Wir wünschen, daß Herr Lohmann stets mit seinen Arbeitern in dieser zuvorkommenden Weise verkehren möge, und nun gestatten Sie, daß ich die Herren bekannt mache…“. „Julius Schulze“ entpuppte sich als Wilhelm Derichs (1865-1922), Geschäftsführer der Volkswacht, „Hermann Beickert“ wurde als Adolf Zenker (1866-1928) enttarnt, Redakteur der Volkswacht, Herr „Wilhelm Krause“ war in Wirklichkeit Wilhelm Graf (1874-1964), Expedient der Volkswacht, und „Eugen Richter“ war der Alias-Name von Josef Köllner in dieser tolldreisten, den Arbeitgeber Lohmann bloßstellenden Posse.

Der bekannte SPD-Politiker Carl Severing (1875-1952) soll der Anstifter der ganzen Aktion gewesen sein. Schnell machte in Bielefeld eine Postkarte die Runde, auf der die fünf SPD-Hasardeure abgebildet waren. Carl Severing schwenkte auf dem Bild einen kurzen Schlauch in Anspielung an die Produkte der Fahrradfirma Lohmann. Für alle fünf hatte das Geschehen ein juristisches Nachspiel. Am 30. Mai 1905 verhandelte die 1. Strafkammer des Landgerichts Bielefeld die Vorfälle um die Firma Lohmann und verkündete ein Urteil, das die Anklagepunkte Urkundenfälschung und Nötigung verwarf, die Angeklagten Derichs, Zenker Graf und Köllner aber wegen Beleidigung zu je 30 Mark Geldstrafe verurteilte, Carl Severing wegen Anstiftung hierzu ebenfalls zu 30 Mark Geldstrafe.

Die „Fidelen Arbeitswilligen“ (vorne v.l.n.r.) Adolf Zenker (1866-1928), Redakteur der sozialdemokratischen Zeitung Volkswacht, Josef Köllner (1872-1951), Geschäftsführer des Metallarbeiter-Verbandes, Wilhelm Graf (1874-1964), Expedient der Volkswacht, sowie Wilhelm Derichs (1865-1922), Geschäftsführer der Volkswacht. Im Hintergrund schwenkt Carl Severing einen Schlauch in Anspielung an die Produkte der Firma C. Lohmann (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung Nr. 52-2-30)

Erfolge als Bürgermeister

Inflationsgeldschein Eintausend Mark mit dem Aufdruck „Eine Milliarde Mark“. Fast drei dieser Scheine waren am 1. November 1923 nötig, um einen Liter Milch zu kaufen (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,130/Familienarchiv Bertelsmann, Nr. 189)

Josef Köllner übernahm das Finanzressort der Stadt Bielefeld zu einer Zeit, als die Inflation in Deutschland absurde Züge annahm. Kostete ein Liter Milch Mitte Januar 1923 noch 224 Mark, so waren zum 1. August des gleichen Jahres schon 8000 Mark dafür zu bezahlen, zum 13. Oktober 1923 100 Mio. Mark und zum 1. November 1923 gar 2,7 Mrd. Mark.

Die Geldentwertung brachte allen Deutschen und allen Bielefeldern Hunger und Not, die keine Sachwerte oder Naturalien zum Tausch besaßen. Der für die Finanzen Bielefelds zuständige Bürgermeister Köllner stand auf verlorenem Posten, solange eine reichsweite Lösung ausblieb. Er schlug eine Vermehrung des seit 1914 von der Stadtkasse ausgegebenen Notgeldes vor. Dieses hatte als Tauschwert auf lokaler Ebene eine Zeit lang die Lage in Bielefeld gemildert, war aber letztlich genauso wenig gedeckt wie die Reichsmark. Als andere Möglichkeit zur Verbesserung der Lage bot sich die Ausnutzung der Inflation zur Schaffung von Sachwerten an. Köllner dachte an den städtischen Wohnungsbau, konnte die Idee aber erst 1924 weiterverfolgen. Um einen stabilen Gegenwert zum Dollar zu schaffen, gab die Sparkasse Bielefeld unter Köllners Leitung zum Verfassungstag am 11. August 1923 als erstes deutsches Geldinstitut eine Münze im Nennwert von einer Goldmark heraus, deren Wert sich am Dollar orientierte. Den Durchbruch brachte aber schließlich die reichsweite Währungsreform mit der Rentenmark, die so gut durchdacht war, dass sie angenommen wurde, stabil blieb und am 1. Oktober 1924 durch die neue Reichsmark abgelöst werden konnte. Ohne den Erfolg der Währungsreform hätte das Jahr 1923 für Deutschland eine soziale Katastrophe ungeahnten Ausmaßes nach sich ziehen können.

„Einige unserer 58.000 Sparer vor dem Rathaus mit Stadt-Sparkasse“ lautet die Bildunterschrift unter diesem Foto von 1923. Diese Zeile deutet an, dass sich die Menschen wegen der Notlage der Inflation hier versammelt hatten, das genaue Datum der Aufnahme konnte jedoch nicht ermittelt werden (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung Nr. 52-2-32)
Die Internationale Arbeiter-Jugend trifft sich 1921 vor der „Eisenhütte“, Marktstraße 8 in Bielefeld (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung Nr. 11-1402-2)

Nun aber brach auch für die Bielefelder eine Zwischenzeit an, in der die Politik wieder ein Mittel zur Verbesserung der Lebenssituationen der Bevölkerung sein konnte. In Bielefeld handelte die Sozialdemokratie in diesen Jahren verschiedene Kompromisse mit den bürgerlichen Parteien aus. Bernd J. Wagner nennt die Erfolge: „Die Überwindung der Not durch sinnvolle Maßnahmen nach dem Weltkrieg. Verbesserung der Lebensverhältnisse vom Wohnungsbau bis hin zu den Angeboten des Wohlfahrtsamtes, die Parkanlagen, das Wiesenbad (1927), der Neubau der Helmholtz-Oberrealschule an der Ravensberger Straße (1929) und vieles mehr“. Josef Köllner hatte seinen Anteil daran. „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, sei stets die Maxime seines Handelns gewesen, schrieb er im Juli 1933 Oberbürgermeister Dr. Prieß. Zugleich aber war Bürgermeister Köllner stets auch für seine Partei, die SPD, aktiv. Er hielt unzählige Reden und Vorträge, schrieb Artikel für die Volkswacht, war Mitbegründer und Kompagnon der unter der Firma „Severing & Co.“ firmierenden Eisenhütte, die Jahrzehnte lang an der Marktstraße 8 als Treffpunkt der Sozialdemokraten in Bielefeld fungierte, und auch das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold in Bielefeld zählte Josef Köllner zu seinen Mitgründern.

Als Zweiter Bürgermeister zwei Mal „abgebaut“

Als Zweiter Bürgermeister führte Josef Köllner seine Ressorts mit Sachverstand und Umsicht, was ihm Respekt selbst vom politischen Gegner einbrachte. Von Anfang an aber war Köllner besorgt um sein Ruhegehalt; das gefährdete politische Amt des Zweiten Bürgermeisters in unsicheren Zeiten sollte nicht zu seiner Verarmung im Alter führen. Der Familienvater Köllner stand 1923 schließlich vor der Entscheidung, einen sicheren Arbeitsplatz zugunsten eines Schleudersitzes in der Politik aufzugeben. Auch die Erfahrungen seines Vaters hatten Köllner vorsichtig werden lassen. Außerdem hatte er eine Frau und zwei Töchter zu versorgen. Josef Köllner war in dieser Hinsicht ein gebranntes Kind, wie er am 16. Februar 1923 Oberbürgermeister Dr. Stapenhorst schrieb: „Persönlich habe ich den Wunsch, der Magistrat möge mir mein Ruhegehaltsdienstalter, so wie es mir in meiner jetzigen Stellung vertraglich gesichert, festsetzen. In Betracht kommt der 1. Januar 1909. Da ich bereits bei Übernahme meiner jetzigen Stellung gegenüber meiner früheren Stellung bei Festsetzung des Ruhegehaltsdienstalters um einige Jahre geschädigt worden bin, möchte ich dies nicht noch einmal in meiner künftigen Stellung“.

Erst als diese Vorstellungen vom Oberbürgermeister und vom Magistrat genehmigt wurden, trat Köllner sein neues Amt an. „Eine nach den vorstehenden Bestimmungen und gemäß einem Dienstalter vom 1. Januar 1909 zu berechnende Pension soll auch für den Fall der Nichtwiederwahl gewährt werden“, hieß es ausdrücklich. Am 20. März 1923 wurde Josef Köllner vor der Stadtverordnetenversammlung als Zweiter Bürgermeister und Finanzreferent eingeführt und verpflichtet. Kaum ein Jahr später musste er um seine Ämter bangen. Die Erzbergersche Steuerreform hatte zu einem starken Anstieg der Beschäftigten im öffentlichen Dienst geführt. Ein Stellenabbau war dringend notwendig. Die Verordnung zur Herabminderung der Personalausgaben des Reichs vom 27. Oktober 1923, kurz Personal-Abbau-Verordnung genannt, sollte dies bewirken. Die Kommunen wurden verpflichtet, gleichlautende Regelungen zu erlassen und umzusetzen. Wie ein Damoklesschwert muss dieses schließlich nur kurzzeitig geltende Gesetz über Josef Köllner geschwebt haben. Er wurde krank dadurch. Am 31. Juli 1924 berichtete die Westfälische Zeitung, es sei am Vortag zu Auseinandersetzungen in der Stadtverordnetenversammlung gekommen, weil Bürgermeister Köllner, aus einem dreiwöchigen Urlaub zurückkommend, beim Oberbürgermeister Nachurlaub für eine Woche erbeten und bewilligt erhalten habe. „Der zweite Bürgermeister hat diese Nachurlaubsforderung mit der Begründung erhoben, daß er durch die öffentliche Erörterung der Abbaufrage, soweit sie ihn betrifft, derart erregt sei, daß er produktive Arbeit nicht leisten könne. Nach Bewilligung des Nachurlaubs ist Bürgermeister Köllner ohne Angabe seines Aufenthalts abgereist“. Dies könne man „menschlich durchaus nachfühlen“, meinte der Redakteur weiter, taktisch wurde der Rückzug Köllners aber als großer Fehler bewertet.

Das in der Sitzung der Stadtverordneten gefallene Verdikt „spurlos verduftet“ des Stadtverordneten Gustav Landmeyer (1878-1954) machte die Runde. Die Bielefelder Abendzeitung, den Sozialdemokraten wenig gesonnen, schrieb gar von „Flucht“: „Den Demokraten war aber jetzt offenbar nur noch an einer Verschleppung der Angelegenheit gelegen, und so hat man von ihnen auch nicht ein Sterbenswort gegen das Verschwinden des Bürgermeisters Köllner gehört, der sich seiner Vernehmung durch die Abbaukommission durch die Flucht entzog und dadurch die praktische Arbeit der Kommission unmöglich machte“. Tatsächlich wurde die Entscheidung über die Entlassung konkreter Personen immer wieder vertagt, bis schließlich am 20. November 1924 in namentlicher Abstimmung beschlossen wurde, dass Bürgermeister Köllner und Stadtrat Ludwig Heitkamp (1880-1945) „abgebaut“ werden sollten. Josef Köllner, der am gleichen Tag für eine Anleihe der Stadt Bielefeld von 1 Million Reichsmark zur Förderung des Wohnungsbaues gekämpft hatte, stand plötzlich ohne Arbeit auf der Straße. Er legte Einspruch ein und arbeitete intensiv an seiner Wiedereinsetzung, die am 14. Oktober 1925 gelang: Auf Antrag der Sozialdemokraten beschloss die Stadtverordnetenversammlung mit 22 zu 17 Stimmen und drei Enthaltungen, den Beschluss zum Abbau von Köllner und Heitkamp aufzuheben. Die Kommunisten, die bei der Abstimmung zur Absetzung Köllners gegen ihn votiert hatten, stimmten diesmal seiner Wiedereinsetzung zu.

Porträt von Josef Köllner im Alter, Foto undatiert, Bild unten rechts bearbeitet (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung Nr. 61-11-41)

Wer die Personalakten Köllners durchblättert, kann erahnen, welche Arbeit und Kraft es den Erfurter gekostet haben mag, politisch und juristisch gegen seinen „Abbau“ vorzugehen. Acht Jahre lang konnte Köllner nach seiner Wiedereinsetzung noch als Bürgermeister in unruhigen Zeiten arbeiten, bis er 1933 erneut abgesetzt wurde. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 diente den jetzt regierenden Nationalsozialisten zur Beseitigung unliebsamer Politiker sowohl im Reich wie auch auf Länderebene und in den Kommunen. Es orientierte sich maßgeblich an der Personal-Abbau-Verordnung von 1923. Josef Köllner, der kurz vor seinem 61. Geburtstag stand, wurde entlassen. Mit seiner Nachfolge als Zweiter Bürgermeister wurde kommissarisch der der NSDAP angehörige Obersteuersekretär Friedrich Wilhelm „Fritz“ Budde ernannt, der 1935 die Nachfolge des verstorbenen Oberbürgermeisters Paul Prieß antrat.

Wieder hieß es für Josef Köllner zu kämpfen. Es ging ihm nicht mehr um eine Wiedereinsetzung in seine Ämter, die vollkommen illusorisch gewesen wäre, aber eine Entlassung bei Anerkennung nur minimaler Altersbezüge hätte eine erhebliche finanzielle Einschränkung für Köllner und seine Familie bedeutet. „Abgesehen von den finanziellen Einschränkungen ist es für mich sehr bitter, als national unzuverlässig angesehen und behandelt zu werden“, schrieb der abgesetzte Zweite Bürgermeister am 8. Juli 1933 dem amtierenden Oberbürgermeister Dr. Paul Prieß, mit dem er ein Jahr zuvor noch um den Posten des Oberbürgermeisters konkurriert hatte. In diesem Schreiben geht er wohl vorwiegend aus taktischen Gründen auch auf Distanz zur SPD und betont, er habe „oft gegen die Äußerungen der Vertreter der S.P.D. Stellung genommen“ und sei „seit 4 bis 5 Jahren für die S.P.D. fast garnicht, öffentlich überhaupt nicht mehr, tätig gewesen“. Schon einen Monat zuvor hatte Josef Köllner den Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933, den er auszufüllen gezwungen war, unter anderem durch folgende Zeilen ergänzt: „Seit dem Vorjahre habe ich keine Beiträge mehr an das `Reichsbanner´ geleistet. Veranlasst durch den Sieg der nationalen Bewegung habe ich Ende März d. J. auch die Beitragszahlung an die sozialdemokratische Partei eingestellt. Als Sozialist habe ich erkannt, dass für die Durchführung des Sozialismus in Deutschland die sozialdemokratische Partei nicht mehr in Betracht kommt“. Inwieweit dies Schutzbehauptungen Köllners zur Rettung seiner Altersbezüge waren, oder ob diese Aussagen tatsächlich mit einer inneren Distanzierung von seinen bisherigen Überzeugungen einher gingen, ist schwer zu beurteilen. Tatsache ist jedoch, dass Josef Köllner auch im Alter den Kontakt zu seinen Genossen schätzte und die neuen Machthaber mied.

Oberbürgermeister Dr. Paul Prieß gelang es schließlich, eine Vereinbarung über eine Pensionierung Köllners durchzusetzen und vom Magistrat der Stadt Bielefeld verabschieden zu lassen, die von beiden Parteien akzeptiert wurde, allerdings musste Köllner dafür auf seine Rentenansprüche aus seiner Tätigkeit für die AOK verzichten.

Wiedergutmachung

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte Josef Köllner einen Antrag auf Wiedergutmachung, in dem er erneut beklagte, um Teile seiner Pensionsansprüche gebracht worden zu sein. Er sei heimlich von der Gestapo überwacht und von jedem persönlichen Verkehr abgeschnitten worden, beklagte Köllner seine persönliche Situation in den Jahren 1933 bis 1945, wobei er unkritisch folgende Metapher verwendete: „Ich kam mir vor, als befände ich mich in einem `geistigen´ Konzentrationslager“. Eine Anerkennung als Verfolgter des Naziregimes erreichte Köllner nicht. Dieses Vorhaben scheiterte auch in einer von Köllner angestrengten Berufungsverhandlung 1949 vor der Berufungskammer Detmold. Josef Köllner starb am 15. August 1951 in Bielefeld an den Folgen eines Sturzes. Erst seine Witwe Leonore Köllner konnte fünf Jahre nach Josef Köllners Tod mit Hilfe von Maria Gross (1903-1988) erfolgreich eine Entschädigung nach dem Bundesentschädigungsgesetz vom 29. Juni 1956 erreichen.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. A 601 und A 602: Personalakten Josef Köllner
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 300-1951-2, Sterbeeintrag Josef Köllner
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt Nr. 18, Meldedaten Köllner
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,5/Bauordnungsamt, Hausakten, Nr. 4799: Marktstr. 8 („Eisenhütte“)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,130/Familienarchiv Bertelsmann, Nr. 189
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 99, S. 80/81 u. Nr. 101, S. 195
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 3, 4, 43, 47 und 48
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,4/Fotosammlung, Nr. 11-1402-2, 52-2-28, 52-2-30, 52-2-32 und 61-11-41

Literatur

  • Brauer, Michael, „Die Bielefelder SPD von 1931 bis 1935“, Bielefeld 1979; LgB-Signatur: G 500 152
  • Mecking, Sabine, „Immer treu“ – Kommunalbeamte zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik (Villa ten Hompel – Schriften, Bd. 4), (Diss. Münster 1999/2000) Essen 2003; LgB-Signatur: R 130 464
  • Ridvan Ciftci, Karl-Gustav Heidemann, Wilfried P. Schrammen (Hg.), Gemeinsam für eine solidarische Gesellschaft. Schlaglichter aus 150 Jahren sozialdemokratischer Geschichte in Bielefeld, Bielefeld 2018; LgB-Signatur: G 800 133
  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005; LgB-Signatur: G 405 104.3

Online-Ressourcen

Erstveröffentlichung: 01.08.2026

Hinweis zur Zitation: Siemens, Heino,  15. August 1951: Tod des ehemaligen Bürgermeisters Josef Köllner, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2026/08/01/01082026/, Bielefeld 2026

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