18. Juli 1956: Die Jugendmusikschule erhält ihren Namen

• Anna Vogt M.A., Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

Die Jugendmusikschule wird getauft

Abb. 1: Auszug aus dem Protokoll der Ratssitzung vom 18. Juli 1956; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 140, Nr. 640

Tja, wie sollte sie nun heißen? „Jugendmusikschule der Stadt Bielefeld“ oder nur „Jugendmusikschule Bielefeld“? Was wie ein belangloses Detail klingt, wurde in der Ratssitzung vom 18. Juli 1956 unter Punkt 5 der Tagesordnung diskutiert. Mit der Meldung „‘Jugendmusikschule Bielefeld‘ getauft“ gab die Westfälische Zeitung am nächsten Morgen den Namen der Schule bekannt. Zwar lautete der Antrag, die Schule „Jugendmusikschule der Stadt Bielefeld“ zu nennen, eine derart offizielle Bezeichnung, die das „Stadt“ selbst im Namen führte, fand jedoch keine Mehrheit. Die Zeitung merkte an, dass den Stadtvätern wohl „der Mut zur eigenen Courage“ fehlte. Insbesondere der spätere Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl (1914-1993) war der Meinung, dass sich die Schule diesen Namen erst verdienen müsse: „Ratsherr Hinnendahl schlägt vor, es zunächst bei der Bezeichnung „Jugendmusikschule Bielefeld“ zu belassen und vielleicht später, falls die Schule sich entwickeln sollte, eine städtische Musikschule daraus zu machen.“ Gleichzeitig hoffte man „daß die Schule nach erfolgter Bewährung einmal die Jugendmusikschule der Stadt Bielefeld“ werde. Offensichtlich war die Anfangsphase der heutigen Musik- und Kunstschule von einer gewissen Skepsis geprägt. Dies spiegelt sich auch in einem weiteren Punkt wider: Aus Sorge, die Akteure der Jugendmusikschule könnten vielleicht nicht richtig mit Geld umgehen, empfahlen die Ratsmitglieder in den Vereinsvorstand auch einen Finanzsachverständigen der Stadt oder gar den Stadtkämmerer Johannes Carlmeyer (1896-1977) selbst zu entsenden. Tatsächlich bekleidete Stadtkämmerer Carlmeyer in der Folge für mehrere Jahre die Position des Kassenwarts im Verein, größere Abrechnungs- und Finanzprobleme blieben aus.

Abb. 2: Entwurf einer ersten Satzung für die JMS von Oktober 1956. Mehrere Änderungen waren notwendig, bis der Verein 1958 beim Amtsgericht eingetragen werden konnte; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 270,11/Theater- und Konzertfreunde Bielefeld e.V., Nr. 14

Bereits vor der Namens-Frage hatte die Jugendmusikschule zum Jahresbeginn 1956 ihre Arbeit aufgenommen – und das mit Erfolg: Nach kurzer Zeit zählte die Schule 650 Schülerinnen und Schüler, die in 14 Schulen und Jugendheimen Unterricht in Singen und rhythmischer Erziehung erhielten. Die finanzielle Basis bildete ein erster städtischer Zuschuss von 8.000 DM. Als Organisationsstruktur wurde die Rechtsform des Vereins gewählt. Den Vorschlag, die in den ersten Monaten übergangsweise noch als städtische Einrichtung geführte Schule als Verein zu führen, hatte der Kulturausschuss am 9. April 1956 herbeigeführt. Die inhaltliche und organisatorische Ausrichtung regelte die „Satzung der Jugendmusikschule e.V.“. Die tatsächliche Eintragung des Vereins beim Amtsgericht Bielefeld erfolgte erst zwei Jahre später am 25. Juni 1958. Der Vereinszweck wurde in der Satzung betont allgemein mit der „Förderung der musikliebenden Jugend“ angegeben.

Im Jahr ihrer Gründung war die Jugendmusikschule damit eine von insgesamt 36 Jugendmusikschulen in Nordrhein-Westfalen. Ein wichtiger Förderer der Anfangszeit war der 1951 gegründete „Verein der Theater- und Konzertfreunde Bielefeld e.V.“: Mit der Dauerleihgabe und späteren Schenkung von zehn Geigen erhielt die Schule einen ersten Grundstock an Instrumenten. In den folgenden Jahrzehnten sollte sich die Schule zu der zentralen Einrichtung für Musik- und Kunsterziehung in Bielefeld entwickeln.

Ein Blick zurück: Anfänge der institutionalisierten Musikerziehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Abb. 3: Anzeige im Bielefelder Generalanzeiger zur Gründung des Konservatoriums für Musik 1904; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 5

Eine mehr oder weniger institutionalisierte Musikerziehung existierte in Bielefeld bereits vor der Jugendmusikschule. So begründete der Königliche Musikdirektor Traugott Ochs (1856-1919), der von 1901 bis 1907 als städtischer Musikdirektor auch das hiesige Orchester leitete, im September 1904 das privat geführte „Konservatorium der Musik“ an der Koblenzer Straße Nr. 1 (heute: Artur-Ladebeck-Straße) in Bielefeld. Zwar erhielt das Institut keine städtischen Gelder, der Magistrat der Stadt förderte die Schule jedoch, indem das Gebäude, die frühere „Kaselowskysche Villa“ (1960 abgerissen), kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Das Konservatorium sollte die Arbeit des städtischen Orchesters unterstützen und richtete sich mit einem anspruchsvollen Unterricht „von den ersten Anfängen bis zur Meisterschaft“ an ambitionierte (Berufs-)Musiker. Ab 1907 übernahm das Konservatorium der Berliner Musiker, Cellist und Dirigent Willy Benda (1868-1929). Bis in die 1930er-Jahre führte Benda das sogenannte „Benda’sche Konservatorium“, das mit regelmäßigen Konzerten das öffentliche Musikleben der Stadt prägte. Nach dem Tod Bendas am 19. August 1929 übernahm dessen Witwe Margarete (1870-1946), ihres Zeichens Pianistin und Sängerin, die Schule, führte das Programm jedoch nur reduziert weiter bis sie in den 1930er-Jahren schloss.  

1939: Aufbau der „Musikschule Bielefeld“ als Teil des Deutschen Volksbildungswerks

Abb. 4 : Am 4. Mai 1939 kündigten die Westfälischen Neuesten Nachrichten den Aufbau der Musikschule Bielefeld als Teil des Deutschen Volksbildungswerks an; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 6

Nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 wurde auch die Musikerziehung propagandistisch vereinnahmt. In der „völkischen Musikerziehung“ standen nun das Volkslied und das Musizieren in der Gemeinschaft im Zentrum. Grundlage waren u. a. die 1938 vom Reichsbildungsministerium erlassenen „Richtlinien für die Musikschulen für Jugend und Volk“, die auf eine Gleichschaltung und Institutionalisierung des außerschulischen Musikwesens zielten.

In Bielefeld fand am 14. Februar 1939 in der Auguste-Viktoria-Schule, organisiert vom Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB), eine Tagung aller Bielefelder Musiklehrer zum Thema „Einrichtung einer Bielefelder Musikschule in Verbindung mit allen Schulen Bielefelds“ statt. Drei Monate später, am 4. Mai 1939, kündigten die Westfälischen Neuesten Nachrichten den „Aufbau der Musikschule Bielefeld“ an. Hier hieß es: „Die Volksbildungsstätte in Bielefeld, als Amt der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ vermittelt bisher Musikunterricht in vielfacher Form, wobei in den bisherigen Kursen rund 250 Teilnehmer zu verzeichnen waren.“ Durch den Aufbau der Musikschule Bielefeld in Trägerschaft der Hitler-Jugend, der Stadt Bielefeld und der Deutschen Volksbildungswerks sollte es künftig für alle „Volksgenossen“ möglich sein, ein Instrument zu erlernen: „Die Stadt Bielefeld hat die finanzielle Unterstützung und weitere Förderung dieser Musikschule übernommen, so daß es eines Tages ermöglicht werden wird, ein eigenes Gebäude für diese Schule zu errichten.“ Wie im gesamten Deutschen Reich sollte die Schule den Namen „Musikschule für Jugend und Volk“ tragen.

Abb. 5: Am 18. November 1939 berichtete die Westfälische Zeitung über die neue Musikschule Bielefeld unter der Leitung von Studienassessor Heinz Hüttemann; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 50

Tatsächlich startete im Oktober 1939 der Unterricht, die Geschäftsstelle befand sich im Haus der Deutschen Arbeitsfront (DAF) in der Marktstr. 8. Zum „Tag der deutschen Hausmusik“ erschien am 18. November 1939 ein ganzseitiger Zeitungsartikel mit einem „Blick in die Musikschule Bielefeld“, der die Methodik der Schule mit ihren nunmehr 300 Schülerinnen und Schülern beschrieb und ihren Leiter Heinz Hüttemann (1907-1957) vorstellte. Studienassessor Hüttemann leitete die Schule bis Dezember 1940 und sollte später auch den Grundstein zur Jugendmusikschule der Nachkriegszeit legen. Mit der Stilllegung aller Musikschulen der Deutschen Arbeitsfront im Oktober 1944 aufgrund zunehmender Kriegshandlungen erfolgte wurde auch die Bielefelder Schule geschlossen.

Erste Idee zur Gründung einer Jugendmusikschule in der Nachkriegszeit

Schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es in Bielefeld Ideen zur Wiedereinrichtung einer von ideologischen Zwängen befreiten Musikschule. Unter anderem setzten sich der 1951 gegründete Verein der „Bielefelder Theater- und Konzertfreunde“, namentlich dessen erster Präsident und Firmenchef, der Brackweder Chemiefabrik Asta-Werke Ewald Kipper (1893-1976), früh für die Einrichtung einer Musikschule ein. Auch Kulturdezernent Paul Jagenburg (1889-1975) war seit der ersten Stunde ein Befürworter der Pläne.

Ratsherr Helmuth Biegel (1887-1967) forderte gar – gerechtfertigt durch die Einwohnerzahl der Stadt Bielefeld – die Einrichtung eines Städtischen Konservatoriums. Aus Kostengründen und aufgrund der Konkurrenz zur Detmolder Musikakademie wurde die Idee eines Konservatoriums jedoch rasch fallen gelassen. Kerngedanke wurde vielmehr, eine Musikschule für Kinder und Jugendliche einzurichten, um die musikalische Früherziehung und den Instrumentalunterricht für Laien kostengünstig zu ermöglichen.

Abb. 6: Im April 1951 erschien in den „blättern“ des Jugendkulturrings der Text von Friedrich Feldmann „Die Jugendmusikstunde. Eine Forderung unserer Zeit“; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,5/Kulturdezernat, Nr. 70, Bd. 2

Eine besondere Rolle spielte in der Anfangszeit der Fachleiter für Musik an der Cecilienschule, Friedrich Feldmann (1912-1993). Feldmann sprach sich im Dezember 1950 für eine ganzheitliche, elementare Musikerziehung in einer „Städtischen Musik- oder Jugendmusikschule“ aus. Eine solche Einrichtung sei zeitgemäß und sozial. Kulturdezernent Jagenburg nahm daraufhin Kontakt zu dem Musikpädagogen Dr. Wilhelm Twittenhoff (1904-1969) auf, Leiter der Jugendmusikschule in Dortmund. Jagenburg interessierte insbesondere, „wie die Schule dort von Ihnen aufgezogen worden ist“ und welche Zuschüsse die Stadt Dortmund leiste. Twittenhoff antwortete, dass sich in Dortmund alles noch im Aufbau befände, er aber konzeptionelle Überlegungen schon einmal an Feldmann geschickt habe. Feldmann und Twittenhoff waren sich schon Ende November 1950 auf der Tagung „Jugend- und Volksmusik“ auf dem Jugendhof in Vlotho begegnet. Auf fünf Seiten beschrieb Dr. Twittenhoff „Wesen und Aufgaben einer Jugendmusikschule“ – vom Aufbau bis zur Finanzierung. Offensichtlich angetan von diesen Überlegungen, bat Jagenburg den Studienrat Feldmann im März 1951, einen ersten Artikel über die Jugendmusikschule für die Zeitschrift des 1950 gegründeten Jugendkulturrings „blätter“ zu schreiben, um den Verband und die Öffentlichkeit schon einmal auf die Spur zu bringen. Auch sollte Feldmann im Kulturausschuss ein Referat halten. Ein Vermerk über eine persönliche Aussprache mit Feldmann listete gleich die drei größten Herausforderungen auf: 1. die Finanzierung, 2. die Räumlichkeiten und 3. die Gewinnung geeigneter Lehrerinnen und Lehrer.

Auch Stadtschulrat Ernst Becherer (1889-1968) gab seitens der Bielefelder Schulen Grünes Licht für die Errichtung einer Musikschule. Der Leiter des 1932 gegründeten Kinderchores, Friedrich Oberschelp (1895-1986), hielt die Einrichtung einer Jugendmusikschule „geradezu für ideal“, wenngleich er realistisch auch Hürden erkannte.

Abb. 7: Der Zeitungsartikel „Jugendmusikschule für Bielefeld“ suggerierte 1951, dass die Jugendmusikschule bald schon gegründet sei – tatsächlich dauerte es noch 5 Jahre; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,5/Kulturdezernat, Nr. 70 Bd. 2

Im April 1951 erschien der von Feldmann verfasste Artikel „Die Jugendmusikstunde. Eine Forderung unserer Zeit“ in den „blättern“ des Bielefelder Jugendkulturringes, in der er die Einrichtung einer Jugendmusikschule forderte. Für Unmut sorgte, als wenig später am 17. April 1951 ein Artikel in der Westfälischen Zeitung suggerierte, die Jugendmusikschule sei schon beschlossene Sache und der Jugendkulturring würde Gelder bereitstellen. Unter dem Titel „Jugendmusikschule für Bielefeld. Kulturring faßt neue Aufgabe an – Der ungefähre Rahmenplan“ wurden sehr konkrete Überlegungen zur Gründung einer Musikschule angestellt. Offensichtlich waren Informationen durchgesickert, abgestimmt war der Artikel nicht. Jagenburg war über den Artikel verärgert – hatte er doch bislang vor allem im Hintergrund Informationen zusammengetragen, Akteure angesprochen und verhandelt. Seine Befürchtung: Der Artikel könne nun potentielle Widersacher (u. a. Jugendkulturring, Volkshochschule, Musiklehrer) auf den Plan rufen und die Finanzierung gefährden. Doch die Unstimmigkeiten ließen sich schnell wieder einfangen.

Abb. 8: Musikdirektor Bernhard Conz stand dem Projekt anfänglich noch skeptisch gegenüber; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,5/Kulturdezernat, Nr. 70 Bd. 2

Einen herben Dämpfer bekam das Projekt hingegen fünf Monate später als Jagenburg Generalmusikdirektor Bernhard Conz (1906-1999) bat, die Akte zur Jugendmusikschule durchzusehen „um die Angelegenheit nunmehr vorwärts zu treiben“. Die Rückmeldung von Conz war alles andere als befördernd: „Ich befürchte ein Überhandnehmen von diversen Organisationen, die sich im Grunde nur gegenseitig überschneiden und mehr irgendwelchen Propagandazwecken dienen, als gründliche Arbeit zu fördern.“ Erstmal solle man abwarten, wie sich die neuen Arbeitsgemeinschaften im Jugendkulturring entwickeln. Eventuell ergebe sich dann eine Bedarfslage. Die konkreten Planungen kamen damit zunächst zum Erliegen, Jagenburg verfolgte die Idee jedoch weiter. Vermutlich um Generalmusikdirektor Conz von einer Schule zu überzeugen, reiste Jagenburg am 28. Oktober 1953 mit Conz nach Dortmund zur Besichtigung der dortigen Jugendmusikschule. Geklärt wurden Fragen zur Struktur, der Finanzierung und den Lehrkräften.

Als dann Heinz Hüttemann auf Anregung des Kulturausschuss-Vorsitzenden, Dr. Siekmann, im Januar 1954 eine achtseitige „Denkschrift über die Errichtung einer Städtischen Musikschule (Musikschule für Jugend und Volk)“ vorlegte, wurden die Planungen immer konkreter. Die Schrift, in der Hüttemann auf die Musikschule der NS-Zeit ausdrücklich einging, sollte zum Grundsatzprogramm der späteren Schule werden. Kulturausschuss und Stadtrat plädierten schließlich für die Errichtung der Schule, die zum 1. Februar 1956 ihre Arbeit aufnahm.

Der erste Leiter: Musikstudienrat Heinz Hüttemann

Erster Leiter und zentraler Ideengeber der Jugendmusikschule war Musikstudienrat Heinz Hüttemann, der seit 1952 die Stelle als Musiklehrer am damaligen Bavink-Gymnasium (heute Gymnasium am Waldhof) innehatte. Unter seiner Leitung wurden in der Anfangszeit der Schule die Grundlagen der pädagogischen Ausrichtung gelegt.

Abb. 9: Im Fragebogen zur Entnazifizierung gab Hüttemann seine Leitungsfunktion der Musikschule in der Unterorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) der Deutschen Arbeitsfront von 1939-1940 an; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. C 595

Hüttemann war schon zur NS-Zeit im öffentlichen Musikleben präsent, unter anderem war er Chorleiter in Hillegossen-Ubbedissen und bis zu seinem Umzug im Oktober 1934 in die Innenstadt Schulungsleiter der dortigen Ortsgruppe. Im April 1933 war Hüttemann in die NSDAP eingetreten. In seinem Lebenslauf schreibt er: „Im Oktober 1934 wurde ich von der Partei beauftragt das Deutsche Volksbildungswerk im Stadt- und Landkreis Bielefeld zu organisieren, das ich während meiner Vorbereitungszeit aufzubauen hatte und heute noch weiterführe.“ Im Volksbildungswerk, dem Hüttemann bis Dezember 1939 vorstand, leitete er aufgrund seiner musikalischen Ausbildung u. a. den Musizierkreis, der immer mittwochs abends im Ratsgymnasium stattfand. Bei der Gautagung des NS-Lehrerbundes im Juli 1936 hatte Hüttemann die musikalische Gesamtleitung für die Feierstunde der Hitler-Jugend und des Arbeitsdienstes inne. Als sich Hüttemann 1937 auf eine freie Musiklehrerstelle an der Auguste-Viktoria-Schule bewarb, empfahl Unterbannführer Daniel Vollert (1914-1942) in einem Schreiben an Oberbürgermeister Fritz Budde (1895-1956), sich für Hüttemann zu entscheiden, „[…] da er bei mir in der HJ wie auch im BDM einen wesentlichen Teil der Kulturarbeit mitleistet. Weiter wird Pg. Hüttemann das Orchester des Bannes leiten. Er ist also in unserer Arbeit eine unentbehrliche Kraft geworden.“ Von 1939 bis zu seiner Einziehung zur Wehrmacht im Juni 1940 leitete er die Bielefelder Musikschule des Volksbildungswerks. Nach Kriegsende wurde Hüttemann im Zuge der Entnazifizierung 1948 in die Kategorie IV als Mitläufer eingestuft, 1952 erhielt er nach wiederholter politischer Überprüfung und interner Diskussionen erneut eine Stelle als Musiklehrer am Bavink-Gymnasium. Ein von ihm verfasster Leserbrief „Stirbt die Musikfreude in Jugend und Volk“ in der Westfälischen Zeitung vom 21. November 1953 forderte, mehr Geld in die Musikpflege zu investieren und die Notlage der Musikerziehung u. a. durch die Einrichtung von Musikschulen entschlossen anzugehen.

Als die Jugendmusikschule 1961 ihren 5. Geburtstag feierte, warf Vereinsvorsitzender Ewald Kipper einen Blick zurück auf die Verdienste von Hüttemann, der am 10. Juli 1957 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. In drei Punkten fasste er dessen Vermächtnis für die Schule zusammen:

„Sein Programm war:

  1. Ein Lehrplanentwurf, der heute noch respektiert wird,
  2. Ein Vorschlag über Schulung und Ausrichtung der Lehrkräfte in Arbeitstagungen,
  3. Werbung und Bekanntmachung durch Veranstaltungen aus den Reihen der Jugendmusikschule.“

Gerade der letzte Punkt zeichnete Hüttemanns Engagement aus und trug zum Erfolg der Schule bei. So veranstaltete er 1956 in Kooperation mit drei Bielefelder Musikgeschäften ein Preisrätsel, bei dem Kinder raten sollten, welche zwölf Instrumente in den Schaufenstern ausgestellt waren – wer alle Instrumente richtig benannte, erhielt einen Buchpreis. Fast 500 Kinder machten mit. Mit solch‘ kreativen Ideen machte Hüttemann die noch junge Schule bekannt.

Abb. 10: Der neue Schulleiter Josef Rentmeister (links) mit Ewald Kipper, Mitte 1960er Jahre; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,5/Kulturdezernat, Nr. 97, Bd. 1

Nach dem plötzlichen Tod von Hüttemann leiteten jeweils für kurze Zeit Realschullehrer Karl Schönball (1924-2023) und Musiklehrer Hans-Henning Eulenstein die Schule. 1958 übernahm der Rektor der Petrischule, Franz Ganslandt,die Schulleitung, bevor im April 1963 durch Beratungen mit dem Kultusministerium und Unterstützung der ASTA-Werke im Zuge einer überregionalen Ausschreibung Josef Rentmeister (1914-2005) gewonnen werden konnte. Rentmeister kannte das Geschäft, denn zuvor war er stellvertretender Leiter der Musikschule Leverkusen gewesen. Womit er sich jedoch zu Beginn in Bielefeld anfreunden musste, war der aus zwölf Personen bestehende künstlerische Beirat der Jugendmusikschule, der in methodischen und pädagogischen Fragen Mitspracherecht hatte.

In seiner Dienstzeit bis 1979 führte Rentmeister die sogenannte Orff‘sche Musikerziehung ein, benannt nach dem Musikpädagogen Carl Orff (1895-1982), der sich für bestimmte Musikinstrumente in der musikalischen Früherziehung aussprach, darunter u. a. Glockenspiel, Schellentrommel, Fingerzimbeln und Triangeln (sog. Orff-Instrumente). Durch die Förderung des Kultusministeriums gelang es ihm, zehn Sätze der Orff‘schen Musikinstrumente anzuschaffen. Auf Rentmeister folgte von 1979 bis 2004 Malte Heygster (*1939) an der Spitze der Schule.

Vereinsvorstand Ewald Kipper (Asta Werke Brackwede)

Ewald Kipper, Inhaber der Brackweder Arzneimittelfabrik Asta-Werke, übernahm 1956 den Posten des Vorsitzenden im Trägerverein und prägte bis zu seinem Ausscheiden 1971 über 15 Jahre die Geschicke der Schule. In seiner Doppelfunktion als Vorsitzender der Bielefelder Theater- und Konzertfreunde (bis 1959) trug er zu einer nachhaltigen Verankerung der Schule in der Stadtgesellschaft bei. Vorstandssitzungen fanden im Sitzungszimmer der Asta-Werke in Brackwede statt, Besprechungen im Arbeitszimmer des Firmendirektors oder in der sogenannten „Asta-Klause“.

Kipper wusste als Firmenchef die Belange der JMS durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen. Dem Chefredakteur der Westfälischen Zeitung gratulierte er per Telegramm zu dessen 60. Geburtstag und dankte dabei „für die stets aufgeschlossene Stellung zu unseren Jugendmusikschul-Angelegenheiten“. Auch zur Politik, unter anderem zur damaligen Landrätin Else Zimmermann (1907-1995), nahm Kipper wiederholt Kontakt auf, um die Verbindung mit dem Landkreis Bielefeld zu sichern. Dabei war sich Kipper auch nicht zu schade, seine Kontakte zur Industrie spielen zu lassen: Regelmäßig sorgte er für Spenden, u. a. von Bielefelder Firmen wie Anker und Dr. Oetker. Nach dem Ausscheiden von Kipper übernahm der Miele-Mitinhaber und Leiter des Bielefelder Werks Dr. Reinhard Hector (1933-1985) den Posten als Vorstandsvorsitzender.

Das erste Schulgebäude am Goldbach Nr. 3

Abb. 11: Das 1967 bezogene Gebäude am Goldbach Nr. 3 um 1975; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 786-21

Die Schüleranzahl stieg von 880 im Jahr 1963 auf 1103 im Jahr 1964 rasant an. 41 Lehrkräfte – darunter drei festangestellte – unterrichteten die Schüler. Als sich zum Winter 1964 eine Wochenstundenzahl von 381 Stunden abzeichnete, stellte sich die Raumfrage, die durch den Abbruch des Ceciliengymnasiums verschärft wurde, umso dringlicher. Direktor Kipper und Geschäftsführer Rentmeister sprachen sich daher für ein eigenes Schulgebäude aus.

Das bis dahin genutzte Gebäude an der Koblenzer Straße Nr. 7 (heute: Artur-Ladebeck-Straße Nr. 7), in dem die Geschäftsstelle seit 1956 untergebracht war, sorgte wiederholt für Konflikte. Aufgrund der gemeinsamen Nutzung des Hauses mit dem Jugendamt („Haus der Jugend“), kam es durch den Musikunterricht immer wieder zu Störungen. Der Großteil des Unterrichts fand in den nachmittags nicht benötigten Klassenräumen Bielefelder Schulen statt. Als im Januar 1965 Dr. Peter Zinnkann (*1928) die Raumprobleme der Gütersloher Musikschule Generalmusikdirektor Conz schilderte, schrieb Kipper nur lakonisch zurück: „Herr GMD Conz schrieb mir vor einigen Tagen betreffend Ihrer Jugendmusikschule in Gütersloh, daß Sie Sorgen haben in Bezug auf Räume und auch Lehrkräfte. Das ist mir hier ein normaler Begriff, denn auch wir sitzen mit unseren 1000 Kindern und fast 50 Lehrern in 22 verschiedenen Unterrichtsstellen.“

Abb. 12: Unterrichtszimmer für Klavierunterricht in dem Gebäude Goldbach Nr. 3, 1972; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 24-802-2

Anfang Januar 1966 zeichnete sich eine Lösung ab: Oberstadtdirektor Wilhelm Kralemann (1888-1972) informierte den Vorsitzenden Kipper, dass bald das Gebäude des Städtischen Untersuchungsamtes am Goldbach Nr. 3 frei würde – dann könne die Jugendmusikschule die Räumlichkeiten übernehmen. Mit dem Haus in zentraler Lage und zwölf Räumen mit insgesamt 400 qm ergaben sich neue Möglichkeiten. Nach dem Umbau, der mit 95.000 DM zu Buche schlug, erfolgte im Sommer 1967 der Umzug in die neuen Räume am Goldbach  3.

1974 – Kommunalisierung und Vereinigung mit der Jugendkunstschule Senne

Abb. 13: Entwicklung der Schülerzahlen der Jugendmusikschule 1958 bis 1973; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 111,7/Bezirksamt Sennestadt, Nr. 130

Im Zuge der Gebietsreform wurde die Jugendmusikschule mit Ratsbeschluss vom 27. März 1974 zum 1. Oktober 1974 kommunalisiert und in ein Amt der Stadtverwaltung umgewandelt. Gleichzeitig fand eine Zusammenlegung mit der 1969 in Sennestadt gegründeten Jugendmusikschule statt. Da die Jugendmusikschule Sennestadt 1971 zur ersten Jugendkunstschule in Westfalen wurde, erweiterte man in der Folge auch die Bielefelder Jugendmusikschule um die Sparte Kunst und benannte sie in „Jugendmusik- und Jugendkunstschule Bielefeld“ um.

Mit der Kommunalisierung behandelte die zentralen Fragen der Schule nunmehr der Kulturausschuss. Darüber hinaus existierte ein Beirat, dem u. a. Vertreter der Ratsfraktionen, der Eltern, der Schülerschaft, des Fördervereins und der Musikerzieher angehörten und der berechtigt war, zu wichtigen Angelegenheiten Stellung zu nehmen. Zudem hatte sich im Januar 1971 ein Förderverein, der „Verein der Freunde und Förderer der Musik- und Kunstschule Bielefeld“, gegründet, in dem Bürger, Eltern und Schülerschaft es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Interessen der Schule ideell und finanziell zu unterstützen.

1980er Jahre bis heute: Umzug und Umbenennung

Abb. 14: Ansicht der 1907 eröffneten Handwerker- und Kunstgewerbeschule Am Sparrenberg; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-195-13

Kontinuierlich steigende Schülerzahlen führten dazu, dass bereits zehn Jahre nach dem Umzug in das Gebäude am Goldbach neue Räumlichkeiten gesucht wurden, woraufhin 1980 der Umzug in das noch heute genutzte Gebäude an der Sparrenburg – die ehemaligen Handwerker- und Kunstgewerbeschule – erfolgte. Die neue Adresse lautete Am Sparrenberg Nr. 2c (heute: Burgwiese 9).

Ebenfalls 1980 erfolgte die Umbenennung in „Musik- und Kunstschule der Stadt Bielefeld“, im Volksmund liebevoll „MuKu“ abgekürzt. Auch personell war das Jahr 1980 prägend: Die spätere Direktorin der MuKu, Yael Niemeyer (1943-2022), übernahm die Leitung der Sparte Kunst. Ihr Konzept für eine Kunstschule Bielefeld, das Niemeyer 1981 vorlegte, stellt bis heute eine prägende konzeptionelle Grundlage des Bereichs dar. Von 2004 bis 2008 leitete Niemeyer die Schule. Im Zuge der Einrichtung von offenen Ganztagsschulen in den 2000er-Jahren entwickelten sich vermehrt OGS-Kooperationen zwischen der „“MuKu und den Bielefelder Schulen. 2004 zählte die Schule 5.421 Schülerinnen und Schüler (3.258 Sparte Musik, 2.163 Sparte Kunst), die von 121 Lehrkräften unterrichtet wurden. Neben den Sparten Kunst und Musik erfolgte 2010 die Einrichtung einer 3. Sparte „Theater und Tanz“. Zum 60. Jubiläum veranstaltete die Schule 2016 ein großes, buntes Fest bevor in den Jahren 2018-2020 eine grundlegende Sanierung des Gebäudes erfolgte.

Heute leitet ein Steuerungsteam die MuKu, bestehend aus Direktion und Stellvertretung sowie einer Verwaltungs- und einer Veranstaltungsleitung. Seit 2023 steht Miriam Köpke als Leitung der Schule vor. Die MuKu hat sich als Experimentier- und Lernort für Kunst, Musik und Kultur über die letzten 60 Jahre fest etabliert. Ihre vielfältigen künstlerischen Angebote bei Veranstaltungen und Festen prägen das öffentliche Leben. Den zweifelnden Ratsherren von 1956 kann aus heutiger Perspektive entgegnet werden, dass die Jugendmusikschule sich tatsächlich zu der Jugendmusikschule der Stadt Bielefeld entwickelt und sich mehr als bewiesen hat.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,2/Hauptamt, Nr. 1245
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. C 595
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 66
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 105,2/Hauptamt, Nr. 507, Bd. 1
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,1/Kulturdezernat, Nr. 69, Bd. 1, Nr. 70, Bd. 2, Nr. 493, Nr. 543, Nr. 546
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,5/Musik- und Kunstschule, Nr. 1, Nr. 5 (Bd. 1 und 2), Nr. 47, Nr. 97, Bd. 1 und Bd. 2, Nr. 100
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 111,7/Bezirksamt Sennestadt, Nr. 130
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 140/Protokolle, Nr. 193i und 766
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 270,11/Theater- und Konzertfreunde Bielefeld, Nr. 14, Nr. 21
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand Zeitungen 400,2/Zeitungen, Nr. 5, Nr. 6, Nr. 50
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 786-21, Nr. 11-195-13
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 6297

Literatur

  • Andreas Bootz: Kultur in Bielefeld 1945-1960, in:  Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld (Hrsg.), Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 12, Bielefeld 1993
  • Bielefelder Jugendring e.V. (Hrsg.): Blätter – das Bielefelder Jugendmagazin, Band: Bielefeld 1953, LgB-Signatur ZJ6 18
  • Jürgen Oberschelp: Das öffentliche Musikleben der Stadt Bielefeld im 19. Jahrhundert, Regensburg 1972, LgB-Signatur: Mu 20 60
  • Musik- und Kunstschule der Stadt Bielefeld (Hrsg.): Musik- und Kunstschule der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1983, LgB-Signatur: Sch 110 292
  • Musik- und Kunstschule Bielefeld (Hrsg.): Musik- und Kunstschule der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1992; LgB-Signatur: Sch 110 363
  • Musik- und Kunstschule der Stadt Bielefeld: Geschäftsbericht 1992, Bielefeld 1992, LgB-Signatur: Z40 Bie 52
  • Regional-Verlag (Hrsg.): Bielefelder Spiegel. Informationen aus Kultur und Wirtschaft, Band: Bielefeld 1974

Erstveröffentlichung: 01.07.2026

Hinweis zur Zitation:
Vogt, Anna: 18. Juli 1956: Die Jugendmusikschule erhält ihren Namen, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2026/07/01/01072026/, Bielefeld 2026

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..