16./17. Juli 1921: Bielefeld feiert das 700. (oder 707.) Stadtjubiläum

• Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

 

Mit einem Festwochenende zelebrierte die Stadt Bielefeld am 16./17. Juli 1921 ihr 700-jähriges Bestehen. Es war ein langer Anlauf notwendig gewesen, bis Bielefeld das Jubiläum mit getragenen Reden und Musik, aber auch einem Kinderfest in Olderdissen und einem Bürgerfest vor dem Rathaus am heutigen Niederwall feiern konnte. In erstaunlich kurzer Zeit hatten die Verantwortlichen ein vielseitiges und zugleich sehr persönliches Fest vorbereitet, das die gesamte Stadtbevölkerung und alle Generationen in unterschiedlichsten Formen ansprechen, wenn nicht gar verbinden sollte – sogar Geld konnte man kaufen und damit ein Geschäft machen. Die örtliche Historikerzunft indes musste über bekannte Fakten geflissentlich hinwegsehen, um dem Publikum als Jubiläumsanlass eine gesicherte Ersterwähnung Bielefelds als Stadt schlüssig zu verkaufen. Denn bereits 93 Jahre später, 2014, fand unter dem Motto „800 Jahre Bielefeld – Das gibt´s doch gar nicht!“ die nächste Jahrhundertfeier statt (zuvor 1964 das 750. und 1989 das 775. Jubiläum). Die Diskrepanz von sieben Jahren ist augenfällig, aber kein Indiz für ein ungeduldiges Stadtmarketing oder befristete Fördergelder, sondern zunächst mit politischen Ereignissen (Erster Weltkrieg), danach mit unterschiedlichen historischen Quellen und ihrer Deutung erklärbar.

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Sparrenburg, Neustädter Marienkirche, Jodokuskirche, Altstädter Nicolai, Wappen, Leinenspindel, Steckrüben: Bielefeld!; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,12/Münzen, Papiergeld und Stoffgeld

Der Festsamstag 1921 stand nach einem Festakt mit Begrüßungen, Grußworten, Gesangsbeiträgen und unterschiedlich bewertetem stadtgeschichtlichem Vortrag auf der Sparrenburg ganz im Zeichen der jüngsten Stadtbewohner. Ein geordnet-fröhlicher Lindwurm zog hinter den Schulfahnen von der Ulmenstraße über die Altstadt rauf zum Meierhof Olderdissen zu einem noch nicht dagewesenen Kinderfest auf den dortigen ausgedehnten Spielwiesen. Jedes der rund 8.000 Kinder der weiterführen Schulen erhielt einen Stollen aus der Herstellung der Bäcker-Innung und eine vierseitige kleine Stadtchronik. Es ist nicht überliefert, welche Jubiläumsgabe mehr begeisterte. Ein ausgelassen-buntfröhlicher Nachmittag war es auch für die Kriegswaisen, deren gefallene Väter vor ihrem Fronteinsatz vielleicht den unweit gelegenen, 1915 eröffneten Bielefelder Schauschützengraben besichtigt hatten. Und die junge Generation ahnte während lokal- und nationalpatriotisch durchwehter Festtage noch nichts von einem nächsten Weltkrieg. Der Reporter der Westfälischen Neuesten Nachrichten (WNN) berichtete am 18. Juli 1921 begeistert über die Kapelle des Ratsgymnasiums, die nach ihrer Rückkehr in der Innenstadt „Deutschland, Deutschland über alles“ anstimmte, „und mit diesem patriotischen Ausklang im Herzen zog ich heim von einem wohlgesungenen, herzerfrischenden Feste unserer Jugend, die unser aller Hoffnung ist.“ Flankiert wurden die offiziellen Feierlichkeiten von kleineren Veranstaltungen der Kirchen, des Gesellschaftsclubs „Ressource“ und auch des Historischen Vereins sowie einer stadtgeschichtlichen Ausstellung des Kunstsalons Otto Fischer. Zahlreiche kleine Schulfeiern fanden statt, die Cecilienschule führte auf dem Johannisberg ein doch traditionell wirkendes Singstück zu Hochzeitssitten im Ravensberger Land auf.

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Auf den ausgedehnten „Spielwiesen“ in Olderdissen fand ein Fest für 8.000 Kinder statt – es muss ungleich voller gewesen sein als auf dieser Aufnahme von 1913; Foto: Heinrich Baumann, 1913; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-559-67

Die Initiative für das Stadtjubiläum 1921 kam vom Historischen Verein für die Grafschaft Ravensberg. Mitte Februar 1921 hatte sich der 1876 gegründete Verein an den städtischen Magistrat mit dem Hinweis gewandt, dass „1221 zum ersten Male Bielefeld als Stadt in den Urkunden erwähnt wird, also 700 Jahre seit der Gründung verflossen sind, wenn allerdings auch anzunehmen ist, daß der Gründungsakt schon etwas vor 1221 erfolgt ist.“ Die „Gründungsakt“-Frage wurde hier zwar nicht weiterentwickelt, der Vereinsvorstand erinnerte damit aber indirekt an Planungen, die er acht Jahre zuvor angestoßen hatte.

Denn bereits am 24. März 1913 hatte Prof. Dr. Rudolf Schrader (1863-1941) bei einer Vorstandssitzung erklärt, „daß wohl das Jahr 1214 als Gründungsjahr der Stadt anzusehen sei“, worauf beschlossen wurde, den Magistrat wegen der Ausgestaltung einer „würdigen Feier“ zu kontaktieren. Gleichzeitig wurden Schrader, Dr. Walter Engels (1871-1938) und der Vereinsvorsitzende Prof. Dr. Hermann Tümpel (1857-1923) mit einer „Prüfung des Gründungsjahres“ beauftragt, deren Ergebnis allerdings nicht überliefert ist. Der Hinweis Schraders auf die 1214 anzusetzende Gründung lenkt den Blick auf die seinerzeit bekannten Quellen und ihre Einordnung. Schon 1894 hatte Dr. Rudolf Reese (1862-1930) in einem 1. Teil des „Urkundenbuchs der Stadt Bielefeld“, der im Vereins-Jahresbericht erschien, die Urkunde von 1221 wiedergegeben, in der Bielefeld als „oppidum“ bezeichnet wird und Bürger („cives de Bylevelde“) erwähnt werden. Darüber hinaus druckte er auch Auszüge aus einem Dokument von 1214 ab, das der – übrigens in Bielefeld geborene – Münsteraner Staatsarchivdirektor Roger Wilmans (1812-1881) bereits in einer der letzten Lieferungen des 3., zwischen 1859 und 1871 herausgegebenen Bandes des Westfälischen Urkundenbuch richtig interpretiert hatte, wie sich zeigen sollte. Diese Urkunde von 1214 hatte Wilhelm Michael in seiner mit Vorstandsmitgliedern des Vereins 1884 veröffentlichten „Chronik der Stadt Bielefeld“ vollständig ignoriert, während Wilhelm Fricke sie drei Jahre später in seiner unsortierten Stadt- und Grafschaftsgeschichte auf 1213 datierte und vor allem ihre Tragweite nicht erkannte. In dieser abschriftlich überlieferten Urkunde des Klosters Marienfeld von 1214 nämlich werden ein Dinggraf Hermann erwähnt und ein Richter Ratbert in Bielefeld („et Hermanno thingravio et cum Ratberto iudice in Bilevelde“). Die separate Nennung des Bielefelder Richters Ratbert, der demnach für einen eigenen Rechtsbezirk zuständig war, neben einem im ländlichen Raum rechtsprechenden Dinggraf spricht für ein Bielefeld mit Stadtrechten. Dieser schon 1871 von Wilmanns auf 1214 oder früher angesetzte, 1884 von Michael und 1887 von Fricke übersehene, 1894 von Reese im Vereins-Jahresbericht publizierte, 1913 von Schrader für eine Jubiläumsdatierung angeführte und 1921 indirekt erwähnte frühere Gründungsakt wird tatsächlich auf spätestens 1214 zu datieren sein. Das Wissen um diese Quelle und ihre richtige Interpretation hätte im Historischen Verein schon bei seiner Gründung 1876 vorhanden sein können.

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Prof. Dr. Rudolf Schrader (1863-1941) nahm mehrere Anläufe für das 700. Stadtjubiläum; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-19-138

In einer Vorstandssitzung am 2. Oktober 1913 schlug der hinzugeladene Oberbürgermeister Dr. Rudolf Stapenhorst (1865-1944) aus organisatorischen Gründen jedoch vor, das Stadtjubiläum nicht 1914, sondern erst 1915 zu feiern, um den Ab- und Wiederaufbau eines Bauernhauses samt erforderlicher Spendensammlung zu organisieren, das der Verein zu kaufen beabsichtigte (hieraus sollte 1917 das Bauernhausmuseum entstehen). Stapenhorsts Idee einer parallelen Gewerbeausstellung scheiterte später am Magistrat. Offensichtlich waren Verein und Verwaltung sich 1913 im Klaren, dass das Jahr 1214 eine schlüssige und belastbare Grundlage für ein 700. Stadtjubiläum sein musste. Der großzügige Umgang mit dem bekannten Datum 1214 muss überraschen, denn aus der Vorstandssitzung vom 2. Oktober 1913 informierte der Verein seine Mitglieder in der Oktober-Ausgabe der Ravensberger Blätter wie folgt: „Da die Erhebung Bielefelds zur Stadt zweifellos um 1214 stattgefunden hat, wird beschlossen, die Jubelfeier des siebenhundertjährigen Bestehens unserer Heimatstadt 1915 zu veranstalten.“ Dieses Vorhaben machte der Erste Weltkrieg zunichte, in dem allein mindestens 2.350 Bielefelder ihr Leben ließen.

Erst am 19. Oktober 1920 nahm Schrader den Faden wieder auf, als er den Vorstand darauf hinwies, dass sich am 15. Mai 1921 die Ersterwähnung Bielefelds als „oppidum“ zum 700. Mal jährte. Ein mittelalterliches „oppidum“ wird wissenschaftlich allerdings auch als eine Minderstadt ohne Befestigung und vor allem ohne Stadtrecht begriffen, jedoch sind die zeitgenössischen Bezeichnungen nicht eindeutig und stringent angewendet worden. Das schlagende Argument für eine sichere, aber wiederum indirekte Ersterwähnung als Stadt dürften die erwähnten „cives“ (Bürger) sein, wiewohl Bielefeld als „civitas“ (Stadt) nicht ausdrücklich bezeichnet wird. Schrader machte auch Vorschläge für die Ausgestaltung der Veranstaltung samt Festrede und „Mitwirkung der Schuljugend in lebenden Bildern“.

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Prof. Dr. Schrader schrieb auch für die Jubiläumsausgabe der sozialdemokratischen Volkswacht; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I, Nr. 50

Es scheint fast so, dass man sich dennoch auf eine interne Sprachregelung einer wirklich sicheren Ersterwähnung zurückzog, um am 16./17. Juli 1921 mit einem Festwochenende „700 Jahre Stadt Bielefeld“ begründet feiern zu können. Auffällig ist nämlich, dass in den Jubiläumsbeilagen der Lokalzeitungen die Stadtgründungs-/ersterwähnungsbeiträge von Dr. Bernhard Vollmer in den WNN, der bis 1937 am Bielefelder Urkundenbuch arbeitete, und Prof. Dr. Schrader (Westfälische Zeitung und Volkswacht) sich als sicheres Ersterwähnungsdatum als Stadt auf 1221 stützen, aber die bekannte und von Schrader ja selbst vorgebrachte „1214“-Deutung mit keinem Wort erwähnen. Möglicherweise sollte eine stadtgeschichtlich unerfahrene Leserschaft nicht verwirrt und die Festbeilagen mit wissenschaftlich fundierten, aber als akademische Spitzfindigkeiten begreifbaren Thesen und Debatten nicht belastet werden. Schraders Beitrag „Geschichte Bielefelds“ in der Jubiläumsfestschrift des Bremer Schünemann-Verlags blieb seltsam vage, obwohl er es spätestens seit 1913 besser wusste: „Um 1216 mögen dem neuen Orte Stadtrecht[e] verliehen sein, genauer läßt sich die Zeit nicht feststellen“. In seiner – „vielleicht zu langen“ (WZ) oder etwa doch „meisterhaften“ (Neue Westfälische Volkszeitung v. 18. Juli 1921), aber auf jeden Fall erzählend statt faktenreich angelegten – Rede am Festsamstag auf der Sparrenburg vermied Schrader ebenfalls jedweden „1214“-Hinweis. Jedoch erscheint er in einem kleinen, von Schrader zusammengestellten Druck, der in einer Auflage von 15.000 Stück auch an die Schülerinnen und Schüler verteilt wurde. Der maschinenschriftliche Text hierfür in den städtischen Akten enthält eine einzige rote Unterstreichung, und zwar beim Hinweis, dass die vier Dorfmarkgenossenschaften durch Graf Hermann IV. von Ravensberg „um 1214 Stadtrecht“ erhielten. Diese Markierung scheint von der Druckerei Küster Nachfolger im Rahmen der Druckausschreibung erfolgt zu sein, die bei ihrer Angebotseinreichung möglicherweise eine Unstimmigkeit erkannt zu haben glaubte.

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Franz Guntermann (1881-1963), Lehrer an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule, entwarf eine in Eisen und in Bronze ausgeführte Jubiläumsmedaille; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,13/ Anstecknadeln, Medaillen, Plaketten und Orden, Nr. 372

Beinahe drängt sich der Gedanke auf, dass Schrader und der Historische Verein die Veröffentlichung der „1214“-Interpretation exklusiv dem kleinen Festtagsdruck und seinem Vereinspublikum vorbehalten wollten, denn in der Jubiläumsausgabe der vom Verein seit 1901 herausgegebenen „Ravensberger Blätter“, die mit der Schünemann-Festschrift aus Bremen gleichsam konkurrierte und sie wissenschaftlich natürlich übertreffen musste, schrieb mit dem preußischen geheimen Staatsarchivrat Dr. Friedrich Philippi (1843-1930) aus Münster ein ausgewiesener Experte: „1214 wird schon ein Ratpertus judex in Bilevelde als Beauftragter und Bevollmächtigter des Grafen von Ravensberg urkundlich erwähnt, daher ist die Zeit der Gründung jedenfalls vor dieses Jahr zurückdatieren“, wobei zu ergänzen ist, dass es eben auch in jenem Jahr geschehen sein kann. Philippi verwies auf eine weitere Nennung dieses Ratbert als Zeugen in einer Urkunde von 1243 als Ratsherrn und ehemaligen Richter („Ratpertus antiquus judex“) und nahm dessen Identität mit dem von 1214 an. Seltsamerweise erweiterte Schrader, der in seinen beinahe zeitgleich erschienenen Jubiläumsbeiträgen zwischen „Beginn des 13. Jahrhunderts“, „um 1214“ und „um 1216“ schwankte, seinen Text für die Neuauflage der schnell vergriffenen Schünemann-Festschrift später nicht, obwohl Philippis Darlegungen eindeutig waren.

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Der Historische Verein widmete eine Festnummer der „Ravensberger Blätter“ dem Stadtjubiläum; Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld

Die Sonderbeilagen der Jubiläumswochenend-Ausgaben reflektierten die unterschiedliche politische Ausrichtung der Zeitungen. Während die WNN und die WZ eher historisch-kulturell ausgerichtete Beiträge abdruckten, war die sozialdemokratische Volkswacht politischer unterwegs, indem sie den Bielefelder SPD-Reichstagsabgeordnete Carl Schreck (1873-1956) über „Die Arbeiterbewegung in Bielefeld“ schreiben ließ. Der Beitrag „Bielefelds Kommunalpolitik“ des besoldeten Stadtverordnetenvorstehers Josef Köllner (1872-1951) war dagegen eher eine historische Betrachtung mit gelegentlichen Einblicken in die Gegenwart. Für die WNN steuerte Alfred Bozi (1857-1938) einen Beitrag über „Soziale Rechtseinrichtungen“ bei, der dort aus dem Rahmen fiel. Einen – gleichwohl interessanten, weil Perspektiven eröffnenden – Ausreißer steuerte Stadtbaurat Friedrich Schultz´ (1876-1945) mit seinem WZ-Beitrag „Die Aufgaben der Zukunft“ bei, der unter der Devise „Wohnung und Werkstatt“ auf den notwendigen Wohnungsbau samt dessen Finanzierung mittels „freundlich-steuerlicher Heranziehung“ der Industrie und Vermögenden und die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts verwies. Breiten Raum nahm für ihn der Ausbau der gesundheitsfördernden Infrastruktur ein mit neuen Spielplätzen, Sportstätten, Frei- und auch „Luftbädern“. Parallel sollten innerstädtische Grünzüge angelegt werden und der Teutoburger Wald unangetastet bleiben, die Verkehrsinfrastruktur aus Straßen und Eisenbahn aber ausgebaut und ein Bebauungsplan entwickelt werden. Auf Schultz´ Agenda standen auch der Bau einer großen Musik-Halle, die 1930 mit der Rudolf-Oetker-Halle realisiert wurde, eine Stadthalle (1925 an der Eckendorfer Straße eröffnet) und eine Volkshochschule, die freilich ziemlich exakt ein Jahr zuvor, am 8. Juli 1920 gegründet worden war.

Die bereits erwähnte Festschrift aus dem Schünemann-Verlag weist mehrere Besonderheiten auf. So kam die Initiative nicht aus der Stadtgesellschaft, Verwaltung oder von Vereinen, sondern vom Verlag Carl Schünemann in Bremen selbst. Darüber hinaus erschien sie in der Reihe „Niedersachsen“, die den geographischen Raumbegriff schon zuvor mehrfach großzügig ausgelegt hatte, als Hefte zu Münster und Rostock publiziert worden waren. Bemerkenswert ist aber die verlegerische Leistung von der Festschrift-Anregung an Oberbürgermeister Stapenhorst am 21. April 1921 bis zur Herausgabe zwölf Wochen später. Autoren mussten gewonnen, Beiträge redigiert, Abbildungen ermittelt, Werbeanzeigen eingeworben und überhaupt die Finanzierung gesichert werden. Nachdem die Stadt es abgelehnt hatte, sich mit Haushaltsmitteln zu beteiligen, übernahm der Verlag Mitte Mai das Risiko. „Niedersachsen“-Schriftleiter Hans Pfeiffer schrieb an Stapenhorst: „Freilich, die ursprünglich geplante, erschöpfende Publikation kann es unter den veränderten Verhältnissen nicht mehr werden; immerhin aber soll es ein abgeschlossenes Städtebild werden, mit dem Sie und auch wir Ehre einlegen können.“ In dieser kurzen Zeit eine umfassende Stadtgeschichte vorzulegen war sicherlich kaum realistisch, wenn man nicht auf bereits vorliegende Manuskripte gehofft hatte. Allerdings legte Pfeiffer in seinem Brief überhaupt erstmalig ein inhaltliches Konzept vor und überließ es Stapenhorst und der Verwaltung, örtliche Experten als Autoren anzusprechen. Immerhin und vor allem rechtzeitig gelang es, auf 64 Seiten Einblicke in die Bielefelder Vergangenheit und Gegenwart zu liefern, zu der Beiträge, Gedichte, zahlreiche Abbildungen und sogar eine sechsseitige Bibliographie zählten, die Lotta Steinhaus (1878-1944) von der Öffentlichen Bibliothek und Prof. Dr. Engels von der Bibliothek für Heimatkunde zusammengestellt hatten.

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Der Bremer Schünemann-Verlag gab in seiner „Niedersachsen“-Reihe eine Jubiläumsfestschrift heraus – das Titelblatt gestaltete Fritz Schreiber (1887-1956); Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, N 150 35 22

Erst Ende Juni entschied eine Jury, bestehend aus Prof. Dr. Max Wrba (1882-1924) und Prof. Dr. Gertrud Kleinhempel (1875-1948), dem Künstler Fritz Eich (1887-1957) und Stadtbaurat Friedrich Schultz, aus den Einsendungen von Mitgliedern der örtlichen Künstlergemeinschaft „Rote Erde“ über die Gestaltung des Titelblatts, das nach Verlagswunsch auf jeden Fall die Sparrenburg zeigen sollte. Die Wahl fiel auf den Entwurf des „genialen“, so die Festschrift, Graphikers und Malers Fritz Schreiber (1887-1956), so dass ein bereits ausgewählter Vorschlag von Victor Tuxhorn (1892-1964) noch verworfen wurde. Schreiber steuerte für die 2. Auflage ein neues Titelblatt bei, das die Neustädter Marienkirche und den Johannisberg zeigte.

Das Festprogramm wurde in diversen Besprechungen festgelegt. Ebenso wurde eine Einladungsliste für den samstäglichen Festakt im Schützenhaus der Bielefelder Schützengesellschaft von 1831 auf dem Johannisberg zusammengestellt. Auf der Hauptliste mit 400 Personen erscheint als drittletzte handschriftlich ergänzt hinter dem Verwaltungsrat der Schützen die jüdische Schriftstellerin Josefa Metz (1871-1943), die 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde und ein Jahr später dort ums Leben kam. Wie preußisch durchreguliert die Abläufe waren, zeigt der Auftrag an den Pächter des Johannisbergs. Friedrich Tänzer sagte zu, für 310 Teilnehmende jeweils „Sülze mit Kartoffelsalat und Remouladentunke, 2 gut belegten Schnittchen (ganze Scheiben in Hälften) […] und gemischten Salat in Schüsseln […] zum beliebigen Nehmen“ zu liefern.

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Kein üppiges Festgelage, sondern ein an Bezugsscheinwirtschaft erinnernde Feier gab es im Schützenhaus auf dem Johannisberg; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I, Nr. 50

Dieses nicht gerade üppige Essen nahm Stapenhorst in seiner Rede im Schützenhaus zum Anlass, auf die schwache Finanzlage der Stadt zu verweisen und die gleichzeitigen Verpflichtungen gegenüber dem Provinzialverband. Der Oberbürgermeister nutzte den Moment für aktuelle Betrachtungen: „Gewiss bleibt manches zu wünschen übrig und das ist gut so, denn eine fertige Stadt kann es nicht geben, würde sie sich dafür halten, so würde sie bald eine veraltete ja tote Stadt sein; es gibt auch Sonderfanatiker, die, wenn sie nicht schnell genug ihre Wünsche erfüllt sehen, die Verwaltung die Bürgerschaft für rückständig halten. Das sind aber Ausnahmen.“ Insgesamt jedoch schätzten die Bielefelder ihre Stadt und setzten sich für sie ein: „In Fragen der hohen Politik geht unsere Bürgerschaft weit auseinander, in Gemeindefragen streben wir aber alle demselben Ziele zu, nicht immer auf demselben Wege, aber alle wollen dasselbe, das Beste für die Stadt und für Ihre Bürgerschaft“. Mit Harmonie-bemühten Jubiläumsphrasen konnten kommunalpolitische Meinungsverschiedenheiten allenfalls am Festwochenende bei Sülze und Schnittchen überdeckt werden, wenn auch die großen Verwerfungen ab 1929 noch nicht absehbar waren. Dennoch muss konstatiert werden, dass bereits die Definition, was denn nun das „Beste“ für Stadt und Bürgerschaft sei, die Kernfrage jeder Kommunalpolitik war. Jenseits aller politischen Differenzen konnte das Bürgerfest am Sonntag jedoch als Ausdruck überparteilichen Gemeinschaftssinns interpretiert werden. Tausende (die Volkswacht schrieb gar 10.000) versammelten sich auf dem Schillerplatz und Ulmenwall, um Jubiläumskonzerte zu hören und zu flanieren – nur die Straßenbahn hielt ihren Fahrplan halbwegs ein, als sie „wie ein ängstlicher Ehemann in Filzpantoffeln […] leise ihren Schienenweg“ entlangschlich, wie die Neue Westfälische Volks-Zeitung am 18. Juli 1921 anmerkte.

Begonnen hatte das Fest-Wochenende mit einem „Jubiläumsrun“ auf die Sparkasse, wie die Westfälische Zeitung am 18. Juli 1921 berichtete. Zahllose Bielefelder kauften die von der Sparkasse herausgegebenen Jubiläums-Notgeldscheine an. Initiiert hatte diese Ausgaben Sparkassendirektor Paul Hanke (1870-1945), gedruckt wurden sie bei der Firma Gundlach. Die Zeitung ärgerte sich aber über Ankäufer, die „nach einer mehr oder weniger kleinen Weile mit einem Seltenheitsaufschlag gewinnbringend“ weiter veräußerten – ein Verhalten, das auch im 21. Jahrhundert bei Gedenkmünz-Ausgaben der Bundesbank im Umfeld der Kavalleriestraße beobachtet werden kann.

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Bei Gundlach wurden Stoff- und Papiernotgeldscheine für das Stadtjubiläum 1921 gedruckt. In der Bildmitte begutachtet möglicherweise – der mit keinem Porträt sicher belegte – Sparkassendirektor Paul Hanke (1870-1945) einen Druckbogen; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 21-6-8

Seit 1917 gab die Stadtsparkasse amüsant-hintergründig gestaltetes Papiernotgeld heraus, das von Anfang an von einer überbordenden Bildsprache und kryptisch anmutenden Sprüchen geprägt war – in diesen Wimmelbildern der Kreditwirtschaft kann der Betrachter schnell die Orientierung verlieren. Diese „Ersatzwertzeichen“ mit geringen Nennwerten sollten ursprünglich den eklatanten Kleingeldmangel beheben, entwickelten aber bald ein Eigenleben, das mit dem Namen Paul Hanke verbunden ist. Der seit 1911 amtierende Sparkassendirektor entwickelte bis 1924 übertriebene Aktivitäten in Gestaltung, Herausgabe und clever-modernem Marketing des Bielefelder Notgelds, vernachlässigte dabei aber seine betrieblich-organisatorischen Führungsaufgaben. Begünstigt wurde dieser Organisationsmangel durch ein Kontrollversagen, als Hanke sämtliche gesetzliche Vorgaben wiederholt ignorieren konnte, um volle Leidenschaft in die Notgeld-Emittierung zu stecken, während Magistrat und Aufsichtsbehörden dem Treiben untätig oder einflusslos zusahen.

Denn die auch als Platzanweisungen, Platzscheine, Wechselscheine oder Schecks bezeichneten Scheine waren spätestens ab 1921 nicht mehr als Ersatzzahlungsmittel gedacht, sondern sollten als niemals eingelöstes Sammelobjekt die Finanzsituation der Stadtsparkasse verbessern. In der – übrigens erst Mitte Mai des Jahres beschlossenen – Festnummer der Ravensberger Blätter 1921 legte der Vereinsnumismatiker Ewald Stange (1877-1953) in seinem Beitrag „Notgeld früher und jetzt“ Betrachtungen zur „Kipper- und Wipperzeit“ im Dreißigjährigen Krieg an, kam aber nicht am aktuellen Notgeld vorbei. Er bezeichnete den Werdegang vom Ersatzzahlungsmittel zum Sammelobjekt als „merkwürdige Liebhaberei“, die immerhin bis ins Ausland ausstrahlte. Und wenn Notgeldscheine für „gute Dollar“ verkauft würden, „kanns ja gleich sein“, ob die gestalteten Scheine „wirklich Geld oder nur eigenartige Bilder“ waren.

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Der 25-Mark-Schein von Karl Muggly thematisiert auch die mühevolle Bielefeld-Durchfahrt der Quadriga vom Brandenburger Tor 1814; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,12/Münzen, Papiergeld und Stoffgeld

Anekdoten – „Schnurren und Bielefelder Döhnekens“ nannte sie Hanke in der Schünemann-Festschrift – aus der Bielefelder Stadtgeschichte waren auf den neuen Scheinen zum Stadtjubiläum 1921 vor allem zu sehen. Bestachen schon die früheren Papier-Notgeldscheine durch Fantasie in Gestaltung und Botschaft, so übertraf ein Teil der die neuen „Serienscheine“ sie bereits durch ihr Trägermaterial: Erstmalig wurde auf Seide und Leinen gedruckt, was Bielefeld eine ungebrochene Sonderstellung in der Notgeld-Geschichte und -Sammlerszene sichert. Für die Gestaltung der beiden 25-Mark-Scheine holte der Werkkunstschullehrer Karl Muggly (1884-1957) historisch weit aus. Ein Schein erinnerte an die 1666 entdeckte, aber recht schnell versiegte Heilquelle auf dem Kesselbrink, der andere an die Durchfahrt der Quadriga vom Brandenburger Tor am 20. Mai 1814 durch Bielefeld. Napoleon hatte diese 1806 demontieren und nach Paris verbringen lassen. Nach seinem Sturz und anschließender (wenn auch nur vorübergehender) Verbannung nach Elba wurde die Quadriga auf den Rückweg nach Berlin geschickt. Für die Durchfahrt des breiten Fuhrwerks durch Bielefeld musste das Nebelstor abgebrochen und am Gehrenberg der dennoch steckengebliebene Wagen regelrecht aus den Hauswänden freigeschlagen werden, was Aussparungen in Schildhaus-ähnlichen Gebäuden auf den Scheinen andeuten. In einer Folgeausgabe 1922 wurden die Deutschen Kriegsverluste 1870/71 und 1914-1918 eingefügt, nicht jedoch die französischen. Bis 1922 hatten sich die Inflation und die politischen Spannungen mit Belgien und Frankreich verstärkt, deren Truppen 1921 Teile der entmilitarisierten Zone im Rheinland besetzt hatten, als Deutschland die als ruinös eingeschätzten Reparationsforderungen aus dem Versailler Vertrag und den Folgekonferenzen nicht erfüllen konnte und wollte.

Die kleine Sechser-Serie von 50-Pfennig-Papiernotgeldscheinen ist dem künstlerisch talentierten Fabrikanten Fritz Schreiber zuzuordnen, der zeitgleich einen 100-Mark-Schein und später ebenfalls in Scherenschnitttechnik gestaltete Seidengeldscheine entwarf und, wie erwähnt, auch die Titelbilder der Schünemann-Festschriften beigesteuert hatte. Die Serie ließ – kombiniert mit der Sage um den „Schmied von Bielefeld“ und mit Rebussen verschlüsselt – die Bürgermeister und Oberbürgermeisters seit 1817 und ihre wichtigsten Leistungen Revue passieren. Indiz für Schreibers Urheberschaft ist das „KWFS“-Monogramm auf den Festschrift-Titelblättern und verschiedenen Scheinen der Sechser-Serie, bei dem es sich um das Logo der Firma (Walter) Klocke & (Fritz) Schreiber handelt. Die beiden Geschäftspartner hatten ihr Gewerbe erst im März 1921 angemeldet, trennten sich aber 1922 bereits wieder.

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Den „Bierkönig“ vor dem stilisierten Schützenhaus auf dem Johannisberg umgeben die Namen, Dienstzeiten und Leistungen früherer Bürgermeister/Oberbürgermeister; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,12/Münzen, Papiergeld und Stoffgeld

Begleitet wurde die Notgeld- und Serienschein-Ausgabe sehr früh von einer aufmerksamen Szene, die über Deutschland hinausreichte und den putzigen Sammelgegenstand als hartes Spekulationsobjekt erkannt hatte. Jede Neuausgabe oder Wiederauflage musste die Marktpreise beeinflussen. Der Bremer Notgeldhändler Rotmann informierte das Reichsfinanzministerium in Berlin im Oktober 1921 beispielsweise, dass die „genügend berüchtigte Notgeldfabrik“ in Bielefeld wieder Stoffgeldscheine ausgeben werde. Mit dieser Bezeichnung konnte der selbstbewusste Hanke offensichtlich gut leben und kokettierte mit ihr, als er in der Stadtsparkassen-Jubiläumsfestschrift 1925 unter der Überschrift „Ein Blick in die Bielefelder Notgeldfabrik“ berichtete. Wenige Wochen nach dem Sparkassenjubiläum 1925 sollte Hanke vorzeitig pensioniert werden. Zur finanziellen Sanierung der Stadtsparkasse hatte die Notgeld-Kampagne zwar erfolgreich beigetragen (jeder nicht eingelöste Schein bedeutete Reingewinn), auch Kundschaft und Einlagesumme waren vergrößert worden, aber Hankes Engagement hatte ein organisatorisches Desaster hinterlassen. Das Kreditinstitut war führungslos in eine strukturelle Krise gerutscht, die schon im März 1923 den Selbstmord seines überarbeiteten Stellvertreters Otto Weise (1871-1923) verursacht hatte.

In die Jubelstimmung von 1921 mischten sich gelegentlich nachdenkliche Töne, die Veränderungen in der Stadt und ihrer Gesellschaft skizzierten, eine vergangen geglaubte Hybris deutscher Weltgeltung kritisierten, aber auch politische Rückwärtsgewandtheit ausgemacht hatten. Dabei mag ein veröffentlichtes Gedicht von der Idee des sog. Heimatschutzes inspiriert gewesen sein, der die Veränderungen im Gefolge der Industrialisierung und ihren Begleiterscheinungen aus Verstädterung und Verlusterfahrungen in Gesellschaft, Normen, Kultur und Natur kritisch begleitete. In der WZ erschien am Festsamstag des 16. Juli 1921 ein Gedicht eines – in den Meldekarteien mit dieser Vita allerdings nicht nachweisbaren – Gustav Prinz, der seine Eindrücke nach angeblich über 40 im Ausland verbrachten Jahren schildert, als er die Straßen und Gassen seiner Heimatstadt durchschreitet und auch Anonymität bis Ablehnung erfährt („Doch sieht mich keiner freundlich an.“): „Wo Wiesen sich und Felder dehnten In meiner Jugend goldner Zeit, Wo Gärten dort am Berghang lehnten, Da dehnt die Stadt sich weit und breit. […] – Ich komm zum Jahnplatz, muß dort weilen, Lang´ schaue ich dem Treiben zu. Was ist das für ein Rennen, Eilen, Ein Jagen ohne Rast und Ruh!“

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„Was ist das für ein Rennen, Eilen, Ein Jagen ohne Rast und Ruh!“ – der Jahnplatz war immer ein Ort der Modernisierung Bielefelds und der Debatte darüber, Foto: 1912; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1076-37

Der Jahnplatz war also (und ist) nicht erst seit der Eröffnung des Jahnplatztunnels 1957 ein wahrgenommener Schauplatz und stadtgesellschaftlich-politisch diskutiertes Experimentierfeld der Modernisierung Bielefelds. Versöhnt gab sich Prinz in seinen Zeilen aber durch das Ensemble von neuem Rathaus und Stadttheater am damaligen Neumarkt (heute Niederwall) und die verbesserte Lage der Arbeiterschaft, zeigt sich aber auch patriotische Regungen, die seinerzeit ungebrochen verbreitet waren und auch völkisch unterlegt wurden. Neben einer Ergebenheitsadresse an den früheren Reichskanzler Otto von Bismarck, dessen Denkmal damals am Schillerplatz gegenüber dem Rathaus stand, appellierte er an die Arbeiter- und damit an die Leserschaft: „Nur einen Rat laßt gern Euch geben: Vergeßt in der Parteien Streit, In Eurem Kämpfen, Eurem Streben Doch nimmer, daß Ihr Deutsche seid! O, wenn Ihr Euch zusammenfändet, Ein einig Volk im Vaterland, In Liebe treu zusammenfändet, Erlahmen müßt´ des Feindes Hand!“ Prinz erkannte drei Jahre nach Kriegsende noch immer den Feind in Frankreich und seinen Verbündeten, die ihre Reparationsforderungen durch die Besetzung von Ruhrgebiets-Städten soeben nachdrücklich verdeutlicht hatten. So konnte das Festwochenende die politischen Diskrepanzen sicherlich nicht einebnen, aber für den Moment leidlich zurücktreten lassen, wenn es galt, die Heimat und Bielefeld zu feiern.

13072021
Kaisersturz in Bielefeld 1921: Das poröse Kaiser Wilhelm-Denkmal vor dem Alten Rathaus musste wegen Ausführungsfehlern und bröckelnden Marmors abgetragen werden; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 72-1-130a

Dagegen werden Passagen des auf der Sparrenburg vorgetragenen Festspruchs aus der Feder des ehemaligen Stadtverordneten Maximilian Koch (1873-?) gerade monarchistisch-nationalen Kreisen nicht gefallen haben: „Wir wollen nicht in alte Fehler fallen Und prahlen ´deutsch allein regiert die Welt´ Und dennoch eifernd an den Glauben krallen, Dass uns der Heimat Art und Sinn gefällt.“ Verschiedene Reden erinnerten an die Kriegsverluste und anhaltenden Belastungen, schlossen aber stets mit einem Bekenntnis zu Deutschland. Es war das Bekenntnis zum alten Deutschland, zum Kaiserreich, das die Volkswacht als einziges monierte. Am 18. Juli 1921 schrieb sie: „Für uns als Sozialdemokraten lag kein Anlaß vor, die Freude der Stadt nicht mit ganzem Herzen zu teilen. Und doch ein Mißklang! Wenn an Stelle der in Mehrzahl gezeigten Fahnen des alten kaiserlichen Deutschlands die Farben des neuen Reiches geprangt hätten, wäre der Mißton gewiß nicht vorhanden gewesen.“ Weite Teile der bürgerlichen Stadtgesellschaft waren, so die Einschätzung des SPD-Blatts, ganz offensichtlich noch nicht in den demokratischen Verhältnissen der Weimarer Republik angekommen, huldigten einer abgeschafften Monarchie. Dessen übrig gebliebenen Anhänger mussten wenige Wochen nach dem Fest einen empfindlichen symbolischen Schlag hinnehmen, als das 1907 errichtete Kaiser Wilhelm-Denkmal vor dem Alten Rathaus am heutigen Niederwall Ende August abgebrochen wurde. Ausschlaggebend für den erneuten Kaisersturz waren aber nicht politische Motive, sondern die mangelnde Eignung des italienischen Marmors und die unzureichende Ausführung des Monuments, das jahrelang ein Dasein des Dahinbröckelns fristete, seit 1916 gar hinter einem Bretterverschlag. Den Klang der Musik am Festwochenende 1921 hatte der poröse Kaiser allenfalls dumpf wahrnehmen und von den Menschenmengen definitiv nichts sehen können – das Kaiserreich war Geschichte, das Denkmal wurde es.

 

 

Quellen:

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I, Nr. 50: 700-Jahrfeier der Stadt Bielefeld, 1921-1926
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I, Nr. 51: Festschrift zur 700-Jahrfeier der Stadt Bielefeld, hg. vom Verlag Karl Schünemann, Bremen, Beiheft, 1921
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I, Nr. 139a: Notgeld, 1917-1924
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 270,1/Historischer Verein für die Grafschaft Ravensberg e.V., Nr. 147: Protokolle, 1909-1945
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 6: Westfälische Neueste Nachrichten v. Juli 1921 (mit Jubiläumsbeilage) u. 18. Juli 1921, Nr. 20: Neue Westfälische Volks-Zeitung v. 18. Juli 1921; Nr. 39: Volkswacht v. 16. Juli 1921 (mit Jubiläumsbeilage) u. 18. Juli 1921; Nr. 50: Westfälische Zeitung v. 16. Juli 1921 u. 18. Juli 1921
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-559-67 (Spielwiesen Olderdissen, 1913), 11-1076-37 (Jahnplatz), 21-6-8- (Stoffgelddruck), 61-19-138 (Prof. Dr. Rudolf Schrader), 72-1-130a (Demontage Kaiserdenkmal)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,12/Münzen, Papiergeld und Stoffgeld
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,13/ Anstecknadeln, Medaillen, Plaketten und Orden, Nr. 372

 

Literatur:

  • Fricke, Wilhelm, Geschichte der Stadt Bielefeld und der Grafschaft Ravensberg, Bielefeld 1887
  • Gerke, Günter, Das Geld der mageren Jahre – als alle Milliardäre waren. Das Bielefelder Notgeld 1917-1924 – Geschichte und Dokumente, Bielefeld 1998
  • Grabowski, Hans-Ludwig, Notgeld der besonderen Art – Geldscheine aus Stoff, Leder und sonstigen ungewöhnlichen Materialien (Deutsches Notgeld, Bd. 9), Regenstauf 2005
  • Grasser, Walter/Albert Pick, Das Bielefeld Stoffgeld 1917-1923. Entstehungsgeschichte und Katalog mit Preisangaben (Die Münze, Bd. 15), Berlin 1972
  • Hanke, Paul, Wie das Bielefelder Notgeld entstand, in: Philatelie und Numismatik 2 (1925), Heft 1/2, S. 10-11
  • Kaleschke, Christoph, „Der Ruf nach Zahlmitteln will nicht enden …“. Zur Rolle der Sparkassen in der deutschen Inflation 1914-1923, in: Harald Wixforth (Hg.), Sparkassen in Mitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert (Jahrbuch der Gesellschaft für mitteleuropäische Banken- und Sparkassengeschichte/Geld und Kapital, Bd. 2), Wien 1998, S. 159-184
  • ders., Paul Hanke und das Bielefelder Notgeld. Eine biographische Skizze, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld 1214-2014, Bielefeld 2013, S. 290-295
  • ders., Fluch oder Segen? Das Bielefelder Notgeld als Instrument der Krisenintervention 1917-1924, in: Westfälische Forschungen 67 (2017), S. 163-215
  • Michael, Wilhelm, Chronik der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1884 (online)
  • Ravensberger Blätter 13 (1913) 21 (1921)
  • Reese, Rudolf, Urkundenbuch der Stadt Bielefeld, in: 9. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (1894), S. II-X u. 1-160
  • Stadt-Sparkasse Bielefeld (Autor: Paul Hanke), 100 Jahre Stadt-Sparkasse Bielefeld 1825-1925, Bielefeld 1925
  • Turtenwald-Quiring, Claudia, „Durchaus nicht in den üblichen Formen …“? — Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal für Bielefeld, in: Ravensberger Blätter 2009, Heft 2, S. 23-36
  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005
  • Westfälisches Urkundenbuch, Bd. 3: Die Urkunden des Bisthums Münster 1201–1300, bearb. v. Roger Wilmans, Münster 1859-1871 (online)

 

Erstveröffentlichung: 01.07.2021

Hinweis zur Zitation:
Rath, Jochen, 16./17. Juli 1921: Bielefeld feiert das 700. (oder 707.) Stadtjubiläum, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2021/07/01/01072021/, Bielefeld 2021

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