13. Juni 1941: Erster großer Luftangriff auf Bielefeld

• Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

Noch heute klafft in der Straße Am Scherkamp im Bielefelder Osten zwischen den Nummern 5 und 9 mehr als eine Nummerierungslücke. Das 1908 erbaute Haus Nr. 7 wurde am 13. Juni 1941 beim ersten großen Luftangriff auf Bielefeld durch zwei gleichzeitige Bombentreffer vollständig zerstört. Im Luftschutzkeller starben der 28-jährige Lackierer Hermann Kahmann, sein im Vorjahr geborener Sohn Rolf und seine Schwiegereltern Heinrich und Auguste Hölling. Allein Hermann Kahmanns Ehefrau Else überlebte mit Verletzungen. Ebenfalls ums Leben kam dort Alwine Klinge, die 1898 im lippischen Hummersen geboren war. Sie gehörten zu den 27 Opfern des 13. Juni 1941.

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Am Scherkamp: Rechts neben der Soldatengruppe die Trümmer des total zerstörten Hauses Nr. 7 – im Bildhintergrund an der querverlaufenden Heeper Straße ein Gebäude der 1938 bis 1940 entstandenen Luftwaffensiedlung; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 3

Museumsleiter Eduard Schoneweg (1886-1969), der seit 1939 die städtische Kriegschronik führte, besichtigte in den Tagen nach dem Angriff die Orte der Zerstörung im Stadtgebiet. Am Scherkamp angekommen, „wo verhältnismäßig die meisten Toten unter den Trümmern lagen“, stellte er sein Fahrrad ab, mischte sich unter die Schaulustigen und tat anschließend seiner Chronistenpflicht genüge: „Dieses Durcheinander von Gesteinsmassen, Dachsparren, Möbelteilen, Matratzen, Betten, Kleiderstücken, Küchengeschirr lässt sich nicht beschreiben.“ Von der Herforder Straße hatte sich eine Familie auf eine Besichtigungstour gemacht, wie die neunjährige Tochter anschließend in einem kleinen, mit einer kindlichen Zeichnung ergänzten Aufsatz an der Stadtheiderschule berichtete: „Am Sonntag, den 15. Juni, nachmittags nach dem Kaffeetrinken gingen meine Eltern, mein Bruder und ich spazieren. Wir wollten uns die zerstörten Häuser ansehen. […] Wir gingen die Brückenstraße herunter, dann bis zum Scherkamp. Dort war kein Haus heil. Ein Haus lag ganz am Boden. Das nächste stand nur halb. Wir gingen weiter […].“

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Eine nach einem Sonntagsspaziergang entstandene Kinderzeichnung zeigt wahrscheinlich Am Scherkamp; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,12/Kriegschronik der Schulen in Bielefeld, Nr. 4 (Ausschnitt)

Neben 2.000 Brandbomben gingen am 13. Juni 1941 mindestens 237 Sprengbomben auf Bielefeld nieder, weitere 56 auf Dornberg, Babenhausen, Vilsendorf und Bethel. Um 0.52 Uhr hatte der Luftangriff begonnen, gegen 2.00 Uhr endete er, erst um 3.50 Uhr wurde Entwarnung gegeben. 40 Gebäude wurden vollständig zerstört, 180 schwer beschädigt, 900 leicht. Allein in den Dürkopp-Werken I bis III brannten knapp 3.900 qm Fläche, am eng bebauten Gehrenberg insgesamt 13 Häuser und an der Einschlagstelle Heeper Straße 35, wo der 66-jährige Kassenbote Adalbert Mirus starb, ein 1.200 qm großes Lagerhaus der Ravensberger Spinnerei. Akribisch dokumentierte die Feuerwehr anschließend 52 Großschadensstellen mit Zerstörungsgrad und Vermerken über eingesetztes Personal und Material, kartierte die Einschläge der Sprengbomben und örtliche Verteilung der Todesopfer im Stadtgebiet.

Von den registrierten Großbränden fanden allein 35 zwischen dem Alten Markt und der Mechanischen Weberei an der heutigen Teutoburger Straße (damals Sadowastraße) statt. Besonders schwer getroffen waren die Dürkopp-Werke sowie das Quartier rund um die Renteistraße, wo die enge Bebauung das geeignete Milieu für die eingesetzten Brandbomben und eine rasche Feuerausbreitung bot. Allein im Haus Gläntzer am Gehrenberg bargen Einsatzkräfte 30 Brandbomben. Der etwa 600 Meter breite und drei Kilometer lange Angriffskorridor entfaltete sich von der Innenstadt ab der Piggenstraße ostwärts im Wesentlichen zwischen der Ravensberger Straße und der Heeper Straße – den Abschluss markierte nahezu der Bereich Am Scherkamp/Nachtigallstraße. Einige wenige Ausreißer registrierte man auf dem Johannisberg, am Grenzweg in Gadderbaum, An der Krücke in Sieker, bei Dodeshöner/Am Schiffberge und in Oldentrup sowie bei den Stadtwerken, wo zwei Gasbehälter, von denen der Werkluftschutzleiter irrtümlich mutmaßte, dass sie zweifellos Angriffsziel gewesen seien, durch Splitterwirkung beschädigt worden waren. Die geschlagenen Lecks konnten aber mit Lehm abgedichtet werden.

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Schäden bei Dürkopp; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 3

In der Innenstadt gab es mit acht Getöteten in Relation zu den dortigen Bombeneinschlägen vergleichsweise wenige Todesopfer, während am nördlichen (Osnabrücker Straße) und östlichen (Am Scherkamp) Rand des Einschlagsgebiets jeweils fünf Menschen starben. Diese Gebäude hatten Bombenvolltreffer erhalten, so dass auch ausgebaute Keller keine Leben retten konnten. Bis 1940 waren 25 größere öffentliche Luftschutzräume eingerichtet worden, die acht großen Luftschutzbunker entstanden erst zwischen 1942 und 1944. Unter den 27 Todesopfern des Luftangriffs befanden sich auch fünf österreichische Soldaten des 1939 in Graz aufgestellten Landesschützen-Bataillons 909, das erst seit Anfang 1941 in Bielefeld lag. Darüber hinaus wurde ein österreichischer Schütze des Landesschützen-Regimentsstabs z.b.V. 183 getötet. Die genauen Sterbeorte der auf dem Zionsfriedhof beigesetzten Soldaten sind nicht zu lokalisieren, jedoch zeigen die Übersichtskarten der Feuerwehr keine Bombeneinschläge auf die Kasernen an der Detmolder Straße. Etwa 30 LKW brannten dagegen beim sog. Heimatkraftfahrpark in der Mühlenstr. 66 aus, wo sich heute ein Spielplatz befindet.

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Drei Kissendoppelgrabsteine tragen die Namen und Lebensdaten der sechs getöteten österreichischen Soldaten; Foto: Stadtarchiv Bielefeld, 2021

Noch während der Attacke hatte die um 1.15 Uhr alarmierte und später von 19 Löschzügen aus der Umgebung und Werksfeuerwehren unterstützte Feuerwehr mit der Brandbekämpfung begonnen. Um 2.07 Uhr waren Nachbarwehren kontaktiert worden, allerdings hatten sich Löschzüge aus Detmold, der zuerst eintraf, Gütersloh, Lage, Schötmar, Brackwede und Herford „auf Grund des festgestellten Feuerscheins über Bielefeld“ bereits selbständig auf den Weg gemacht. Nach den Löscharbeiten kamen Wehrmacht, der Sicherheits- und Hilfsdienst (SHD) und die Technische Nothilfe zum Einsatz, um Fassaden, Vermögenswerte und die etwa 30 Blindgänger zu sichern. Einer lag unmittelbar vor der Löwen-Apotheke, weshalb der Jahnplatz noch mehrere Tage abgesperrt blieb, wie Schoneweg angesichts der „völligen Verödung“ schrieb: „Nur die elektrische Strassenbahn Linie 2 fährt z. B. vom Rathaus in Richtung zum Bahnhof in grösster [!] Geschwindigkeit über den Platz, aber zu Fuss kann man ihn nicht überschreiten.“ Bei der Sprengung des Jahnplatz-Blindgängers wurden noch zwei Personen, die in der Nähe des heutigen Alten Rathauses standen, durch umherfliegende Splitter verletzt.

„Ein erster Eindruck“ überschrieb Schoneweg am 15. Juni 1941 seine Erinnerungen in der Kriegschronik, die schon erhebliche Fehler aufwiesen, da er den Sirenenalarm auf 2.30 Uhr ansetzte, was deutlich zu spät war. Im Keller seines Hauses Kastanienstraße (heute Regerstraße) 8 hatte er den Luftangriff mit seiner Familie erlebt: „Die Flak setzte ein, als auch schon mit einem sonderbaren, schaurig anzuhörenden Pfeifen die ersten Bomben krachten. […] Nachdem unter ungeheurem Krachen in einiger Entfernung Bomben gefallen waren, hörten wir die Flieger unmittelbar über uns, und es fiel dann eine Serie von 7 oder 8 Sprengbomben, die in nächster Nähe eingeschlagen haben mussten. Das ganze Haus erbebte. Von der Decke des Luftschutzkellers fiel der Kalk. Die Fenster meines Hauses erklirrten und fielen unter lautem Getöse heraus.“ Diese Bombeneinschläge können anhand einer Karte der Feuerwehr im Bereich exakt zwischen Lessingstraße und Promenade lokalisiert werden. Schoneweg weiter: „Eine ältere Dame, die sich sonst im Luftschutzkeller ruhig verhalten hatte, betete laut, sodass es Mühe kostete, sie zu beschwichtigen. Meinem Sohn […] – 15 Jahre alt – vergingen seine üblichen Scherze. Ich habe meine Kinder nie so ernst gesehen; sie fühlten, dass es hier nur eine Frage gab: Sein oder Nichtsein. Die fortgesetzten Erschütterungen des Hauses, dazu der eigenartige Karbidgeruch, der in den Keller eindrang, ferner die Tatsache, dass das elektrische Licht ausging, und das über zwei Stunden andauernde Krachen der Bomben erweckte in uns den Eindruck, dass es sich um einen Grossangriff von ungeheurem Ausmass handeln musste. […] Als nach etwa zwei Stunden das Krachen der Bomben und das Schiessen der Flak aufhörte, wagten wir uns auf die Strasse, und waren entsetzt, von dort aus den hellen Widerschein eines Brandes zu sehen, der in der Gegend der Dürkoppwerke wüten musste. Der ganze Himmel war rot von der Feuersbrunst. […] Ich sah Hans Gundlach vor seinem Heim [Lessingstr. 30] herumirren und erkannte ihn zunächst nicht wieder; er schien um 10 Jahre älter geworden zu sein.“

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Schäden an der Obernstraße; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 3

Schoneweg besichtigte am Folgetag die Innenstadt: Gehrenberg, das Crüwellhaus mit intaktem Treppengiebel, aber zerstörtem Hinterhaus, das Rathaus am Alten Markt und die Krummachersche Apotheke. Der Jahnplatz war „völlig menschenleer. Das Haus der Technik, Jahnplatz 5, das Haus Woolworth, Jahnplatz 4, und die Loewen-Apotheke schienen besonders mitgenommen zu sein.“ Die berühmte Jahnplatz-Uhr war um 2.27 Uhr stehen geblieben. Die Druckwelle einer im Rathausinnenhof explodierten Sprengbombe zerstörte die 1904 installierten farbigen Glasfenster mit Darstellungen Bielefelder Industrie und Handels: „Ein grosser Verlust ist das nicht; sie waren Kinder ihrer Zeit und werden leicht durch bessere zu ersetzen sein.“ Selbst unter diesen Umständen kehrte der Museumsleiter eine kunsthistorische Expertise heraus, die er schon vor der NS-Zeit meinungsstark und rassistisch aufgeladen vertreten hatte, als er beispielsweise ein Werk Karl Mugglys (1884-1957) kritisiert hatte.

Das zerbombte Bielefeld hatte auch Neugierige aus Nachbarorten angezogen. Fritz Geise aus dem lippischen Lage vermerkte in seiner Kriegschronik mit selbst- und verwaltungs-, vielleicht sogar parteidienstellen-kritischen Ansätzen: „In Bielefeld wird uns nun anschaulich vor Augen geführt, was wir hundert mal mit ruhigem Gleichmut von England uns angehört haben. Die Leute sind von den Eindrücken in der heimgesuchten Nachbarschaft ganz erschüttert. Was sich ihnen an Unheil dort gezeigt hat, ist viel schlimmer, als ihre Erwartungen.“ Gleichwohl wurde aus dem Gesehenen oftmals Übertreibung, wie Geises Chronik belegt: Café Europa „in Trümmern“, Haus der Technik, wo der Hausmeister Nikolaus Böning ums Leben gekommen war, „verschwunden“, Opitz eine „Brandruine“, Löwen-Apotheke am Jahnplatz „total zerschlagen“, Dürkopp „ganz u. gar zerstört“ – die Opferzahlen wurden auf 60 bis 180 geschätzt: „Die Angaben werden aber wohl übertrieben sein, wie das meistens der Fall ist, wenn die amtlichen Stellen sich ausschweigen.“

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Zwischen angetretenen Parteiformationen und den Hinterbliebenen und Vertretern von NSDAP, Verwaltung und Wehrmacht fuhren SHD-Fahrzeuge mit Särgen über den Schillerplatz (heute Niederwall); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 3

Geises Anmerkung deutet auf eine weitgehende Nachrichtensperre nach dem Luftangriff. Tatsächlich war die Presseberichterstattung über die Folgen des Bombardements vergleichsweise dünn und durchweg unbebildert, lediglich die propagandistisch aufgeladenen Artikel über die Beisetzungsfeiern nahmen wenige Tage später breiten Raum ein. Die Westfälischen Neuesten Nachrichten hatten am 14. Juni 1941 in 25 Zeilen sehr allgemein über Todesopfer und Schäden berichtet und eine Rache-Ankündigung angehängt, die niemandem etwas nützte: „Auch dieser britische Nachtangriff auf Bielefelder Heimstätten gehört in die Reihe jener Taten, auf die die deutsche Luftwaffe die gebührende Antwort geben wird.“ Überlagert wurde der Artikel durch einen umfänglichen und bebilderten Bericht über Flak-Soldaten, der merkwürdig deplatziert wirkt, da er keinerlei Bielefeld-Bezug aufwies und allenfalls als verspätetes Versprechen eines zukünftig verbesserten Luftschutzes und einer erfolgreichen Luftabwehr verstanden werden konnte. Die Westfälische Zeitung kam sogar mit elf dürren Zeilen aus. Auch der Mantelteil der Westfälischen Neuesten Nachrichten v. 16. Juni 1941 mit den Meldungen des Oberkommandos der Wehrmacht lieferte kaum weitere Erkenntnisse: „Der Feind warf in der letzten Nacht an einigen Stellen in Westdeutschland Spreng- und Brandbomben. Die Zivilbevölkerung hatte Verluste an Toten und Verletzten. Militärischer oder wehrwirtschaftliche Schaden entstand nirgends. Flakartillerie schoß zwei der angreifenden britischen Flugzeuge ab.“ Angesichts der allein für Bielefeld registrierten Opfer und Schäden nahm sich der Erfolg der deutschen Luftabwehr bescheiden aus.

Schoneweg ließ in der Städtischen Kriegschronik, die er seit 1939 führte, immer wieder kritische Stimmen und Stimmungen durchschimmern, sich selbst aber in seiner gefestigten nationalsozialistischen Haltung kaum erschüttern. Wahrscheinlich wäre eine amtliche Kriegschronik auch kaum der geeignete Platz für persönliche Zweifel gewesen. Dennoch vermerkte er in der Kriegschronik: „Die Bagatellisierung des Grossangriffs auf Bielefeld in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni […] erregte allgemeine Entrüstung bei der Bielefelder Bevölkerung. Immer wieder konnte man hören: ´Dann lieber über den ganzen Vorgang schweigen, als solch einen Bericht bringen!´“

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Die Zeitungsberichte fielen dünn aus, was die Bevölkerung empörte; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 3

Auf etwa 100 Seiten und mit 143 Fotos von Schäden, Blindgängern und der Trauerfeier ist der Luftangriff vom 13. Juni 1941 der am umfangreichsten dokumentierte in der Kriegschronik. Schoneweg und von ihm beauftragte Fotografen konnten sich weitgehend ungehindert bewegen, Stimmungen und Motive einfangen. Der Umfang der Berichterstattung in der Kriegschronik stieß offensichtlich auf wenig Gegenliebe bei der Parteiführung. Geradezu zerknirscht sandte Schoneweg am 24. Juni 1941 dem für die Kriegschronik tätigen Fotografen Karl Schröder einen neuen Foto-Erlaubnisschein, den Stadtrat Karl Heidemann (1895-1975) ausgestellt hatte, mit der Bemerkung zu: „Allerdings ist damit nun nicht allzuviel anzufangen. Ich möchte Sie aber bitten, der Genehmigung entsprechend Schäden, die durch Feindeinwirkung entstanden sind, nicht zu fotographieren. Dagegen ist alles erwünscht, was sonst auf den Niederschlag des Krieges in Bielefeld Bezug hat. Das Beste ist wohl, wir sprechen uns über die zu wählenden Motive noch einmal mündlich aus.“ Anfang Juli 1941 wurden auf Anweisung des stellvertretenden NSDAP-Kreisleiters erteilte Fotoerlaubnisse wieder eingezogen, „da es lt. einer Verfügung des Ministers verboten ist, durch feindliche Bomben angerichtete Schäden zu fotographieren“, was Schoneweg in seinem Dokumentationsauftrag erheblich zurückwerfen musste.

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Die Westfälischen Neuesten Nachrichten lehnten eine Veröffentlichung einer städtischen Todesanzeige aus „Abwehrgründen“ ab; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,2/Hauptamt, Nr. 285,2

Wie weit die Propaganda- und Geheimhaltungsmaschinerie gehen konnte, zeigte sich anhand des von Oberbürgermeister Fritz Budde (1895-1956) bereits am 17. Juni 1941 an die Presse gegebenen Nachrufs der Stadt für die bis dahin bekannten 19 Todesopfer, die „ihr Leben im Kampf für Grossdeutschlands Freiheit“ gegeben hätten. Die Anzeigen-Abteilung der WNN beschied den OB recht lapidar mit einer ohne Anrede eingeleiteten Mitteilung: „Die oben bezeichnete Anzeige darf aus Abwehrgründen nicht erscheinen“. In den WNN am 16. Juni 1941 erschienene Todesanzeigen von Familie, NSDAP und Reichsbahn für den Lokomotivführer und Parteigenossen Georg Nolte, der in der Ravensberger Straße 27 gestorben war, hatten seinen Tod gar als Folge eines „Unglücksfalls“ getarnt.

Während die Ergebnisse des Angriffs am Boden von deutscher Seite ausgesprochen gut dokumentiert sind, bleiben der Verlauf am Himmel und Hintergründe bis auf Weiteres rätselhaft. Im Juni 1941 verfügte die britische Royal Air Force (RAF), die im Vorjahr siegreich aus der Luftschlacht um England hervorgegangen war, noch nicht über genügend Bomber mit notwendiger Reichweite, um das gesamte Deutsche Reich permanent und nachhaltig zu attackieren. Die Analysen über die von Bomberpiloten euphorisiert dargestellte Treffergenauigkeit ernüchterten die größten Optimisten. Der dem Bomber Command vorgelegte Butt-Report vom 12. August 1941 stellte anhand der Auswertung von 600 Luftaufnahmen aus Juni/Juli 1941 fest, dass lediglich ein Drittel aller eingesetzten Bomber einen Radius von 8 Kilometern (!) um das vorgegebene Ziel im Altreich und in den besetzten Gebieten überhaupt erreichte, über Deutschland selbst waren es lediglich 25 %, über dem Ruhrgebiet gar nur 10 %. Diese Quoten sagten noch nichts über die Treffergenauigkeit der Bombenabwürfe aus. Das Bomber Command steckte in einer Krise und rang um Effizienz, Anerkennung und Förderung, was am besten durch Erfolge erreicht werden konnte. Es experimentierte in dieser Phase nach der berühmten Devise des „Trial and Error“, um sich in eine wirksame Luftkriegsstrategie hinein zu bomben, die von der Stärke feindlicher Luftabwehr, vor allem aber eigener Technik und Kapazitäten abhing. Arthur Harris (1892-1984), der später zum Kommandeur des RAF Bomber Command avancierte, äußerte, man habe sich seinerzeit in einem „Entwicklungsstadium halbwegs zwischen Flächen- und Präzisionsbombardement“ befunden. Überlegungen, die deutsche Bevölkerung durch Luftangriffe auf Wohnviertel zu zermürben („Morale Bombing“) und so einen Aufstand gegen das NS-Regime herbeizuführen, waren noch nicht ausgereift und sollten erst unter seiner Führung Auftrieb erhalten.

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Die Städtische Feuerwehr kartierte die Bombeneinschläge der Angriffe v. 13. Juni und 6. Juli 1941; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne, Nr. 2563 (Ausschnitt)

Im Frühsommer 1941 konzentrierte sich die RAF auf Verkehrsziele, also insbesondere Gleisknotenpunkte und Verschiebebahnhöfe rund um das Ruhrgebiet, dessen kriegswichtige Produktion abgebunden werden sollte. Die Reichsbahnanlagen in Hamm, Osnabrück, Duisburg-Ruhrort, Düsseldorf, Köln-Kalk, Schwerte und Soest, die rund ein Drittel des Bahnaufkommens im Deutschen Reich ausmachten, gerieten in den Fokus des Bomber Commands. Ausgedehnte Verschiebebahnhöfe waren als Ziel umso attraktiver, da sie im Gegensatz zu enger begrenzten Industrieobjekten mit geschätzten 16 % der abgeworfenen Bomben eine höhere Trefferwahrscheinlichkeit versprachen.

Nachdem in der Nacht zuvor Duisburg mit starkem (445 Tonnen Bomben gingen nieder) und Düsseldorf wegen schlechterer Wetterbedingungen mit mäßigem Erfolg bombardiert worden waren, waren für 339 RAF-Maschinen am Fronleichnamstag des 12. Juni 1941 Angriffsbefehle für die 2. Nachthälfte ausgegeben worden: 91 Hampden-Bomber sollten Soest, 80 Whitleys und 4 Wellingtons Schwerte ansteuern, 61 Wellingtons waren auf Osnabrück und 82 Wellingtons auf Hamm angesetzt worden, dessen Verschiebebahnhof sich im Kriegsverlauf nach Berlin und den Leuna-Werken bei Merseburg zu einem der drei Toppziele der US Airforce in Europa entwickeln sollte. Für elf Halifaxes und 7 Stirlings standen Chemieanlagen in Hüls im Angriffsbefehl, für zwei weitere Maschinen Rotterdam und für nur eine Emden. Lediglich 219 der 339 Maschinen griffen tatsächlich Ziele an, andere waren erst gar nicht aufgestiegen, kehrten wegen technischer Probleme zurück oder konnten ihre Bombenlast nicht abwerfen – fünf gingen verloren.

Bielefeld stand nicht in den Einsatzbefehlen, war eigentlich vom Ruhrgebiet schon zu weit entfernt. Die befohlenen Primärziele Soest und Schwerte lagen unter Wolken und Dunst, während das Kriegstagebuch („War Diary“) des Bomber Commands für Hamm und Osnabrück bei besseren Wetterbedingungen abschließend „good bombing“ vermeldete. Allerdings neigten die eingesetzten Staffel-Führer in ihren Berichten häufig zu Übertreibungen, wie Überprüfungen anhand von Luftaufnahmen belegten, die während und nach den Angriffen entstanden waren. Die Kriegschronik des Oberlandesgerichts Hamm vermeldete für diese Nacht lediglich den Einschlag von sieben Sprengbomben auf dem Großen Exerzierplatz, was in einem unübersehbaren Missverhältnis zu 82 eingesetzten Bombern zu stehen scheint. Auch die Soester Polizei verzeichnete nur neun Bombeneinschläge im Stadtgebiet. Möglicherweise fanden aber stattgefundene Bombardierungen der Gleisfelder keinen Eingang in die lokalen Berichte. Für Osnabrück liegen sogar überhaupt keine Hinweise auf einen Luftangriff in dieser Nacht vor.

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Ein 1939 entstandenes deutsches Luftbild zeigt südlich (rechts oberhalb) des Stadttheaters den ausgedehnten Dürkopp-Komplex; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 12-2-361

Mehrere Ansätze sind denkbar, um den Angriff auf Bielefeld zu erklären. Sie basieren durchweg auf der Annahme eines Zielfehlers, denn Bielefeld taucht in keinem Einsatzbefehl oder -bericht auf, war also als bombardiertes Ziel auch nachträglich nicht erkannt worden. Zuzuschreiben ist dieser Zielfehler wahrscheinlich größeren Teilen der Hamm- und/oder der Osnabrück-Gruppe, jeweils mit anschließender Verwicklung von Maschinen der Soest-Gruppe. An dieser Stelle nicht weiterentwickelt werden Überlegungen, den Bielefeld-Angriff der Schwerte-Gruppe zuzuschreiben, was ebenfalls nicht völlig auszuschließen ist. Interessant sind Hinweise aus der 83. RAF-Bomberstaffel: Nachdem Soest wegen schlechter Sicht nicht zu attackieren war, bombardierten drei Maschinen andere Städte: Ein Pilot glaubte, seine Bomben auf Dortmund abgeworfen zu haben, zwei weitere gingen von Hamm aus, das zeitgleich mit ihnen von Wellingtons angegriffen worden sei.

Gerade die Erwähnung der Wellington-Bomber mag für eine Rekonstruktion des Geschehens über Bielefeld Hinweise geben. Wellingtons konnten 4.500 lbs (1 lbs/angloamerikanisches Pfund = 454 g) laden, was je nach Gewicht 9 bis 18 Sprengbomben entsprach. Auf Hamm warfen 74 der angesetzten 82 Wellingtons lt. Einsatzbericht angeblich 48,9 short tons (eine short ton = 907,18 kg) Bomben ab, wo aber laut örtlichen Quellen insgesamt nur 7 Bomben niedergingen. 53 der insgesamt 61 gegen Osnabrück kommandierten Wellingtons sollen die Stadt mit einer Bombenlast von 82,2 short tons belegt, aber keine Brandbomben eingesetzt haben, – deutsche Quellen für einen derartig dimensionierten Angriff auf Osnabrück liegen aber nicht vor. Angesichts der Bielefelder Bombenmengen kann es so gewesen sein (Hamm-/Osnabrück-Theorie), dass Teile der mit einer deutlich höheren Bombenstückzahl als die Soester Hampdens ausgestatteten Wellingtons aus der Hamm- und/oder Osnabrück-Gruppe Bielefeld bombardierten und auch das ausgegebene Ziel unter sich glaubten, während der Feuerschein anschließend Hampden-Maschinen mit Brandbomben z. B. der 83. und weiterer Staffeln aus der Soest-Gruppe anzog, deren Mannschaften sich ebenfalls über Hamm wähnten. Das mag auch die zeitliche Länge des Angriffs mit mehr als einer Stunde erklären. In der Hamm-Hypothese kann auch der ausgedehntere Güterbahnhof Brackwede eine Rolle spielen, der mit dem Verschiebebahnhof Hamm verwechselt worden sein könnte. Allerdings registrierte eine Statistik der Amtsverwaltung Brackwede im gesamten Juni 1941 weniger als zehn Bombeneinschläge, bei der Treffer der Gleisanlagen aber eventuell nicht berücksichtigt wurden.

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Bislang nur eine durch nichts zu belegende Vermutung: Wurde der Güterbahnhof Brackwede mit dem ungleich ausgedehnteren Verschiebebahnhof Hamm verwechselt? Foto: Moritz Beyer, ca. 1934; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 23-4-22 (Ausschnitt)

Für eine Verwechslung Bielefelds mit Osnabrück spricht weniger die mit 43 Kilometern kürzeste Luftlinie zwischen beiden Städten (Soest: 58; Hamm: 62, Schwerte: 92), denn alle eingesetzten Bombertypen erreichten eine Höchstgeschwindigkeit von um die 400 Stundenkilometern, so dass die Flugdauer von Osnabrück nach Bielefeld knapp 7 Minuten betrug, von Soest und Hamm nur zwei Minuten mehr und selbst von Schwerte fiel sie gerade doppelt so lang aus. Ein unbemerktes Überschießen des Primärziels ist für alle denkbar, denn die Maschinen brachten sich bei ihren Nachteinsätzen zunächst noch mittels „Dead Reckoning“ ins Zielgebiet. Diese Koppelnavigation setzte sich aus Bewegungsrichtung, Geschwindigkeit und einem Kartenabgleich an Bord zusammen und war alles andere als zuverlässig, so dass Abweichungen von 7, 9 oder 14 Minuten angesichts der Gesamtflugdauer unerheblich erscheinen. Osnabrück und Bielefeld teilten indes im Luftbild eine leidliche Ähnlichkeit der Stadtbilder mit einer hufeisenförmig-gerundeten Altstadt, die Lage am Osning und das Fehlen eines größeren, bei Mondschein identifizierbaren Flusses (Hamm dagegen liegt an der Lippe), was allerdings alles bei abnehmendem Dreiviertelmond hätte erkannt werden müssen. Die Bielefelder Sprengbombeneinschläge (293 Stück) passen allein zu den berichteten Abwurfmengen der Osnabrück-Gruppe, denn nur diese kann auf knapp 300 der 250-lbs-Bomben umgerechnet werden, während 500-lbs-Bomben die Anzahl bereits halbieren. Die Abwurfmengen der Hamm-Gruppe lägen noch darunter (48,9 short tons = 177 x 250-lbs-Bomben oder 89 x 500-lbs-Bomben). Sollten gar schwerere Sprengbomben verwendet worden sein, verringert sich deren Anzahl pro Maschine weiter. Schoneweg beschreibt den Blindgänger vor der Löwen-Apotheke am Jahnplatz als eine „10-Zentner-Bomber“, was 500 kg (= 1.102 angelsächsischen lbs) entspricht und auf eine 1.000-lbs-Bombe deutet.

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Der Blindgänger vor der Löwen-Apotheke blockierte tagelang den Jahnplatz; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 3

Die Soest-Theorie basiert auf der Tatsache, dass wegen schlechter Sichtverhältnisse („visibility was poor“) nur 42 der 91 auf Soest angesetzten Bomber die Stadt und Gleisanlagen bombardiert hatten. Sollte Bielefeld als fehlinterpretiertes Ausweichziel „Hamm“ für einige der 49 verbleibenden Hampden-Bomber, die jeweils acht 500-lbs- oder 16 der 250-lbs-Pfund-Bomben laden konnten, in Frage kommen, dann könnte diese zusätzlich auch die Brandbomben abgeworfen haben, die im Osnabrück-Bericht der RAF fehlen. Eine Hampden der 44. Bomberstaffel, die ebenfalls Soest attackieren sollte, stürzte beim Wasserschloss Oberwerries nordöstlich von Hamm ab – die vier Besatzungsmitglieder verstarben. Vermutlich mit Genugtuung berichtete Schoneweg in der Bielefelder Kriegschronik, dass ein bereits brennend aus Richtung Bielefeld kommender Bomber in der Angriffsnacht auf den Lippe-Wiesen bei Werries abgestürzt sei, während andere Quellen aus Hamm den Abschuss örtlicher Flak zuschreiben.

Auffällig ist die zeitliche Dehnung des RAF-Angriffs mit etwas mehr als einer Stunde, was mit Nachzüglern anderer Bombergruppen erklärt werden kann, während der Hauptangriff vom 30. September 1944 mit 266 amerikanischen B 17-Bombern nur 30 Minuten dauerte. Erst ab 1942 waren Angriffe in massierten Bomberströmen mit hoher Stückzahl (im Luftwaffenjargon ein „Dicker Hund“) und den bekannten Bombenteppichen weitgehend „durchchoreographiert“, 1941 beruhte vieles noch auf überschaubaren Kräften, auf Experimentieren, Zufall und sogar Irrtum. Die Meldungen der Flugzeugführer und die anschließenden Berichte der Bomberstaffeln belegen eine noch nicht ausgereifte Einsatzkoordination, eine Orientierungslosigkeit am Himmel und eine (sogar noch nachträglich) unzureichende Zielidentifizierung. Dieses illustrieren beispielhaft Einsatzdaten der 44. und 49. Staffel, die zwar jeweils 25 Maschinen zählten, aber nur mit einigen ihrer Hampden-Bomber Soest angreifen sollten: Von 17 der für den Angriff vorgesehenen Maschinen der 49. Staffel stiegen 13 überhaupt auf, von denen lediglich vier Soest bombardierten, die übrigen neun sich auf Dortmund, Hamm und Münster verteilten. 16 Maschinen der 44. Staffel hoben zwischen 22.45 und 23.05, ein Nachzügler erst um 23.30 Uhr ab. Abgesehen von einer Hampden dieser Staffel, die bereits um 3.10 Uhr zurückkehrte und für die technische Probleme anzunehmen sind, landeten 14 zwischen 3.55 und 5.45 Uhr, zwei weitere gingen samt ihren jeweils vierköpfigen Besatzungen verloren. Der große zeitliche Abstand von 110 Minuten zwischen dem Aufsetzen der ersten und letzten Hampden im „Aerodrome“ Waddington sprechen gegen einen konzentrierten Einsatz der Staffeln, sondern belegen die regelmäßig eingetretene Zersplitterung der Kräfte: Mangels Zielerkennungstechnik flog man auf Sicht, fehlte diese, konnte eine Staffelformation völlig zerreißen oder sich gar regelrecht verfliegen: Einige Maschinen bombardierten erfolgreich das ausgegebene und als solches (vermeintlich) identifizierte Ziel und machten sich auf den Rückweg über den Kanal, andere suchten unter Flakbeschuss und Nachtjägerattacken noch Wolkenlücken, während weitere schon längst aufgegeben und die Suche nach Ausweich- oder Gelegenheitszielen eingeleitet hatten, sich dabei vielleicht von vorhandenem Feuerschein leiten ließen und sogar Bomber anderer Staffeln mit- und nachzogen.

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Schäden am Jahnplatz und am Gehrenberg; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 3

Für die Nachrangigkeit Bielefelds als Bomberziel in dieser Phase sprechen die Relationen von Luftangriffen und eingesetzten Maschinen. Für Bielefeld registrierte die RAF 1941 drei reguläre Primärziel-Einsatzbefehle für insgesamt 67 Bomber (jeweils 33 Maschinen am 5./6. Juli 1941 u. a. gegen das Gaswerk und am 8./9. Juli 1941 gegen Stromversorgung – Bombardierung nicht erfolgt – sowie eine Einzelmaschine am 12./13. August 1941), für Soest dagegen 1/91, Schwerte 2/126, Hamm 3/201 und Osnabrück 5/231. Die Anzahl eingesetzter Maschinen pro Angriff war bei den vom Bomber Command bevorzugten Zielobjekten mit Gleisanlagen ungleich höher als bei Bielefeld (3/67) oder auch Dortmund (4/124). In dieser RAF-Statistik fehlt natürlich der Angriff vom 13. Juni 1941, weil Bielefeld nicht das erklärte und auch nicht erkanntes Ziel war. Gelegentlich gab es mit wenigen Bombern ausgeführte Operationen (minor operations), manchmal sogar welche mit einer einzigen Maschine.

Bielefeld war am 13. Juni 1941 kein Primär- und auch kein definiertes Ausweich- oder Gelegenheitsziel, sondern nur ein irrtümlich getroffenes und von den Piloten und Einsatz-Analysten der RAF nicht einmal nachträglich identifiziertes Fehlziel. Erst Anfang Juli 1941 wurde die Stadt zwei Mal zum Primärziel erklärt, aber nur einmal bombardiert. Aufklärung über einen anzunehmenden Zielfehler werden die Einsatzberichte der Bomberstaffeln kaum liefern, da diese das ausgegebene und vermeintlich erkannte Primärziel benennen, aber nicht das tatsächliche. Zwei andere Quellengruppen können allenfalls Lichts ins Dunkel der Geschehnisse der ersten großen Bombennacht Bielefelds bringen: Einerseits während des Einsatzes entstandene Luftaufnahmen, von denen die der Monate Juni/Juli 1941 als Auswertungsbasis für den Butt-Report dienten, andererseits eine Dokumentation der von deutschen Kräften entschärften oder halbwegs kontrolliert gezündeten Blindgänger, die anhand von Gewichtsangaben oder anderen Merkmalen zumindest Flugzeugtypen zugeordnet werden können.

Im Ergebnis mit zerstörten Wohnhäusern und Innenstadt-nahen Produktionsstätten (Dürkopp) passt der Angriff auf Bielefeld nicht so recht in die seinerzeit verfolgte Verkehrsziele-Strategie der RAF, außer der Bahnhof Brackwede wurde als der Verschiebebahnhof Hamm fehlinterpretiert, anschließend aber nicht getroffen – die deutlichen Zielabweichungen entsprechen präzise den Befunden des Butt-Reports. Die Bielefelder Bahnhöfe – der Hauptbahnhof, der Güterbahnhof und der Ostbahnhof – wurden am 13. Juni 1941 nicht getroffen, auf die Stadtwerke gingen lediglich zehn der insgesamt 237 Bomben nieder.

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„1 Führerbild 11 Mark“ – Die neunseitige Schadensersatz-Liste für das totalzerstörte Objekt Am Scherkamp 7; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,5/Ausgleichsamt, Nr. 11283: Gebäude- und Hausratschaden Am Scherkamp 7

Heinrich Hölling und seine Schwester Ilse wandten sich bereits Ende Juli 1941 an die städtische Fliegerschäden-Abteilung, um Schadensersatz für den Totalverlust des Hauses Am Scherkamp 7 samt Einrichtung geltend zu machen. Auf neun Seiten stellten sie den gesamten Hausrat mit Möbeln, Geschirr, Bekleidung etc. zusammen und taxierten ihn, so u. a. ein Radio (Mende) mit 160 Mark, ein Schrupper 1 Mark, zwei Schmortöpfe 6 Mark, ein Plüschsessel 35 Mark, ein Damenpullover 25 Mark und aus dem Wohnzimmer die beiden Aschenbecher im Gesamtwert von 10 Mark, die Palme im Holzkübel 12 Mark sowie preislich dazwischenliegend das „Führerbild“ mit 11 Mark, das kaum wertvoller erschien als die drei großen Steintöpfe aus dem Keller mit „Schnippe[l]bohnen und Sauerkraut“ (10 Mark).

Die Wertschätzung des „Führers“ sah offiziell freilich ganz anders aus. Schoneweg gewährte in der Kriegschronik unter einem Zerstörungsbild, das Am Scherkamp entstanden war, einen unverstellten Einblick in seine gefestigt nationalsozialistisch und hegemonial geprägten Überzeugungen: „Mit tiefster Verbitterung gegen den Weltfeind, aber auch gefasst und voller Vertrauen standen die Menschen vor diesen Trümmerstätten. Jeder weiss: Der Führer und unsere Wehrmacht werden einen Frieden schmieden, der allen Generationen nach uns die Schrecken eines solchen Krieges erspart.“ Offensichtlich meinte der auf einen Sieg-Frieden setzende Schoneweg Mitte Juni 1941 mit „Weltfeind“, trotz antisemitischet Einstellungen, nicht das Judentum und auch nicht den „Bolschewismus“, gegen den erst eine Woche später ins Feld gezogen wurde – der „Weltfeind“ war für ihn und viele andere Großbritannien.

#15_Am_Scherkamp_7_Foto_StArchBI_109_05_11283
Phantomartig erscheint auf dem Foto der Giebel des untergegangenen Hauses Am Scherkamp 7; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,5/Ausgleichsamt, Nr. 11283: Gebäude- und Hausratschaden Am Scherkamp 7

Dem Angriff vom 13. Juni 1941 folgte am 5./6. Juli ein kleinerer mit sieben Todesopfern – beide waren von dem, was 1944 folgte, aber weit entfernt. Im lippischen Lage schrieb Fritz Geise in seine Kriegschronik: „Die Schreckensnacht wird in die Geschichte der Stadt Bielefeld eingehen u. als eine düstere Erinnerung an diesen städtevernichtenden Luftkrieg unvergessen bleiben.“ Er und die Bielefelder konnten nicht ahnen, dass von Anfang Juli 1941 bis Januar 1944 zunächst keine Bomben mehr auf Bielefeld fielen, aber ab dem 30. September 1944 schwerste Angriffe folgen sollten.

(Dank gilt für wertvolle Hinweise Dr. Ralf Blank, Stadtarchiv Hagen)

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,2/Hauptamt, Nr. 285: Maßnahmen nach Luftangriffen, 1941-1944
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,2/Hauptamt, Nr. 464: Organisation der Kriegswirtschaft, 1939-1942; Enthält u.a.: Bericht über den Luftangriff auf die Stadtwerke am 13. Juni 1941
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 300-1941,2: Sterberegister Bielefeld 1941, Bd. 2
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,4/Feuerwehramt, Nr. 70, 71, 73: Berichte über den Luftangriff auf Bielefeld am 13. Juni 1941, 1941
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,5/Ausgleichsamt, Nr. 11283: Gebäude- und Hausratschaden Am Scherkamp 7
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 3: Kriegschronik 1941, Bd. 1
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,12/Kriegschronik der Schulen in Bielefeld, Nr. 4: Kriegschronik der Siekerschule, Stadtheiderschule, Stieghorstschule, Stiftsschule, Sudbrackschule, Wellensiekschule und Wittekindschule, 1940-1944
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 6: Westfälische Neueste Nachrichten v. Juni 1941 (Kurzbericht über den Luftangriff); 16. Juni 1941 (Traueranzeigen Nolte) u. 18. Juni 1941 (Trauerfeier); Nr. 50: Westfälische Zeitung Nachrichten v. 14. Juni 1941 (Kurzbericht über den Luftangriff) u. 18. Juni 1941 (Trauerfeier)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 12-2-361: Luftaufnahme 1939; Nr. 23-4-22: Güterbahnhof Brackwede, 1934; Foto: Moritz Beyer
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne, Nr. 2563: Kartierung der Bombeneinschläge der Fliegerangriffe v. 12./13. Juni und 5./6. Juli 1941

Literatur

  • Blank, Ralf/Gerhard E. Sollbach, Das Revier im Visier. „Heimatfront“ und Bombenkrieg im Ruhrgebiet 1939-1945, Hagen 2005
  • Blank, Ralf, Kriegsalltag und Luftkrieg an der „Heimatfront“, in: Jörg Echternkamp (Hg.), Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945 (Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd. 9,1), München 2004, S. 357-461
  • Boog, Horst, Der angloamerikanische strategische Luftkrieg über Europa und die deutsche Luftverteidigung, in: ders./Werner Rahn/Reinhard Stumpf/Bernd Wegner, Der globale Krieg – Die Ausweitung zum Weltkrieg und der Wechsel der Initiative 1941-1943 (Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 6), Stuttgart 1990, S. 427-565
  • Ders., Strategischer Luftkrieg in Europa und Reichsluftverteidigung, in: ders./Gerhard Krebs/Detlef Vogel, Strategischer Luftkrieg in Europa, Krieg im Westen und in Ostasien 1943-1944/45 (Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 7), Stuttgart 2003, S. 1-415
  • British Bombing Survey Unit, The Strategic Air War against Germany 1939-1945 (London 1949?)
  • Burls, Nina, RAF Bombs and Bombing 1939-1945, in: Royal Air Force Historical Society Journal 45 (2009), S. 25-36
  • Davis, Richard G., Bombing the European Axis Powers. A Historical Digest of the Combined Bomber Offensive 1939-1945, Maxwell 2006 (online-Ausgabe mit ergänzenden Download-Materialien)
  • Huismann, Frank, Die Stadt Lage und der Zweite Weltkrieg. Die Kriegschronik des Fritz Geise (Lippische Geschichtsquellen, Bd. 26), Detmold 2008
  • Köhn, Gerhard, Bomben auf Soest. Tagebücher, Berichte, Dokumente und Fotos zur Erinnerung an die Bombardierungen und das Kriegsende vor 50 Jahren (= Soester Beiträge 51 (1994)), Soest 1994
  • Kohfink, Marc-Wilhelm, Warten auf den Angriff. Der zivile Luftschutz in Bielefeld zwischen 1939 und 1945, in: Ravensberger Blätter 1995, Heft 2, S. 1-24
  • Kühne, Hans-Jörg, 30. September 1944 – Der Tag, an dem Bielefeld unterging (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 18), Gudensberg-Gleichen 2003
  • Middlebrook, Martin/Chris Everitt, The Bomber Command War Diaries – R.A.F. An Operational Reference Book, 1939-1945, Harmondsworth 1985
  • Neillands, Robin, Der Krieg der Bomber. Arthur Harris und die Bomberoffensive der Alliierten 1939-1945, Berlin 2002
  • Overy, Richard J., Der Bombenkrieg – Europa 1939 bis 1945, Berlin 2014
  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005
  • Ward, Chris, RAF Bomber Command Squadron Profiles: 83 Squadron, Yorkshire 2016
  • Wulf, Karl, Hamm im Bombenkrieg. Dokumentation der Luftangriffe auf die Stadt Hamm im Zweiten Weltkrieg (Dokumentation Stadtgeschichte, Bd. 6), Hamm 2018

Erstveröffentlichung: 01.06.2021

Hinweis zur Zitation:
Rath, Jochen, 13. Juni 1941: Erster großer Luftangriff auf Bielefeld, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2021/06/01/01062021/, Bielefeld 2021

2 Kommentare zu „13. Juni 1941: Erster großer Luftangriff auf Bielefeld

  1. In der lippischen Stadt Lage hat der Landesschulrat a. D. Fritz Geise eine ca. 1000 handschriftliche Seiten umfassende „Kriegschronik“ geschrieben (ediert 2008). Darin wird berichtet, wie viele Bürger aus Lage zur nahegelegenen Anhöhe „Wilhelmsburg“ gelaufen sind, um von dort das brennende Bielefeld anzuschauen. „Wie im Film“ schrieb Geise dazu. Der Krieg war so nah und schien doch so weit weg. Er schreibt auch, wie die Feuerwehr aus Detmold durch Lage nach BIelefeld raste, weil sie dort benötigt wurde.
    Andreas Ruppert, Paderborn

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