5. Juli 1666: Auf dem Bielefelder Kesselbrink wird ein „heylsamer“ Brunnen entdeckt

• Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek  •

 

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Delineatio Fontis Bilfeldiani [=Zeichnung des Bielefelder Brunnens]. Stich von 1666/68. Veröffentlicht in: Conrad Redeker, Brevis Descriptio …, Amsterdam 1668

Jobst Schütte war der erste Bielefelder Bürger, der im Frühsommer 1666 den „heylsamen Brunnen genossen“ hatte. Woher er das Vertrauen nahm, ob er sich durch den Genuss des Brunnenwassers wirklich Heilung versprach oder zufällig von dem Wasser trank, um seinen Durst zu löschen, ist nicht überliefert worden. Wohl aber, dass er „dadurch seine verlähmte Glieder wieder zu recht gebracht“ hatte. Am 5. Juli 1666, „am zweyten Sontag nach der H. Drey Einigkeit“ [Trinitatis], war er geheilt. Johann Heinrich Schrefe, „ein vornehmer Bürger“, tat es ihm gleich. Sechs Jahre lang war er auf Krücken angewiesen, „denn ihm von Podagra [Gicht] alle seine Glieder dermaßen verlähmet / daß keines sein gebührendes Amt verrichten können“. Er trank täglich von dem Wasser und badete gar darin. Nach kurzer Zeit warf er seine Krücken weg und konnte „auch ohne dieselben das Gotteshauß wiederumb besuchen und ausgehen“. Auch Ische von den Stegeln, die aus dem Stift Osnabrück nach Bielefeld reiste, wurde von ihren Leiden befreit. Seit ihrer Geburt war ihr Daumen „krum an die Hand gewachsen / imgleichen des Gesichts beraubet gewesen“; sie „ist von beyden Mängeln befreyet worden.“

Diese wundersamen Mitteilungen gehen auf einen kurzen Bericht (Brevis descriptio) des Bielefelder Arztes und späteren Bürgermeisters Dr. Conrad Redeker (1617-1684) zurück, den er im August 1666 in deutscher und zwei Jahre später in lateinischer Sprache nicht frei von Bedenken publizierte. Denn einleitend wies er auf die „heutige schreibsucht“ hin, deren Ursache „die erfundene Truckerey“ (Druckerei) sei, die viele Gelehrte veranlasse, „die Feder anzusetzen / und ans Liecht etwas neues zubringen“. In diesem Zusammenhang fände ein „großer Mißbrauch“ statt, es würde mehr geschrieben als man lesen oder kaufen könne. Die „in beruff gekommene Bielfeldische Quelle“ habe ihn jedoch veranlasst, das bisher Beobachtete aufzuschreiben. Der „günstige Leser“ solle erfahren, wie er von einer Krankheit genesen oder Schaden abwenden könne.

Bereits die Anfänge des Heilbrunnens waren außergewöhnlich. Der Spätfrühling und Frühsommer 1666 waren sehr warm und trocken. Kleinere Quellwasser versiegten, manche trockneten gar aus. Umso auffälliger war eine neue Quelle, die außerhalb der Stadt bei „einem guten Anger, […] der Köttelbrink genannt“, entsprang. Anfangs sei das „aus der Erde sachte lauffende Wasser“ gar nicht beachtet worden, bis die ersten Berichte aufkamen, „nach dem einer oder ander […] davon hülff erlanget“. Der Ruf, dass in Bielefeld eine neue Heilquelle, gar ein Wunderbrunnen entsprungen sei, verbreitete sich schnell: Aus der Region als auch von Weitem kamen „Hochfürstliche / Adeliche und Unadeliche / Reich und Arme / Jung und Alt“, um von dem Wasser zu trinken, Wunden zu reinigen oder gar darin zu baden.

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Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der „Große Kurfürst“. Stich von Georg Paul Busch (1732). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 46

Auch der Landesherr, Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688), wurde informiert, der wiederum dem Bielefelder Magistrat auftrug, wöchentliche Berichte über die „Brunnen-Curen“ zu verfassen. Zudem beauftragte er einen „Laboranten“, die Qualität des Wassers zu prüfen und seinen Bericht dem kurfürstlichen Leibarzt Martin Weise (1605-1693) zur weiteren Bewertung vorzulegen. Auch Dr. Conrad Redeker beteiligte sich an den Untersuchungen. Er ließ in einem gläsernen Kolben etwa „drey Kannen Wasser“ verdampfen und stellte in dem dabei entstandenen weißen Pulver „ein nitrosisches Saltz“ fest. Das Brunnenwasser selbst war klar und „nicht widrig zu trincken“. Es war von einer wesentlich besseren Qualität als das Trinkwasser, das der Arzt aus seinem hauseigenen Brunnen schöpfte. Während das in Krügen abgefüllte Quellwasser auf dem Kesselbrink auch nach Tagen noch frisch wirkte, nahm jenes in seiner Wohnung bereits nach wenigen Stunden einen unangenehmen Geruch an, und selbst die Hände rochen danach, wenn man sich mit ihm wusch. Zudem beobachtete Conrad Redeker, dass das Heilwasser bei den „Brunnengästen“ den Appetit anregte, manche gar bereits morgens „zwo und wol dritthalb Kannen“ tranken und es dem „Dünnebier“ der „Bierbrawer“ vorzogen; eine „Kanne“ entsprach ungefähr 1 bis 1,3 Liter. Wiederum andere kochten mit dem Brunnenwasser Brotsuppe, die ihnen gut schmeckte und auch wohl bekam. Der Bielefelder Arzt stellte fest, dass, wenn man das Wasser in größeren Mengen genoss, es den „Urin treibe“ und die Verdauung fördere, ohne dabei „den Leib“ zu belasten. Bei einigen Wenigen, die unter schlechter Durchblutung (obstructiones venarum) oder allgemeiner Kraftlosigkeit (Imbecillität) litten, führte ein zu großzügiger Genuss allerdings zu Erbrechen. Das waren aber Ausnahmen.

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Der Kesselbrink mit dem Finkenbach, aquarellierte Zeichnung von Johann Ludwig Graf (1790). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne, Nr. 285

Die Bilanz der ersten Wochen konnte sich sehen lassen: Zwischen dem 4. Juli und 22. September 1666 konnten nach Redeker 438 Menschen von ihren Krankheiten geheilt werden. Unter ihnen litten fast 40 % unter allgemeinen Gliederschmerzen oder lähmenden Gliedern. 34 Menschen hatten Entzündungen am Kopf oder an den Augen, 21 litten unter Blindheit (Caecitas), bei 45 wurde Skorbut diagnostiziert, 36 hatten feuchte Geschwüre an den Beinen, andere litten unter verschiedenen Tumoren, Bauch- und Magenbeschwerden und der Gicht. Sie alle wurden geheilt. Wesentlich dramatischer lesen sich Redekers Berichte: Eine Frau aus Isselhorst, die neun Jahre bettlägerig war und getragen werden musste, konnte mithilfe „eines steckens“ wieder gehen. Bei einer Frau aus Mähren (!), der 24 Jahre zuvor beide Füße amputiert worden waren und die seither „unleidliche Schmerzen neben großem Geschwulst“ ertragen musste, heilten die Geschwüre und sie hatte keine Schmerzen mehr. Ein Knabe aus Bielefeld hatte zwei Jahre lang unter offenen Beinen gelitten, die mithilfe des Wassers „völlig zugeheilet“ waren. „Ein Adeliche Jungfer aus dem Stift Osnabrück“, die seit ihrer Jugend „harthörig gewesen“ war, konnte wieder gut hören. Und letztlich eine Frau aus dem Fürstentum Minden, die „nur ein wenig mit einem Auge schimmern sehen“ konnte, zudem unter Gliederschmerzen litt und auch „keine verdawung“ hatte, konnte Bielefeld geheilt verlassen.

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„Nulla est potestas nisi a Deo – Bielefeldt in Westphalen“. Stich mit einer idealisierten Darstellung von Bielefeld. Aus: Daniel Meisner/Eberhard Kieser, Thesaurus philopoliticus. Das ist Politisches Schatzkästlein guter Herren und bestendiger Freund, Frankfurt/M. 1626, in: Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 19

Diese aus heutiger Sicht unglaublichen Heilerfolge wurden von den Zeitgenossen als Wunder wahrgenommen. Und für dieses Wunder war einzig und allein Gott verantwortlich, darüber kamen in der gottesfürchtigen Gesellschaft an der Schwelle zur Aufklärung keine Zweifel auf. Der noch im 17. Jahrhundert vorherrschende Leitsatz, dass es keine Macht bzw. Herrschaft geben könne, die nicht von Gott ausgehe [Nulla est potestas nisi a deo], wurde auch auf die Kräfte der Natur übertragen. „Wer weiß Gottes Geheimnüsse / und wie wunderbar sich das Wasser durch den Erdboden durch circuliret?“, stellte Conrad Redecker die rhetorische Frage, und dem Arzt war durchaus bewusst, dass die Quelle versiegen, die Heilkräfte nachlassen konnten. Daher müsse „Gott der Allmächtige“ angefleht werden, dass diese „herliche Gabe bey uns continuiren“ möge. Mit diesem Wunsch stand er nicht allein. Der kurfürstliche General sowie Drost des Amtes und Gouverneur der Festung Sparenberg, Wolff-Ernst von Eller (1610-1680), hatte sich nach dem Bekanntwerden des Brunnens sofort an den Bielefelder Magistrat gewandt und gefordert, Gott für dieses Wunder zu danken. Der Magistrat ordnete daraufhin „ein Morgen-Gebeth“ an, das „frühe zeitig gehalten“ und Gott von allen den Brunnen aufsuchenden Menschen „mit Gebeth und Gesang verehret“ werden sollte. In dem sehr langen Gebet, das in Redekers „Brevis descriptio“ von 1668 allein dreieinhalb Seiten füllte, wurde demütig betont, dass alles Leben, alle Entscheidungen letztlich in Gottes Hand liegen: „Sollte es aber dein Wille seyn / unsere Kranckheit nicht von uns zu nehmen / wol an / so geschehe dein guter und väterlicher Wille.“

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Bildliche Darstellung des morgendlichen Gebets. Ausschnitt aus: Delineatio Fontis Bilfeldiani. Stich von 1666/68

Aus heutiger Sicht wirken die zeitgenössischen Berichte über den Heilbrunnen auf dem Kesselbrink, deren Realitätsgehalt leicht in den Bereich von Volkssagen und Märchen verortet wird, verstörend. Aber so einfach ist das nicht. Berichte über Heil- oder Wunderbrunnen sind seit dem späten 15. Jahrhundert bekannt, und sie wurden ausnahmslos von gelehrten Männern geschrieben. Der Chronist des Bielefelder Heilbrunnens, Dr. Conrad Redeker, war ein Sohn des Herforder Pfarrers Johann Redeker und dessen Frau Agnesa geborene Freund. Er besuchte die Gymnasien in Lemgo und Danzig, studierte in Königsberg und Helmstedt, promovierte in Leiden und ließ sich als Arzt in Bielefeld nieder, wo er bald das Amt des Stadtphysikus übernahm. Er gehörte zur städtischen Oberschicht und war über seine Ehefrau Anna Elisabeth mit dem brandenburgischen Minister Franz von Meinders (1630-1695) verwandt. 1666 gehörte er bereits drei Jahre dem Bielefelder Rat an und wurde 1678 zum Ersten Bürgermeister gewählt. Dieses Amt übte er – mit einer kurzen Unterbrechung – bis zu seinem Tod aus. Als Co-Autor seiner in lateinischen Sprache verfassten „Brevis descriptio“ stand ihm Nicolaas Hoboken (1632-1678) zur Seite, der in Utrecht zum Doktor der Medizin promoviert worden war und für zahlreiche medizinische Publikationen verantwortlich zeichnete.

Zu den Autoren, die über Heilbrunnen vor allem nördlich und südlich der Mittelgebirge berichteten, gehörten Ärzte, Physiker, Mathematiker und Theologen. Wie zum Beispiel der evangelische Pfarrer Christian Lehmann (1611-1688), der in seiner Geschichte des Erzgebirges gleich mehrere Brunnen nannte. Oder Peter Lauremberg (1585-1639), der u.a. Professor für Mathematik und Medizin in Hamburg und später Professor der Poesie in Rostock war. Auch er berichtete „von etlichen Wunder-Brunnen“ wie z.B. jenem in Hornhausen bei Oschersleben im Stift Halberstadt. Dieser Brunnen wurde 1651 auch im fünften Band des berühmten „Theatrum Europaeum“ von Peter Lotichius ausführlich beschrieben und sogar mit einem wunderbaren Kupferstich gewürdigt; auch Lotichius hatte in Medizin promoviert, unterrichtete am Hanauer Gymnasium Physik und war später Professor für Medizin an der Universität Marburg. Sie alle berichteten von sagenhaften Heilerfolgen: Durch den „rechten Gebrauch“ des Heilwassers seien „allerhand krancke und gebrechliche Menschen / Krumme/ Lahme / Taube / Stumme / und dergleichen […] gesund geworden.“ Angesichts der genannten Krankheitsbilder ist natürlich Skepsis angebracht, aber das Gerücht und die Hoffnung, ein Heilbrunnen könne von jahrelangem Leiden befreien, mobilisierte die Massen. Nach Hornhausen pilgerten Tausende, „Fürsten und Herren / Edle und Unedle / Bürger und Bauren / Gesunde und Krancke“. Die Pyrmonter Quellen, deren heilende Wirkung bereits im 14. Jahrhundert von einem Herforder Dominikanermönch beschrieben worden waren, erlebten in der Mitte des 16. Jahrhunderts einen regelrechten Ansturm, der bei Anwohnern und den Landesherren Angst und Schrecken auslöste. 1556 pilgerten innerhalb weniger Wochen mehr als zehntausend Menschen dorthin, ist in der „Braunschweigischen und Lüneburgischen Chronica“ zu lesen, die 1620 in zweiter Auflage erschienen ist. Die Menschen kamen „nicht allein auß angräntzenden Provincien Deutsches Landes, sondern auß der gantzen Christenheit“, das heißt, aus fast allen Ländern Europas. Und sie ließen sich „gleich einem großen Feldlager“ in Pyrmont und in den umliegenden Dörfern bis hin nach Lügde nieder. Benachbarte Herrschaften befürchteten einen „Aufstand und gäntzliche Ausplünderung des Landes“.

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Eigentliche Delineatio des Dorffs Hornhausen sampt denen darin entsprungenen Heylbronnen im Jahr 1646, in: Theatrum Europaeum, Bd. 5

Wie bei allen anderen Brunnen hatte sich auch hier die Nachricht schnell verbreitet, dass das Pyrmonter Wasser Krankheiten und Gebrechen heilen konnte. Die Frage, warum diese Wasser so heilsam waren, stellten sich wohl nur Wenige. Die Zeitgenossen hatten keine Zweifel, dass nur Gott für dieses Wunder zu danken war: „Groß und viel sind die Wunder des Allerhöchsten, welche von seiner göttlichen Allmacht ein genugsames Zeugniß geben und zu seinem Lobe täglich anmahnen“, schrieb Peter Lauremberg 1633.

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Titelblatt: Christian Bauch, Des Vortrefflichen Heil- und Gesund-Brunnens zu Bielfeld, Bielefeld 1707

Zurück zum Bielefelder Brunnen. Obwohl er auch auf der Agenda des Bielefelder Magistrats stand, der wiederum verpflichtet war, regelmäßig Berichte zu verfassen, sind im Stadtarchiv nur wenige Hinweise zu finden; möglicherweise lassen sich in den betreffenden Beständen des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem Zeugnisse finden. 1707 berichtete der Bielefelder Stadtphysikus Christian Bauch über den Heilbrunnen, der noch in Betrieb war und häufig aufgesucht wurde. In der Beschreibung des Brunnens orientierte sich der Arzt im Wesentlichen an dem Bericht von Redeker, seine Erklärung, unter welchen Bedingungen das Wasser heilsam war, wich aber deutlich von der Ersterwähnung ab. Beschränkten sich Conrad Redeker und zum Teil auch Nicolaas Hoboken eigentlich nur darauf, das mineralhaltige Wasser vor allem in Abgrenzung zum gewöhnlichen Trinkwasser zu beschreiben, zog Christian Bauch die Menschen selbst zur Verantwortung. Während Redeker betonte, dass das Wasser auch in großen Mengen getrunken werden könne, forderte Bauch „dessen rechtmäßigen Gebrauch und hierbey erforderten Diät öffentlich bekannt zu machen […], damit diese Göttliche Gabe solch heilsames Wasser nicht gemißhandelt werde“. Eine Genesung sei „ohn Observirung guter Diät im Essen und Trincken“ kaum möglich, da würden auch „die besten Arzneyen“ nicht helfen. Auch sei das Brunnenwasser allein kaum heilsam, sondern vielmehr Grundlage für Kräutertees, von denen der Arzt gleich mehrere Rezepte und Anwendungsgebiete preisgab.

In seinem Bericht über den „vortrefflichen Heil- und Gesund-Brunnen zu Bielfeld“ rückte das Heilwasser zunehmend in den Hintergrund. Wichtiger war die Diätetik, also die Betonung einer gesunden, ausgewogenen Lebensweise. Dieser Gedanke ist schon in antiken und mittelalterlichen medizinischen Konzepten nachweisbar, die Diätetik erlebte aber im 18. Jahrhundert einen rasanten Aufschwung, der wohl in Hufelands „Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“ (1797) gipfelte. So forderte Bauch, dass der „Brunnen-Gast […] vor kalter dicker und neblichter Regenluft“ geschützt werden müsse und nur leicht zu verdauende „Cur-Speisen“ zu sich nehmen dürfe. Für den Arzt gehörten dazu „gut Rind-, Kalb- und Lämmer-Fleisch / junge Haasen“, Hühner, junge Tauben und „allerhand Waldvögel“, junge Hechte und Forellen sowie „Bullions von Rind- und Hüner-Fleisch“. Blähende sowie „saur saltzige und zähe“ Speisen sollten dagegen gemieden werden. Zur „guten Mahlzeit“ empfahl er „ein reines, ausgegohrenes Bier / wie auch ein gutes Gläsel Wein“, gegebenenfalls ein „Wacholder- oder Cümmel-Brantewein“. Die körperliche Bewegung beim Brunnen sollte „mässig“ sein, um die Verdauung nicht zu stören, die Brunnengäste sollten zudem auf ausreichend Schlaf achten und möglichst nach dem Mittagessen ruhen. Und letztlich sei zur Genesung die „Gemüths-Bewegung“ sehr wichtig. Es sei „keine Sache so schädlich / als Zorn und Bekümmerniß / zumahl dadurch die Lebens-Geister zerstreuet / das Geblüt erstarret / auch die Miltz und das Geader verstopfet werden / worauff ein schwacher Leib und schwere Kranckheiten erfolgen / auch zuletzt ein frühzeitiger Todt verursachet wird.“

Heute mag man über die Empfehlungen und medizinischen Schlussfolgerungen schmunzeln. In seiner Schrift spiegelt sich aber das ärztlich-medizinische Wissen des frühen 18. Jahrhunderts wider. Angesichts der auf eine gesunde Lebensführung ausgerichteten Ratschläge wird die Bedeutung des Heilwassers auf ein Medium reduziert, das nur noch ein Kettenglied in der Medikation darstellt; wegen seines Mineralgehalts und seiner Sauberkeit zweifelsohne ein wichtiges. Auf eine Aufzählung der geheilten Krankheiten bzw. Krankheitsbilder (Lahme, Taube, Blinde, Gebrechliche usw.) verzichtete Conrad Bauch gänzlich; sie wirkte selbst in den Schriften des 16. und 17. Jahrhunderts eher wie eine sich immer wiederholende Formel als ein Nachweis über die Heilsamkeit des Wassers.

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Titelblatt: Conrad Reker, Brevis descriptio …, Amsterdam 1668

Nach dem Bericht des Bielefelder Stadtphysikus wurde es still um den Bielefelder Heilbrunnen. Ob er versiegt ist oder als ein normales Rinnsal wahrgenommen wurde oder vielleicht die Menschen ihren Glauben an heilsames Wasser verloren haben, ist nicht überliefert worden. Erwähnung fand das „Bielfelder Wasser“ im 1779 erstmals erschienenen 17. Band des Jahrhundertwerks der „Oeconomischen Encyklopädie“ von Johann Georg Krünitz. Das Wort „Wunderbrunnen“, wie es noch im 16. und 17. Jahrhundert zu lesen war, kam Krünitz nicht über die Lippen. Er verfasste einen längeren Artikel über „Gesund-Brunnen“, die er mit „Heilbrunnen, mineralische Wasser, Mineralwasser“ gleichsetzte. Es handelte sich dabei um „eine mineralische Quelle, deren Wasser zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit getrunken wird.“ Die Qualität und Wirksamkeit der Wasser beschrieb Krünitz nicht mehr nach einem „semantischen Raster der Ähnlichkeiten“, wie es Michel Foucault einmal nannte, sondern nach gesetzten Kategorien und Klassifikationen. Das „Bielfelder Wasser“ ordnete er der „dritten Classe“ der alkalischen oder laugensalzigen Wasser zu, und in dieser Klasse wiederum der ersten „Gattung“ der einfachen alkalischen Wasser. Für Bielefeld keine schlechte Klassifizierung, gehörten doch auch der „Fachinger Gesundbrunnen“ oder der „Sauerbrunnen“ in Wildungen dazu. Den „Pyrmonter Bergsäuerling“ ordnete er der „zweyten Gattung“ dieser Klasse zu, dem „zusammengesetzten alkalischen Wasser“.

Auf welcher Grundlage Krünitz das Bielefelder Wasser bewertet hat, ist nicht bekannt. Er wird wahrscheinlich die lateinische Publikation von Redeker und Hoboken zur Hand gehabt haben. In Bielefeld selbst war er mit Sicherheit nicht. Die kurze Geschichte des Bielefelder Heilbrunnens war im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts wahrscheinlich schon Geschichte. Wäre der Brunnen ergiebiger gewesen, dann hätte sich im 19. Jahrhundert am Kesselbrink wie auch in Pyrmont oder in Wildungen eine Bäderstadt mit gesundheitlichen Dienstleistungen entwickeln können. Ob sich ein Bad Bielefeld mit der Entwicklung Bielefelds zur führenden Industriestadt in Ostwestfalen vertragen hätte, muss allerdings bezweifelt werden.

 

Quellen

  • Christian Bauch, Des Vortrefflichen Heil- und Gesund-Brunnens zu Bielefeld. Neuere Beschreibung und vorläuffiger Bericht, Bielefeld 1707, in: Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300/HgB, Nr. 81: Wolff Ernst Aleman, Collectanea Ravensbergensia, Bd.12
  • Johann Georg Krünitz, Oeconomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirtschaft, Bd. 17, 1779, S. 744-795, s.v. Gesundbrunnen (Oeconomische Encyclopädie online: http://www.kruenitz1.uni-trier.de/)
  • Peter Lauremberg, Neue und vermehrte Acerra philologica, das ist: Sieben Hundert auserlesene, nützliche, lustige, denckwürdige Historien und Discursen, aus den berühmtesten griechischen und lateinischen Schriften zusammengetragen, Frankfurt/Main 1717
  • Conrad Redecker, Kurze Beschreibung deß im Monat Iulio des 16666sten Jahrs entdeckten heilsamen Bielfeldischen Brunnens und dessen gebrauch. Sampt den angehängten Curen mancherley schweren Kranckheiten, Lemgo 1666, in: Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300/HgB Nr. 81: Wolff Ernst Aleman, Collectanea Ravensbergensia, Bd.4
  • Conrad Redecker, Brevis Descriptio initio Julij anni MDCLXVI detecti saluberrimi Bilfeldiani Fontis; Nicolaas Hoboken, Animadversiones ad praemissam Fontis Bilfeldiani Descriptionem, Amsterdam 1668 [LgB N 240/35]
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung
  • Theatrum Europaeum. Fünfter Theil: Ausführliche Beschreibung aller denckwürdigen Geschichten, die sich in Europa […] vom Jahre 1643 bis in gegenwärtiges 1647. Jahr allerseits begeben und verlauffen, zusammengetragen und beschrieben von Johann Peter Lotichius, Frankfurt/Main 1651 (http://www.bibliothek.uni-augsburg.de/dda/urn/urn_uba000200-uba000399/uba000240/)

Literatur

  • Erwin H. Ackerknecht, Geschichte der Medizin, Stuttgart 1989
  • Deutsche Biographische Enzyklopädie, hg. v. Walther Killy / Rudolf Vierhaus, München 1995-2003
  • Hermann Engel (Hg.), Kulturgeschichtliche Streifzüge durch das Pyrmonter Tal, München 1973
  • Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt/Main 1974
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 2. Auflage, Bielefeld 1989

 

Erstveröffentlichung: 01.07.2016

Hinweis zur Zitation:
Wagner, Bernd J., 5. Juli 1666: Auf dem Bielefelder Kesselbrink wird ein „heylsamer“ Brunnen entdeckt, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2016/07/01/01072016, Bielefeld 2016

 

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