19. Mai 1995: Tod des Buchhändlers Otto Fischer

Helmut Henschel, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld

Die Übernahme der Buch- und Kunsthandlung Fischer in der Bielefelder Obernstraße durch Georg-Wilhelm Fischer im Frühjahr 1927 – nach dem Tod seines Adoptivvaters und leiblichen Onkels Otto Fischer (1879–1927) – war in den vorangegangenen Jahren vermutlich weder geplant noch absehbar. Denn der vormalige Eigentümer Otto Fischer sen. war Vater zweier Söhne im heranwachsenden Alter. Ob sie als Nachfolger im Familienbetrieb vorgesehen waren, lässt sich nur vermuten – ausgeschlossen ist es jedoch nicht. Dazu sollte es durch äußerst tragische Umstände bedingt jedoch nicht mehr kommen: Beide Söhne verstarben in den Morgenstunden des 31. Mai 1921 im Alter von neun und 15 Jahren in der elterlichen Wohnung in der Obernstraße 47 – vergiftet durch ihre Mutter, Maria geborene Bökenkamp (1876-1921), Ehefrau von Otto Fischer, die sich anschließend selbst das Leben nahm.

So waren es dunkle Umstände, die den Start der Buchhändlerlaufbahn Georg-Wilhelm Fischers (erst 1939 legte er sich den Rufnamen Otto zu) flankierten. Gleichwohl hinderten sie ihn nicht daran, einen bedeutenden Beitrag zur kulturellen und wirtschaftlichen Ausrichtung der Stadt im 20. Jahrhundert zu leisten. Unter seiner Leitung behauptete sich das Geschäft mit dem angeschlossenen Kunstsalon als bedeutender Ort des geistigen Lebens in Bielefeld und prägte die kulturelle Landschaft der Stadt bis zu seiner Schließung 1974.

Frühe Jahre und Eintritt in die Buch- und Kunsthandlung Fischer

Georg-Wilhelm Albert Martin Fischer wurde am 26. September 1907 in Berlin als ältestes Kind des Ofenfabrikanten Martin Fischer und dessen Ehefrau Margarete geb. Menz geboren. Über seine frühen Jahre außerhalb von Bielefeld ist nur wenig bekannt: Seine schulische Ausbildung erlangte er zwischen 1914 und 1919 an Volksschulen in Nerchau/Sachsen (heute ein Stadtteil von Grimma), Vietz (heute das polnische Witnica) sowie Berlin. Ab 1919 und nach dem Tod seines Vaters war er Schüler der Oberrealschule in Landsberg a. d. Warthe (heute das polnische Gorzów Wielkopolski), welche er 1924 mit der Obersekundarreife abschloss. Im selben Jahr, drei Jahre nach dem Tod seiner Ehefrau und Söhne, holte Otto Fischer seinen Neffen schließlich nach Bielefeld. Am 1. April begann dieser eine Ausbildung zum Buchhändler in Fischers Geschäft. 1926 wurde er von seinem Onkel adoptiert.

Otto Fischer sen. gründete Buch- und Kunsthandlung 1901, StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-6-13

Die Buch- und Kunsthandlung blickte zu diesem Zeitpunkt bereits auf 25 Jahre Bestehen zurück. Gegründet hatte sie der damals 22-jährige Otto Fischer sen. am 1. Oktober 1901, ursprünglich als Vereinsbuchhandlung des CVJM. Doch schon bald stellte er das Geschäft, noch unter der Adresse Gehrenberg 2 firmierend, auf eigene Beine, baute das Sortiment erheblich aus und führte die Buchhandlung nach seinen eigenen Vorstellungen, ohne jedoch „die innere Verbindung mit den Kreisen der evangelischen Kirche abreißen zu lassen“, wie die Geschäftschronik 1951 festhielt. Fischer vereinte den pragmatischen Blick eines Kaufmanns mit dem ästhetischen Empfinden eines Künstlers und Literaten, was den anhaltenden Erfolg der neuen Buchhandlung erklärt.

1902 eröffnete Fischer darüber hinaus einen Kunstsalon, der durch vielfältige und regelmäßige Ausstellungen die etwas bieder-bürgerliche Bielefelder Kunstszene mit bewusst modernen Arbeiten in Verbindung brachte. Der Kunstsalon, damals noch ohne festen Ort und an wechselnden Veranstaltungsorten realisiert, verstand sich bewusst als Gegenentwurf zum gängigen „wahllosen Durcheinander von Ölbildern“, so die spätere Unternehmenschronik. Sein Anspruch war es, Buch- und Druckkunst sowie bildnerische Werke in einem ausgewählten Ambiente auf innovative und anschauliche Weise zur Geltung zu bringen. Trotz diverser kritischer Stimmen fand diese Idee zunehmend Anerkennung in der Stadtgesellschaft. Eröffnung von Buchhandlung und Kunstsalon waren, so die Kunsthistorikerin Jutta Hülsewig-Johnen, der Beginn des künstlerischen „Kampfes um die Moderne“ in Bielefeld. Der Weggefährte Fischers und spätere Direktor des städtischen Kunsthauses, Dr. Heinrich Becker (1881-1972), bezeichnete Fischers Unternehmung als jenen Ausgangspunkt, von dem für die Stadt die „entscheidenden Anstöße ausgingen […], um der modernen Kunst im Sinne jener Zeit die notwendige fruchtbare Resonanz zu verschaffen.“

Die neu bezogene Buchhandlung in der Obernstraße 47, ca. 1906, StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1554-35

Das Jahr 1906 brachte schließlich eine entscheidende Wegmarke in der noch jungen Unternehmensgeschichte: Am 10. Oktober erfolgte die Neueröffnung des Geschäfts in der Obernstraße 47, nicht weit von der für Bielefeld ebenfalls bedeutenden Pfefferschen Buchhandlung gelegen. Fischer hatte die Geschäftsräume im Juli des Jahres für rund 84.000 Mark vom Kolonialwarenhändler Wilhelm Plöger (1840-1913) erworben und nach einer vollständigen Sanierung eingeweiht. Dort verblieb das Geschäft bis zu seiner Auflösung – lediglich unterbrochen durch die kriegsbedingte Auslagerung nach 1945. Mit diesem Standort erhielt auch der Kunstsalon erstmals eine dauerhafte räumliche Verankerung. Eine anschauliche Beschreibung der neuen Räumlichkeiten verdanken wir erneut Dr. Heinrich Becker: „Durch die Buchhandlung im Vorderraum schreitend, mit ihren großen Beständen an literarischen und künstlerischen Kostbarkeiten, betrat man, zwei oder drei Stufen ansteigend, den nach dem Garten zu liegenden langrechteckigen Kunstsalon. […] Das breite Südfenster erhielt bald den wirkungsvollen Schmuck dezent farbiger Glasmalerei im Stil der Zeit von der Hand des jung an die Kunstgewerbeschule berufenen Karl Muggly […]. Eine schmale Tür führte vorne links in das kleine Büro des unermüdlich tätigen Mannes.“

Bei den Ausstellungen wurde Fischer vom in Marburg lehrenden und aus der Region stammenden Professor und Kunsthistoriker Dr. Franz Bock (1876-1944) unterstützt, der wie Fischer zwar die „Alten Meister“ schätzte, jedoch auch die neuen mit der Moderne aufgekommenen Kunstformen nicht verachtete. In den ersten Jahren zeigte der Salon so unter anderem Werke von Max Liebermann (1847-1935), Käthe Kollwitz (1867-1945), Wilhelm Steinhausen (1846-1924), eine vielgeschmähte und doch zugleich bemerkenswerte Ausstellung 1907 mit Werken Edvard Munchs (1863-1944), sowie immer wieder Gemälde und Grafiken hervorstrebender heimischer Künstler, wie unter anderem von Viktor Tuxhorn (1892-1964), Karl Ellermann (1887-1919) oder Peter August Böckstiegel (1889-1951). In späteren Jahren folgten unter anderem Emil Nolde (1867-1956), Paula Modersohn-Becker (1876-1907) und vor dem Ersten Weltkrieg bereits Kunstschaffende der Dresdener „Brücke“, um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

Da die innovative Herangehensweise Fischers sowie die vielzähligen Ausstellungen trotz einiger Startschwierigkeiten zunehmend den Beifall der Öffentlichkeit fanden, musste der dadurch ins Abseits geratene städtische Kunstverein 1909 schließlich seine Auflösung bekanntgeben. Fischer gründete darüber hinaus das Bielefelder Kunstblatt (später Westfälisches Kunstblatt) um der zu Beginn oftmals ablehnenden Berichterstattung der „herkömmlichen“ Medien zu begegnen. Das Titelblatt der ersten Ausgabe war von Gertrud Kleinhempel (1875-1948) entworfen worden, die an der erst wenige Monate zuvor eröffneten Bielefelder Handwerker- und Kunstgewerbeschule lehrte. 1926 erschien unter maßgeblicher Mitwirkung Otto Fischers und in dessen Verlag das vom Magistrat herausgegebene „Buch der Stadt“ – ein abschließender Höhepunkt seines Schaffens.

Paul Herzogenrath war vor allem für die Kunsthandlung verantwortlich, StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-8-34

Kontinuität und Aufbruch

Nach dem frühen Tod seines Adoptivvaters 1927 übernahm Georg Wilhelm zwar nominell die Leitung des Geschäfts, tatsächlich jedoch und später auch offiziell im rechtlichen Sinne führte er es gemeinsam mit Paul Herzogenrath (1903-1961), wobei Fischer vor allem für die Buchhandlung verantwortlich war, während Herzogenrath die Kunstabteilung und den Salon betreute. Letztgenannter war kurz vor Fischer selbst als Lehrling an der Obernstraße 47 ausgebildet worden. Noch viele Jahre nach dem Tod von Paul Herzogenrath 1961 unterstrich Otto Fischer die enge Freundschaft, die zwischen beiden geherrscht hatte. Beide führten das Geschäft im Sinne der grundsätzlichen Ausrichtung ihres Vorgängers in Bezug auf moderne Kunst weiter und setzten dessen konzeptuelle Linie im Wesentlichen fort – unter Berücksichtigung der Weiterentwicklungen, die ein solcher Übergang naturgemäß mit sich bringt. Sie profitierten dabei ebenfalls von der Erfahrung der seit 1906 im Unternehmen beschäftigten Emma Meinert (1887-1971), die mit ihrer Erfahrung ebenfalls zur weiteren Profilierung beitrug.

Eine der ersten Amtshandlungen der neuen Inhaber waren die Vergrößerung des Buchladens sowie die Verlegung des Kunstsalons in die erste Etage, was erweiterte Möglichkeiten mit sich brachte. Die Wiedereröffnung erfolgte am 1. April 1928, begleitet durch eine Dürer-Ausstellung und einem Vortrag des Bremer Kunsthistorikers Emil Waldmann (1880-1945). In den darauffolgenden Jahren bot der Kunstsalon weiterhin ein vielfältiges Ausstellungsprogramm, das sowohl traditionelle als auch zeitgenössische Positionen umfasste und regionale wie überregionale Kunstschaffende berücksichtigte. Die Verkaufsfläche der Buchhandlung wurde mit ausdrücklicher Billigung der Eigentümer zeitgleich zum Leseraum und die dort ausgesprochenen Buchempfehlungen Fischers fanden bei der Kundschaft Resonanz und trugen zur Prägung der literarischen Rezeptionskultur Bielefelds bei. Dass die Impulse seitens des Buchhändlers nicht in jedem Fall erfolgreich waren, zeigt der geringe Widerhall von Lesungen der Texte des in Bielefeld geborenen Autoren und späteren Kulturpreisträgers Ernst Bacmeisters (1874-1971), mit dem Fischer eine persönliche Freundschaft verband.

Die Obernstraße mit der Buchhandlung Fischer im Dezember 1938, StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1554-168

Die insgesamt aber gelungene Übernahmephase verband sich schließlich mit privatem Glück: Am 25. Oktober 1932 heiratete Fischer in Bielefeld die technische Lehrerin Germaine Alice geb. Gollicz (1909-1974). Trauzeugen waren Paul Herzogenrath und der Student und Schriftsteller sowie spätere NS-Propagandist Hans-August Vowinckel (1906-1941), der als Kriegsberichterstatter während des Russland-Feldzugs starb. Zwischen 1935 und 1947 bekam das Ehepaar Fischer fünf Kinder.

Anpassung und Haltung – Otto Fischer in der NS-Zeit

In der Zeit des Nationalsozialismus bewegt sich Fischers Haltung, vorsichtig formuliert, in einem ambivalenten Spannungsfeld zwischen Anpassung und Opposition. Nach eigenen Aussagen hatte er bei der Reichstagswahl im November 1932 als auch bei der bereits unter starken Repressalien stattfindenden Wahl vom März 1933 für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) gestimmt, einer linksliberalen Gruppierung, deren politischen Ziele in starker Übereinstimmung zu den Grundsätzen der Weimarer Republik standen. Fischer war weder in der NSDAP noch in ihren Gliederungen oder sonstigen NS-Verbänden Mitglied. Die einzige Ausnahme bildete die Reichsschrifttumskammer, der er nach 1934 beitrat; ein Schritt, der alternativlos war, um Buch- und Kunsthandlung weiter betreiben zu können. Bereits 1927 hatten Fischer und Herzogenrath Plastiken des jüdischen und 1935 zwangsemigrierten Künstlers Jussuf Abbo (1890-1953) ausgestellt. Eine grundsätzlich antisemitische Haltung ist somit auszuschließen. Im Februar 1936 wurden Skulpturen von Theodor Brün (1885–1981) im Salon gezeigt, dessen Werke offenkundig im Widerspruch zur Kunstauffassung Alfred Rosenbergs und anderer führender Kulturvertreter des NS-Regimes standen. Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch, dass Dr. Hans Kornfeld, Chef des Kulturressorts der Westfälischen Zeitung, eine wohlwollende Kritik zur Ausstellung in der Presse formulierte und die Präsentation sicherlich kein echtes Risiko für Fischer bedeutete. Mindestens ein weiteres Mal wurde an der Obernstraße ein als „unerwünscht“ geltender Künstler ausgestellt, als im Juni 1937 Arbeiten des Bildhauers Gerhard Marcks (1889–1981) gezeigt wurden, der 1933 wegen seiner Solidarität mit jüdischen Kolleginnen und Kollegen aus dem Amt des Leiters einer Kunstschule entlassen worden war.

Aber es gab auch die „andere Seite“: Erstmalig im September 1933 wurde ein sogenannter Ausspracheabend in der Buchhandlung anberaumt, der die nationalsozialistische Idee durch „geistige Schulung“ unterstützen sollte. In Anwesenheit des NSDAP-Kreiskulturwarts Karl Wilke (1887-1964) war es Fischer selbst, der bekanntgab, man wolle sich in den monatlich stattfindenden Aussprachen mit Dichtern und Denkern befassen, die „Wegbereiter für das Neue Deutschland“ gewesen seien. Auch seine weiteren Worte enthielten (wenigstens laut Presseberichterstattung) den Duktus der NS-Propaganda, wenn in diesem Sinne zum Beispiel vom „erzieherischen Wert“ des Buches gesprochen wurde. Bis zum Frühjahr 1935 fanden sieben weitere „Aussprache-Abende“ statt, wobei der ursprünglich angekündigte monatliche Turnus kaum eingehalten wurde. Zu den behandelten Themen zählten unter anderem die Staatsphilosophie im nationalsozialistischen Deutschland, die „neue deutsche“ Lyrik mit Werken etwa von Ina Seidel (1885–1974) und Friedrich Griese (1890–1975), Überlegungen zur Zukunft des deutschen Theaters sowie eine Autorenlesung von Texten Lene Bertelsmanns (1903–1981).

Im April 1938 veranstalte die Buchhandlung in Zusammenarbeit mit der Bielefelder Hitlerjugend eine „Jugendbuch-Ausstellung“, um „Vertrauen für das echte Jugendbuch“ zu schaffen und so die „Kulturarbeit der Reichsjugendführung sowie des NS-Lehrerbundes“ zu unterstützen. Mit Kriegsbeginn wurde in der heimischen Presse unter dem Motto „Bücher erfreuen die Soldaten“ spezifische Werbung für Wehrmachtsangehörige geschaltet. Der ebenfalls verwendete Werbeslogan „Das Buch, die schönste Verbindung zwischen Heimat und Front“ zeigt deutliche Anleihen beim Heimatfront-Begriff der Nationalsozialisten. Auch ein Blick auf Fischers Jahreseinkommen wirft Fragen auf: Während es zwischen 1931 und 1934 noch im überschaubaren dreistelligen Bereich liegt, verzeichnet es in den Folgejahren einen drastischen Anstieg und erreichte 1943 eine Höhe von 71.000(!) Reichsmark. Obwohl vorschnelle Bewertungen vermieden werden sollten, deutet vieles darauf hin, dass Fischers wirtschaftliche Lage während der NS-Zeit nicht beeinträchtigt wurde und sich zumindest Korrelationen zwischen seinem ökonomischen Erfolg und der politischen Gesamtlage feststellen lassen.

Vorderseite einer Einladung zur Ausstellung von Werken des Malers Bruno Müller-Linow im Kunstsalon 1943, StArchBi, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 5327

1947 wurde Otto Fischer im Entnazifizierungsverfahren vom Bielefelder Ausschuss unter der Leitung des Sozialdemokraten Carl Schreck (1873-1956) als „politisch zuverlässig“ beurteilt. Im gleichen Zeitraum erfolgte die Wahl zum Vorsitzenden des Entnazifizierungsunterausschusses für den Einzelhandel Bielefeld. Fischers weitere prominente Teilhabe am kulturellen Leben der Stadt sowie die Übernahme kulturpolitischer Ämter in der Nachkriegszeit sind ebenfalls starke Indizien für die Einschätzung seiner Zeitgenossen im Hinblick auf seine ablehnende Haltung zum Nationalsozialismus. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass Fischer unter dem diktatorischen Regime keine nachweisbaren Nachteile erlitt und sich zumindest äußerlich an die politischen Gegebenheiten anpasste. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass Bielefeld in diesem Zusammenhang ein besonders exponiertes Terrain darstellte – sollte die Einschätzung des Grafikers Jupp Ernst (1905–1987) zutreffen, der in seiner Autobiografie von einer scharfen Beobachtung des künstlerischen Schaffens in Bielefeld durch die NSDAP berichtet.

Kunstbetrieb und Kriegsrealität

Im Jahr 1935 wurde im Kunstsalon eine vielbeachtete und mit erheblichem Aufwand konzipierte Ausstellung mit 36 Plastiken sowie einer Auswahl an Zeichnungen Georg Kolbes (1877–1947) präsentiert. Sie zog mehrere tausend Besucherinnen und Besucher– auch weit über Bielefeld hinaus – an und wurde von der Westfälischen Zeitung als ein „künstlerisches Ereignis größten Formats“ gewürdigt. Die Eröffnungsrede hielt der Bielefelder Bildhauer Arnold Rickert (1889–1974), Professor an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule. Dr. Hans Kornfeld würdigte die Initiative des Kunstsalons Fischer, eine derartige Ausstellung nach Bielefeld zu holen, und sah darin einen Beitrag, für den sich die Stadtgesellschaft „zu großem Dank verpflichtet“ zeigen müsse. Bereits im Jahr zuvor waren Werke Willi Schabbons (1890–1962) ausgestellt worden; bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs folgten Ausstellungen unter anderem mit Arbeiten von Ernst Barlach (1870-1938) und Fritz Klimsch (1870-1960).

Im Juni 1940 wurde Fischer zur Wehrmacht einberufen; währenddessen übernahm vor allem Paul Herzogenrath die Gesamtleitung des Unternehmens. Während seines Dienstes in der Artillerie war Otto Fischer in verschiedenen Einsatzgebieten aktiv, darunter Frankreich und Ungarn. Für seinen militärischen Einsatz wurde er mit mindestens drei Orden ausgezeichnet. Eine nachweisbare Verwundung am rechten Oberschenkel zeugt von unmittelbarer Erfahrung des Frontgeschehens. In einer Budapester Soldatenzeitung las er von dem verheerenden Luftangriff des 30. September 1944 auf Bielefeld. Ein Telefonat brachte die Gewissheit, dass seine Familie überlebt hatte, aber dass das Haus und Kunstlager völlig zerstört waren. Zwar hatten schon der Luftangriff vom 13. Juni 1941 und die Bombenabwürfe vom 11. Januar 1944 Auswirkungen in den Geschäftsräumen hinterlassen, allerdings nicht ansatzweise in dieser Vehemenz. Mehr als 100 Kunstwerke und plastische Arbeiten wurden durch den Brand im Grunde unkenntlich gemacht. Selbst die Räumlichkeiten im Untergeschoss und die dort enthaltenen Lagerstätten waren vollends zerstört. Ein Schaden in Höhe von weit über 100.000 Reichsmark war entstanden. Otto Fischer selbst geriet 1945 in kanadische und amerikanische Gefangenschaft, aus der er aber schon bald entlassen wurde.

Abbildung einer Skulptur des Künstlers Georg Kolbe, dessen Werke 1935 unter großer Beachtung bei Fischer gezeigt wurden, StArchBi, Bestand 400,6/Postkartensammlung, Nr. 1443

Zwischen Trümmern und Aufbruch

Durch die Zerstörung des Hauses in der Obernstraße waren Fischer und Herzogenrath gezwungen, für einige Monate einen alten Goldschmiedeladen in der Stapenhorststraße 10 provisorisch anzumieten. Nach dem Bombenangriff wurde der Betrieb dort weitergeführt, was jedoch allein durch die Einstufung der Buchhandlung als „kriegswichtigem Versorgungsbetrieb“ ermöglicht wurde. Nach dem Krieg erhielt Fischer durch die britische Stadtkommandantur die Erlaubnis, deutschlandweit zu reisen, um sich dringend benötigte Bücher für den eigenen Bestand zu beschaffen. Die Verbindung zum Kommandanten hatte dessen Sekretärin geschaffen, die eine Kundin der Buchhandlung war. Eine erstmals im Herbst 1945 unternommene Reise führte zum Erwerb mehrerer hundert neuer Bücher, die unter anderem dazu dienten, ehemalige Kunden und ihre Familien an Heiligabend mit Buchpaketen zu beschenken. Diese Geste trug nicht nur zur Wiederbelebung der Aufmerksamkeit der langjährigen Kundschaft bei, sondern führte zugleich zur Gewinnung neuer Interessierter für die Buch- und Kunsthandlung. Das Reisen diente darüber hinaus der Vernetzung mit anderen Buchhändlern, zum Beispiel mit Eduard Schöningh in Paderborn.

Insgesamt verlief der Wiederaufbau der Buchhandlung bis zur Währungsreform im Jahr 1948 unter schwierigen Bedingungen. Politische und wirtschaftliche Restriktionen sowie eine anhaltende Papierknappheit gehörten zu den zahlreichen Herausforderungen, die die ersten Nachkriegsjahre bestimmten. Fischer bemühte sich insbesondere durch die Organisation von Leseabenden, vor allem die jüngere Generation anzusprechen und für Literatur zu gewinnen. Das Geschäft kehrte zwar zeitnah aus der Stapenhorststraße in die Obernstraße 47 zurück, musste sich dort aber vorerst mit einem provisorischen Verkaufspavillon begnügen.

Provisorium nach der Zerstörung des Gebäudes Obernstraße 47 beim Luftangriff am 30. September 1944, StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1555-107

Kunsthandlung und Kunstsalon wurde noch im Dezember 1945 in einem rückliegenden Fachwerkhaus an der Welle 46 wiedereröffnet, waren durch die kriegsbedingte Zerstörung des „Stammhauses“ jedoch auch von der Obernstraße zugänglich. Die im so bezeichneten „Blauen Haus“ schnell organisierten Ausstellungen kompensierten ein Stück weit die ebenfalls durch Kriegseinwirkungen bedingten fehlenden Möglichkeiten des städtischen Kunsthauses. Die erste Ausstellung im Kunstsalon zeigte vor allem heimische Künstlerinnen und Künstler, die ihre Arbeiten mit wenig Aufwand in die Räumlichkeiten an der Welle transportieren konnten. Schon bald bot man wieder regelmäßig Raum für die Präsentation von Werken sowohl bekannter als auch junger, aufstrebender bildender Künstler. Allein die Vielzahl an Veranstaltungen und Präsentationen, die Otto Fischer und Paul Herzogenrath in den ersten Nachkriegsjahren realisieren konnten, ist mehr als bemerkenswert.

Impulse für eine neue Buchkultur

Anfang der 1950er-Jahre endete die langjährige Zusammenarbeit zwischen Fischer und Herzogenrath. Letzterer war eng verbunden mit der Familie Oetker und so wechselte der Kunstexperte in den 1950er-Jahren von der Buch- und Kunsthandlung mit dem Segen seines Freundes Fischer zum Großunternehmen an der Grenze zu Gadderbaum, um die Eigentümerfamilie fortan in Kunstfragen zu beraten. In diesem Kontext ist Herzogenrath, wenn wir den Worten des Kunsthistorikers Florian Illies glauben dürfen, zumindest zeitweise im „Besitz“ des wohl berühmtesten Friedrich-Gemäldes Wanderer über dem Nebelmeer gewesen. Über Umstände, die sich nicht mehr lückenlos rekonstruieren lassen, gelangte es schließlich in den Bestand der Hamburger Kunsthalle, in dem es bis heute bewahrt wird.

Otto Fischer engagierte sich bereits früh über seine Tätigkeit als Buchhändler, Galerist und Veranstalter hinaus im beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld seines Metiers. Schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er in den Vorstand des Rheinisch-Westfälischen Verleger- und Buchhändlerverbandes berufen, dessen Vorsitz er von 1947 bis 1949 innehatte. Von 1950 bis 1958 unterrichtete er nebenberuflich die Buchhändlerklassen an den Handelslehranstalten in Bielefeld, bevor er ab 1960 als Handelsrichter am Landgericht Bielefeld tätig wurde. Diese Funktionen stehen exemplarisch für ein breites, häufig ehrenamtliches Engagement.

Es dauerte über 15 Jahre, bis Otto Fischer einen Neubau in der Obernstraße realisieren konnte. Im Hintergrund ist der Kunstsalon zu sehen. StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1555-106

Überhaupt war die Mitgestaltung fachlicher Gremien und der Wiederaufbau des Buchhandels in Deutschland für ihn von grundlegender Bedeutung. Besonders deutlich wurde dies in der Durchführung der richtungsweisenden und nachhaltig wirkenden Ausstellung Deutsches Buchschaffen, die im Februar 1947 über drei Wochen hinweg in der Rudolf-Oetker-Halle (mit etwa 23.000 Ausstellungsgästen) gezeigt wurde. Gemeinsam mit dem Buchhändler Erich Vogel (1906-1956) verantwortete Fischer Konzeption und Inhalte maßgeblich. Noch im selben Jahr wurde unter vergleichbaren Vorzeichen die Ausstellung Weltoffene Schweiz in Bielefeld realisiert. 1949 war es erneut Otto Fischer, dem es gelang, Anton Kippenberg (1874–1950) dafür zu gewinnen, anlässlich des 200. Geburtstags Goethes kostbare Stücke aus seiner bedeutenden Sammlung in Bielefeld zu präsentieren – es blieb die einzige größere Ausstellung zu diesem Anlass im gesamten Bundesgebiet. Erste Überlegungen vor allem von Fischer und Oberbürgermeister Artur Ladebeck (1891-1963), Bielefeld zur neuen Buchstadt des Westens zu machen – zumal Leipzig, die einstige Hochburg des deutschen Buchwesens, nun in der DDR lag – zerschlugen sich jedoch bald. Stattdessen entwickelte sich Frankfurt am Main zum neuen Mittelpunkt – und ließ andere Ambitionen verblassen.

Letzter Neubeginn und Abschied

Die Auslagen der 1960 neueröffneten Buchhandlung. StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1555-117

Im November 1960 konnte – über 16 Jahre nach der Zerstörung – ein Neubau an der Obernstraße 47 bezogen werden. Während der mehrmonatigen Bauphase stand der bis dahin genutzte Verkaufspavillon einige Meter vom alten Standort entfernt auf einem Parkplatz, dem ehemaligen Platz des Hotels Drei Kronen an der Obernstraße 25/27. Über einen pittoresken Gartenweg war das errichtete Gebäude der Buchhandlung mit dem „Blauen Haus“ an der Welle verbunden. Eine der auffälligsten Neuerungen war ein Verkaufsverfahren, das Passanten erlaubte, Bücher direkt aus den Auslagen zu entnehmen und an einer eigens eingerichteten Kasse zügig zu bezahlen – ein Konzept, das in seiner Funktion durchaus an den Ablauf moderner Schnellrestaurants erinnert. Wenig später erfuhren auch die Räume des Kunstsalons eine längst überfällige Erneuerung. Die sich kurz danach anschließenden Feierlichkeiten zum 60-jährigen Bestehen fielen hingegen bewusst bescheiden aus, da der unerwartete und plötzliche Tod Paul Herzogenraths während einer Ratssitzung eine angemessene Würdigung in größerem Rahmen verhinderte.

Blick aus der Buchhandlung durch den Grünzug zum Kunstsalon. StArchBi, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 31-43-1

Im April 1970 wurden die Geschäftsräume an den Bertelsmann-Verlag aus Gütersloh verpachtet. Otto Fischer verblieb jedoch – mit stark reduzierter Belegschaft – weiterhin im Gebäude. Am Karsamstag 1974 schloss er die Buch- und Kunsthandlung samt angeschlossenem Salon endgültig, nachdem sich keine geeignete Nachfolge hatte finden lassen. Zuvor war ein Totalausverkauf sowohl der Bücher als auch der Kunstwerke erfolgt, über den Fischer seine Stammkundschaft in einem persönlichen Schreiben informierte. In der lokalen Presse wurde die Schließung recht wehmütig als das „Ende einer Idylle“ und ein „Abschied von einem Stück Bielefeld“ beschrieben. 1976 erhielt der mittlerweile in Detmold lebende Fischer vor allem für seine 15-jährige Tätigkeit als ehrenamtlicher Handelsrichter das Bundesverdienstkreuz. Seinen Ruhestand verbrachte er darüber hinaus regelmäßig in den USA, wo zwei seiner Kinder und einige seiner Enkel lebten. Dort, in Westerville/Ohio, verstarb er schließlich am 19. Mai 1995 im Alter von 87 Jahren. Am 12. Juni wurde er in Bielefeld beigesetzt.

Als das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels anlässlich von Otto Fischers 60. Geburtstag sowie fünf Jahre später zu seinem 65. erneut eine Würdigung veröffentlichte, ließen die Worte seiner Weggefährten bereits deutlich erkennen, welch besondere Persönlichkeit er war: ein markanter Spitzbart, von kleiner Statur, doch voller Lebendigkeit, geistreich und schlagfertig – mit einem Redetempo, das bedächtigere Zuhörer manchmal überforderte. Seine Liebe zum Schönen und Guten fand Ausdruck in der Kunst und Literatur ebenso wie im Wandern und in der Natur, aber auch in seiner Tätigkeit als Presbyter der Altstädter Nicolaigemeinde. Er wirkte rastlos im besten Sinne und genoss nicht nur hohes Ansehen, sondern auch aufrichtige Sympathie in seinem Umfeld.

Heute ist Otto Fischer im kollektiven Gedächtnis Bielefelds weitgehend in Vergessenheit geraten. Seine rückblickende, selbstbewusste, zugleich jedoch nicht unbegründete Einschätzung – „Wenn vom Bielefelder Buchhandel gesprochen wurde, dann war ich gemeint“ – kann als Anlass genommen werden, den Umgang mit seiner Person und seinem Wirken neu zu überdenken.

Quellen

  • Bielefelder Stadtanzeiger, Ausgabe vom 18. Juni 1937
  • Freie Presse, Ausgabe vom 8. Juli 1960
  • Neue Westfälische, Ausgabe vom 13. Juni 1995
  • Westfälische Zeitung, Ausgaben: 2. Januar 1906, 2. April 1928, 28. September 1933, 14. Mai 1935, 20. Mai 1935, 22. Februar 1936, 5. April 1938
  • Westfälische Neueste Nachrichten, Ausgaben: 2. September 1927, 8. September 1927, Ausgabe vom 28. September 1933, 31. Oktober 1933, 27. Februar 1934, 14. April 1934, 29. September 1934, 12. Februar 1935, 13. Mai 1935, 17. Oktober 1940
  • Westfalen-Blatt, Ausgaben: 25. November 1960, 26. September 1987
  • Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Bestand NW 1057-AD, Nr. 1816
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,002.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 200,1932-3 (777/1932)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,002.22/Standesamt, Sammelakten, Nr. 200,187
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,003/Schulverwaltungsamt, Personalakten, Nr. 122
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,012/Vermessungsamt, Nr. 479
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,012/Vermessungsamt, Nr. 495
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,168/Vorlass Irene Below, Nr. 1
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,007/Kleine Erwerbungen, Nr. 1394
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 102
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 103
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 118
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,010/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 5327
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,010/ Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 8034

Literatur

  • Becker, Heinrich, Edvard Munch in Bielefeld. Bericht über zwei Ausstellungen – 1907, 1931, Bielefeld 1962
  • Breuer, Gerda, Jupp Ernst: 1905-1987. Designer, Grafiker, Pädagoge, Tübingen 2007
  • Fischer, Otto, 60 Jahre Otto Fischer Buch- und Kunsthandlung, Bielefeld 1961
  • Grund, Otto, Otto Fischer. Kunst- und Buchhandlung, in: Magistrat der Stadt Bielefeld (bearb. von Eduard Schoneweg), Das Buch der Stadt, Bielefeld 1926, S. 572-574
  • Hülsewig-Johnen, Jutta, Moderne Kunst in Bielefeld: Otto Fischer und Heinrich Becker, in: Sophie Reinhardt (Hg.), Avantgarden in Westfalen? Die Moderne in der Provinz 1902-1933, Münster 1999, S. 41-48
  • Vowinckel, Renate, Hans August Vowinckel der Dichter und Soldat. Ein Ehrenbuch, Stuttgart 1942

Links

Erstveröffentlichung: 01.05.2025

Hinweis zur Zitation:
Henschel, Helmut, 19. Mai 1995: Tod des Buchhändlers Otto Fischer, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2025/05/01/01052025/, Bielefeld 2025

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