15. April 1907: Die Handwerkerschule nimmt den Lehrbetrieb auf

• Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek •

 

Als die Staatlich-städtische Handwerkerschule mit kunstgewerblichen Tagesklassen am 15. April 1907 offiziell den Lehrbetrieb aufnahm, war dieses Ereignis den Bielefelder Tageszeitungen keine Mitteilung wert. Auch die Übernahme der Direktorenstelle durch Wilhelm Thiele am 1. April 1907, was nichts anderes als das Gründungsdatum der Handwerkerschule war, blieb in den Tageszeitungen unerwähnt. Das geringe mediale Interesse an einer Fortbildungsinstitution mit überregionaler Bedeutung mag in der „Stadt der Schulen“, wie Bielefeld vor dem Ersten Weltkrieg mit Recht bezeichnet wurde, verwundern, zumal die Handwerkerschule auch die Produktqualität der heimischen Wirtschaft fördern sollte. Es deutet auf ein spannungsreiches Verhältnis der Stadt zur Handwerkerschule hin, das bereits in der Gründungsphase unübersehbar war und in den folgenden Jahren das Fortbestehen der Einrichtung hätte gefährden können.

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Briefkopfstempel der Bielefelder Handwerkerschule (1908). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,3/Magistrat Verschiedenes, Nr. 584.

Seit den 1880er Jahren reagierte Preußen mit der Gründung von Handwerker- und Kunstgewerbeschulen auf die verheerende Kritik, die deutschen Produkten auf internationalen Ausstellungen entgegengebracht wurde. Vor allem dem Kunstgewerbe wurden zwar technische Fähigkeiten attestiert, an ästhetischer Qualifikation, die für den Kaufanreiz eines Produktes nicht zu unterschätzen sind, mangelte es ihm aber. Mit staatlichen Zuschüssen versehen, sollten Handwerkerschulen in gewerbereichen Städten angesiedelt werden und ihr Lehrangebot an der regionalen Wirtschaft ausrichten. Die Qualifizierung der Fachkräfte sollte letztlich dazu beitragen, die Marktchancen deutscher Produkte zu erhöhen. Als Theodor Adolf von Möller (1840-1925) 1901 zum preußischen Handelsminister ernannt wurde, erlebte das staatlich geförderte gewerbliche Ausbildungswesen einen nachhaltigen Aufschwung. Der Minister, der vom Brackweder Kupferhammer stammte, schlug auch Bielefeld 1904 die Gründung einer Handwerkerschule vor. Die Stadt zeigte sich aber zunächst reserviert. Sie verwies auf die die vorhandenen Fachschulen, deren Förderung sie einerseits begrüßte, deren Existenz aber andererseits die Gründung einer weiteren Schule überflüssig machte.

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Theodor Adolf von Möller (um 1901). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-13-8.

In der Tat konnte das städtisch-gewerbliche Schulwesen auf eine lange Geschichte zurückblicken. Bereits 1831 war die Provinzial-Gewerbeschule gegründet worden, die bis 1878 bestand. Aus dieser Einrichtung ging die städtische Fortbildungsschule hervor, die am 1. Oktober 1878 als Pflichtschule eröffnet wurde und Gesellen und Facharbeiter abends und an Sonntagen unterrichtete. Seit 1893 gab es Tagesklassen für Maschinenbauer, Bauhandwerker und  Maler, seit 1902 auch für Schneider. Nach Gesprächen, die der Stadtrat und Vorsitzende der Bielefelder Handelskammer Gustav Bertelsmann (1833-1909) mit dem Minister in Berlin führte, sprach sich Bürgermeister Dr. Rudolf Stapenhorst (1865-1944) für eine Handwerkerschule aus, die zumindest mit einigen Fachklassen der bestehenden Fortbildungsschule kooperieren sollte. Als im Januar 1905 Beamte des Handelsministeriums sowie der Mindener und Arnsberger Bezirksregierungen zwei Tage in Bielefeld weilten und sich über die gewerblichen Schulen der Stadt informierten, fiel ihr Urteil allerdings niederschmetternd aus. Das Gebäude der Fortbildungsschule reichte schon jetzt nicht mehr aus, den erteilten Zeichenunterricht beurteilten sie als ungenügend, die Lehrer als wenig qualifiziert oder in ihrer künstlerischen Stilrichtung veraltet. Ein wirklicher Fortschritt war nur mit einer Handwerkerschule zu erreichen, die sich frei von den bisherigen lokalen Strukturen entwickeln konnte. Im Mai 1905 lenkte der Magistrat ein, sprach sich für eine Handwerkerschule im Sinne des Handelsministeriums aus, die allerdings aus der Sicht der Bielefelder vom Direktor der bestehenden Fortbildungsschule, Hermann Frost (1864-1909), geleitet werden sollte. Berlin sah aber darin einen Versuch, die Fortbildungsschule durch die Hintertür wieder ins Spiel zu bringen, und erhielt zudem Unterstützung von der Mindener Bezirksregierung, die Frost als Direktor der zu gründenden Handwerkerschule „nicht empfehlen“ wollte. Damit war auch dieser städtische Vorschlag vom Tisch.

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Theodor Adolf von Möller (um 1901). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-13-8.

Am 26. Januar 1906 genehmigte Handelsminister von Möller, nach Dortmund in Bielefeld eine weitere Handwerkerschule in Westfalen zu errichten, in der „die kunstgewerbliche Seite des Unterrichts […] vorzugsweise“ gepflegt und  „kunstgewerbliche Fachklassen“ angegliedert werden sollten. Während die Stadt die Räumlichkeiten und das Inventar stellen musste, wurden die sonstigen Schulkosten zur Hälfte von Staat und Kommune getragen. Da gewerbliche Fortbildungsanstalten unterschiedlich nachgefragt wurden und nicht selten schon wenige Jahre nach der Eröffnung von Schließungen bedroht waren, wurde vereinbart, dass die Bielefelder Schule zunächst bis 1909 den Lehrbetrieb in provisorischen Räumen aufnehmen durfte. Während die Lehranstalt bei erfolgreicher Entwicklung die amtliche Bezeichnung „Handwerker- und Kunstgewerbeschule“ erhalten sollte, war die Stadt verpflichtet, bis 1917 für ein entsprechendes Gebäude zu sorgen. Im März 1906 stimmten Magistrat und Stadtverordneten-Versammlung diesen Bedingungen zu.

Als die Schule am 15. Oktober 1906 „provisorisch eröffnet“ wurde, gehörte auch Bürgermeister Dr. Stapenhorst zu den Gratulanten. Der Unterricht fand zunächst in einem ehemaligen Schulgebäude an der Klosterstraße sowie in einem leerstehenden Gebäude am Sparrenberg statt, in dem sich ein „Tagesbildhaueratelier“ befand. Die kommissarische Leitung wurde Ludwig Godewols (1870-1926) übertragen, der bisher an der gewerblichen Fortbildungsschule die Malerfachklasse geleitet hatte. Bereits im November wählte der Magistrat den Architekten Wilhelm Thiele zum Direktor der Handwerkerschule, der seinen Dienst zwar erst am 1. April 1907 antrat, aber sich sofort um den Aufbau eines qualifizierten Lehrpersonals kümmerte. So gelang es ihm noch im Dezember 1906, Gertrud Kleinhempel (1875-1948), „die als Entwerferin für Möbel und Kunstgewerbe aller Art in ganz Deutschland einen guten Namen hatte“, für die Bielefelder Handwerkerschule zu gewinnen. Im November 1907 trat aus München kommend Hans Perathoner (1872-1946) die Leitung der Bildhauerklasse an, der mit seinen Werken die Bielefelder Bevölkerung begeisterte, aber auch in Rage brachte. Während das von ihm entworfene Leineweberdenkmal allseits begrüßt wurde, war sein Relief  an der Kapelle des Sennefriedhofs, das einen nackten Mann zeigt, für viele zu freizügig.

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Die Kapelle des Sennefriedhofs mit dem Relief von Hans Perathoner (1912). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 83-3-29

Das Interesse an der neuen Handwerkerschule war von Beginn an groß: 1907 wurden bereits 77, 1908 gar 158 Männer und Frauen in Tages- und Abendkursen unterrichtet. Auf der anderen Seite zeigten die provisorisch genutzten Gebäude bald unhaltbare Zustände auf, die die Mindener Bezirksregierung 1909 in einem ausführlichen Bericht auch rügte. So waren die Tagesklassen der Maler und Tischler überfüllt, andere Räume mussten nacheinander von Schülern verschiedener Berufe benutzt werden, was jedes Mal eine „wiederholte Umräumung von Tischen, Stühlen, Staffeleien“ notwendig machte. „Ein freiwilliges Weiterarbeiten der Schüler“, so der Bericht, „auf das gerade bei Anstalten der in Rede stehenden Art besonderer Wert gelegt werden muß, war mithin vollkommen ausgeschlossen.“ Auch den städtischen Behörden waren die beengten räumlichen Verhältnisse an der Klosterstraße bekannt, letztlich war das Schulgebäude nur als Provisorium gedacht. Bereits 1907 hatte die Stadt das Dürkoppsche Grundstück an der Paulusstraße erworben, um dort eventuell die neue Handwerkerschule zu errichten. Dieser Plan wurde aber aufgegeben und 1912 stattdessen die Mittelschule für Mädchen, die Luisenschule eröffnet. 1908 gab es Überlegungen, den ehemaligen Rosenhof an der Kreuzstraße für die Handwerkerschule zu nutzen. Dieses Gebäude, in dem 1834 die 1. Bürgerschule eröffnet worden war, wurde 1908 noch von der Jungenmittelschule genutzt und sollte nach dem Bau eines neuen Schulgebäudes an der Kaiserstraße, der späteren Falk-Realschule, geräumt werden. Durch Neu- und Erweiterungsbauten sollte genügend Platz für die Handwerkerschule entstehen. Das Handelsministerium lehnte diesen Plan allerdings ab, da der Unterricht auch im ehemaligen Adelshof stattfinden sollte. Ein neues Schulgebäude an der Kreuzstraße war aus Berliner Sicht nur „unter Beseitigung des alten Rosenhofes“ möglich. Da der Magistrat das historische Gebäude nicht preisgeben wollte, war dieser Plan zwar nicht durchführbar, der Rosenhof selbst wurde aber nach der Räumung seit November 1909 als weiterer provisorischer Standort der Handwerkerschule genutzt, um die räumliche Situation zu entspannen. Wilhelm Thiele fand im Rosenhof zwar nur „leidlich brauchbare Klassenzimmer“ vor, klagte aber nicht. Nach erfolgter Renovierung sah er die Schule „gut untergebracht, soweit das in interimistischen Räumen und in drei verschiedenen alten Gebäuden“ möglich war.

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Der Rosenhof von 1709 an der Kreuzstraße (1925). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1243-135.

Zur gleichen Zeit begannen die Vorbereitungen für einen Neubau. Im Juli 1909 erwarb die Stadt dafür das Bertelsmannsche Grundstück am Sparrenberg, „dessen Lage und Größe den Beifall“ der Berliner Ministerialbeamten fand. Stadtbaurat Friedrich Schultz (1876-1945), der für die Konzeption verantwortlich zeichnete, legte bereits im April 1910 den Stadtverordneten einen Plan zur Begutachtung vor. Während seine Pläne in Berlin gelobt wurden – Schultz hatte sie dem zuständigen Ministerium persönlich vorgelegt –, überraschte die Bielefelder Stadtverordneten die Höhe der veranschlagten Kosten: Die neue Handwerkerschule sollte ohne die bereits verausgabten Grundstückskosten 330.000 Mark kosten. Da wirkte auch die Mitteilung von Wilhelm Thiele auf manche Zeitgenossen wenig beruhigend, dass die Dortmunder Handwerkerschule 1,2 Millionen Mark gekostet habe.

Während die Bielefelder Handelskammer und Handwerkskammer, Innungen und zahlreiche Handwerksmeister sich für die Handwerkerschule aussprachen, war die Kostenfrage Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die den Zweck dieser Einrichtung bezweifelten. Als sich im Sommer 1910 eine Kommission mit einem Magistratsbeschluss über den Neubau der Handwerkerschule befasste, wurde ihre Arbeit von zum Teil heftigen Protesten begleitet, die phasenweise regelrechten Schlammschlachten glichen. Vergleichsweise mäßigend wirkte der Protest des Haus- und Grundeigentümervereins, der davor warnte, dass die Stadt aufgrund der finanziellen Belastung ihre Kommunalsteuern erhöhen müsse, was der Verein natürlich ablehnte. Andere sahen das Ausbildungsmonopol des Handwerks gefährdet, ungeachtet der Tatsache, dass dieses gar nicht zum Aufgabenprofil der Schule gehörte. Grundlegender war die Kritik, dass die Schule vorgäbe, „Kunst-Handwerk“ unterrichten zu können. „Künstlerische Individualitäten“, stellte ein nicht genannter Autor in der Westfälischen Zeitung fest, „werden auf Schulen sich nur die notwendigen Handgriffe für ihre künstlerische Betätigung aneignen können. Das kann aber das Handwerk und das Gewerbe zweckmäßiger und billiger haben als in sogenannten Kunsthandwerkerschulen. Künstlerisch erhält dort der junge Handwerker bestenfalls eine Halbbildung. Diese ist aber der Hauptfeind jeder praktischen ehrlichen Berufs- und Handarbeit. Die Masse der Halbgebildeten ist eben für das praktische Leben unbrauchbar, die Mehrzahl derselben ist für die nüchterne Tagesarbeit verdorben.“

Dieser Artikel war vernichtend und verunglimpfend zugleich. Er zielte auf die Schließung der Handwerkerschule ab. Diese Forderung vertrat auch die Westfälische Zeitung, die mit einer redaktionellen Anmerkung eindeutig Position bezog: „Vorstehender Artikel beleuchtet die Frage unserer Kunstschule nach allen Richtungen so treffend, dass wir kaum etwas hinzuzufügen haben. Auch wir sind voll und ganz der Ansicht, daß die Kunstschule das Proletariat auf dem Gebiete des Kunsthandwerks nur vermehren würde. Der Handwerkslehrling muß seine volle Ausbildung in der Werkstatt erhalten. Fühlt sich ein Lehrling zu Höherem berufen und befähigt, so wird ihm gewiß der Weg geebnet werden. Eine Kunstschule hier am Platze, die doch nur einem kleinen Bruchteil wirklich von Nutzen sein würde, würde nur einen falschen Ehrgeiz und ein schädliches Strebertum großziehen, denn nur Wenige sind auserwählt.“

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Der Sitzungssaal im Rathaus. Auch hier wurde über den Neubau der Handwerkerschule gestritten (1904). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 13-4-39

Die harsche Kritik verfehlte ihre Wirkung nicht. In der Stadtverordneten-Versammlung wurde am 27. Juli 1910 heftig über das Projekt diskutiert. Da schließlich keine eindeutige Mehrheit für einen Neubau zu erwarten war, wurde die Entscheidung darüber vertagt. Dabei sprachen sich die Kritiker nicht für die Schließung der Schule aus, sondern nur für einen kostengünstigeren Neubau. Dass das zögerliche Verhalten den Bielefelder Standort gefährden konnte, war wohl keinem bewusst. Diese Situation trat ein, als sich die Stadt Essen an das Handelsministerium wandte und den „lebhaften Wunsch“ äußerte, eine Handwerker- und Kunstgewerbeschule zu gründen, und zudem erklärte, „zu den weitestgehenden Opfern bereit“ zu sein. Das Ministerium ließ in diesem Zusammenhang keine Zweifel darüber aufkommen, dass es über die Entwicklung in Bielefeld verärgert war: Ohne das „Interesse der beteiligten städtischen Kreise“, wurde dem zwischenzeitlich zum Oberbürgermeister gewählten Dr. Stapenhorst mitgeteilt, sei „die Weiterentwicklung der Handwerkerschule“ gefährdet. Da ein „Staatszuschuss für die Neuerrichtung einer kunstgewerblichen Lehranstalt im rheinisch-westfälischen Industriebezirk“ derzeit nicht in Frage käme, wollte das Ministerium nicht ausschließen, „die gesamte Bielefelder Handwerkerschule mit Lehrkräften und Lehrmitteln unter Überweisung des Staatszuschusses nach Essen zu überführen.“

Kaum einen Monat nach der unverhohlenen Drohung aus Berlin sprachen sich die Bielefelder Stadtverordneten für den sofortigen Neubau der Handwerkerschule aus. Auf die erhoffte „Majorität“ musste der Oberbürgermeister verzichten: Nach wiederum „eingehender Erörterung“ stimmten 29 dafür und 12 dagegen. Damit endete auch die höchst kontroverse Berichterstattung in den Bielefelder Tageszeitungen. Bis zum ersten Spatenstich verging aber wiederum ein ganzes Jahr. Die Bauarbeiten nach den Plänen von Stadtbaurat Friedrich Schultz, der, wie ihm ein Stadtverordneter attestierte, „die ihm gestellte Aufgabe mit großer Liebe wie intensiver Arbeit und Sachkenntnis in hervorragender Weise gelöst“ hatte, begannen im Mai 1912 und endeten im Frühsommer 1913.

Am Sparrenberg wurde erstmals in Bielefeld ein großes Gebäude aus Beton errichtet. Für Gerhard Renda stellte die „Konstruktion der Holzverschalungen, die den Formen und Abmessungen entsprachen und in die der Beton maschinell eingestampft oder gegossen wurde“, eine „beachtliche Bauingenieursleistung“ dar. „Das leicht formbare Material ermöglichte […] zudem plastische Wirkungen, die mit einem herkömmlichen Steinbau nicht zu erzielen waren.“

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Die neue Handwerkerschule. Im Hintergrund ist das am 22. Oktober 1913 eingeweihte Krankenhaus Gilead zu sehen (1913). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-195-13

Noch bevor die Schule mit einem Festakt eingeweiht wurde, nahm die Lehranstalt am 1. Oktober den Unterricht auf. Wilhelm Thiele, der die Schule seit 1907 geleitet und sich intensiv für deren Neubau eingesetzt hatte, konnte die rund 200 Festgäste am 25. Oktober 1913 allerdings nicht mehr begrüßen: Er hatte 1912 einen Ruf nach Charlottenburg angenommen. Sein Nachfolger, der Architekt und Diplom-Ingenieur Max Wrba (1882-1924), der zum Sommersemester 1913 von Dresden nach Bielefeld kam, dankte den Regierungsbeamten sowie den „energischen Vertretern dieser schönen Stadt“ und formulierte mit großem Pathos: „In einer Zeit, da des Fortschritts heiliges Feuer überall lodert […], in einer Zeit, da das arbeitsame Geschlecht unserer Tage den Segen von Mühe und Not, Arbeit und Schaffen der Vorfahren erntet […], in dieser Zeit ist es heiligste Pflicht, all’ unser Gut zu mehren, es erstarkt weiterzugeben. Unseren ganzen Besitz an materieller, vor allem an geistiger Kultur: wir müssen ihn uns immer jeder neu erringen; wir müssen dann als Einzelner und als Volk aber auch nicht einzig erwerben und genießen, wir müssen vorsorgen, sorgen für unsere Nachkommen. Ausbildung der Jugend ist heiligste Aufgabe der Geschlechter!“

An den Konflikt, der für die Handwerkerschule beinahe die Schließung bedeutet hätte, wollte sich im Oktober 1913 keiner mehr erinnern. Im Gegenteil: In Anerkennung der Förderung der Schule verlieh der Kaiser dem Vorsteher der Stadtverordneten-Versammlung, Prof. Dr. Emil Nierhoff (1855-1928), den Roten Adlerorden 4. Klasse. Die Schule erhielt am 26. Februar 1914 durch ministeriellen Erlass die Berechtigung, den Titel „Handwerker- und Kunstgewerbeschule“ zu führen.

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,3/Magistrat Verschiedenes, Nr. 584: Handwerker- und Kunstgewerbeschule. Gründung und Entwicklung (1904-1944)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 857: Handwerker- und Kunstgewerbeschule (1909-1947)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 858: Einweihung der Handwerker- und Kunstgewerbeschule (1913)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 869: Wahl eines Leiters der Handwerker- und Kunstgewerbeschule (1906-1920)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 920: Technische Fachschulen (1881-1942)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Westfälische Zeitung, Volkswacht (1905-1913)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung
  • Jahresbericht über den Stand und die Verwaltung der Gemeinde-Angelegenheiten der Stadt Bielefeld für 1905-1913

Literatur

  • Andreas Beaugrand, Gerhard Renda (Hg.), Werkkunst. Kunst und Gestaltung in Bielefeld 1907-2007, Bielefeld 2007
  • Gerhard Renda (Hg.), Gertrud Kleinhempel 1875-1948. Künstlerin zwischen Jugendstil und Moderne, Bielefeld 1998
  • Gerhard Renda, Bauen für Bielefeld – der Stadtbaurat Friedrich Schultz, in: Ein Haus für die Geschichte. Festschrift für Reinhard Vogelsang, hg. v. Johannes Altenberend, Bielefeld 2004, S. 401-412 (= 89. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg)
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 2: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Bielefeld 1988

 

Erstveröffentlichung:  1.4.2017

Hinweis zur Zitation:
Wagner, Bernd J., 15. April 1907: Die Handwerkerschule nimmt den Lehrbetrieb auf, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld,
https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2017/04/01/01042017, Bielefeld 2017

 

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