1. Juni 1872: Gründung der Pfefferschen Buchhandlung

•  Andreas Martin Vohwinkel und Helmut Henschel, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld • 

 

„Nach 121 Jahren schließt die Pfeffersche Buchhandlung“ – so oder ähnlich lauteten die Überschriften der heimischen Presse im Spätherbst 2003. Auch wenn sowohl Neue Westfälische als auch das Westfalen-Blatt diesen Rechenfehler selbst in späteren Artikeln nicht auflösten – immerhin hatte die Buchhandlung am 1. Juni 2002 bereits den 130. Jahrestag der Gründung begangen –, leuchtete doch das Bewusstsein über die Bedeutung des Geschäfts durch die Zeilen der Berichterstattung hervor. Neben der Buchhandlung Otto Fischer mit angeschlossenem Kunstsalon, dem Verlag Velhagen & Klasing und vielen weiteren Akteuren und Ereignissen hatte die Pfeffersche Buchhandlung bedeutend dazu beigetragen, das Bielefeld des 20. Jahrhunderts zumindest für die Provinz zu einer nicht unwichtigen „Buch- und Kulturstadt“ zu machen. Mit der Schließung der Räumlichkeiten am Alten Markt im Januar 2004 war diese Epoche für Bielefeld zumindest vorläufig zu einem Ende gekommen.

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Das Haus Am Markt 7 (vormals Am Markt 60) um das Jahr 1902. Hier befanden sich im Juni 1872 die Garnhandlung H. Kade und die Buchhandlung von Moritz Pfeffer. Das links zu sehende Gebäude Rathausstraße 2 (vormals Am Markt 8, heute Alter Markt 8) war um 1896 als Neubau entstanden. Auch an der Adresse Am Markt 7 (später Alter Markt 7) wurde kurz nach Entstehung dieser Aufnahme ein 1903 fertiggestellter Neubau errichtet. (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-44-37)

Etablierung unter Moritz Pfeffer

Die Geschichte der Pfefferschen Buchhandlung begann am 1. Juni 1872. An diesem Tag verkaufte Joseph Lewin seine unter der Adresse Am Markt 60 (nach 1880 Am Markt 7) befindliche Buchhandlung an den gebürtig aus Ampfurth im Kreis Wanzleben stammenden Buchhändler Karl Otto Moritz Pfeffer (1842-1917). Über die Hintergründe des Verkaufs kann letztlich nur gemutmaßt werden. Möglicherweise hatte sich die fast genau ein Jahr zuvor eingerichtete Buchhandlung für Lewin nicht wie im erhofften Maße rentiert, weshalb er sie nur allzu gerne an den 29-jährigen Moritz Pfeffer verkaufte, der in dem Geschäftserwerb womöglich die Chance erkannte, als Buchhändler in Bielefeld Fuß zu fassen. Selbstbewusst verkündete Pfeffer in den Zeitungsannoncen von Juni 1872, „durch vielseitige Verbindungen […] binnen Kurzem im Stande [zu] sein, ein wohlassortirtes [sic] Lager aller besseren Erscheinungen der Literatur vorräthig zu haben.“ Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, benötigte der Buchhändler allerdings ein größeres Geschäftslokal als ihm das Gebäude Am Markt 60, in dem sich Anfang der 1870er Jahre unter anderem auch die Garnhandlung H. Kade befand, bieten konnte. Dementsprechend zog die nun unter dem Namen M. Pfeffer fungierende Buchhandlung bereits am 1. Juli 1872 in das Buddebergsche Kaufhaus (später Mantelhaus) in der Niedernstraße 243 (nach 1880 Niedernstraße 7) um, welches Pfeffer und seiner ersten Ehefrau Catharina Wilhelmine Agnes Elfriede Pfeffer geb. Wilberg (1844-1878) gleichzeitig als Privatwohnsitz diente. 

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Moritz Pfeffer (aus: Gustav Engel, Buchhandel und Buchdruck in Bielefeld im 17. und 18. Jahrhundert, Bielefeld 1972, S. 39)

Neben einem breiten Sortiment an Literatur wollte Pfeffer seine Buchhandlung von Beginn an zusätzlich durch ein reichhaltiges Angebot an Lithographien, Stahl- und Kupferstichen sowie Glasfotografien profilieren. So verkaufte die Pfeffersche Buchhandlung bereits kurz nach ihrer Gründung unter anderem Lithografien des Berliner Künstlers Robert Geissler (1819-1893) mit Bielefelder Motiven. Zwischenzeitlich war der Buchhandlung sogar der hauseigene Verlag M. Pfeffer angeschlossen, über den ab 1880 die Publikation der Bielefelder Adressbücher abgewickelt wurde. Da die ebenfalls in die Publikationsreihe involvierte Firma Eilers, die zeitweilig in Kommission von Pfeffer den Druck der Bücher ausgeführt hatte, nach 1906 zusätzlich auch den Verlag für die Adressbücher übernahm, blieb Pfeffers Engagement als Publizist letztlich aber nur ein Intermezzo.

 

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Blick vom Ausflugslokal „Berglust“ am Sparrenberg auf Bielefeld; Lithographie von Robert Geissler (Berlin) aus dem Sortiment der Pfefferschen Buchhandlung (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 12-2-26)

Von langfristiger Bedeutung für die Buchhandlung war hingegen Pfeffers Aufkauf der im März 1866 eröffneten und in der Obernstraße 21 (nach 1880 Obernstraße 40) ansässigen Musikalien-, Kunst- und Instrumentenhandlung des Buchhändlers Rudolf Sulzer am 1. April 1880. Nicht nur konnte die Pfeffersche Buchhandlung nun – neben dem bewährten Sortiment – auch mit Musikalien, Instrumenten und Musikrequisiten werben, sondern diente darüber hinaus zunehmend als Vorverkaufsstelle für Konzerte. Auch privat brachte das Jahr 1880 für Pfeffer Veränderungen mit sich: Mehr als zwei Jahre nach dem Tod seiner ersten Ehefrau im Januar 1878 heiratete er im August 1880 in Gütersloh Auguste Charlotte Pauline „Paula“ Stahl (1850-1927). Als am 1. Oktober 1884 die florierende Pfeffersche Buchhandlung aufgrund des erneut gestiegenen Platzbedarfs ein neues Geschäftslokal in der Obernstraße 36 bezog, zog auch das Ehepaar Pfeffer mit den vier Kindern in das Gebäude an der Obernstraße um, blieb dort allerdings nur für wenige Jahre wohnhaft.

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Die Obernstraße im Jahr 1902. Im Hintergrund links ist das Gebäude Obernstraße 36 mit der Pfefferschen Buchhandlung im Erdgeschoss zu erkennen (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,158/Bildarchiv Hermann Albrecht Insinger, Nr. 139d_4)

Wie sehr die Pfeffersche Buchhandlung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einer festen Institution innerhalb der Bielefelder Kulturlandschaft geworden war, belegt auch ihre lobende Erwähnung in den am 1. Dezember 1900 in der 2. Beilage zum Bielefelder General-Anzeiger publizierten Weihnachtswanderungen: „Auf der Obernstraße laden die Auslagen der Pfefferschen Buchhandlung zu einem Besuche ein. Wie das leuchtet von bunten Farben und glänzenden Titelblättern! Das Lager ist wohl assortiert und von dem Bilderbuch für das Jüngste, das über den Anblick eines Elefanten in helles Entzücken ausbricht, bis zu dem Prachtwerk, das auf dem Tisch im Salon einen Ehrenplatz findet, ist alles vertreten.“ Umso weniger verwundert es angesichts dieser Ausführungen, dass das Sortiment der Buchhandlung ein paar Jahre später abermals die räumlichen Kapazitäten des Geschäftslokals überstieg und ein erneuter Umzug notwendig wurde. Bei der Suche nach einem neuen Standort fiel die Wahl letztlich auf das in der Obernstraße 1 befindliche Crüwellhaus, in das die Pfeffersche Buchhandlung am 1. April 1904 einzog.   

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Das Crüwellhaus in der Obernstraße 1 um 1920. Im Erdgeschoss links die Pfeffersche Buchhandlung (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1554-78)

Neue Impulse unter Ernst Rumpe und Gustav Werk  

Die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts waren für die Pfeffersche Buchhandlung nicht nur aufgrund des Umzugs in das Crüwellhaus eine Zeit der Veränderung. So verkaufte Pfeffer seine Buchhandlung nach 36 erfolgreichen Jahren am 1. Juli 1908 an den gebürtig aus dem westfälischen Altena stammenden Buchhändler Ernst Rumpe (1873-1954). Der 34-jährige Rumpe war aufgrund seiner Berufserfahrung, die er in Bonn, Frankfurt am Main, Paris, Dresden, Mailand, Wien und Münster erworben hatte, problemlos in der Lage, nahtlos an die Arbeit seines Vorgängers anzuknüpfen, wobei er zunächst in Münster wohnhaft blieb und erst im Juli 1918 zusammen mit seiner Ehefrau Margarete Rumpe geb. Haarbeck (1877-1963) nach Bielefeld in die Obernstraße 1 zuzog. Moritz Pfeffer, der zuletzt mit seiner Ehefrau in der Hagenbruchstraße 10 wohnhaft war, zog sich ins Privatleben zurück und verstarb am 4. April 1917 in Bielefeld.

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Ernst Rumpe (aus: Gustav Engel, Buchhandel und Buchdruck in Bielefeld im 17. und 18. Jahrhundert, Bielefeld 1972, S. 40)

Rumpes Übernahme brachte der Buchhandlung nicht nur den neuen offiziellen Namen Pfeffer’sche Buch- und Kunsthandlung Ernst Rumpe ein. Vielmehr war der neue Inhaber bestrebt, das kulturelle Angebot der Buchhandlung nochmals zu erweitern. So fanden im Zeitraum von Oktober 1910 bis Januar 1911 unter der Federführung der Pfefferschen Buchhandlung erstmals vier sogenannte Dichterabende im Saal der Gesellschaft Eintracht in der Ritterstraße 37 statt. Den Anfang machte der Schriftsteller Richard Dehmel (1863-1920) am 13. Oktober 1910, ihm folgten der schweizerische Schriftsteller Ernst Zahn (1867-1952) am 4. November 1910 und die österreichisch-deutsche Schriftstellerin und Regisseurin Olga Wohlbrück (1867-1933) am 2. Dezember 1910. Abschluss und Höhepunkt der Veranstaltungsreihe bildete sicherlich die Lesung von Thomas Mann (1875-1955) am 19. Januar 1911. Manns Roman Buddenbrooks, dessen Erfolg seinen Urheber einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht hatte, konnte bereits zum damaligen Zeitpunkt 52 Auflagen vorweisen.

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Anzeige zu den ersten vier Dichterabenden der Pfefferschen Buchhandlung, General-Anzeiger v. 23.9.1910 (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 5)

Angesichts des Endes der ersten Veranstaltungsreihe resümierte der Bielefelder General-Anzeiger: „Nach diesem letzten der Dichterabende darf gesagt werden, daß das ‚Experiment‘ seiner Einführung in Bielefeld durchaus geglückt ist. Wenn auch die Dichter nicht immer die besten Vermittler ihrer eigenen Schöpfungen sind, so ist es doch von hohem Interesse, sie selbst neben diesen Schöpfungen kennen zu lernen.“ Und die Westfälische Zeitung hoffte, dass „der überaus rege Besuch der vier Dichterabende, sowie der reiche Beifall, der den vortragenden Autoren gezollt wurde, […] Herrn Buchhändler Rumpe veranlassen“ werde, „diesem ersten Zyklus von literarischen Abenden […] einen zweiten folgen zu lassen.“ Tatsächlich sollten die Dichterabende in den nachfolgenden Jahren ein fester Bestandteil im Angebot der Pfefferschen Buchhandlung werden.

 

 

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Anzeige zu einem Dichterabend der Pfefferschen Buchhandlung am 28.11.1916 (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 6083)

Eine weitreichende personelle Veränderung für das Geschäft erfolgte wiederum am 1. April 1923, als der gebürtig aus Schildesche stammende Buchhändler Gustav Werk (1895-1986) Teilhaber der Pfefferschen Buchhandlung wurde. Vermutlich wie kein anderer Teilhaber sollte er Ausrichtung und Programm der Buchhandlung prägen. Werk, der bereits während des Ersten Weltkriegs als Lehrling bei Rumpe beschäftigt gewesen war, hatte sich nach Kriegsende zunächst in Hannover betätigt, war allerdings auf Initiative seines früheren Vorgesetzten nach Bielefeld zurückgekehrt. Werk verstand sich nicht nur als Buchhändler, sondern auch als Förderer und Vermittler von Musik, Kunst, Dichtung und Wissenschaft. So war er sowohl Mitinitiator der im September 1920 gegründeten Literarischen Vereinigung, die – gemäß einem Artikel in der Westfälischen Zeitung – „ein Sammelpunkt zur Pflege, Förderung, und Verbreitung der guten Literatur aus Vergangenheit und Gegenwart, sowie der Musik und Kunst sein“ wollte, als auch Mitbegründer des von Musikdirektor Otto Siegl (1896-1978) geleiteten Bielefelder Kammerorchesters, das am 23. September 1931 aus der Taufe gehoben wurde und seinen ersten öffentlichen Auftritt am 21. März 1932 im Rahmen einer „Goethe-Feier“ der Literarischen Vereinigung bestritt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Werk der Pfefferschen Buchhandlung bereits eine eigene Konzertdirektion angegliedert, aufgrund derer die Buchhandlung zunehmend als Veranstalterin von Konzerten in Erscheinung trat. Die Dichterabende waren hingegen im Verlauf der 1920er Jahre zugunsten ähnlicher Veranstaltungen der Literarischen Vereinigung eingestellt worden.

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Titelblatt des Programms für die Kulturabende der Pfefferschen Buchhandlung im Winter 1935/36 (Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 6142a)

Am 15. Oktober 1933 erfolgte dann der vierte Umzug in der Geschichte der Pfefferschen Buchhandlung: Dieses Mal wurde das Geschäftslokal in das Gebäude Am Markt 7 (ab 1951 Alter Markt 7) verlegt. Grundstück und Gebäude waren ein Jahr zuvor von Gustav Werk im Rahmen einer Zwangsversteigerung erworben worden. Somit kehrte die Pfeffersche Buchhandlung in gewisser Weise an ihren Ursprungsort zurück, hatte sich doch die Buchhandlung von Moritz Pfeffer im Juni 1872 ebenfalls unter dieser Adresse befunden. Da das damalige Gebäude an jener Stelle jedoch 1903 einem deutlich größeren Neubau hatte weichen müssen, fanden Rumpe und Werk ganz andere räumliche Kapazitäten vor als ihr Vorgänger 61 Jahre zuvor. Neben den räumlichen Kapazitäten nahm auch die Veranstaltungsaktivität der Buchhandlung zu dieser Zeit neue Ausmaße an: So fand beispielsweise im Winter 1935/36 zum dritten Mal die von Werk und Rumpe organisierte Veranstaltungsreihe der Kulturabende statt, in deren Rahmen unter anderem eine Ausstellung der Künstlerin Sulamith Wülfing (1901-1989), ein Konzert des von der Pianistin Elly Ney (1882-1968) geleiteten Elly-Ney-Trios, ein – von einem Vortrag des Komponisten Paul Hindemith (1895-1963) umrahmter – Kammermusikabend mit der Sängerin Sibylla Plate und dem Geiger und am Stadttheater tätigen Kapellmeister Hans Vogt (1911-1992), sowie ein Konzert des Kammerorchesters des Pianisten Edwin Fischer (1886-1960) geboten wurden. Von der Pfefferschen Buchhandlung organisierte Konzerte dieser Art konnten letztlich bis in die ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs hinein fortgesetzt werden.

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Programm zu einem Sonaten-Abend (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 6054)

Doch schließlich hatte der Zweite Weltkrieg auch für die Pfeffersche Buchhandlung einschneidende Folgen: Beim schweren Luftangriff auf Bielefeld am 30. September 1944 brannten das Geschäftslokal und das dazugehörige Lager am Alten Markt bis auf das Gemäuer vollständig aus. Der später festgestellte Gesamtschaden überstieg den Wert von 100.000 Reichsmark, was die umfängliche Zerstörung des Gebäudes und des Bestandes erahnen lässt. Von der Vernichtung waren auch die Geschäftsunterlagen betroffen. Wenige Tage später wurde die Buchhandlung provisorisch in das Privathaus von Gustav Werk in der Stapenhorststaße 17 verlegt, wo dieser seit Oktober 1930 zusammen mit seiner Ehefrau Elisabeth Werk geb. Krause (1891-1981) wohnhaft war. Dennoch war die Zukunft des zu diesem Zeitpunkt mehr als 70 Jahre alten Unternehmens ungewiss.   

Neuanfang nach Kriegsende

Erst am 1. August 1948 konnte das Geschäft in den alten Räumlichkeiten und in zunächst deutlich bescheidenerem Rahmen wiedereröffnet werden. Bereits vor dem Umzug und direkt nach Kriegsende hatte Gustav Werk damit begonnen, erneut musikalische Veranstaltungen mit namhaften Orchestern und Persönlichkeiten innerhalb des der Buchhandlung angegliederten Konzertbüros zu veranstalten. Der sich schnell einstellende Erfolg und die relativ große Anzahl der Konzerte führten auf städtischer Seite dazu, das Engagement Werks kritisch zu beäugen. Man fürchtete um die Attraktivität eigener Veranstaltungen – vorrangig der Bielefelder Philharmoniker – und die damit verbundene Verminderung der Besucherzahlen, da Interessierte alleine schon aus quantitativen Gründen nun unter mehreren Anbietern auswählen konnten. Da die Besucherzahlen des heimischen Orchesters ab 1948 tatsächlich zurückgingen, setzten der Kulturdezernent Paul Jagenburg (1889-1975) und der Kulturausschuss eine Reduzierung von „Gastkonzerten“ durch. So durften 1950 in Bielefeld insgesamt nur noch vier davon veranstaltet werden, wovon drei in der Verantwortung der Pfefferschen Buchhandlung lagen. Andreas Bootz berichtet davon, dass selbst Viktoria Steinbiß (1892-1971) als Fraktionsvorsitzende der CDU im Stadtrat gegen das „Konzertmonopol“ der Stadt intervenierte – ohne Erfolg.

Die Position der heimischen Verwaltung blieb auch bestehen, als Gustav Werk im Herbst 1951 ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler (1886-1954) in der Rudolf-Oetker-Halle realisieren konnte. Da es sich aber bereits um das vierte Konzert des Pfefferschen Konzertbüros gehandelt hätte, lehnten die zuständigen Gremien ab. Das wiederum führte zu breiter Kritik, diesmal auch über die Presse verbreitet. Mit steigenden Besucherzahlen bei den Bielefelder Philharmonikern wurden die politischen Vorgaben aber zunehmend weniger restriktiv und die Meisterkonzerte sowie diverse Kammer- und Solokonzerte der Pfefferschen Buchhandlung entwickelten sich zum festen Teil der Bielefelder Kulturszene. Die Westfälische Zeitung berichtete 1956, dass viele auswärtige Besucher die Stadt am Teutoburger Wald aufsuchten, um Künstler wie Dietrich Fischer-Dieskau (1925-2012) und Wilhelm Kempff (1895-1991), sowie Institutionen wie das Leipziger Gewandhausorchester unter der Leitung von Franz Konwitschny (1901-1962) bei ihren Auftritten in der meistens vollbelegten Rudolf-Oetker-Halle zu hören.

Die endgültige Anerkennung fand das Schaffen Gustav Werks 1975 durch die Verleihung des Bielefelder Kulturpreises, der ihm und dem Biologen Rolf Dircksen (1907-1983) gemeinsam von Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl (1914-1993) überreicht wurde. In der Urkunde zu der Verleihung am 20. April wurde auf die „beispiellose Initiative“ und den „persönlichen Einsatz“ Bezug genommen. Werk habe „seit über 50 Jahren das kulturelle Leben in Bielefeld in außergewöhnlichem Maße bereichert.“

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Gustav Werk (Mitte) erhält zusammen mit Rolf Dircksen (links) von OB Herbert Hinnendahl den Kulturpreis der Stadt Bielefeld (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,96/NL Herbert Hinnendahl, Nr. 63)

Neben dem vorrangig musikalischen Engagement des begeisterten Laiencellisten Gustav Werk lief der Verkauf von Büchern im Geschäftshaus am Alten Markt weiter. Am 10. März 1957 war Ernst Rumpe verstorben, sodass Werk zunächst als alleiniger Inhaber fungierte. 1963 nahm er den in Hannover ausgebildeten und in Frankfurt tätigen Buchhändler Eberhard Hensel (1920-1995), einer „Institution des bibliophilen Wissens“, als weiteren Teilhaber auf. Der Buchbestand einer „klassischen“ Buchhandlung wurde durch ein Antiquariat erweitert, in dem alte und seltene Werke gehandelt wurden. Mit einem Reisebüro und der Westfälischen Zeitung entwarf man ein Abonnementprogramm mit dem Titel Schöne weite Welt, bei dem die Besucherinnen und Besucher einmal monatlich verschiedene Referenten mit Reiseberichten bzw. Referaten aus und zu diversen Regionen hören und die dazugehörigen Farblichtbilder anschauen konnten. Ein Publikumsmagnet ganz besonderer Art war die Buchhandlung am 4. Juni 1966: Die Tochter des letzten deutschen Kaisers Viktoria Luise von Preußen (1892-1980) signierte in den Geschäftsräumen ihre unter dem Titel Ein Leben als Tochter des Kaisers erschienenen Memoiren. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Betrachtungsweise des Kaiserreichs und der Vergangenheit im nationalsozialistischen Deutschland fand weder vor Ort noch in der affirmativ formulierenden heimischen Presse statt.

1972 konnte der Buchladen anlässlich seines 100-jährigen Bestehens das Jubiläum feiern. Zu diesem Anlass wurde am 8. Juni 1972 ein Festakt in der einige Jahre zuvor errichteten Kunsthalle veranstaltet, bei dem unter anderem Oberbürgermeister Hinnendahl eine Festrede hielt und die Bedeutung der Pfefferschen Buchhandlung für die Stadt deutlich hervorhob. Zusätzlich übergab er im Auftrag des Stadtrats den Eigentümern der Buchhandlung den Leineweber in Bronze. Höhepunkt der Festivitäten und eigentliche Attraktion des Jubiläums waren aber die in der Tradition der „wandernden Bachfeste“ stehenden und von Gustav Werk organisierten Bach-Tage, die, beginnend mit der Veranstaltung in der Kunsthalle, bis zum 12. Juni gingen und mit Unterstützung der Neuen Bachgesellschaft durchgeführt wurden. Neben vielen Symphoniekonzerten und sonstigen musikalischen Darbietungen wurden auch zwei konfessionsgebundene Gottesdienste abgehalten. Für die Protestanten hielt der aus dem „Kirchenkampf“ bekannte hannoverische Landesbischof Hanns Lilje (1899-1977) die Predigt in der Altstädter Nicolaikirche. In der St.-Jodokus-Kirche sprach der katholische Geistliche Johannes Overath (1913-2002). Der heimische Musikverein war an der Organisation nicht beteiligt, was seitens des Vereins mit einem gewissen Befremden aufgenommen wurde, wie eine entsprechende Notiz in den einschlägigen Akten zeigt.

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Flyer der Bachtage anlässlich des Jubiläums (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 270,9/Musikverein, Nr. 34)

Nach dem Tod Gustav Werks am 5. Dezember 1986 wurden Eberhard Hensel und seine Ehefrau Marianne alleinige Inhaber der Buchhandlung. Nachdem auch Eberhard Hensel 1995 verstorben war, führte Marianne Hensel den Geschäftsbetrieb noch einige Jahre alleine weiter, bis sie den Betrieb im Januar 2004 aus Altersgründen schließen musste. In das Gebäude, das bereits 1991 von der Erbengemeinschaft Werk an einen Investor verkauft worden war, zog ein Restaurant. Damit war die zu diesem Zeitpunkt älteste Buchhandlung der Stadt endgültig Geschichte. Im Gedächtnis bleibt sie nicht nur wegen ihres großen, von Belletristik bis hin zu wissenschaftlichen Bänden reichenden Literatursortiments, sondern vor allem wegen des großen positiven Einflusses auf das Angebot für klassische Musik im Bielefeld des 20. Jahrhunderts. 

 

 

 

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,5/Presse- und Verkehrsamt, Nr. 115
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 100-1877-1, Nr. 300-1878-1, Nr. 300-1917-2, Nr. 300-1927-1, Nr. 300-1957-1 u. Nr. 304-1986
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18, Nr. 19, Nr. 20, Nr. 58, Nr. 1499 u. Nr. 1527
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,001/Kulturdezernat Nr. 3, 5, 289
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,005/Ausgleichsamt, Nr. 13119
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,96/Nachlass Herbert Hinnendahl, Nr. 63
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,158/Bildarchiv Hermann Albrecht Insinger, Nr. 139
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 270,009/Musikverein, Nr. 34
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 5, Nr. 6, Nr. 32, Nr. 41, Nr. 49, Nr. 50 u. Nr. 54
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-44, Nr. 11-45, Nr. 11-1554 u. Nr. 12-2
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 6054, Nr. 6083 u. Nr. 6142
  • Landesgeschichtliche Bibliothek, Adressbuch 1873, 1876, 1880, 1884, 1900/01, 1902/03, 1904/05 u. 1909

 

Literatur

  • Andreas Bootz, Kultur in Bielefeld 1945-1960, Bielefeld 1993, S. 136-139 
  • Gustav Engel, Buchhandel und Buchdruck in Bielefeld im 17. und 18. Jahrhundert. Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Pfefferschen Buchhandlung, Bielefeld 1972

 

 

Erstveröffentlichung: 01.06.2022

Hinweis zur Zitation:
Vohwinkel, Andreas Martin; Henschel, Helmut, 1. Juni 1872: Gründung der Pfefferschen Buchhandlung, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2022/06/01/01062022/, Bielefeld 2022

Ein Kommentar zu „1. Juni 1872: Gründung der Pfefferschen Buchhandlung

  1. Grüß Sie, Herr Vohwinkel –

    danke für Ihre freundliche Antwort! Der aufmerksame Jochen Rath hat sich bereits meiner Anfrage hilfreich angenommen.

    Beste Grüße

    H.Schulze-Kämper

    >

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