27. September 1881: Der Leiter des Kunsthauses Dr. Heinrich Karl Wilhelm Becker wird geboren

• Judith Günther, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek •

 

„Man sagt: Männer machen Geschichte. Dr. Heinrich Becker […] hat in Bielefeld Kunstgeschichte gemacht.“ Dieses Zitat aus der Westfälischen Zeitung vom 6. November 1961 beschreibt sehr treffend die Verdienste von Becker für die Stadt Bielefeld. Mit großem Eifer widmete er sich der modernen Kunst und legte die Grundsteine für das heutige Kunstleben. Trotz Rückschlägen während der Zeit des Nationalsozialismus hat er sein Bemühen nie aufgegeben. Und nicht nur der Bildenden Kunst war er zugetan, auch in anderen Bereichen engagierte er sich und leistete viel.

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Porträt von Heinrich Becker, gezeichnet von Wassilij Barssoff, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 329

Am 27. September 1881 wurde Becker in Braunschweig geboren und besuchte dort die Schule. Nach seinem Abschluss am Herzoglichen Realgymnasium 1901 zog es ihn nach Leipzig und Göttingen, um Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Literatur und Kunstgeschichte zu studieren. Vier Jahre später promovierte er über „Die Auffassung der Jungfrau Maria in der altfranzösischen Literatur“ und wurde Doktor der Philosophie. Im selben Jahr legte er auch die Prüfung für das höhere Lehramt ab. Bevor er 1908 in Bielefeld an der Städtischen Oberrealschule (später Helmholtz-Gymnasium) Lehrer wurde, unterrichtete er in Wernigerode, Halle an der Saale, Clermont-Ferrand (Frankreich) und Quedlinburg. Dr. Rudolf Reese (1862-1930), Direktor der Städtischen Oberrealschule schlug, zusammen mit dem Vorstand der Schule, Becker für die Besetzung der freien Stelle vor. Die Rückmeldungen der früheren Schulen Beckers waren positiv. Aus Wernigerode schrieb Dr. A. Jordan: „Als Lehrer ist er entschieden zu empfehlen.“ Und Dr. F. Freuersdorff vom Stadtgymnasium Halle meldete: „Er hat mir nicht übel gefallen, natürlich war er noch unausgebildet, aber es war zu hoffen, dass er ein brauchbarer Lehrer sein würde […] Persönlich war er sehr gut zu leiden, freundlich und sanft in seinem Betragen.“ So wurde Becker in Bielefeld als Lehrer für die Fächer Deutsch, Französisch, Englisch und später auch Kunstgeschichte eingestellt. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer arbeitete er außerdem als Fachleiter für französische und deutsche Kunstgeschichte am Bielefelder Pädagogischen Seminar. Bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand 1947 lehrte Becker am Helmholtz-Gymnasium, danach war er noch zwei weitere Jahre ehrenamtlich dort tätig. Er wurde sowohl von den Kollegen, als auch von den Schülern und Eltern sehr geschätzt.

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Das Helmholtz-Gymnasium, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 24-211-32

Neben seiner Arbeit als Lehrer engagierte sich Becker intensiv für das Kunstleben, vor allem interessierte ihn die moderne Kunst. Als er 1908 nach Bielefeld kam, steckte die Stadt, was die Kunst betraf, aber noch in den Kinderschuhen. Rückblickend erinnerte Becker sich, dass „Künstler und ernsthafte Kunstfreunde […] selten [waren] und ohne Bedeutung für das kulturelle Leben der Stadt“. Eine Ausnahme stellte der Kunstsalon von Otto Fischer (1879-1927) an der Obernstraße dar. Neben den Ausstellungen, die Fischer organisierte, betätigte er sich auch als Kunsthändler. Hier bekam Becker stets neue Anregungen und Impulse. „In Otto Fischer fand ich einen Mann, dem in seiner begeisterten künstlerischen Haltung beizuspringen mir ein unüberhörbarer Auftrag erschien“. Diesen „Auftrag“ erfüllte Becker mit großem Eifer. 1921 wurde die „Pflegschaft der ständigen Kunstausstellung im Städtischen Museum“ gegründet, deren Vorsitzender der Stadtbaurat und Kulturdezernent Friedrich Schultz (1876-1945) war. Die Mitglieder in dieser Pflegschaft waren Mitarbeiter der Stadt sowie Künstler und Kunstinteressierte. Becker übernahm ehrenamtlich die Planung und Durchführung der Ausstellungen, welche zunächst in der alten Kaselowsky-Villa an der Koblenzer Straße 1 (heute Artur-Ladebeck-Straße) stattfanden, wo die Stadt einen Raum zur Verfügung stellte. Nachdem zu Beginn den lokalen Künstlern die Möglichkeit gegeben wurde, ihre Werke auszustellen, folgen auch Auswärtige. Die Bielefelder Bevölkerung bekam so die Möglichkeit, die ganze Vielfalt der modernen Kunst zu erleben. Unter Ihnen waren zum Beispiel Peter August Böckstiegel (1889-1951), Karl Muggly (1884-1957), Käthe Kollwitz (1867-1945) und Emil Nolde (1867-1956). Zu vielen Künstler pflegte Becker einen freundschaftlichen Kontakt, der über seine Aufgabe als Leiter der Kunstausstellungen hinausging.

Ganz neue Möglichkeiten für seine Arbeit bekam Becker 1927, als mit dem Umzug an die Hindenburgstraße (heute Alfred-Bozi-Straße) das „Städtische Kunsthaus in Bielefeld“ geboren wurde. Das ehemalige Haus des Kommerzienrats August Tiemann (1852-1921) bot ausreichend Platz für Ausstellungen, aber auch für die Verwaltung und Lagerung der Werke. Becker wurde ehrenamtlicher Leiter der neuen Einrichtung. Der Raum für größere und anspruchsvollere Ausstellungen war nun vorhanden, allerdings fehlte es der Stadt an dem nötigen Geld, um diese Ausstellungen auch zu verwirklichen. Aus diesem Grund wurde der „Freundeskreis des Bielefelder Kunsthauses“ ins Leben gerufen, zu deren Gründungsmitgliedern Becker gehörte. Er war als Schriftführer tätig und prägte diesen Verein, zusammen mit Fischer, in hohem Maße. Der „Freundeskreis“ hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Ausstellungen finanziell zu unterstützen und Werke für das Kunsthaus zu erstehen. So verdankten es die Bielefelder Bürger dem Verein, Ausstellungen von bekannten Künstlern wie Franz Marc (1880-1916), Edvard Munch (1863-1944) und August Macke (1887-1914) besuchen zu können. Aber auch die lokalen Künstler und der künstlerische Nachwuchs vor allem der Moderne (Rote Erde Bielefeld, „Der Wurf“) bekamen weiterhin Raum für ihre Werke, die gezeigt und angekauft wurden. In den Jahren 1921 bis 1933 organisierte Becker mehr als 80 Ausstellungen. Eine weitere Aufgabe von Becker war es, erstmalig den Kunstbesitz der Stadt zu sichten und zu katalogisieren. Diese Arbeit erforderte Zeit, da sich die Kunstwerke in verschiedenen Büros des Rathauses und auch im Theater „versteckten“.

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Das Kunsthaus an der Hindenburgstraße, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-26-25

Der Arbeit von Becker wurde 1933 ein vorläufiges Ende gesetzt. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten galt die moderne Kunst bald als „entartet“ und auch in Bielefeld wird Stimmung gegen die „undeutsche“ Kunst gemacht. Da es gerade diese Kunst war, der Becker sich verschrieben hatte, zwangen ihn die „braunen Kunstignoranten“, wie sie 1965 in der Zeitung genannt werden, seine Stelle als Leiter des Kunsthauses abzugeben. Ganz im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie kritisierte Dr. Eduard Schoneweg (1886-1969), zu dieser Zeit Direktor des Städtischen Museums, die Arbeit von Becker. An Bürgermeister Fritz Budde (1895-1956) schrieb er: „Man wollte bewusst jüdische, bolschewistische Kunst pflegen, man wollte nichts wissen von bodengebundener, nationaler Kunst. Der Erfolg ist der, daß mindestens 50% des Bielefelder Kunstbesitzes jener ‚Kunst‘ angehört, die Adolf Hitler in seinem ‚Kampf‘ geradezu glänzend charakterisiert. Wie recht hat der Mann!“ Ebenso machte auch Kreiskulturwart Karl Wilke seinem Unmut Luft und forderte die Entlassung von Becker. Dass die beiden Parteimitglieder der NSDAP Becker in dieser Form angriffen, mag nicht verwundern. Doch als die Schließung des Kunsthauses zur Debatte stand, wendeten sich auch manche gegen Becker, die vorher noch ohne Probleme mit ihm zusammen gearbeitet hatten. Herman Freudenau (1881-1966), Vorsitzender der Ortsgruppe Bielefelds des Reichsverbandes bildender Künstler Deutschlands, fiel Becker in einem offenen Brief in der Westfälischen Zeitung am 22. Mai 1933 in den Rücken: „ist es besonders notwendig, sie [die Kunst] recht pfleglich zu behandeln. Die Art und Weise in der das bisher geschehen ist, hatte nur sehr bedingt unsere Billigung.“ In der Vergangenheit hatte Freudenau mehrfach im Kunsthaus seine Werke ausgestellt, hielt es unter den gegebenen Umständen aber wohl für klüger, sich von Becker zu distanzieren. Zuspruch erfuhr Becker von Käthe Kollwitz, die bald ebenfalls verfemt wurde. Ende August 1933 schrieb sie an Becker: „Also Ihre Arbeit am Städt. Kunsthaus in Bielefeld ist beendet. Das bedauere ich sehr, denn ich weiß, wie Sie der Sache dienten und mit welcher Liebe Sie sich ihr hingaben. Es ist ein Verlust. Aber diese Zeit muß erst mal vorübergezogen sein und wann wird das sein?“

Beckers Nachfolger wurde Prof. Arnold Rickert (1889-1974), der ein Jahr später von Georg Hengstenberg (1879-1959) abgelöst wurde. Dass Beckers Engagement für die Kunst aber auch zu  dieser Zeit durchaus hoch geschätzt wurde, zeigt ein Brief von Schultz, mit dem Becker zusammen in der „Pflegschaft der ständigen Kunstausstellung im Städtischen Museum“ war: „Sie haben in vorbildlicher Art Ihre ganze Kraft in den Dienst der gemeinnützigen Arbeit gestellt und haben dem Kulturleben der Stadt Bielefeld damit einen ausserordentlich starken Antrieb in den verflossenen Jahren gegeben. Dafür und auch für die stetige Opferbereitschaft danke ich Ihnen von ganzem Herzen“, schrieb er an Becker. Ein Jahr später trat er für Becker ein, als Hengstenberg eine Schreibkraft verwehrt wurde mit dem Hinweis, dass Becker auch keine benötigt hatte. Hengstenbergs Behauptung, Becker hätte die Ausstellungen nur eingekauft und deswegen keine Arbeit gehabt, weist Schultz vehement zurück. Becker habe viel Zeit investiert – im Jahr circa 1.000 Stunden –, um die Ausstellungen u organisieren, bei denen er sich oft um Werke aus Privatbesitz bemühte. Er erledigte ein hohes Maß an Schreibarbeit, benötigte aber keine Schreibkraft, da er „ausserordentlich schnell [arbeitete], weil er sehr gut eingearbeitet war.“ Trotz seiner Entlassung blieb Becker weiterhin Schriftführer des „Freundeskreis des Bielefelder Kunsthauses“. Dieser musste 1933 seinen Namen in „Bielefelder Kunstverein“ ändern und verlor in der folgenden Zeit nicht nur Mitglieder, sondern auch seine Bedeutung in der Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus.

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Brief von Dr. Schoneweg an Bürgermeister Budde, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,2/Hauptamt, Nr. 477

Die Entlassung 1933 sollte aber nicht das Ende von Beckers Arbeit für das Kunsthaus bedeuten. Am 24. Mai 1945 schrieb Oberbürgermeister Josef Niestroj (1903-1957) Becker einen Brief mit der Bitte, wieder die Leitung des Kunsthauses zu übernehmen. Dabei waren die Bedingungen denkbar schlecht. Die Kunstsammlung, die Becker bis 1933 aufgebaut hatte, existierte nicht mehr. 1937 war ein Teil von der „Reichskammer der bildenden Künste“ als „entartet“ eingestuft und beschlagnahmt worden. Darunter befanden sich elf Ölgemälde, 23 Aquarelle und Zeichnungen und mehrere Holzschnitte, Radierungen und Lithographien im Wert von ca. 20.000 Reichsmark. Die Werke wurden nach Berlin gebracht, wo sie verkauft oder verbrannt wurden. Einiges kam auch zur Versteigerung auf eine Auktion in Luzern. Nur zwei Werke kamen später nach Bielefeld zurück, der Rest ist verschollen. Die „nach der Gewalttat von 1937 übriggebliebenen Gemälde und plastischen Werke“ wurden auf Grund des Krieges ausgelagert. Dies erwies sich als großes Glück, da das Kunsthaus bei dem Bombenangriff am 11. Januar 1944 komplett zerstört wurde. Zeichnungen, Aquarelle und Graphiken befanden sich allerdings noch dort. Nur ein Schrank mit graphischen Blättern konnte nach dem Angriff geborgen werden. Als besonders schmerzlich beschrieb Becker den Verlust der Bronzestatue „Najade“ von Georg Kolbe, „der bedeutendsten Plastik, die das Kunsthaus überhaupt besessen hat.“ In diesem Fall gab es aber noch eine glückliche Wendung. Becker hat nach der Zerstörung des Kunsthauses immer wieder im Schutt gegraben, um die „Najade“ doch noch zu finden, allerdings ohne Erfolg. Erst 1949, als die Trümmer beseitigt wurden, fand ein Bauarbeiter die Plastik. Bis auf wenige Kratzer war sie ohne Schaden.

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Inventar der Kunsthalle, gestrichene Werke wurden als „entartet“ beschlagnahmt, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 99

Trotz der schwierigen Umstände – weder Raum noch Mobiliar für Ausstellungen und eine sehr kleine Auswahl an Kunstwerken – übernahm Becker die Leitung des Kunsthauses gerne. Er stellte aber drei Bedingungen: Zum einen sollten das Kunsthaus und das geschichtliche Museum nicht unter einer Leitung zusammengeführt werden, da er fürchtete, dass das Kunsthaus „wie bisher von der Direktion des Heimatmuseums usurpiert“ werde. Damit zusammen hing auch seine zweite Forderung. Er lehnte eine Zusammenarbeit mit Schoneweg unter allen Umständen ab. Als Gründe nannte er Konflikte zwischen ihm und Schoneweg in der Vergangenheit, sowie dessen Rolle in der NS-Zeit, unter der das Kunstleben in Bielefeld gelitten hatte. Als drittes wünschte Becker sich die Unterstützung der Stadt, um diese wieder zum „künstlerischen Mittelpunkt Ostwestfalens“ zu machen. Diese Bedingungen wurden erfüllt und Becker konnte – erneut – an dem Aufbau des Kunsthauses arbeiten. Als erstes machte Becker sich daran, die verbliebenen Kunstwerke zu sichten und neu zu katalogisieren. Dabei fertigte er auch eine Übersicht der Werke an, die die NS-Zeit nicht überstanden hatten. Da dem Kunsthaus keine eigenen Räume zur Verfügung standen, fanden die ersten Ausstellungen in der Rudolf-Oetker-Halle statt. Fünf Jahre währte dieses Provisorium, bis das Kunsthaus 1950 in das Velhagenhaus an der Wertherstraße 3 zog. Neben dem Kunsthaus aktivierte Becker auch den Kunstverein neu. Dieser begann erneut eng mit der Stadt zusammen zu arbeiten und war von Beginn an wieder stark an den Ausstellungen beteiligt. In den vier weiteren Jahren als Leiter kuratierte Becker viele Ausstellungen, die von dem Publikum gut angenommen wurden. Da die Schulen freien Eintritt hatten, nutzen gerade diese die Möglichkeit, ihren Schülern und Schülerinnen die moderne Kunst näher zu bringen. 1953 kamen rund 9.000 Besucher in das Kunsthaus, darunter etwa 4.000 Schüler. Aus Altersgründen verabschiedete Becker sich 1954 als Leiter und übergab sein Amt an Dr. Gustav Vriesen (1912-1960). Weiterhin arbeitete er im Kunstverein, der ihn zum Ehrenmitglied ernannte.

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Heinrich Becker, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-2-8

Im Ruhestand wurde Becker nicht müde, sich mit der Kunst zu beschäftigen. 1964, also im Alter von 82 Jahren, begann Becker die Arbeit an einer umfassenden und einzigartigen Zusammenstellung über die Biografien aller Künstler, die in Bielefeld gelebt und gewirkt hatten. Rund 200 Fragebögen verschickte er zu diesem Zweck an die Künstler selbst oder an deren Hinterbliebenen. Nach einem guten Jahr war sein Werk fertig. Beckers Wunsch, den er im Vorwort äußert, nämlich der „fortlaufend ergänzenden Arbeit“ ist bislang niemand nachgekommen. Seine Verdienste um das Kunstleben machten ihn zu einer geschätzten Persönlichkeit in Bielefeld und darüber hinaus. Anlässlich seines 75. Geburtstags schrieb die Westfälische Zeitung 1956: „Durch seine aufopferungsvolle und segensreiche Arbeit hat er sich ein bleibendes Denkmal gesetzt.“ Seine Arbeit erfuhr außerdem Anerkennung, als ihm am 5. November 1961 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen wurde und fünf Jahre später, am 5. Februar 1966, der Kulturpreis der Stadt Bielefeld. Dies hatte der Rat im Dezember 1965 einstimmig beschlossen. Vorgeschlagen hatten ihn unter anderem Museumsdirektor Dr. Joachim Wolfgang von Moltke (1909-2002) und der Vorsitzende des Kunstvereins, Karl Otto Lorentz (1918-1992). Als einen Grund führte Lorentz an: „Ohne nach Lohn und Anerkennung zu fragen, waren es allein profunde Kenntnis und Liebe zur Sache und zu den Mitmenschen, die ihn befähigten, diese Arbeit zu beginnen und unermüdlich fortzuführen.“ Becker habe die „Keime“ gelegt, aus der sich das Kunstleben entwickelt hatte. Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl (1914-1993) überreichte Becker unter großem Beifall die Auszeichnung im Theater am Alten Markt und stellte anerkennend fest, dass Becker „die künstlerischen Zusammenhänge aus persönlicher Sicht besser als irgendjemand in unserer Stadt“ kennen würde. Anlässlich der Verleihung trug Becker sich außerdem in das Goldene Buch der Stadt Bielefeld ein.

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Eintrag Heinrich Beckers im Goldenen Buch, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handschriften, gebunden, Nr. 193

Auch wenn Becker hauptsächlich mit seiner Arbeit für die bildende Kunst in Verbindung gebracht wird, so hat er sich darüber hinaus auch an anderen Stellen engagiert. Er war Mitglied bei der Volksbühne und schrieb für deren Programmhefte viele Beiträge, als Sänger unterstützte er den Musikverein. Stets hegte er eine große Liebe zu Frankreich und der französischen Kultur, unternahm viele Reisen in das Nachbarland und arbeitete auch einige Zeit dort. Seine Frau Martha geb. Preuß, die er 1910 heiratete, hatte er in Clermont-Ferrand kennengelernt. So war es ihm ein Anliegen, die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich zu vertiefen. Die Deutsch-Französische-Gesellschaft, die er mit gründete und deren Vorsitzender er war, verfolgte eben dieses Ziel. Durch jenen Einsatz und auch wegen seiner Bemühungen um die französischen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs wurde er am 17. November 1964 zum „Chevalier de l’ordre des Palmes Académiques“ (Ritter des akademischen Palmenordens) ernannt. Diese Würdigung war „Zeugnis der tiefen Dankbarkeit der französischen Regierung“, sagte Jean Herly (1920-1998), Französischer Generalkonsul, der die Verleihung vornahm.

Über 60 Jahre hatte Becker in Bielefeld gelebt und gewirkt, hatte der modernen Kunst ein Fundament bereitet und sie gepflegt. Bis zum Schluss nahm er regen Anteil am Leben. Kurz vor seinem 91. Geburtstag, am 26. September 1972, starb Becker und wurde auf dem Johannisfriedhof beigesetzt. Eine Ausstellung zu seinen Ehren wurde zum 100. Jahrestag seiner Geburt veranstaltet. In seiner Ansprache sagte der Leiter der Kunsthalle, Ulrich Weisner (1936-1994): „Becker war noch geprägt von der Leidenschaft des Pioniers, der sich zum Ziel gesetzt hatte, mit einer kleinen Schar Gleichgesinnter den Funken der lebendigen jungen Kunst in seine Heimatstadt hineinzutragen.“ Dies war Dr. Heinrich Becker ohne Zweifel gelungen.

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,2/Hauptamt, Nr. 477: Museumsdirektor Dr. Schoneweg an Bürgermeister Budde wegen Zusammenlegung von Kunsthaus und Museum, 1933
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. B 18: Personalakte Dr. Heinrich Becker
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,4/Kunsthalle, Nr. 520: Verwaltung, 1945-1949
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 99: Städtisches Kunsthaus: Organisatorisches, Ausstellungsbetrieb u. a., 1928-1944
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 140/Protokolle, Nr. 211 m: Niederschrift des Sitzung des Rates der Stadt Bielefeld v. 15.12.1965
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handschriften, gebunden, Nr. 193: Goldenes Buch der Stadt Bielefeld, 1963-1998
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 22, 27, 46 und 48
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-26, 24-211 und 61-2
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 329

 

Literatur

  • Beaugrand, Andreas/Christian Stiesch, „Die Kunst ist lange bildend ehe sie schön ist“: Der Bielefelder Kunstverein, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld – Tradition und Fortschritt in der ostwestfälischen Metropole, Bielefeld 1996, S. 192-203
  • Becker, Heinrich, Bielefelder Künstlerbiographien: ein Nachschlagewerk, Bielefeld 1965
  • Franz, Erich, Zum Wirken Dr. Heinrich Beckers in Bielefeld, in: ders. (Bearb.), Heinrich Becker zum 100. Geburtstag – Ausstellung der Kunsthalle Bielefeld und des Bielefelder Kunstvereins e.V. im Kulturhistorischen Museum Bielefeld, Bielefeld 1981
  • Hülsewig-Johnen, Jutta, Moderne Kunst in Bielefeld: Otto Fischer und Heinrich Becker, in: Sophie Reinhardt (Hg.), Avantgarden in Westfalen? Die Moderne in der Provinz 1902-1933, Münster 1999, S. 41-48
  • Ders., Vom Kunsthaus zur Kunsthalle: Kurze Geschichte der Kunsthalle Bielefeld, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld 1214-2014, Bielefeld 2013, S. 672-697
  • Juranek, Christian, Heinrich Becker. Innovativer Museumsleiter in Bielefeld, in: Unerhörtes Abenteuer im Irgendwo, Quedlinburg 2006, S. 38-40
  • Städtisches Museum Bielefeld (Hg.), Käthe Kollwitz an Dr. Heinrich Becker – Briefe, Bielefeld 1967
  • Thiel, Thomas, Zeitgenössische Kunst in Bielefeld seit 1929 – Bielefelder Kunstverein, in: in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld 1214-2014, Bielefeld 2013, S. 594-547
  • Wagner, Bernd, Kulturpolitik unterm Hakenkreuz: Kunstausstellungen in Bielefelder Museen zwischen 1933 und 1945, in: Ravensberger Blätter 2002, Heft 2, S. 26-39
  • Weisner, Ulrich, Richard-Kaselowsky-Haus der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1968
  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Band 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005

 

Erstveröffentlichung:  01.09.2016

Hinweis zur Zitation:
Günther, Judith, 27. September 1881: Der Leiter des Kunsthauses Dr. Heinrich Karl Wilhelm Becker wird geboren, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2016/09/01/01092016, Bielefeld 2016

 

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