15. März 1946: Die Westfalen-Zeitung (später Westfalen-Blatt) erscheint als die erste unabhängige Tageszeitung nach 1945

• Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

 

„Mit dem heutigen Tage […] übergeben wir die erste Nummer der Westfalen-Zeitung der Öffentlichkeit. In diesen Märztagen sind in der britischen Zone eine Anzahl von Zeitungen erschienen oder werden in Kürze erscheinen, die als deutsche Zeitungen berufen sind, zu ihrem Teil an der künftigen politischen Willensbildung unseres Volkes verantwortlich mitzuarbeiten. Eine neue Phase auf dem Weg zur Selbständigkeit der deutschen Presse ist damit erreicht.“ In einem mit großem Pathos geschriebenen Leitartikel stellten die Herausgeber am 15. März 1946 die programmatische Zielsetzung der „WZ“ vor. Wenige Tage zuvor hatte die britische Militärverwaltung den Verlegern Alfred Hausknecht (1891-1958) und Prof. Dr. Dieter Lauenstein (1914-1990) eine für die Herausgabe von Tageszeitungen notwendige Lizenz erteilt. Die Vorgaben der Besatzungsbehörde waren unmissverständlich: Zeitungen war die Verbreitung von nationalsozialistischem Gedankengut verboten, sie durften nicht rassistisch sein und sollten das demokratische politische Spektrum abbilden. Die „blutige Dämonie des Hitlerismus“, die zwölf Jahre lang Deutschland und seit 1939 die Welt ins Unheil gestürzt hätten, waren für die Herausgeber der WZ ein Beweis dafür, dass „die Abkehr von den ewigen Gesetzen Gottes ins Verderben führt.“ Vor diesem Hintergrund kündigten sie an, jene demokratischen Kräfte unterstützen zu wollen, „die aus dem persönlichen Erleben des Christentums eine kulturelle und soziale Verpflichtung gegenüber der Menschheit ableiten.“

Die erste Ausgabe der Westfalen Zeitung erschien am 15. März 1946. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Westfalen-Zeitung/Westfalen-Blatt

Der Verleger Alfred Hausknecht war in Bielefeld kein Unbekannter. In der Weimarer Republik gehörte er dem Zentrum an, der Partei des politischen Katholizismus, und war von 1929 bis 1933 Mitglied der Bielefelder Stadtverordnetenversammlung. Als er 1920 von Hildesheim nach Bielefeld kam, brachte er mit dem Kaufmann August Rennebohm die katholische Zeitung Der Turm heraus, die bis 1934 das politische Geschehen im Reich und in der Kommune kommentierte. Die einzige katholische Zeitung in der Geschichte Bielefelds, die zumeist als Wochenzeitung erschienen ist, wurde im Mai 1934 eingestellt. Nach der Selbstauflösung des Zentrums am 6. Juli 1933 hatte sich Hausknecht nun auch dem Druck der nationalsozialistischen Machthaber gebeugt. Mit Pathos und Trauer verkündete Hausknecht am 24. Mai 1934 im Turm: „Unsere geistige Verbundenheit […] soll als Leitstern für jeden einzelnen von uns für alle Zukunft das flammende Bekenntnis tragen: Alles für unser deutsches Vaterland und für unsere heilige katholische Kirche! Das sei unser Schwur und unser Abschiedswort.“ Hausknecht versuchte in den folgenden Jahren, seine ökonomische Selbständigkeit durch die Herausgabe von pädagogischen Büchern und der Monatszeitschrift Unitas, eine Zeitschrift der katholischen Studentenvereine, zu sichern, die aber sukzessive verboten wurden. 1944 wurde er zudem aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. 1957 erhielt er im Wiedergutmachungsverfahren für den erlittenen wirtschaftlichen Schaden eine Entschädigung. In der von der britischen Besatzungsbehörde 1945 herausgegebenen Neuen Westfälischen Zeitung, die die im südlichen und östlichen Westfalen gelesen wurde, war Hausknecht bereits wieder als Redakteur tätig. Sein Kompagnon, der in Herford geborene Dieter Lauenstein, hatte von 1934 bis 1939 in Tübingen evangelische und katholische Theologie studiert und war 1943 in Marburg zum Doktor der Theologie promoviert worden. 1944 habilitierte er sich an der Universität Greifswald und erhielt dort einen Lehrauftrag für Indogermanistik. Nach dem Zweiten Weltkrieg besuchte er ein Priesterseminar und wurde im Oktober 1946 zum „Priester der Christengemeinschaft“ geweiht.

Alfred Hausknecht (1891-1958). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-8-6

Die Westfalen-Zeitung erschien nur elf Monate nach der Befreiung Bielefelds, als amerikanische Soldaten am 4. April 1945 das Stadtgebiet erreichten, und zehn Monate nach der Kapitulation des Deutschen Reichs am 8. Mai 1945. Vor dem Hintergrund, dass alliierte Soldaten 1945 beim Überschreiten der Grenzen vor den Deutschen gewarnt wurden und angesichts des apokalyptischen Grauens, das nach der Befreiung der Konzentrationslager sichtbar wurde, war die Lizenzierung einer freien Presse und ein damit verbundener Übergang zur Normalität alles andere als ein selbstverständlicher Vorgang. Wie groß das Misstrauen der alliierten Besatzungsbehörden auch gegen deutsche Zivilisten war, zeigte die sofort eingeführte „Non-Fraternization Policy“, die jeden privaten Kontakt zwischen alliierten Soldaten und Deutschen unter Strafe stellte; freilich zeigte die Realität, dass diese Verbote Kontakte nicht verhindern konnten. Wie sah nun das erste Nachkriegsjahr in Bielefeld aus?

Auf psychische Folgen des Nationalsozialismus und des Krieges kann hier nicht eingegangen werden. Natürlich gab es diese bei fanatisierten Jugendlichen, die statt eines großmäulig propagierten „Endsieges“ nun die Niederlage anerkennen mussten, bei mitgelaufenen und überzeugten Nationalsozialsozialisten, die damit konfrontiert waren, dass ihre Ideologie vor allem für schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich war. Nach den Berichten der Bielefelder Kriminalpolizei gab es aber im gesamten ersten Jahr nach der Kapitulation keine Erkenntnisse darüber, dass Nationalsozialisten sich im Untergrund zusammenrotteten oder gar einen Aufstand vorbereiteten. Und natürlich gab es Traumatisierungen jeglicher Art, die mit direkten oder indirekten Folgen des Krieges zusammenhingen, mit Verletzungen, dem Verlust von Wohnungen, dem Verlust der Heimat, den Tod von Verwandten.

Trümmerbeseitigung auf dem Grundstück der zerstörten Auguste-Viktoria-Schule. Im Hintergrund ist das Rathaus an der Viktoriastraße zu sehen (1945/46). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 92-5-3

Die Nachkriegsjahre werden in der populärwissenschaftlichen Rückschau häufig als eine Zeit beschrieben, in der die Ärmel hochgekrempelt wurden und sogenannte Trümmerfrauen den Schutt des Krieges wegräumten. In Bielefeld waren alle Menschen, die einen Spaten halten konnten, an der Trümmerbeseitigung nach den Luftangriffen beteiligt. Oft freiwillig, nicht selten aber auch von der britischen Besatzungsbehörde dazu gezwungen. Höchste Priorität hatten Bürgersteige und „Fahrdämme“ in der stark zerstörten Altstadt, aber auch die das Hufeisen umgebenden „militärischen Vorrangstraßen und Hauptverkehrsstraßen“. Der Abtransport der Schuttmassen zu einem Ziegeleigelände im Osten der Stadt erfolgte bereits 1945 mit einer Feldbahn, deren Fahrt jedoch oft tagelang unterbrochen wurde. Kraftstoffe für Diesellokomotiven standen gar nicht zur Verfügung und auch an Kohlen, mit denen Dampflokomotiven betrieben wurden, sollte es noch jahrelang mangeln. Im Oktober 1945 waren schon etliche, im Krieg zerstörte Vorflutkanäle, so in Gadderbaum, an der Stapenhorst- und Sudbrackstraße, wieder instandgesetzt, während die Pflasterung von Straßen stockte, weil die Steinbrüche ihre Produktion noch nicht aufgenommen hatten. Im Dezember 1945 waren von den zerstörten oder beschädigten Wohnungen bereits mehr als 2.100 Wohnungen wiederhergestellt, bei weiteren 1.800 instandgesetzten Wohnungen fehlten aber noch die Glasscheiben.

Trümmerbeseitigung am Siekerwall (1945/46). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 92-5-45

Fünf Monate nach der Kapitulation erließ die britische Besatzungsbehörde am 9. Oktober 1945 eine Verfügung, die öffentliche Veranstaltungen wieder erlaubte. Der erste Veranstaltungsort war die „Berglust“ unterhalb der Sparrenburg, in der Liederabende mit Operettenmelodien, aber auch Varieté mit Artistik und humoristischen Beiträgen dargeboten wurden. Wegen der noch geltenden nächtlichen Ausgangssperre mussten die Veranstaltungen spätestens um 21 Uhr enden. Bereits im November wurde in der Rudolf-Oetker-Halle unter anderem Beethovens Oper „Fidelio“ aufgeführt, aber auch die Reformationsfeier der evangelischen Kirche begangen. In den folgenden Wochen kamen außer den mehrmals in der Woche veranstalteten Varietés auch Lesungen, Konzerte und Schauspielaufführungen hinzu, die von den Betreibern des Varieté-Etablissements „Atlantic“, dem Stadttheater und Orchester, der Pfefferschen Buchhandlung und dem Musikhaus Niemeyer veranstaltet wurden. Im Dezember war das Stadttheater am Niederwall wieder bespielbar und das Ratsgymnasium stellte mit seiner Aula einen weiteren Veranstaltungsort zur Verfügung. Für Kinder wurde in der Weihnachtszeit 1945 das Märchen „Dornröschen“ aufgeführt, das wegen der großen Nachfrage noch im Januar 1946 auf dem Programm stand.

In der Spielzeit 1945/46 kostete ein Sperrsitz 4 bis 5 RM. Das entsprach den Wert einer britischen Zigarette auf dem Schwarzmarkt. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 5821

Das Unterhaltungsprogramm war eine willkommene Ablenkung des ansonsten tristen und von vielen Sorgen und Nöten gezeichneten Alltags.  So war die Nahrungsmittelversorgung in weiten Teilen Europas nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengebrochen und konnte nur über Lebensmittelmarken, die die Zuteilungsmengen für Einzelpersonen und Familien begrenzte, gesichert werden. Allerdings gab es keine Garantie, für seine Marke auch etwas zu bekommen. Die prekäre Versorgungslage war auch Inhalt von Schlagern, wie zum Beispiel 1947 in Bully Buhlans (1924-1982) „Kaloriensong“, in dem besungen wurde, dass man nicht mehr isst, sondern Kalorien zu sich nimmt, die allerdings nicht satt machen. So ist in einem Lagebericht der Bielefelder Kriminalinspektion vom 16. Januar 1946 zu lesen: „Die zugewiesenen Lebensmittel reichen nur insoweit als sie zur Erhaltung des menschlichen Lebens unbedingt notwendig sind. Eine weitere Verminderung ist keineswegs möglich, wenn nicht ernste Krankheiten oder gar Unruhen eintreten sollen. Bei vielen Menschen ist bereits eine starke Gewichtsabnahme festgestellt. Die Arbeitskraft des Einzelnen ist schon wesentlich vermindert.“

Um nicht zu hungern, versuchten viele Menschen ihr Glück auf dem Schwarzmarkt. Im Januar 1946 dienten in Bielefeld britische Zigaretten als beliebtes Zahlungsmittel, die für vier bis fünf Reichsmark das Stück verkauft wurden. Auf dem Schwarzmarkt wurde alles gehandelt, lebende Tiere und Fleisch, Kartoffeln, Eier und eingemachte Marmelade von Bauern aus dem Umland. Der mit zum Teil sehr hohen Strafen sanktionierte Schwarzmarkt verlor erst nach der Währungsreform im Juni 1948 an Bedeutung. Außer Nahrungsmittel fehlte im Winter auch Heizmaterial. Da Kohlen kaum zu beschaffen waren, wurde regelmäßig über legale und illegale Holzfällerei berichtet. In Bielefeld waren pro Hektar Wald bis zu 40 Kubikmeter Holzeinschlag erlaubt. Im Januar 1946 waren in den städtischen Anlagen und Forsten von erlaubten 12.000 Kubikmetern bereits 11.000 Kubikmeter geschlagen, weitere 5.000 Kubikmeter waren unerlaubt entnommen worden.

Die Frage, warum die westlichen Besatzungsmächte angesichts der katastrophalen Lage, die durch den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen noch verschärft wurde, die Herausbildung einer unabhängigen Presse forcierten, drängt sich förmlich auf. Diese war Bestandteil der Reeducation der westlichen Alliierten, mit der einerseits über den verbrecherischen Kern des Nationalsozialismus informiert, andererseits aber auch der Weg in eine demokratische Gesellschaft geebnet werden sollte. Dazu gehörten auch politische Parteien, deren Gründung bereits 1945 zunächst auf Kreisebene, bald aber auch für das gesamte britische Kontrollgebiet beantragt werden konnten. Voraussetzung für eine Lizenz war, dass die Parteien kein nazistisches Gedankengut vertraten, nicht dem Militarismus huldigten und keine „benachteiligenden“ Unterschiede aufgrund von Rasse, Farbe, Religion oder Staatsangehörigkeit machten. In Bielefeld erhielten von September 1945 bis April 1946 – in chronologischer Reihenfolge – die KPD, SPD, CDU und FDP die entsprechende Lizenz. Während sich drei Parteien auf ihre Wurzeln in der Weimarer Republik bzw. im Kaiserreich beziehen konnten, handelte es sich bei der CDU um eine Neugründung. Zu ihren ostwestfälischen Gründungsmitgliedern gehörten Hausknecht und Lauenstein, die auch die Lizenz für die Westfalen-Zeitung erhielten. 

Plakat der CDU vom September 1946. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,9/Plakate, Nr. 839

Anders als die Freie Presse, die am 3. April 1946 erstmals erschien und sich als sozialdemokratische Tageszeitung verstand, war die Westfalen-Zeitung kein Parteiorgan, wohl aber eine CDU-nahe und vor allem christlich geprägte Tageszeitung, die sich zwar rechts von der SPD positionierte, nicht aber als eine Zeitung der politischen Rechten gesehen werden wollte. In einem am 22. März 1946 erschienenen Artikel über die CDU setzte sich die WZ mit Geschichte und Gegenwart des politischen Spektrums auseinander: Die Begriffe „Rechts“ und „Links“ seien „unter den Trümmern dieses Krieges, wie manch andere Überlieferung einer verflossenen Epoche, begraben“ worden. So sei auch die CDU keine „Rechtspartei im früheren Sinne dieses Begriffes“, ihre Gründung erfolgte vielmehr „unter bewusster und unbedingter Abkehr von den Irrtümern und Ideologien einer verderblichen Epoche.“ Wie die CDU wolle auch die Westfalen-Zeitung daran mitwirken, „die Demokratie in den Massen zu verwurzeln und eine mit der christlichen Ethik übereinstimmende Gesellschaftsordnung aufzurichten“. Die „Union“ sei „eine neue Partei, die in allen Teilen des Landes entschlossen ist, neue Wege zu gehen, um mitzuhelfen, dem deutschen Volk durch Demokratie und durch vertrauensvolle Wiedereingliederung in die Reihen der friedliebenden Völker seine nationale Zukunft zu sichern.“ Die Westfalen-Zeitung wollte dabei an ihrer Seite stehen.

Die Abgrenzung zur SPD wurde in der ersten Ausgabe der WZ von Hermann Höpker-Aschoff (1883-1954) betont. Der in Herford geborene Jurist war von 1925 bis 1931 preußischer Finanzminister, in der Weimarer Republik Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, nach deren Umbenennung der Deutschen Staatspartei und 1946 ein Gründungsmitglied der FDP. Sein Grußwort, in dem er die englische Verfassung als Vorbild lobte und Gründe für das Scheitern der demokratischen Weimarer Republik nannte, leitete er mit den Sätzen ein: „Man hat mich aufgefordert, für die erste Nummer dieser Zeitung einen kurzen Aufsatz zu schreiben. Ich tue es gern, aber ich gehe dabei von der Voraussetzung aus, dass diese Zeitung nicht das Sprachrohr einer bestimmten Partei ist, dass also in ihr alle Anhänger der Gruppen, die rechts von der Sozialdemokratie stehen, zu Worte kommen sollen. Auf diesem Flügel ist der Aufmarsch noch nicht vollzogen, alles ist in Gärung.“

Artur Ladebeck (1891-1963) war von 1945 bis 1952 und von 1954 bis 1961 Oberbürgermeister von Bielefeld. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-12-36

Die Westfalen-Zeitung nahm ihr Credo, die Demokratie zu fördern, sehr ernst. In ihrer fünften Ausgabe, die am 29. März 1946 erschienen war, veröffentlichte sie einen Artikel des sozialdemokratischen Oberbürgermeisters von Bielefeld, Artur Ladebeck (1891-1963), in dem er für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft warb. Während in der Diktatur die Entscheidungskette von oben nach unten erfolge, würden in der Demokratie grundlegende Entscheidungen in den Gemeinden getroffen werden. Im Anschluss an Max Webers (1864-1920) „Politik als Beruf“ forderte Ladebeck dazu auf, sich politisch einzubringen, sich für die Gemeinde und das Gemeinwohl zu engagieren. Und Weber zitierend führte er aus: „Nur wer sicher ist, dass er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, dass er all dem gegenüber ‚dennoch‘ zu sagen vermag – nur der hat den Beruf zur Politik.“

Im März 1946 war die Westfalen-Zeitung die einzige gedruckte Quelle, die in Bielefeld über den Aufbau demokratischer Strukturen auf lokaler und nationaler Ebene berichtete. Anfangs erschien sie nur zwei Mal in der Woche mit vier bis sechs Seiten, die mit sehr kleinen Buchstaben gedruckt waren, was dem Papiermangel geschuldet war, und kaum Werbung enthielten. Fast in jeder Ausgabe wurde über die Nürnberger Prozesse und damit über die Folgen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft berichtet. Als im April mit der Freien Presse eine zweite Bielefelder Tageszeitung herausgegeben wurden, erschienen die FP und WZ im Wechsel, mal zwei-, mal dreimal in der Woche, sodass an fast jedem Wochentag eine Zeitung gelesen werden konnte. Hinzu kam das kommunistische Volksecho für Westfalen und Lippe, das in Detmold gedruckt wurde und Bielefelder Artikel in einer Rubrik zusammenfasste. Hatte sich noch die Vorgängerzeitung der Freien Presse, die von 1890 bis zu ihrem Verbot im Februar 1933 herausgegebene sozialdemokratische Volkswacht, regelmäßig mit der bürgerlichen Presse Scharmützel geliefert, so findet man diese seit 1946 höchst selten. Wie wichtig die Tageszeitungen waren, zeigte sich bei den ersten freien Wahlen nach dem Untergang des Nationalsozialismus, die Kommunalwahl im Oktober 1946. Bei diesem Wahlkampf unterstützte die Westfalen-Zeitung die CDU, die Freie Presse die SPD und das Volksecho die KPD mit Artikeln und Werbung und wiesen die politischen Konkurrenten in die Schranken. Diese Positionierung war letztlich von der britischen Besatzungsbehörde gewollt, die bei der Lizensierung der Zeitungen das demokratische politische Spektrum abbilden wollte. Wie wichtig Tageszeitungen 1946 waren, zeigte das Ergebnis der Kommunalwahl in Bielefeld. Nur die Parteien, die eine verlässliche Zeitung an ihrer Seite hatten, konnten Ratsmandate gewinnen. Während SPD, CDU und KPD den ersten Stadtrat bildeten, blieb die FDP draußen vor.

Das Hauptgebäude der Freien Presse mit dem 1953 in Betrieb genommen neuen Druckhaus an der Karl-Eilers-Straße. 1946 war die Druckerei noch im Hauptgebäude an der Arndtstraße (1953). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-281-21

Die Positionierung der CDU-nahen Westfalen-Zeitung und der SPD-eigenen Freien Presse löste aber dennoch einen Konflikt aus. Hintergrund war zum einen die gemeinsam genutzte Druckerei, zum anderen die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen am 17. Oktober 1948. Bei der Druckerei handelte es sich um die Druckerei der sozialdemokratischen Volkswacht, die 1933 von den Nazis beschlagnahmt worden war. In Verhandlungen mit der britischen Besatzungsbehörde erreichten die Sozialdemokraten Artur Ladebeck, Carl Severing (1875-1952) und Emil Gross (1904-1967) bereits im Oktober 1945 die „treuhänderische Rückgabe des Volkswacht-Gebäudes“, in dem sich auch die Druckerei befand. Weil diese nach dem Zweiten Weltkrieg die einzige funktionsfähige Druckerei in Bielefeld war, ordnete die Besatzungsbehörde an, dass beide Tageszeitungen dort gedruckt werden mussten. Bereits im Vorfeld der Kommunalwahl beklagten die Herausgeber der Westfalen-Zeitung über „Unstimmigkeiten“ und Verspätungen bei der Produktion. Zu einem regelrechten Eklat kam es am 15. Oktober 1948, also zwei Tage vor der Wahl: Die zumeist SPD-nahen Drucker weigerten sich, „die Ausgabe der Westfalen-Zeitung herzustellen.“ Wie Gerd Meier feststellt, waren den Arbeitern die „Wahlaufrufe für die CDU […] ein Dorn im Auge.“ Und sie konnten sich auch auf Carl Severing berufen, der es nicht verstehen wollte, dass in einer SPD-Druckerei für die CDU geworben wurde. Gerd Meier berichtet: „Die Briten, vom Verlag der Westfalen-Zeitung alarmiert, warfen ihre Autorität in die Waagschale, setzten die Leitung der Freien Presse unter Druck, um die Fertigstellung, wenn auch verspätet, durchzusetzen. Dies war zugleich der einzige Vorfall, bei dem sich die Briten genötigt sahen, ihre Machtposition zu demonstrieren. Zwei Offiziere und zwei scharfe Hunde sollten den Druckern eine Warnung sein.“

Auch die Herausgeber der Westfalen-Zeitung waren gewarnt. Um unabhängig produzieren zu können, richtete sich ihr Fokus auf den Betrieb einer eigenen Druckerei. Im Oktober 1950 gelang der Kauf einer Rotationsmaschine, die anfangs in einer ehemaligen Autowerkstatt in der Hermannstraße aufgestellt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hieß die Westfalen-Zeitung bereits Westfalen-Blatt. Hintergrund war die Herausgabe der Westfälischen Zeitung seit dem 22. Oktober 1949. Da diese Zeitung mit den Westfälischen Neuesten Nachrichten bis 1945 zur gleichgeschalteten nationalsozialistischen Presse in Bielefeld gehörte, war 1946 eine Lizenz ausgeschlossen. Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland war aber eine Lizenz nicht mehr nötig. Da das Akronym „WZ“ nun wieder von der ältesten Bielefelder Tageszeitung besetzt wurde, blieb der Westfalen-Zeitung nur die Umbenennung, um nicht verwechselt zu werden.

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Die Westfalen-Blatt-Werbeflotte vor dem Redaktionsgebäude in der Sudbrackstraße; Foto: Eduard Heidmann, 1963; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1982-009.

75 Jahre nach der Gründung der Westfalen-Zeitung hat sich die Presselandschaft in Bielefeld verändert. 1967 fusionierten die sozialdemokratische Freie Presse und die „bürgerliche“ Westfälische Zeitung, was bei führenden Genossen wie der Landrätin Else Zimmermann (1907-1995) zunächst auf heftige Kritik stieß. Alleinige Eigentümerin der Neuen Westfälischen, wie die Zeitung seit 1967 heißt, ist die Presse Druck GmbH, die zu 100 Prozent der SPD-Medienholding „Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft“ gehört. Das Westfalen-Blatt, das jahrzehntelang zum Verlag von Carl Wilhelm Busse (1914-2001) gehörte, hat sich 2019 der „Westfälische Medien Holding AG“ angeschlossen, die zur Unternehmensgruppe Aschendorff gehört. Seit Jahren wird der Zeitungsmarkt von einem dramatischen Existenzkampf bedroht. Neue, vor allem digitale Medien, aber auch ein verändertes Leseverhalten haben die Auflagen der Zeitungen in ganz Deutschland sinken und damit auch die Werbeeinnahmen einbrechen lassen. Um auf dem Markt bestehen zu können, sind auch die Bielefelder Tageszeitungen gegenseitige Kooperationen eingegangen. So gibt es u.a. eine gemeinsame Sportredaktion, deren Artikel in beiden Tageszeitungen zu lesen sind. Die Zukunft der Presse scheint im e-Paper und in Online-Redaktionen zu liegen. Ein weiteres Zeitungssterben ist aber dennoch zu befürchten. Bei allen wirtschaftlichen Zwängen darf aber nicht die Bedeutung einer pluralen Presselandschaft für die Demokratie vergessen werden, wie es die Gründer der Tageszeitungen nach dem Zeiten Weltkrieg vor Augen hatten. Und letztlich auch die Qualität des gedruckten Wortes, das auch ohne Internet in die Hand genommen und gelesen werden kann.    

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Amt für Wiedergutmachung (Stadt), Nr. A 93
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,1/Besatzungsamt, Nr. 10, Bde. 1 und 2
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen; Westfalen Zeitung (1946 ff), Freie Presse (1946 ff), Volksecho (1946 ff), Der Turm (1934)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-281-21,11-1982-009, 61-8-6, 61,12-36, 92-5-3, 92-5-45
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,9/Plakate, Nr. 839
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 5821

Literatur

  • Andreas Bootz, Kultur in Bielefeld 1945-1960, Bielefeld 1993 [Landesgeschichtliche Bibliothek: J 10/184]
  • Andreas Bootz, Kulturpolitik in Bielefeld, in: Andreas Beaugrand (Hrsg.), Stadtbuch Bielefeld. Tradition und Fortschritt in der ostwestfälischen Metropole, Bielefeld 1996, S. 368-375 [Landesgeschichtliche Bibliothek: N150.35/151]
  • Heinz-Dieter Fischer, CDU-nahe Lizenzzeitungen (III): Westfalen-Blatt, in: Communicatio Socialis 2 (1969), S. 230-234 [https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/0010-3497-1969-3-230/cdu-nahe-lizenzzeitungen-iii-westfalen-blatt-jahrgang-2-1969-heft-3]
  • Gerd Meier, Zwischen Milieu und Markt. Tageszeitungen in Ostwestfalen 1920-1970, Paderborn 1999 [Landesgeschichtliche Bibliothek: J 45/184]
  • Neue Westfälische (Hrsg.), Der Hungerwinter 1946/47 in Ostwestfalen-Lippe. Wie wir Eiseskälte und Hunger trotzten. Zeitzeugen berichten, Bielefeld 2016 [Landesgeschichtliche Bibliothek: G 500/437]
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005 [Landesgeschichtliche Bibliothek: G 405/104.3]
  • Bernd J. Wagner: 90 Jahre Volkswacht-Gebäude in Bielefeld (1912-2002), in: Der Seher. Hommage à Laokoon. 90 Jahre Volkswachtgebäude, hrsg. v. Initiativkreis Kunst im öffentlichen Raum, Bielefeld 2002, S. 10-48[Landesgeschichtliche Bibliothek: K 130/96]
  • Bernd J. Wagner, Demokratie wagen, in: Viertel. Zeitung für Stadtteilkultur und mehr, 41/2019, S. 7. [Landesgeschichtliche Bibliothek: Z 40 Bie 172]

 

 

Erstveröffentlichung: 01.03.2021

Hinweis zur Zitation:
Wagner, Bernd J., 15. März 1946: Die Westfalen-Zeitung (später Westfalen-Blatt) erscheint als die erste unabhängige Tageszeitung nach 1945, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2021/03/01/01032021/, Bielefeld 2021

 

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