• Helmut Henschel, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •
Aller Anfang ist schwer: Was das konkret bedeutet, zeigt sich derzeit am geplanten Gymnasium auf dem sogenannten Seidensticker-Campus in Bielefeld. Dass schwierige Startbedingungen und langwierige Diskussionen im Vorfeld aber nur bedingt etwas über den späteren Erfolg eines (Schul-)Projekts aussagen, lässt sich am Beispiel des Helmholtz-Gymnasiums ablesen. Es wurde 1896 nach einem längeren Vorlaufprozess in der Stadtgesellschaft als lateinlose Realschule gegründet und feiert 2026 sein 130-jähriges Bestehen. Aus einer Anfangsgröße von 63 Schülern hat sich – in der heutigen Form als Gymnasium – eine Schule mit etwa 1.000 Schülerinnen und Schülern herausgebildet, was die nachhaltige Weiterentwicklung des Standorts und seine feste Verankerung in der Bielefelder Schullandschaft verdeutlicht.
Ein Schulsystem mit Lücken

Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert hatte auch in Bielefeld ein neues Bürgertum hervorgebracht. Während in diesem Milieu einerseits das Interesse an humanistischer Bildung für die eigenen Söhne wuchs, bestand andererseits auch der Anspruch, die Lehrinhalte an die neuen beruflichen Herausforderungen anzupassen: Grundlagen und Ausbildung unter anderem in Ökonomie, Gewerbe, Technik sowie modernen Sprachen waren notwendig, um das Familienunternehmen auch langfristig auf eine sichere Basis zu stellen. Die schulische Landschaft Bielefelds bot für Jungen zu Beginn und im Verlauf des 19. Jahrhunderts aber nur die Alternative zwischen den in Teilen unter anspruchslosen und ungenügenden Bedingungen agierenden Volks- bzw. Bürgerschulen, den sich noch im Entwicklungsstadium befindlichen „Mittelschulen“ sowie dem Gymnasium (heute Ratsgymnasium) mit einem eindeutig humanistischen Schwerpunkt, der für das industriell geprägte Bürgertum nur bedingt anschlussfähig war und darüber hinaus verhältnismäßig viele Jahre der Ausbildung in Anspruch nahm. Eine Situation, die auch die Pädagogen des städtischen Gymnasiums nicht befriedigte, da etliche Schüler kein Interesse am Abitur hatten, sondern eine Laufbahn in der Industrie anstrebten und infolgedessen bereits in der Untersekunda mit einem Abschluss abgingen, der laut Zeitgenossen „kaum als Halbbildung zu bezeichnen“ war. Zwar entstanden bereits vor 1850 Klassen am Gymnasium, die verstärkt zur Vermittlung der sogenannten „Realien“ dienen sollten (1862 legten die ersten Schüler des entstandenen „Realgymnasiums“ ihr Abitur ab), doch die Bedürfnisse des sogenannten mittleren Bürgertums wurden dabei nur teilweise erfüllt, wovon auch die spätere Debatte um die neue Schule zeugen sollte.
Die strukturellen Defizite verschärften sich weiter, als 1878 die Provinzial-Gewerbeschule vorerst geschlossen wurde, eine Einrichtung zwischen Berufs- und Realschule. In der Folgezeit wurden verschiedene Initiativen ergriffen, um eine höhere Schule zu etablieren, die den Anforderungen des handwerklichen Mittelstandes, der Kaufmannschaft und des mittleren Beamtentums gerecht werden sollte. Die Federführung übernahm der Direktor des Gymnasiums, Professor Dr. Otto Nitzsch (1824-1904), der gegenüber der zuständigen Provinzialschulbehörde in Münster den Wunsch äußerte, eine adäquate Schule für die „Handels- und Industriestadt“ Bielefeld einzurichten. Auch die Handelskammer verwies in ihrem Bericht 1885 darauf, dass „diejenigen jungen Leute, welche sich dem kaufmännischen und industriellen Berufe zuwenden, in unserem bestehenden Schulwesen keine geeignete Gelegenheit finden, eine Vorbildung zu erwerben, welche ihrer späteren Berufsthätigkeit angemessen ist.“ Bielefeld war dabei keine Ausnahme: Alle diese Stimmen knüpften an einen Diskurs an, der sich zeitgleich in den Industriestädten des heutigen Nordrhein-Westfalens (und darüber hinaus) abspielte.
1888 entstand in der Bielefelder Bürgerschaft Unruhe, als die Aussage eines Lehrers kolportiert wurde, das Gymnasium sei keine Ausbildungsstätte für Söhne von Kaufleuten und Handwerkern. Im gleichen Jahr richtete der liberale Bürgervereinals politische Interessenvertretung eine Anfrage mit der Bitte um Errichtung einer „lateinlosen höheren Bürgerschule“ an die Stadtverwaltung. Unter anderem wurden ein Verzicht auf den Lateinunterricht, der Abschluss der Schullaufbahn bis zum 16. Lebensjahr, ein umfassender Unterricht in Mathematik und den Naturwissenschaften sowie in den neueren Sprachen und der Erwerb der Berechtigung zum einjährigen und somit verkürzten Militärdienst gefordert. Auch das Realgymnasium könne diese Anforderungen nicht erfüllen. Es sei zwar wegen des Wunsches des Bürgertums nach höherer Bildung entstanden, habe sich aber vom Praktischen wegentwickelt und sei nicht geeignet, Ambitionen in den „nicht-gelehrten“ Disziplinen zu bedienen, bzw. „breite Schichten des Bürgertums für Handel, Gewerbe und Handwerk“ vorzubereiten, wobei das größte Ärgernis sicherlich die Beibehaltung des lateinischen Unterrichts war. Der Verein regte an, entweder das Realgymnasium umzustrukturieren – ein bereits seit Längerem diskutierter Ansatz, der unter anderem auch auf preußisch-ministerieller Ebene in Berlin erörtert worden war – oder eine vollständig neue Schulform zu etablieren. Der in der Zeitung Der Wächter am 19. Dezember 1888 abgedruckte Appell schloss mit den Worten: „Eine höhere Bürgerschule, welche dem hiesigen Handwerk und Gewerbe, sowie dem Handel und der Industrie gut vorgebildete Kräfte zuführt ist ein dringendes Bedürfnis für Bielefeld.“ Auch Otto Nitzsch hatte sich bereits 1885 – wohlgemerkt in seiner Funktion als Leiter des Realgymnasiums – nachdrücklich für den ersten Vorschlag, also einer Umgestaltung seiner Schule ausgesprochen: In seiner bestehenden Ausprägung entspreche es nicht den Anforderungen Bielefelds.

Der städtische Magistrat allerdings lehnte die Umwandlung des Realgymnasiums ab, da die Folgen nicht absehbar und wesentliche Sachfragen vor allem finanzieller Natur zu diesem Zeitpunkt ungeklärt waren. Zudem stand um 1890 eine grundlegende Neuregelung des höheren Schulwesens in Preußen bevor, weshalb man in der Stadt von weiteren Entscheidungen zunächst Abstand nahm und die Resultate dieser 1892 abgeschlossenen Reform abwarten wollte. Angesichts der in den Folgejahren weiterhin steigenden Schülerzahlen des Realgymnasiums wurde jedoch deutlich, dass eine Umgestaltung der Einrichtung nicht in Betracht kam, sodass nur die Einrichtung einer zusätzlichen höheren Schule als tragfähige Lösung verblieb.
Eine „lateinlose Realschule“ für Bielefeld
Mit Beschluss der Stadtverordnetenversammlung im Februar 1893 wurde die Notwendigkeit der Gründung einer weiteren höheren Schule offiziell anerkannt. Nach jahrelanger Vorbereitung und intensiven Diskussionen über verschiedene Modelle des höheren Schulwesens in Bielefeld sowie dem Scheitern eines ersten Gründungsversuchs 1894/95 aufgrund zu geringer Anmeldezahlen legten die beteiligten städtischen Gremien den Beginn des ersten Schuljahres der nun als „lateinlose Realschule“ bezeichneten Anstalt auf Ostern 1896 fest. Das Schulgeld war dem des Gymnasiums gleichgestellt: Heimische Schüler zahlten 100 Mark, auswärtige Schüler 120 Mark. Zunächst war ein geringerer Betrag angesetzt worden, aber die neue Schule solle, nach den Worten der Stadtverordneten, auch in dieser Hinsicht keine zweitrangige Position einnehmen. Ein Leserbrief in der Westfälischen Zeitung vom 11. Januar 1896 bemängelte diesen Umstand deutlich. Der Autor wandte ein, dass vor allem Familien des Mittelstandes nun doch von einem Besuch der neuen Schule durch ihre Kinder absehen müssten. Dass allerdings die Anmeldezahlen durch das erhöhte Schulgeld wie vermutet geringer ausfielen, ist nicht nachzuweisen.
Die sozialdemokratische Zeitung Volkswacht beurteilte die Entwicklung ebenfalls zurückhaltend. Sie warnte davor, dass die Einführung der lateinlosen Schule zu Abmeldungen und weniger Neuanmeldungen an Gymnasium und Realgymnasium führen könnte. Ein spürbarer Rückgang der Schülerzahlen, so die Befürchtung, würde nicht nur die Stellung der beiden etablierten höheren Lehranstalten schwächen, sondern zugleich ihre finanzielle Grundlage untergraben, da geringere Schülerzahlen auch sinkende Einnahmen aus dem Schulgeld bedeuteten und damit einen höheren städtischen Zuschuss erforderlich machen könnten. Diese Sorge fand auch in der breiteren Öffentlichkeit Widerhall. Es wurde erwartet, die neue Realschule werde die Schülerzahlen der bestehenden höheren Schulen merklich reduzieren. Der tatsächliche Befund zeigte kurz darauf jedoch ein anderes Bild: Wie Der Wächter am 14. April 1896 berichtete, lagen die Aufnahmezahlen von Gymnasium und Realgymnasium nur geringfügig unter denen des Vorjahres. Parallel dazu etablierte sich die neue Realschule mit mehr als soliden Anfangszahlen: Zur Aufnahmeprüfung am 25. März 1896 erschienen 83 Kandidaten, von denen schließlich 63 in den Unterricht übernommen wurden.

Am 15. April 1896 um 11 Uhr wurde die lateinlose Realschule in einer feierlichen Zeremonie unter anderem in Anwesenheit von Oberbürgermeister Gerhard Bunnemann (1842-1925), dem Beigeordneten Apotheker Hermann Sprengel (1840-1911), sowie mehrerer Stadtverordneten in den Räumlichkeiten der Gewerbeschule eröffnet. Das Gebäude an der Oberwallstraße 12 (heute Alfred-Bozi-Straße, Ecke Stapenhorststraße) war eigens umgebaut worden, um die zusätzlichen Personen aufnehmen zu können. Den 63 Schülern stand das 1. Obergeschoss mit zwei Klassenzimmern, zwei Zeichensälen sowie einem Direktoren- und Lehrerzimmer zur Verfügung. Die Feier wurde von zwei gemeinschaftlich gesungenen Chorälen umrahmt, die Festansprachen hielten Bunnemann und der Schulleiter Dr. Rudolf Reese (1862-1930). Letzterer betonte in seiner Rede, dass die Realschule mit anderen Mitteln dasselbe Ziel wie das Gymnasium verfolge: Alle Schüler sollten in Gottesfurcht, Vaterlandsliebe, Pflichttreue, Gewissenhaftigkeit sowie Arbeits- und Opferfreudigkeit ausgebildet werden, um „tüchtig und brauchbar“ in ihrem „Berufe, in Haus, Gemeinde und Staat“ zu werden. Nach der Feierlichkeit begann der Unterricht.
Neben Reese, einem kaisertreuen, preußisch orientierten und zugleich Reformen nicht abgeneigten Pädagogen, wurden die Schüler zu Beginn von dem Oberlehrer Emil Beller (1862-1933) und dem Elementarlehrer August Elbreder (1859-1950) unterrichtet. Während Reese und Beller dem Kollegium des Gymnasiums entstammten, kam Elbreder von der 1. Bürgerschule. Die Schülerschaft setzte sich am Ende des ersten Schuljahres aus 57 „Einheimischen“ sowie sieben Auswärtigen zusammen (ein weiterer Schüler war im Winter dazugekommen). Die bis mindestens 1910 verhältnismäßig hohe Zahl der aus dem Umland anreisenden Schüler belegt die Anziehungskraft und Einzigartigkeit der neuen Schule bzw. dieses für die Region neuen Schultypus über die Stadtgrenzen hinaus. Von den 64 Schülern besuchten 40 Jungen die 6. Klasse und 24 Jungen die 5. Klasse, von denen der Großteil erwartungsgemäß dem kaufmännisch-handwerklichen Bürgertum entstammte. „Arbeiterkinder“ fehlten ganz, was auch im hohen Schulgeld begründet lag, jedoch hatten einige Landwirte unter anderem aus Steinhagen und Sieker ihre Söhne an die Realschule geschickt. Konfessionell war der überwiegende Teil evangelisch, nur jeweils fünf Jungen kamen aus katholischen und jüdischen Familien. Während die evangelischen Realschüler im Fach Religion vom Direktor Dr. Reese betreut wurden, nahmen die Schüler der beiden anderen Konfessionen am entsprechenden Religionsunterricht des Gymnasiums teil, wo der Rabbiner Dr. Felix Coblenz (1863-1923) sowie Pfarrer Christian Bartels (1856-1939) von St. Jodokus die schulische Katechese übernahmen.

Umzug an die Paulusstraße und Umwandlung zur Oberrealschule
Schon nach wenigen Monaten im Betrieb wurde deutlich, dass die Räumlichkeiten an der Oberwallstraße für einen qualifizierten Unterricht und erwartbar zunehmende Schülerzahlen mittelfristig nicht ausreichen würden. Neben der Einstellung weiterer Lehrkräfte sowie der Nutzung eines weiteren Raumes plante die zuständige „Realschul-Kommission“ – bestehend aus Mitgliedern des Magistrats, der Stadtverordnetenversammlung sowie dem Schuldirektor Reese – daher den Bau eines neuen Gebäudes. Rasch konzentrierten sich die Planungen auf einen Platz an der Paulusstraße zwischen heutigem Willy-Brandt-Platz und Kavalleriestraße (etwa im Bereich des Neumarktes), was den Weg für anreisende Schüler durch die Nähe zum Hauptbahnhof und zum Kleinbahnhof Eckendorfer Straße deutlich vereinfachte. Verantwortlich für das gesamte Projekt war Stadtbaumeister August Schulte (1839-1918); bei den Überlegungen wurde durch potenzielle Anbauflächen auch ein weiterer möglicher Ausbau zur Oberrealschule mitberücksichtigt. Baubeginn war schließlich im August 1897.
Am Donnerstag, dem 25. Mai 1899, wurde der Neubau eingeweiht. Auch ein zwischenzeitlicher Maurer- und Tischlerstreik hatte das Bauprojekt nicht nennenswert aufhalten können. Um 9 Uhr erfolgte durch die Übergabe einer Schulfahne seitens der Realschüler und der sich anschließenden Rede des Oberlehrers Beller der symbolische Abschied vom alten Gebäude und in einem Zug, angeleitet durch die städtische Kapelle, schritten Schüler und Lehrer zum neuen Standort. Um 10 Uhr übergab Stadtbaumeister Schulte den Schlüssel an Oberbürgermeister Bunnemann. Die Feier selbst lief ähnlich, wenn auch in größerem Rahmen, wie bei der Schuleröffnung: Neben Wortbeiträgen und Liedern der Schülerschaft und der Festversammlung sprachen erneut Bunnemann und Direktor Reese, der seine Gedanken unter anderem an biblischen Texten orientierte und daran die Ausrichtung der Schule verdeutlichte. Hinzu kam das Weihegebet des reformierten Pastors Friedrich Wilhelm Vorster (1841-1913) als kirchlichem Vertreter. Anwesend war unter anderem eine Abordnung der Lehrer des Gymnasiums sowie weitere Lehrer aus den Bürgerschulen, mehrere Stadtverordnete, und nicht zuletzt Georg Ernst Hinzpeter (1827-1907), der Erzieher Kaiser Wilhelms II., der an der Gründung und Entwicklung der Realschule „lebhaften Anteil“ genommen hatte. Im Anschluss konnte das neue Gebäude mit nunmehr 19 Räumen, davon 11 Klassenzimmern, durch die Festbesucher besichtigt werden. Die Schülerschaft zählte zum Zeitpunkt des Umzugs 181 Personen, unterrichtet im Schuljahr 1899 von einem Kollegium bestehend aus sieben Lehrern sowie vier Religionslehrern für den katholischen und jüdischen Unterricht, der aber weiterhin im Gymnasium erteilt wurde. Zwei Jahre später erfolgte schließlich noch der Bau einer Turnhalle.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstärkten sich innerhalb der Bielefelder Bürgerschaft die Bestrebungen, die bestehende Realschule in eine Oberrealschule umzuwandeln und damit auch an dieser Anstalt den Erwerb des Abiturs zu ermöglichen. Im März 1902 wurde dieses Anliegen mit Nachdruck vorgetragen: Eine Eingabe, die von 80 Bürgern unterzeichnet war, erreichte sowohl den Magistrat als auch die Stadtverordnetenversammlung. Gleichwohl regte sich Widerstand. Als gewichtigstes Gegenargument wurde erneut auf die Stellung des Realgymnasiums verwiesen, dessen Bedeutung durch die Einführung einer dritten zum Abitur führenden Schule in Bielefeld geschmälert werden könne. Hinzu trat die finanzielle Frage, da eine Oberrealschule vollständig aus städtischen Mitteln zu unterhalten gewesen wäre, während das Realgymnasium zur Hälfte auf Zuschüsse aus dem Landesetat zurückgreifen konnte.
Im Februar 1903 lehnte der Magistrat die Umwandlung der zu diesem Zeitpunkt von 270 Schülern besuchten Anstalt zunächst ab. Die folgenden Jahre waren von teils scharf geführten Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern der Oberrealschule und Gegnern aus dem Umfeld des Realgymnasiums geprägt. Den Einwänden wurde entgegengehalten, dass sich ähnliche Befürchtungen bereits in der Vergangenheit als unbegründet erwiesen hätten: So waren die Schülerzahlen des Realgymnasiums seit 1896 keineswegs zurückgegangen, sondern in den oberen drei, zum Abitur führenden Klassen vielmehr von durchschnittlich 25 auf 46 gestiegen.
Erst zum Jahreswechsel 1905/06 fiel schließlich die endgültige Entscheidung zugunsten der neuen Schulform, nachdem im Dezember zunächst der Magistrat und im Februar schließlich die Stadtverordnetenversammlung ihre Zustimmung erteilt hatten. Mit Ostern 1906 wurde die Realschule offiziell in eine Oberrealschule umgewandelt. Das neue Schuljahr begann am 25. April desselben Jahres – nahezu ein Jahrzehnt nach der Gründung der lateinlosen Realschule. In die eigens eingerichtete Obersekunda traten zunächst 24 Schüler ein, womit der Übergang in die neue Ausbildungsstufe vollzogen war. Mit der Umstrukturierung wurden Erweiterungsbauten an dem Gebäude in der Paulusstraße nötig, um zusätzliche Laboratorien für Physik und Chemie sowie Klassenzimmer zu schaffen. Insgesamt besuchten zu Beginn des Schuljahres 356 Schüler die Oberrealschule, unterrichtet von nunmehr 22 Lehrern.
Aufschwung, Gleichschaltung und Neuausrichtung
In den folgenden Jahren konnte sich die Oberrealschule weiter konsolidieren. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem 125 (ehemalige) Schüler sowie ein Lehrer als Armeeangehörige ihr Leben verloren, kam es zu einem starken Anstieg der Schülerzahlen, sodass diese bis 1924 auf 815 anwuchsen. Das Gebäude an der Paulusstraße war für diese Entwicklung nicht ausgelegt, weshalb ein Teil des Unterrichts in extern angemieteten Räumlichkeiten stattfinden musste. Vor diesem Hintergrund wurde die Gründung einer zweiten (Ober-)Realschule beschlossen: Während die eine Anstalt als „Lessing-Schule“ (der Vorschlag seitens des Kollegiums einer Benennung nach dem Reformpädagogen Friedrich Paulsen war abgelehnt worden) nach einem kurzen Intermezzo in der Josefschule am Standort Paulusstraße verblieb, zog die seitdem als Helmholtz-Oberrealschule firmierende Einrichtung – benannt nach dem Physiker und Universalgelehrten Hermann von Helmholtz – 1929 in einen Neubau an der Ravensberger Straße 131 um, wo sie bis heute ansässig ist. Besonderheit in dem im Bauhausstil erbauten und heute unter Denkmalschutz stehenden Gebäude waren die „Brausebäder“ im Untergeschoss, die auch für umliegende Anwohner zugänglich waren.

1935 wurden beide Schulen aufgrund rückläufiger Schülerzahlen am Standort Ravensberger Straße wieder zusammengelegt. In der Zeit des Nationalsozialismus erlangte die Einrichtung eine traurige Berühmtheit, als sie 1936 als erste Bielefelder Schule die Flagge der Hitlerjugend hisste, da über 90 Prozent der Schüler dieser NS-Organisation angehörten. Die Rolle des Studienrats Gaston Ritter (1889–1949) als Kreisamtsleiter für Rassepolitik sowie die gezielte Ausgrenzung jüdischer Schüler, die 1938 die Anstalt endgültig verlassen mussten, verdeutlichen, dass die Gleichschaltung der Schule weit über äußeren Druck hinausging und in der Helmholtz-Schule in Bielefeld offenbar eine ausgeprägte Hochburg der Hitlerjugend erkannt werden kann. Schon 1931 hatte die sozialdemokratische Zeitung Volkswacht über mutmaßliche faschistische Tendenzen in der Schülerschaft berichtet, dem aber von offizieller Seite widersprochen bzw. kein Gehör geschenkt wurde.
Nach dem Krieg wurden die „höheren Schulen“ Bielefelds am 26. Januar 1946 in der Rudolf-Oetker-Halle unter Aufsicht der Militärregierung feierlich wiedereröffnet. Der Feier am Samstag schloss sich am Montag der offizielle Unterrichtsbeginn an. Für die Oberrealschüler fand er jedoch am Nebelswall und dort erst ab 13 Uhr statt, da der Vormittag dem heimischen Gymnasium vorbehalten war. Das eigene Schulgebäude war von der Besatzungsmacht beschlagnahmt worden – erst am 12. September 1948 konnten die Helmholtz-Schüler in die Ravensberger Straße zurückkehren.

Ab dem Schuljahr 1949 firmierte die Schule nach der Neuordnung des Schulwesens als Gymnasium; Schwerpunkte der didaktischen Ausrichtung blieben die Naturwissenschaften, Mathematik und neuere Sprachen. Ab 1972 wurden am Helmholtz-Gymnasium erstmalig beide Geschlechter unterrichtet, wobei dies zunächst versuchsweise, ab 1975 vollumfänglich geschah. Damit setzte sich die lange Entwicklung der Schule fort: Von einer spezialisierten Realschule des Bürgertums hin zu einem modernen Gymnasium, das bis heute fester Bestandteil der Bielefelder Bildungslandschaft ist.
Quellen
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 385: Geschlossene Vergnügungsgesellschaften (u.a. liberaler Bürgerverein)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,008/Geschäftsst. VIII, Nr. 70: Gründung und Entwicklung der Realschule, Generalia
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,3/Magistrat, Nr. 536: Oberrealschule (Realschule): Umwandlung der Real- in eine Oberrealschule, Name seit 1929 „Helmholtz-Oberrealschule“
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 1449: Einführung der Koedukation an städtischen Bielefelder Schulen
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 1572: Errichtung neuer Schulformen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und Abbau der nationalsozialistischen Schulstrukturen
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 1582: Schulorganisation nach 1945
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 1883: Schulorganisation (u.a. Schulformen der Höheren Schulen; Jahresbericht 1950/51 des Helmholtz-Gymnasiums)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 1888: Schulorganisation (u.a. Wiedereröffnung der Helmholtz-Schule)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,10/Helmholtz-Gymnasium, Nr. 241: Jahresberichte 1896-1910
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,10/Helmholtz-Gymnasium, Nr. 257: Jahresberichte 1948-1956
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, u.a.:
- Bielefelder General-Anzeiger vom 9. Mai 1935, online verfügbar
- Der Wächter vom 19. Dezember 1888, online verfügbar
- Der Wächter“ vom 6. Januar 1896, online verfügbar
- Der Wächter“ vom 9. Januar 1896, online verfügbar
- Volkswacht vom 28. März 1896, online verfügbar
- Westfälische Zeitung vom 25. Februar 1893, online verfügbar
- Westfälische Zeitung vom 11. Januar 1896, online verfügbar
- Westfälische Zeitung vom 6. Februar 1929, online verfügbar
- Westfälische Zeitung vom 9. Mai 1935, online verfügbar.
Literatur
- Kranzmann, Gerd, Eine Schule für die Industriestadt Bielefeld. Die Errichtung der lateinlosen höheren Bürgerschule (Oberrealschule) im Jahre 1896, in: Ravensberger Blätter (1987, Heft 1), S. 17-24, online verfügbar
- Helmholtz-Gymnasium, Helmholtz-Gymnasium 1896 – 1986. Projektwoche „Eine Schule in ihrem Bezirk – in ihrer Stadt – in ihrer Region“, Bielefeld 1986
- Dies., 100 Jahre Helmholtz-Gymnasium Bielefeld 1896 – 1996, Bielefeld 1996
- Dies., Wir vom Helmholtz. Festschrift zum 100jährigen Bestehen des Helmholtz-Gymnasiums 1896 – 1996, Bielefeld 1996
- Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek, Helmholtz-Gymnasium: Vier Wochen im September. Die Stadtgesellschaften Rzeszów und Bielefeld 1939, S. 24ff.
- Verwaltungsbericht der Stadt Bielefeld für das Jahr 1895/96, online verfügbar
- Verwaltungsbericht der Stadt Bielefeld für die Jahre 1926-1931, online verfügbar
- Verwaltungsbericht der Stadt Bielefeld für die Jahre 1945-1950, online verfügbar
- Vogelsang Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld. Von der Mitte der 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs (Band 2), Bielefeld 1988.
Erstveröffentlichung: 01.04.2026
Hinweis zur Zitation:
Henschel, Helmut, 15. April 1896: Das heutige Helmholtz-Gymnasium nimmt den Unterricht auf, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2026/04/01/01042026/; Bielefeld 2026

