16. Oktober 1904: Gymnasialdirektor Prof. Dr. Otto Nitzsch stirbt im Alter von 80 Jahren

• Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek •

 

Nur wenige Monate nach dem Tod von Prof. Dr. Otto Nitzsch, der am 16. Oktober 1904 gestorben war, widmeten ihm Schüler und Verehrer einen Grabstein mit dem Konterfei des Verstorbenen, der noch heute auf dem Johannisfriedhof zu sehen ist. Das war in dem Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg zunächst keine Seltenheit. Auch die Grabsteine von Georg Hinzpeter, dem Erzieher des späteren Kaisers Wilhelm II., und des Krankenhausarztes Dr. Leopold Kranefuß zeugen von diesem posthumen Ehrerweis. Ein Blick ins Bielefelder Adressbuch verrät, dass Nitzsch für seine Nachwelt so bedeutend war, dass nach ihm 1948 eine neu angelegte und bis dahin unbewohnte Straße in der östlichen Innenstadt benannt wurde. Wenn aber heute gefragt wird, warum es eine Nitzschstraße gibt, wird man wohl in ratlose Gesichter schauen. Sein Tod vor 105 Jahren soll daher zum Anlass genommen werden, an Prof. Dr. Otto Nitzsch zu erinnern.

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Der Grabstein von Prof. Dr. Otto und Clara Nitzsch auf dem Johannisfriedhof (2009). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung 83-2

Otto Nitzsch, der am 1. Juli 1824 in Bonn geboren wurde, entstammte einem humanistisch gebildeten Elternhaus. Sein Vater, Karl Immanuel Nitzsch, war ein bedeutender und einflussreicher praktischer und wissenschaftlicher Theologe seiner Zeit, der zur Geburt seines Sohnes Professor an der Universität in Bonn war, 1847 nach Berlin ging und an der dortigen Universität Theologie lehrte und überdies als Universitätsprediger, Oberkonsistorialrat und Probst an der St. Nikolaikirche wirkte. Die Biographie Otto Nitzsch’ von der Ausbildung, über die ersten beruflichen Erfahrungen bis zur Familiengründung ist beispielhaft für bildungsbürgerliche Karrieren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die unter anderem durch ein hohes Maß an Mobilität gekennzeichnet waren. Nach dem Besuch des Bonner Gymnasiums studierte er in seinem Geburtsort und in Kiel und legte im Alter von 23 Jahren das Staatsexamen und Promotion in Bonn mit einer Dissertation über den spartanischen Feldherrn Lysander ab. 1847 ging er mit seinen Eltern nach Berlin, diente zunächst, seinem sozialen Status entsprechend, als einjähriger Freiwilliger im nicht unbekannten ‚2. Garderegiment zu Fuß’ in Berlin und arbeitete seit Ostern 1848 für wenige Monate als Hilfslehrer am Stettiner Gymnasium. Ende 1848 erhielt er seine erste Anstellung als Adjunkt und ordentlicher Lehrer am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin, wo er vier Jahre unterrichtete. 1853 wurde er an das Duisburger Gymnasium berufen und ein Jahr später zum Oberlehrer befördert. 1858 wechselte er an das Gymnasium in Greifswald, nachdem ihn der Greifswalder Magistrat zum Prorektor gewählt hatte; Nitzsch hatte sich auf diese Stelle beworben. 1861 wurde er anlässlich des 300-jährigen Jubiläums des Gymnasiums zum Professor ernannt und nach dem Tod des Amtsinhabers 1862 zum Direktor befördert. Nitzsch war jetzt 38 Jahre alt und bereits Witwer. 1854 hatte er die Tochter des Berliner Hofpredigers Snethlage geheiratet. Nachdem ein gemeinsames Kind bereits im Wochenbett gestorben war, schied auch die Frau dreieinhalb Jahre nach der Hochzeit aus dem Leben. In Greifswald lernte Nitzsch die Tochter des berühmten akademischen Gymnasialgesangslehrers Gustav Bemmann kennen. 1863 heiratete er Clara Bemmann, die im darauf folgenden Jahr ein Mädchen zur Welt brachte.

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Das Lehrerkollegium des Gymnasiums (1874). In der ersten Reihe sitzt Prof. Otto Nitzsch (3. von links), rechts neben ihm (mit Mütze) Prof. Ludwig Volrad Jüngst. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 24-210-39

Vier Jahre später kam Bielefeld ins Spiel. Als der Direktor des städtischen Gymnasiums, Wilhelm Herbst, ankündigte, einen Ruf nach Magdeburg annehmen zu wollen, bewarb sich Nitzsch auf die freiwerdende Stelle und wurde am 27. März 1867 vom Gymnasialkuratorium zum Direktor der „verbundenen Höheren Schulen von Bielefeld” gewählt. Postwendend reagierte der Gewählte, kündigte seine Stelle in Greifswald und schrieb nach Bielefeld: „Ich empfinde es recht lebhaft, daß Ihrerseits mir ein Vertrauen entgegenkommt, welches ich erst zu verdienen habe und verhehle mir auch nicht die Schwierigkeit der mir erwachsenden Aufgabe. Umso mehr fühle ich mich gedrungen es auszusprechen, daß ich […] den Willen habe, meine ungetheilte Kraft dafür einzusetzen, im Übrigen meine Hoffnung auf Gottes Segen setzen muß!” Am 3. Oktober 1867 trat er seine neue Stelle in Bielefeld an und übte das Amt 31 Jahre aus.

Prof. Dr. Christian Herwig bezeichnete Nitzsch rückblickend mit dem zeittypischen Pathos des frühen 20. Jahrhunderts als eine „Persönlichkeit von starkem Empfinden und energischem Wollen, ein Schulmann von idealem Schwung und feuriger Liebe zum Lehramt, ein Mann von tiefgründigem Wissen auf dem Gebiete der klassischen Sprachen, dazu eine Natur von innerlicher Frömmigkeit und naiver Wahrhaftigkeit”. Das Gymnasium erlebte unter seiner Führung einen rasanten Aufschwung und tiefgehenden Wandel. Zählte die Schule zu Beginn seiner Tätigkeit 337 Schüler, so waren es 1898 487. Die Anzahl der fest angestellten „wissenschaftlichen Lehrer” betrug anfangs 12 und stieg gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf 19 an. Bereits im Frühjahr 1870 wurde ein Neubau mit Glockengeläut und einem „Festzug durch die fahnengeschmückten Straßen” feierlich eröffnet. Wäre noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Sport an einem Gymnasium undenkbar gewesen, erhielt die Schule, der zeittypischen Losung „Mens sana in corpore sano” (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper) folgend, 1880 eine Turnhalle. Und schließlich konnten 1890 für die Aula des Gymnasiums mit Unterstützung des Kultusministeriums Bilder des Berliner Malers Ernst Hildebrand erworben werden, die bis heute in dem inzwischen grundlegend renovierten, multifunktionalen Raum zu sehen sind und der Aula einen würdevollen Glanz verleihen.

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Das Gymnasium am Nebelswall (1904). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 24-210-1

Neben seinen organisatorischen und leitenden Aufgaben als Direktor des Gymnasiums unterrichtete Nitzsch über die gesamte Dauer seines aktiven Berufslebens Latein und Griechisch und bis in die Mitte der 1880er Jahre auch Geschichte. Zu Beginn seiner Lehrtätigkeit in Bielefeld hat er auch Religion unterrichtet und sogar „die Exerzierübungen der Jugend beim Turnen geleitet.” Sein Lehrdeputat betrug anfangs 22 Stunden und pendelte sich seit den 1880er Jahren auf 12 bis 16 Stunden ein. Während er in den ersten Jahren die Mittel- oder Oberstufe unterrichtete, konzentrierte er sich später auf die Primaner. Rückblickend berichtete ein ehemaliger Schüler, dass die unteren Jahrgangsstufen den Direktor nur dann erlebten, wenn er „zur Revision der Klasse oder wohl mehr des Lehrers während des Unterrichts bei uns auftauchte. Mit langsamen, vorsichtigen Schritten ging er an uns, die wir sofort aufgesprungen waren, vorüber, um sich am Fenster aufzustellen. ‚Setzt euch!’ und ‚Fahren Sie fort, Herr Kollege’, waren die einzigen Worte, die er sprach. Dann ging der Unterricht weiter, ohne daß sich Professor Nitzsch jemals eingemischt hätte. Nach einer gewissen Zeit verließ er die Klasse wieder mit seinen langsamen, vorsichtigen Schritten, genau wie er gekommen war; nur flüchtig dankte er im Vorübergehen dem Unterrichtenden.” Wenn die Schüler über ihren Direktor sprachen, nannten sie ihn respektvoll „Bochus”. Für diesen Spitznamen hatte Nitzsch selbst gesorgt. Als er in einer Lateinstunde über den mauretanischen König Bochus referierte und dessen diplomatisches Geschick rühmte, gab er seinen Schülern mit auf dem Weg, sich diesen König „nicht etwa als eine erhabene, ansehnliche Heldengestalt” vorzustellen. König Bochus hätte „viel eher seine Figur” gehabt.

1892 feierte Nitzsch sein 25-jähriges Dienstjubiläum. Obwohl bereits 68 Jahre alt, unterrichtete er immer noch Woche für Woche 9 Stunden Latein und 6 Stunden Griechisch. Ehemalige Schüler veranstalteten zu seinen Ehren einen Kommers in der Tonhalle auf dem Johannisberg, in der Aula des Gymnasiums wurde das Jubiläum mit einem Festakt gewürdigt und eine städtische Deputation überreichte dem aktiven Gymnasialdirektor ein „Silbergeschenk”, ein „silbernes Schreibzeug”. Fünf Jahre später teilte Nitzsch dem Gymnasial-Kuratorium mit, dass er im April 1898 mit Vollendung des 73. Lebensjahres und 50 Jahre nach der ersten Anstellung als Lehrer gedenke, „in den Ruhestand zu treten”. Das Kuratorium nahm diese Entscheidung „mit lebhaftem Bedauern” entgegen und kündigte an, die Pensionierung vorbereiten zu wollen. Doch es kam zu Verzögerungen: Prof. Nitzsch blieb bis zum 15. September 1898 in seinem Amt. War er bereits vom Provinzial-Schulkollegium in Münster zu seinem 50-jährigen Dienstjubiläum mit dem „Roten-Adler-Orden 3. Klasse mit Schleife und der Zahl 50” ausgezeichnet worden, so wurde ihm jetzt der Titel „Geheimer Regierungsrat” verliehen. Bielefelds Oberbürgermeister Gerhard Bunnemann hatte diese „Allerhöchste Auszeichnung” für den Jubilar beantragt. Für das Gymnasium ließen Stifter ein opulentes Ölgemälde des beliebten Direktors von dem Maler Theodor Wedepohl anfertigen, das in der Aula aufgestellt wurde.

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Aufruf zum 25-jährigen Dienstjubiläum von Prof. Dr. Otto Nitzsch (1892). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. 931

Prof. Dr. Otto Nitzsch engagierte sich in seiner neuen Heimat Bielefeld nicht nur als Pädagoge. Er war auch an der Gründung des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg beteiligt. Bereits sein Vorgänger im Gymnasium, Direktor Wilhelm Herbst, hatte 1865 einen ersten Versuch unternommen, einen Geschichtsverein für die Region zu gründen, der allerdings misslang. Am 27. Mai 1876 lud Nitzsch auf Anregung honoriger Bielefelder Bürger zu einem Gründungstreffen ein. Die anwesenden Herren wählten einen Vorstand und Dr. Nitzsch zum Vorsitzenden. Unter seiner Führung engagierte sich der Historische Verein bereits 1877 für die Sparrenburg, die zu dieser Zeit noch als Gefängnis genutzt wurde. Nach einem Brand sprach sich der Verein für eine würdige Umnutzung der Burganlage aus, die in den folgenden Jahren auch realisiert werden konnte. Bereits kurz nach der Gründung übernahm es Nitzsch, „das Archiv des Rathauses im Interesse des Vereins zu untersuchen.” Diese Arbeit bezeichnete er als „ein wahres Martyrium”, weil das, „was hier ‚Archiv’ genannt wird […], in Wahrheit ein Bodenraum mit einem Chaos verstaubter Akten” war. Die wahrgenommene lückenhafte Überlieferung der wichtig erachteten historischen Dokumente und Exponate nahm der Verein zum Anlass, mit eigenen Mitteln eine Bibliothek, ein Archiv und eine historische Sammlung aufzubauen, die den Grundstock für das heutige Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek sowie das Historische Museum der Stadt Bielefeld legten.1894 schenkte der Verein der Stadt nicht nur seine Sammlungen, sondern sorgte auch dafür, dass qualifizierte Vereinsmitglieder sich für deren weiteren Aufbau ehrenamtlich engagierten.

Dr. Nitzsch bedauerte es oft, dass er sich in dem Verein kaum wissenschaftlich betätigen konnte. Er hielt zwar einige Vorträge, von denen einer im vereinseigenen Jahresbericht auch publiziert wurde, sein Interesse galt jedoch der Klassischen Philologie. So hat er schon in den 1840er Jahren in den Jahrbüchern für Philologie und Pädagogik publiziert, 1856 in Duisburg eine lateinisch verfasste Abhandlung mit dem Titel „Herodotea” herausgegeben und noch während seiner Amtszeit am Gymnasium und nach seiner Pensionierung „den ganzen Sophokles” übersetzt und die Ergebnisse in Fachkreisen diskutiert. Die Mitglieder des Historischen Vereins schätzten aber ihren langjährigen Vorsitzenden nicht nur als beredten Chronisten, sie verdankten ihm auch die positive

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Prof. Dr. Otto Nitzsch (1898). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-14-15

Entwicklung des Vereins im 19. Jahrhundert: Es war „für die junge Pflanze [Historischer Verein] doch von größtem Werte, daß eine so angesehene Persönlichkeit sie in Obhut und Pflege nahm.” 1896 legte Dr. Nitzsch zwar nach zwanzigjährigem Vorsitz sein Amt nieder, wirkte aber im Vorstand des Vereins bis zu seinem Tod mit.

 

Im Spätsommer 1904 erkrankte Otto Nitzsch schwer und verstarb am 16. Oktober in einem Krankenhaus in Bethel. In den zahlreichen Nachrufen wurden die Verdienste des Verstorbenen gepriesen. Die konservative „Neue Westfälische Volkszeitung” würdigte zudem den politischen Menschen: Dr. Nitzsch, so ist zu lesen, vertrat „politisch und kirchlich nicht eben” das, „was diese unsere Zeitung vertritt, nicht konservativ im engeren Sinne, nicht ravensbergisch in kirchlicher Beziehung, sondern mildliberal, folgte er politisch einer auch uns hochachtbaren, edlen Richtung”. Mit Prof. Dr. Otto Nitzsch starb ein Bildungsbürger des 19. Jahrhunderts.

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. 931: Prof. Dr. Otto Nitzsch (1867-1959)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,14/Ratsgymnasium, Nr. 91: Lehrpläne (1868-1912)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Neue Westfälische Volkszeitung, Westfälische Zeitung, Bielefelder Generalanzeiger
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung: Die alten Lehrer leben im Spiegel der Erinnerung ihrer ehemaligen Schüler. Westfalen-Blatt (1958)

Literatur

 

Erstveröffentlichung: 01.10.2009

Hinweis zur Zitation:
Wagner, Bernd J., 16. Oktober 1904: Gymnasialdirektor Prof. Dr. Otto Nitzsch stirbt im Alter von 80 Jahren, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek,
https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2009/10/01/01102009/, Bielefeld 2009

 

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