• Andreas M. Vohwinkel, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •
Am 17. Oktober 1951 wurde das von Rudolf-August Oekter (1916-2007) gestiftete neue Wetterhäuschen am Oberntorwall der Stadt Bielefeld übergeben. Es ersetzte einen vorangegangenen Wetterpavillon an gleicher Stelle, der während des Zweiten Weltkriegs zur Ruine geworden war. „Ein kleines Wunderwerk der Wissenschaft, das viele Freunde finden wird“, jubilierte die Freie Presse über das „neue Oetker-Häuschen“. Und die Westfälische Zeitung sah im neuen Wetterhäuschen „ein Schmuckstück, das weit und breit seinesgleichen sucht.“
Das ursprüngliche Wetterhäuschen

Die Geschichte des Wetterhäuschens begann im Januar 1910, als Firmengründer Dr. August Oetker (1862-1918) der Stadt Bielefeld die Stiftung einer Wettersäule mit Baro-, Thermo- und Hydrograph in Aussicht stellte. Um der angedachten Wettersäule an ihrem designierten Standort am Oberntorwall genügend Schutz zu bieten, entwarf Stadtbaurat Friedrich Schultz (1876-1945) kurz darauf einen viereckigen Pavillon aus Kiesbeton mit Kupferdach. Als Verzierung für die vier Säulen des Pavillons waren Darstellungen von acht Tierkreiszeichen – namentlich Jungfrau, Zwillinge, Schütze, Wassermann, Löwe, Stier, Widder und Waage – aus farbiger Majolika-Keramik vorgesehen. Mit der Ausführung der Darstellungen beauftragte Schultz im August 1910 die von Jakob Julius Scharvogel (1854-1938) geleitete Großherzogliche Keramische Manufaktur in Darmstadt. Im März 1911 waren Pavillon und Wettersäule baulich fertiggestellt. „Ein hübsches Wetterhäuschen ist am Oberntor […] errichtet worden“, kommentierte die Volkswacht in der Ausgabe vom 1. März und bemerkte ferner, dass „das Häuschen bei Regenwetter den wartenden Straßenbahnpassagieren Schutz gewähren“ könne. Nachdem die als eiserne Kunstschmiedearbeit gefertigte Wettersäule mit den vorgesehenen Instrumenten sowie einer Übersicht mit statistischen Daten zur Stadt Bielefeld für den Zeitraum von 1901 bis 1910 ausgestattet worden war, konnte das Wetterhäuschen als Geschenk August Oetkers Ende März 1911 schließlich in Betrieb genommen werden.

Die neue Attraktion, die eine von den Wetterwarten unabhängige Wettervorhersage möglich machte, wurde am 11. April 1911 vom Bielefelder General-Anzeiger folgendermaßen beschrieben: „Auf der Rückseite der Säule befinden sich die kostbarsten Apparate, nämlich oben ein selbsttätig regulierendes [sic] Barometer, in der Mitte ein selbsttätig registrierendes Thermometer und mitten ein selbsttätig registrierendes Hygrometer (Feuchtigkeitsmesser). Ueber den Nischen dieser Apparate hängt eine Tafel in der die Diagramme der verflossenen Woche aufgehangen werden. – Die Nordseite ist mit Absicht für diese Instrumente gewählt, damit sie nicht durch die Sonnenstrahlen beeinflusst werden, was besonders bei dem Thermometer, welches doch die Temperatur im Schatten angeben soll, nicht angebracht wäre. […] Die Seite zum Kriegerdenkmal [Ostseite] zeigt ein Thermometer nach Celsius und Reaumur, letztere Skala ist mit roten Zahlen gemalt, die auf etwas weitere Entfernung nicht mehr gut ablesbar sind, um das Publikum daran zu gewöhnen, nach Celsius seine Ablesungen zu machen.“ An der Südseite der Wettersäule befand sich wiederum ein Lambrechtscher Wettertelegraph, der – so die Volkswacht in ihrer Ausgabe vom 29. März 1911 – „jeden Morgen um 8 Uhr nachgesehen wird. Das voraussichtlich eintretende Wetter wird dann durch Anschlag bekannt gegeben.“ An der Westseite der Säule war wiederum die Übersicht mit statistischen Daten zur Stadt Bielefeld angebracht. Wegen der Gebietsreform von Oktober 1930 sollten die statistischen Angaben an der Wettersäule in den 1930er-Jahren mehrmals aktualisiert werden.

In den Jahren und Jahrzehnten nach seiner Entstehung war das Wetterhäuschen, das ab den 1920er-Jahren zunehmend auch als „Oetkerhäuschen“ bezeichnet wurde, immer wieder Thema in den Tageszeitungen: Beispielsweise beklagte eine Leserstimme in der Westfälischen Zeitung vom 11. Februar 1921, „daß […] an den selbstregistrierenden Apparaten der Barometerstreifen auf der Walze des Thermographen, der Thermometerstreifen dagegen auf der des Barographen angebracht worden war. Das ist sehr betrüblich, denn man sollte annehmen können, daß die Stadt Bielefeld so weit fortgeschritten wäre, um dem Publikum die Möglichkeit einer anständigen Wetterprognose zu bieten.“ In der Bielefelder Abend-Zeitung vom 16. September 1924 erklärte eine Leserstimme wiederum: „Die zuständige Stelle wird von vielen Bielefeldern höflichst gebeten, die Apparate in dem sogen. Oetkerhäuschen am Kriegerdenkmal einmal nachsehen zu lassen. Vor allem bedarf das Barometer liebevoller Fürsorge. Gerade das diesjährige ständige Regenwetter macht unsere Bitte doppelt notwendig.“ Eine andere Stimme beklagte in den Westfälischen Neuesten Nachrichten vom 15. Januar 1930: „Die Wetterangaben an der Oetkersäule […] sind an den jetzigen kurzen Tagesstunden abends kaum erkennbar, da das Licht der Umgebung […] nicht ausreicht. […] Eine separate Beleuchtung dieser Wettersäule wäre deshalb sehr angebracht.“ Und Studienrat Dr. Hermann Hartwig (1877-1954) bemerkte in seinem – in den Westfälischen Neuesten Nachrichten vom 25. August 1928 veröffentlichten – Artikel „Ist Bielefeld ein Regennest?“: „Die Angabe am Oetkerhäuschen, die mancher für einen Schreibfehler hält, trifft leider zu; denn die Pulsschen Untersuchungen lehren uns, daß die durchschnittliche Bielefelder Regenhöhe 1020 Millimeter beträgt. Schaudervoll, höchst schaudervoll!“

Trotz allen Regens hatten die heißen Sommer von 1931 und 1932 den meteorologischen Instrumenten des Wetterhäuschens stark zugesetzt, sodass diese im September 1932 abgenommen und einer Generalüberholung unterzogen wurden. Während der Instandsetzung der Instrumente erhielt wiederum der Pavillon des Oetkerhäuschens im Oktober 1932 einen neuen Wetterschutzanstrich. Einen Monat später konnte das Wetterhäuschen dann wieder seinen Betrieb aufnehmen. So kommentierte die Volkswacht am 8. November 1932: „Nachdem Hygrometer und Barometer gründlich durchgesehen und neu abgestimmt wurden, das Aeußere derselben dazu wie neu aufgefrischt ist und die tragende Eisensäule mit den Marmorteilen gründlichst gereinigt sind, erweckt die Anlage wieder einen sauberen, gepflegten Eindruck.“ Mehr als sieben Jahre später – am 23. April 1940 – würdigte die Westfälische Zeitung den „Tempel des Wettergottes“ hinsichtlich seiner Bedeutung für die Bielefelder Bevölkerung: „Wie stolz gingen die heute würdigen Papas als Hosenmätze die zwei Stufen zum ´Oetkerhäuschen´ hinauf, musterten mit gerunzelter Stirn die Seite des Obelisk, auf der ein besonders leicht deutbares Barometer die Launen von der Stirn des Wettergottes mit zwei Skalen, Ziffern und Zeigern abzulesen suchte. Und vor jedem Ausflug mit der „Electrischen“ in die Senne war und ist es heute noch Brauch, daß der Papa als Sendbote der Familie vor die Skalen tritt, Neigung und Steigung der Zeiger studiert und sie mit darunter angebrachten Erläuterungen vergleicht. Und wenn sie auf „Schön“ stehen, zieht man beruhigt dahin… […] Es gibt noch andere Gründe, geflissentlich und wiederholt die Wetterlage zu prüfen. Noch heute treffen sich Hans und Grete am Wetterhäuschen. Man kann es so schön unauffällig inszenieren.“

Das neue Wetterhäuschen
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war der „Tempel des Wettergottes“ allerdings nur noch eine Ruine. Zwar war der Pavillon des Wetterhäuschens weitestgehend unversehrt geblieben, jedoch hatten die Instrumente der Wettersäule die Luftangriffe nicht überstanden, sodass die Gesamtanlage brachlag. Einen Antrag des Sattlers Ernst Seidlitz (1879-1958), der das Wetterhäuschen zu einem Zigarrenladen umbauen wollte, lehnte der städtische Bauausschuss im Juli 1948 allerdings ab. Deutlich gesprächsbereiter zeigte sich die Stadt, als Rudolf-August Oetker im August 1949 seinen Wunsch zur Wiederherrichtung des Wetterhäuschens bekundete und die Übernahme der entstehenden Kosten durch die Firma Oetker zusicherte. Nachdem sich Oetker und die Stadtverwaltung Anfang November 1949 auf den Abriss des alten und den Bau eines neuen Wetterhäuschens verständigt hatten und der städtische Bauausschuss am 22. November desselben Jahres entsprechend Beschluss fasste, wurden einen Monat später die Bielefelder Architekten Heinrich Wedegärtner (1911-1960), Paul Griesser (1894-1964) und Alwin Haus (1887-1957) zum Wettbewerb um das neue Wetterhäuschen eingeladen. Die Jury wiederum bestand aus Rudolf-August Oetker als Vertreter der Firma Oetker, dem für die Buchhandlung Otto Fischer tätigen Paul Herzogenrath (1903-1961) als Vertreter der freien Kunstschaffenden, sowie Oberbürgermeister Artur Ladebeck (1891-1963) als Vertreter der Stadt Bielefeld.

Im April 1950 entschied sich die Jury für den Entwurf von Paul Griesser, dem Leiter der Fachabteilung für Möbelbau und Innenarchitektur an der Bielefelder Kunstgewerbeschule. Griessers Entwurf wurde am 6. April 1950 von der Freien Presse folgendermaßen beschrieben: „Ein leichter, eleganter Rundtempel mit vier Säulen, ausgeführt in goldfarbigem Leichtmetall, wird in sich eine Vitrine mit dem meteorlogischen Instrumentarium aufnehmen. Ein um das Runddach verlaufener Fries soll auf farbigem Grund die [zwölf] Tierkreiszeichen tragen und gemeinsam mit einer reizvollen Windrose schon von weitem den Zweck des Pavillons dartun. Während der Dunkelheit wird der Pavillon durch die hinter einer Glasdecke angebrachten Beleuchtungskörper beleuchtet.“ Nachdem das alte Oetkerhäuschen im Juli 1951 abgerissen worden war, konnte in wenigen Wochen das neue Wetterhäuschen errichtet werden, das schließlich am 17. Oktober 1951 der Stadt Bielefeld übergeben wurde. Neben Baro-, Thermo- und Hygrograph umfasste die neue Wettersäule einen Schaukasten mit den vom Meteorologischen Amt Mülheim an der Ruhr herausgegebenen Wetterkarten für Nordrhein-Westfalen. Darüber hinaus war die neuartige Anzeige des „Oetkerhäuschens“ per Kabel mit einem Windmesser auf dem Dach des Hauses der Technik verbunden und konnte daher auch Windrichtung und Windstärke angeben. „Der neue Wetterpavillon wird wieder den wanderfreudigen Bielefeldern anzeigen, welche Miene der Wettergott aufsetzen will, und die wißbegierige Schuljugend kann an den mannigfaltigen Apparaturen lernen, wie die „Wetterfrösche“ der Meteorologischen Institute das Wetter „machen““ verkündete die Freie Presse am Tag der Übergabe und ergänzte: „Und Bielefelds Liebespaare haben ihren Treffpunkt wieder, der Jahrzehnte hindurch ein Begriff war […].“ Die Westfälische Zeitung betonte wiederum, dass die „kleine Wetterwarte“ angesichts der auch nachts beleuchteten Glasdecke ihres Dachs „einen effektvollen Lichtblick gegenüber dem angrenzenden Parkteil bilden“ werde.

Ein halbes Jahrhundert später war jedoch Ernüchterung eingetreten. „50 Jahre alte Stiftung ist Schrott“ titelte die Neue Westfälische am 2. März 2001 und fügte hinzu: „Stadt Bielefeld lässt Wetterhäuschen auf dem Oberntorwall immer mehr verkommen“. Tatsächlich war das „Oetkerhäuschen“ zu diesem Zeitpunkt nicht nur in die Jahre gekommen, sondern befand sich auch aufgrund von wiederholtem Vandalismus in einem sehr schlechten Zustand. Nachdem die Stadtverwaltung bzw. der Immobilienservicebetrieb (ISB) der Stadt Bielefeld bekundet hatte, die für die Instandsetzung des Wetterhäuschens veranschlagten 100.000 Mark nicht aufbringen zu können, erklärte sich – auf persönliche Initiative von Rudolf-August Oetker – im Juni 2001 die Rudolf-August Oetker Stiftung für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Denkmalpflege bereit, sowohl die Renovierung als auch die weitere Instandhaltung der Wetterstation zu übernehmen. Zu diesem Zweck erwarb die Stiftung im Dezember 2001 zu einem symbolischen Preis von 1 Mark das Grundstück am Oberntorwall samt Wetterhäuschen und verpflichtete sich im Gegenzug zur Instandsetzung des Oetkerhäuschens innerhalb von zwölf Monaten. Unter der Aufsicht des Stiftungsgeschäftsführers Guido Sandler (1928-2019) und des Architekten Kai Brüchner-Hüttemann wurde der Pavillon des Wetterhäuschens bis Dezember 2002 renoviert, die Erneuerung der Instrumente erfolgte wiederum einen Monat später. So erstrahlt das für 65.000 Euro sanierte Wetterhäuschen, das nun auch über eine Anzeige der aktuellen Ozonwerte verfügte, seit Januar 2003 in neuem Glanz.
Quellen:
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,13/Kulturamt,
- Nr. 476: Spenden und Förderung, 1950-1990
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt,
- Nr. 95: Denkmäler, Brunnen, Wettersäule, Sternwarte, 1910-1970
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung,
- Nr. 199: Bauten, 1946-1954
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen,
- Nr. 4: Bielefelder Abendzeitung, 1923-1925 (Artikel v. 16.9.1924)
- Nr. 6: Westfälische Neueste Nachrichten, 1918-1945 (hier Artikel v. 25.8.1928, 15.1.1930, 29.5.1931, 5.9.1932 u. 8.10.1932)
- Nr. 5: Bielefelder General-Anzeiger, 1900-1918 (Artikel v. 11.4.1911 u. 15.8.1912)
- Nr. 13: Freie Presse, 1946-1967 (Artikel v. 6.4.1950, 19.7.1951 u. 17.10.1951)
- Nr. 20: Neue Westfälische Volks-Zeitung (Volkszeitung) Bielefeld, 1877-1921 (Artikel v. 28.1.1910 u. 30.3.1911)
- Nr. 39: Volkswacht, 1890-1933 (Artikel v. 1.3.1911, 29.3.1911, 31.3.1911, 22.8.1932, 10.9.1932 u. 8.11.1932)
- Nr. 50: Westfälische Zeitung, 1883-1967 (Artikel v. 27.1.1910, 11.2.1921, 25.2.1922, 8.11.1924, 23.1.1926, 10.12.1927, 15.2.1929, 23.4.1940, 6.4.1950, 17.10.1951)
- Nr. 32: Neue Westfälische (Artikel v. 2.3.2001, 10./11.3.2001, 30.6./1.7.2001, 27.7.2001, 5.12.2001, 3.7.2002 u. 12.12.2002)
- Nr. 54: Westfalen-Blatt (Artikel v. 17.9.1951, 18.10.2002 u. 17.1.2003)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung,
- Nr. 11-287: Artur-Ladebeck-Straße seit 1946, 1935-1990
- Nr. 11-1554: Obernstraße bis 1945, 1801-1945
- Nr. 11-1555: Obernstraße seit 1946, 1946-1988
- Nr. 12-3: Luftbilder Mitte/Gadderbaum seit 1946, 1946-1969
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,6/Ansichtskarten,
- Nr. 3515: Bielefeld, Am Obertor mit Wetterhäuschen, 1954
- Nr. 3516: Bielefeld, Am Obertor mit Wetterhäuschen, 1955
- Nr. 3521: Bielefeld, Oberntorwall, Am Kriegerdenkmal.
Literatur:
- Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 2: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Bielefeld 20052.
- Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005.
Erstveröffentlichung: 01.10.2026
Hinweis zur Zitation: Vohwinkel, Andreas Martin, 17. Oktober 1951: Übergabe des neuen Wetterhäuschens am Oberntorwall, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2026/10/01/01102026, Bielefeld 2026

