• Søren Bielke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •
„Herr Aul hat sich mit besonderem Idealismus und unter großem persönlichem Einsatz seit der Eröffnung seines Kamera-Filmkunsttheaters im Jahre 1950 um die Förderung und Verbreitung des künstlerisch und kulturell wertvollen Films bemüht. Seine hervorragenden Programme haben bundesweit Anerkennung gefunden; sie haben zur Bereicherung des kulturellen Spektrums in Bielefeld wesentlich beigetragen und damit auch das Ansehen der Stadt gesteigert.“
Mit diesen Worten begründete die Stadt Bielefeld die Verleihung ihres Kulturpreises an Carl Aul. Als Oberbürgermeister Klaus Schwickert dem Kinobetreiber am 6. November 1976 im Vortragssaal der Kunsthalle die Auszeichnung überreichte, würdigte die Stadt erstmals eine Persönlichkeit, deren Lebenswerk ganz dem Medium Film gewidmet war. Für viele Bielefelder*innen war Carl Aul mehr als ein Kinobetreiber. Er war Filmvermittler, Kulturunternehmer und leidenschaftlicher Cineast.
Vom Vorführraum zur Filmkunst
Carl Aul wurde am 29. Oktober 1912 in Hamm geboren. Bereits als Jugendlicher begeisterte er sich für die Technik des Kinos und führte mit zwölf Jahren zum ersten Mal einen Film vor. Mit 17 Jahren installierte er seine erste Vorführmaschine, legte die anspruchsvolle Prüfung zum Filmvorführer ab und eignete sich mit Hilfe von Fachliteratur ein umfassendes Wissen über Projektionstechnik, Tonanlagen und Filmkopien an. Die Umstellung vom Stumm- auf Tonfilm verfolgte er mit besonderem Interesse. Jahrzehnte später erinnerte er sich daran, wie mangelhaft die ersten Tonanlagen waren: Vogelstimmen oder Wasserplätschern habe man gut gehört, die Dialoge dagegen oft kaum verstanden. „Noch 1934 galt eine Tonanlage als gut, wenn die Hälfte der Sprache zu verstehen war”, erinnerte sich Aul in einem Artikel der Neuen Westfälischen vom 29. Oktober 1982. Gerade diese technischen Herausforderungen weckten seinen Ehrgeiz.
Eigentlich wollte Aul Lehrer werden. Neben seiner Arbeit absolvierte er eine Ingenieurausbildung in Abendkursen. Statt ins Klassenzimmer führte ihn sein Weg jedoch in die Kinobranche. Für eine elektrotechnische Firma richtete er Lichtspielhäuser ein, betreute Vorführräume und half aus, wenn irgendwo ein Filmprojektor streikte. Bald kannte er die Kinos im Ruhrgebiet genauso gut wie deren wirtschaftliche Sorgen.
Ein Neuanfang in Bielefeld
Nach Krieg, Wehrdienst und amerikanischer Kriegsgefangenschaft führte Auls beruflicher Weg nach Bielefeld. Hier lebte seine Frau Gertrud (1903-1995), und bald betreute er mehr als 40 Lichtspielhäuser. Als Kinotechniker war er nahezu rund um die Uhr im Einsatz, beseitigte technische Pannen, reparierte Projektoren und sorgte dafür, dass die Vorstellungen stattfinden konnten. Oft wiesen die Kinobetreiber*innen ihre Vorführer*innen vor Weihnachten oder Ostern an, die Maschinen zu putzen. Da sie die auseinander genommenen Geräte dann nicht wieder zusammengesetzt bekamen, musste Carl Aul anrücken. Mit der Zeit sammelte er auch Erfahrungen im kaufmännischen Bereich und suchte Filme aus.
Doch je länger er in fremden Kinos arbeitete und wohl auch weil der Erfolg seines kinotechnischen Fachgeschäfts unter Schwierigkeiten mit seinem Partner litt, desto stärker wuchs der Wunsch nach einem eigenen Haus. Dieses sollte sich bewusst von den großen Lichtspieltheatern unterscheiden. Während andere auf Publikumserfolge setzten, wollte Aul Filme zeigen, die als Kunst verstanden werden konnten. Auch dass Filmkunst als politisch links und progressiv galt, kam Auls Selbstverständnis entgegen. Sein ursprünglicher Wunsch Lehrer zu werden, fand ebenso Eingang. Statt Jugendlichen die Wechselwirkung von Widerstand, Spannung und Strom zu erklären, konnte er Ihnen nun das Beste aus dem Bereich Film nahebringen.
Die „Kamera“ geht einen anderen Weg
Am 17. November 1950 eröffnete Carl Aul im Haus der Technik die „Kamera“. Das Kino verfügte über 200 Plätze und konnte wegen der Nutzung des Saales durch die Stadtwerke zunächst nur von Freitag bis Montag spielen. Wirtschaftlich waren das schwierige Voraussetzungen. Bielefeld hat damals rund 140.000 Einwohner*innen, vier Kinos waren bereits in Betrieb, das fünfte stand in den Startlöchern.
Auch in der Programmgestaltung ging Aul ein Risiko ein. Die großen Innenstadtkinos konkurrierten mit aufwändig beworbenen Unterhaltungsfilmen. Aul dagegen setzte auf Regisseure wie Friedrich Wilhelm Murnau oder Georg Wilhelm Pabst und zeigte neben Klassikern internationale Filmkunst wie „Kinder des Olymp“, „Früchte des Zorns“ oder „Ein Amerikaner in Paris“, die in Bielefeld sonst kaum zu sehen war.
Nicht alle Beobachter glaubten an den Erfolg dieses Konzepts. Der Kulturausschuss stellte fest, er hätte, „wenn er vorher gefragt worden wäre, nicht zugestimmt“, und äußerte Bedenken gegen die Neugründung. Das Westfalen-Blatt fragte bereits kurz nach der Eröffnung skeptisch, ob sich ein solches Programm dauerhaft tragen könne und wie die Bevölkerung auf diese neue Art des Kinos reagieren werde. Aul ließ sich davon nicht beirren und war überzeugt, dass anspruchsvolle Filme ihr Publikum finden würden. Der Erfolg gab ihm Recht. Von den damals bestehenden fünf und im Laufe der 50er-Jahre zahlreichen neu eröffneten Kinos ist heute nur die „Kamera“ übrig.
Filmkunst statt Kassenschlager
In den 1950er-Jahren entwickelte Aul seine Programmphilosophie konsequent weiter. Er zeigte Werke von Ingmar Bergman ebenso wie amerikanische Filmklassiker oder französische Produktionen. Viele dieser Filme galten den großen Kinos als „Kassengift“, also wirtschaftlich zu riskant, für die „Kamera“ bildeten sie das eigentliche Profil. Dabei profitierte Aul von einem kollegialen Verhältnis zu anderen Bielefelder Kinobetreibern. Kam ein anspruchsvoller Film für eines der großen Häuser nicht infrage, überließen sie ihn häufig der kleinen „Kamera“. Was andernorts als wirtschaftlich uninteressant galt, wurde für Aul zur Chance. Sein Anspruch ging weit über das bloße Vorführen von Filmen hinaus. Er organisierte Schulvorstellungen, Matineen und Sonderveranstaltungen, arbeitete mit Filmklubs, Gewerkschaften, dem Jugendkulturring und später auch mit der Universität zusammen. Sein Kino verstand er als Ort kultureller Bildung. Dass dieser Idealismus häufig auf Kosten der Wirtschaftlichkeit ging, nahm er bewusst in Kauf.
Aus seiner über 40-jährigen Arbeitspraxis berichtete Aul in einem Artikel der Neuen Westfälischen vom 29. Oktober 1982 anlässlich seines 70. Geburtstag, wie die Zuschauer*innen sich beschwerten, wie Filme in drei Akten, also auf drei Rollen, durch Überblendung nahtlos vorgeführt werden konnten statt mit Pausen, sie seien betrogen worden, der Film bestehe nur aus einem Akt und sie wollten ihr Geld zurück. Aul wunderte sich: „In dem Film ´Tod in Venedig´ lief mal ein ganzer Akt in französischer Fassung, und keiner hat sich beschwert“.
Die Familie als Rückhalt
Die „Kamera“ war ein Familienbetrieb. Ehefrau Gertrud führte Buchhaltung und Kasse, die drei Töchter halfen nach der Schule im Kino mit, Bonbons wurden zuhause für den Verkauf in Tüten abgepackt. Freie Tage gab es kaum. Lediglich an Heiligabend blieben die Auls zuhause. Schon am 1. Weihnachtstag übernahm die Familie wieder den Betrieb, damit die Mitarbeiter*innen wenigstens einige Stunden mit ihren Angehörigen verbringen konnten. Ohne diesen gemeinsamen Einsatz hätte das Unternehmen die wirtschaftlich schwierigen Jahre kaum überstanden.
Krisen und Durchhaltevermögen
Am 31. Oktober 1957 zog die „Kamera“ wegen eingeschränkter Spielzeiten im Haus der Technik und kürzerer Vertragslaufzeiten mit den Stadtwerken in das neu errichtete Wäsche-Schmitz-Haus an der Feilenstraße um. Dort verfügte das Kino über moderne CinemaScope-Technik und deutlich bessere Spielmöglichkeiten, 231 Besucher*innen fanden Platz. Die technische Planung und Einrichtung erfolgte durch Carl Aul, die Saalgestaltung übernahm seine Frau Gertrud. Mit „Krieg und Frieden“ in Erstaufführung für Ostwestfalen-Lippe eröffnete die neue „Kamera“, leider blieb durch die hierdurch entstandene doppelte Leihmiete trotz elfwöchigen Betriebs vor ausverkauftem Haus kaum Gewinn übrig. Fast gleichzeitig begann mit der Verbreitung des Fernsehens die erste große Kinokrise. Gerade die Filmkunstkinos litten unter einbrechenden Besuchszahlen, weil viele anspruchsvolle Produktionen nun direkt an das Fernsehen verkauft wurden. Auch Aul musste um seine Existenz kämpfen. Sein Arbeitstag war häufig 16 Stunden lang. Trotz aller Schwierigkeiten gab er seine programmatischen Grundsätze nie auf. Er zeigte weiterhin Werke junger Regisseure wie François Truffaut oder Jean-Luc Godard, obwohl diese Vorstellungen oft nur schlecht besucht waren. Für Aul blieb Filmkunst eine kulturelle Aufgabe und keine Frage kurzfristiger Einnahmen. Den Anspruch Auls an sich selbst, aber auch an die Kinobesucher*innen lässt sich gut an folgender Ansprache im Programmheft der Kamera aus dem Juni 1963 ablesen: „Verehrte Filmfreunde! Als wir im letzten Mai-Programm Fellinis ´8 ½´ ankündigten, waren wir überzeugt, daß er Für und Wider ernten würde und viele den Film nicht verstehen oder auch ablehnen. Aber wir hatten nicht damit gerechnet, daß sich in Bielefeld nur so wenige Filmfreunde den Film ansehen würden. Fellini gilt als einer der bedeutendsten Filmgestalter, und auch ´8 ½“ wird als ein großer und vergleichsloser Film – als ein kühner Versuch – bezeichnet.“
Bundesweite Anerkennung
Die Beharrlichkeit zahlte sich schließlich aus. 1965 erhielt die „Kamera“ erstmals den Programmpreis der Gilde deutscher Filmkunsttheater, deren Mitglied Carl Aul seit 1960 ist. In der Urkunde hieß es, „In wenigen Jahren ist es Carl Aul gelungen, durch einen künstlerisch kompromisslosen Spielplan ein kulturelles Zentrum im Leben der Stadt Bielefeld zu schaffen“.
Mit der von Aul lange ersehnten Eröffnung der Universität Bielefeld 1969 gewann das Kino zusätzlich ein junges, filminteressiertes Publikum. Im selben Jahr wurde die „Kamera“ mit dem Bundesfilmpreis für das beste Jahresprogramm ausgezeichnet. Nun nahmen auch endlich Radio, Fernsehen und (über-)regionale Zeitungen den Einsatz des Kinobegeisterten wahr.
Aus dem kleinen Filmkunsttheater war inzwischen eines der renommiertesten Programmkinos Deutschlands geworden. Wenige Monate vor der Verleihung des Bielefelder Kulturpreises erhielt Carl Aul auf der Berlinale das Filmband in Gold. Bundesinnenminister Werner Maihofer würdigte damit sein „langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film“. Aul war der erste Filmkunsttheaterbesitzer in Deutschland, dem diese Auszeichnung zuteilwurde.
Eine Ehrung für die Filmkultur

Als die Stadt Bielefeld Carl Aul im November 1976 ihren Kulturpreis verlieh, würdigte sie damit nicht nur einen erfolgreichen Kinobetreiber. Oberbürgermeister Klaus Schwickert hob hervor, dass erstmals eine Persönlichkeit ausgezeichnet werde, deren jahrzehntelanges Wirken auf dem Gebiet des Films das kulturelle Leben der Stadt nachhaltig geprägt habe.
Der mit 5.000 D-Mark dotierte Preis wurde im Vortragssaal der Kunsthalle überreicht. Festredner war der Filmexperte Dr. Gerd Albrecht, Mitglied des Auswahlausschusses für Filmförderung beim Bundesminister des Innern. Er brachte die Bedeutung der „Kamera“ laut dem Westfalen-Blatt vom 8. November 1976 mit einem Satz auf den Punkt: „Dieses Kino hat Bielefeld in Sachen Filmkultur in Deutschland bekannt gemacht.“
Ein Vermächtnis mit Bestand

Nach einer schweren Erkrankung übergab Carl Aul 1978 die Leitung des Kinos an seine Tochter Ingrid Heise. Gemeinsam mit ihrem Mann Eberhard führte sie das Lebenswerk ihres Vaters fort und baute es weiter aus. 1990 kamen mit „Casablanca“ und „The Kid“ zwei zusätzliche Säle hinzu. Carl Aul selbst zog sich aus dem Tagesgeschäft zurück. Er starb am 4. Januar 1995 im Alter von 82 Jahren. Seine Frau Gertrud, ohne deren Einsatz als Buchhalterin, Kassiererin, Programmheftgestalterin und Erzieherin der drei Töchter der Erfolg kaum möglich gewesen wäre, starb am 22. April 2005.
Die von den Auls begründete Filmkultur blieb jedoch erhalten. Auch nach der Übernahme der „Kamera“ durch das 1985 gegründete Lichtwerk Bielefeld im Jahr 2008 entwickelte sich das Kino weiter und ist bis heute das am häufigsten ausgezeichnete Filmkunsttheater Deutschlands.
Quellen
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 101,2, 103,1, 103,2, 105,1, 106,1, 96,1,138, Bde. 1 u. 2
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen,
- Nr. 32, Neue Westfälische v. 16.11.1960, 28.10.1972, 29.9.1975, 12.10.1976, 8.11.1976, 29./30.10.1982, 11.1.1995, 26./27.4.2005, 2.4.2008, 31.12.2011
- Nr. 50, Westfälische Zeitung v. 31.10.1957, 16.11.1960, 15.4.1965
- Nr. 54, Westfalen-Blatt v. 12.6.1976, 8.11.1976, 13.11.1995
Literatur
- Bell, Frank/Alexandra Jacobson/Rosa Schumacher (Hg.). Pioniere, Tüftler, Illusionen. Kino in Bielefeld, Bielefeld 1995
- Bell, Frank, „Es ist alles ungeschminkte Wirklichkeit – 70 Jahre Bielefelder Kinogeschichte“, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld, Bielefeld 1996, S. 212-217
- Bootz, Andreas, Kultur in Bielefeld 1945 – 1960, Bielefeld 1993
- Stiftung Tri-Ergon Filmwerk (Hg.), Die große Illusion, Bielefelder Kinogeschichte(n) aus 125 Jahren, Bielefeld 2020
Erstveröffentlichung: 01.11.2026
Hinweis zur Zitation:
Bielke, Søren, 6. November 1976: Auszeichnung des Filmkunst-Pioniers und Gründers der „Kamera“ Carl Aul mit dem städtischen Kulturpreis, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2026/11/01/01112026/, Bielefeld 2026







