30. Mai 1969: Einweihung der Niedernstraße als 1. Fußgängerzone Bielefelds

• Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

 

„Fußgänger-Paradies“ – „Fußgängeroase“ – „Fußgänger-Eldorado“ – die Lokalpresse überschlug sich mit Superlativen, als sie über die Einweihung der Niedernstraße als 1. Fußgängerzone Bielefelds am 30. Mai 1969 berichtete. Unvermeidlich dabei Hinweise auf Alkoholika, die wahlweise junge Damen in ravensbergischen und lippischen Trachten ausschenkten oder aus Fässern gezapft wurden, Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl (1914-1993) und weitere Prominenz beim Durchschneiden des Goldenen Bandes und verschiedenen Musikbeiträgen – über die Hintergründe erfuhr man wenig.

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Die umgestaltete Niedernstraße, 1971; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1524-112

Die Neue Westfälische feierte am 1. Juni 1969 die Übergabe mit mäßig gelungenen Formulierungen, die vor allem das Eröffnungsereignis beschrieben, aber nicht die erwarteten Wirkungen: „Mit Tschingbumtrara, bei strömendem Freibier und beim Knallen von Sektpfropfen und angepiekten Luftballons, mit Kindereis und ein paar unprogrammgemäßen Regentropfen erlebte Bielefelds Fußgängeroase Nummer 1 gestern den großen Tag ihrer Einweihung.“ Das eher behördlich daherkommende und seinerzeit politisch gegenwärtige „Zone“ („SBZ“) klingt tatsächlich weniger charmant als Eldorado, Oase oder Paradies. Diese Vokabeln beschrieben Einkaufsmöglichkeiten und Aufenthaltsqualität, drückten gleichzeitig eine Begeisterung für Ungewohntes und Ungesehenes im Zeitalter der Automobil-Dominanz aus, die sich noch heute andeutet, wenn Kraftfahrzeuge die Niedernstraße, meist vorsichtig, queren.

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Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl feierte die Eröffnung der 1. Fußgängerzone Bielefelds mit anderen; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 297

Fußgängerzonen hatte es in Deutschland bereits in den 1920/30er Jahren vereinzelt gegeben, konnten sich aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach flächendeckend durchsetzen, als die kriegszerstörten Innenstädte neu aufzubauen und zu gestalten waren. Oftmals wurden dabei Einzelstraßen zu echten Fußgängerzonen entwickelt, direkt benachbarte Parallelstraßen dagegen für den Individualverkehr freigehalten. 1960 gab es in der Bundesrepublik erst in 31 Städten Fußgängerzonen, der große Boom fand erst Anfang der 1970er Jahre statt, als knapp 50 % aller bis 1975 eröffneten Fußgängerzonen in Deutschland übergeben wurden. Dazwischen lag Bielefeld.

In den 1950er Jahren war die Wirkung der wenigen authentischen Reste mittelalterlich-frühneuzeitlicher Bausubstanz durch nicht immer gelungene Zweckbauten für Konsum und Wohnen zurückgedrängt worden, gleichzeitig zwängte sich zunehmender Kunden- und Lieferverkehr durch die Straßen, immer auf der Suche nach Parkplätzen und Rangierzonen. Eine wichtige Voraussetzung für die schrittweise Umgestaltung der Altstadt und die Verbannung des Individualverkehrs war deshalb der Bau eines ersten Parkhauses an der Elsa-Brändström-Straße, das am 30. April 1966 mit 720 Stellplätzen übergeben wurde. Schon 1957 hatte sich Bielefeld mit der Einweihung des Jahnplatztunnels als stadtplanerisch modern gezeigt und Experten aus der gesamten

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Parkplatzinformationen für auswärtige Kundschaft, 1968; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 297

Bundesrepublik angezogen, konnte diesem Anspruch allerdings nicht immer genügen, wie die uneinheitliche Innenstadtgestaltung im Hufeisen der Altstadt und der südlich angrenzenden Neustadt beweisen.

Notwendig war die Aufwertung der Innenstadt allemal. WDR-Reporterin Ursula Vossen erklärte in der Neuen Westfälischen vom 29. Juni 1968: „Die Bahnhofstraße finde ich in diesem Zustand scheußlich.“ Stadtbaurat Jürgen Hotzan, Baudirektor Dieter Ahlert (1920-1998) und Verkehrsdirektor Josef Fuchs (1905-1993) verwiesen angesichts des Baubeginns in der Niedernstraße „auf Pläne und beschwörten die Jahre 1970 bis 1975“ und einen planvollen Prozess statt unkoordiniertem Handeln. Überhaupt, so Ahlert, kosteten die Umgestaltungen zu Fußgängerzonen die Stadt „einiges Moos“, aber „die Geschäftsleute müssen mitziehen, sonst hat alles keinen Zweck“.

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Die Niedernstraße als Durchgangsstraße, 1955, Foto: Möller; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1524-65

Seit 1956 bestand eine Zielplanung, die Niedernstraße zur „Fußgängerstraße“ umzugestalten. Ein erster Versuch während der Weihnachtszeit ab dem 1. Dezember 1957 war in eine Dauerlösung übergeleitet worden, ehe ab Sommer 1968 eine bauliche Aufwertung des Gesamtbereichs stattfinden konnte. Im engeren Bereich rund um die Altstädter Nicolaikirche waren Flächen bereits entsprechend gestaltet worden. Der Umbau der Niedernstraße auf insgesamt 350 Metern Länge war zukunftsweisend, eine erste leise Abkehr von der autogerechten Stadt, gestalterisch mutig und vor allem der Beginn der weiteren Umgestaltung der Altstadt mit Obernstraße und Bahnhofstraße, die heute noch den Kern der Fußgängerzone Bielefelds ausmachen. Und mit 140.000 DM war er im Vergleich zu heutigen Baumaßnahmen ähnlicher Größe darüber hinaus ausgesprochen günstig.

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Beim Weihnachtsmarkt 1957 war die Niedernstraße erstmalig als vorübergehende Fußgängerzone ausgewiesen worden, Foto: Ed. Heidmann; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1524-65

In einer Rückschau sah das Planungsamt 1971 mehrere Argumente für die Einrichtung von Fußgängerzonen: „Einkaufserleichterung“, Wettbewerbsfähigkeit gegenüber möglichen (innerstädtischen) Konkurrenten, insbesondere „Verbesserung der Verkehrssituation und zur Steigerung des Geschäftsumsatzes“. Rat und Verwaltung sowie Kaufmannschaft waren parallel initiativ geworden. Die Stimmung zugunsten einer Fußgängerzone überwog, gleichwohl gab es die üblichen vereinzelten Einwendungen vor allem in Leserbriefen, die veränderte Park- und Durchfahrtregelungen monierten, oder auch Hinweise auf Probleme bei Brief- und Paketzustellungen (Post). Auch wenn das Planungsamt insgesamt feststellte „Schwerwiegende Bedenken wurden nicht vorgebracht“, hatten auch Geschäftsinhaber hier und da auch Bedenken wegen der Anlieferungs- und Parkmöglichkeiten geäußert: „Die Reaktion der betroffenen Anlieger und Geschäftsinhaber war eher skeptisch als erfreut.“

Die monatelangen Arbeiten in der Niedernstraße für ein „Teppichpflaster“ aus einer Kombination aus rotem Klinker (für notwendige Lieferverkehr-Fahrzonen) und anthrazitfarbenen polygonale Betonsteinen waren Auftakt der optischen Aufwertung der verbliebenen Reste der „Guten Stube“ der beim Luftangriff am 30. September 1944 weitgehend untergangenen Altstadt. Nach der Einweihung der Fußgängerzone Niedernstraße gab es danach vereinzelt noch Kritik wegen fehlender Vordächer, unter denen das Publikum vor Regen geschützt an den Schaufenstern flanieren sollte. Gravierender war und ist da schon der Hinweis darauf, dass der Durchgangsverkehr über die Hagenbruchstraße und Renteistraße die Fußgängerzone schnitt. Die Presse mahnte eine Geschwindigkeitsreduzierung auf unter Tempo 50 an. Wer heute an diesen Schnittpunkten den Zebrastreifen nutzt, schielt mit mäßig schlechtem Gewissen zum wartenden Kraftfahrzeugfahrer. Dass die Kaufmannschaft für das Eröffnungs-Preisrätsel

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Bis zur letzten Minute waren Pflaster- und Begrünungsarbeiten durchgeführt worden, Foto: Hans-Dieter Johner (NW v. 22. April 1969), Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 297

drei wertvolle Hauptgewinne auslobte, sich dabei aber für drei BMW 1600 und zwei Paris-Reisen entschieden hatte, mag eher kurios anmuten, denn ausgerechnet das Auto sollte aus der Fußgängerzone verbannt und Konsum in Bielefeld angekurbelt werden und nicht an der Seine.

In der Bielefelder Bauverwaltung war man fachliche Einschätzungen folgender Art nicht immer gewohnt: „Geist und Witz bei der Gestaltung der Fußgängerstraßen“ bescheinigte der Kölner Architekt Jürgen Koerber angesichts der Umgestaltung der Niedernstraße. Der seinerzeit als ausgewiesener Experte für Citygestaltung geltende Koerber ließ sich in einem am 16. Juni 1969 veröffentlichten NW-Interview wegen der Verwendung von Klinker gar zu der Einschätzung hinreißen, dass Köln „in dieser Hinsicht von den Bielefeldern einiges lernen“ könne, vor allem in Sachen Pragmatismus und Entschlussfreudigkeit.

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Gestaltungsplan Niedernstraße, 1968; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,7/Hochbauamt, Nr. 441

Der Umbau der Niedernstraße 1969 war der Auftakt – es folgte 1970 die Bahnhofstraße (205.000 DM der Gesamtbausumme von 810.000 DM steuerten die Anlieger bei), die Rathausstraße 1973, die Obernstraße 1974, die Gold- und die Neustädter Straße 1974 und schließlich der Gehrenberg ab 1978. Pläne darüber hinaus gab es für die Niedernstraße schon 1969. Auf die Idee, die Niedernstraße vollständig zu überdachen und zu klimatisieren (!), um damit auch mit einem geplanten Shopping-Center konkurrieren zu können, antwortete Otto Gröndahl (1906-1989), Geschäftsführer des Einzelverbandes: „Das ist Zukunft“ – realisiert wurde dieses Vorhaben nie. Die Einrichtung von Fußgängerzonen war eine erste Abkehr von der autogerechten Stadt, dennoch mussten Rat und Verwaltung in den Folgejahren hier noch viel lernen und Niederlagen einstecken, als der Beschluss, die Ravensberger Spinnerei zugunsten einer innerstädtischen Umgehungsstraße abzubrechen, 1974 nach breiten gesellschaftlichen Protesten zurückgenommen wurde.

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,1/Baudezernat, Nr. 83: City – Einzelhandel – Einkaufszentren, 1969-1976
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,7/Hochbauamt, Nr. 441: Fußgängerbereich Niedernstraße, 1968-1978
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 203: Bauten, 1967-1974; Nr. 297: Verkehr, 1968-1973
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1524-65, 11-1524-91, 11-1524-112

Literatur

Erstveröffentlichung: 01.05.2019

Hinweis zur Zitation:
Rath, Jochen, 31. Mai 1969: Einweihung der Niedernstraße als 1. Fußgängerzone Bielefelds, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2019/05/01/01052019, Bielefeld 2019

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