6. April 1869: Die katholische Kirchengemeinde St. Jodokus beteiligt sich mit Franziskanerinnen an der Krankenpflege Bielefelds

• Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

 

Am 6. April 1869 kamen vier Franziskanerinnen vom Aachener Mutterhaus der „Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus“ nach Bielefeld, deren Engagement nur wenige Jahre später zur Gründung eines katholischen Krankenhauses, des St. Franziskus-Hospitals, führen sollte. Sie folgten einer Einladung der katholischen Kirchengemeinde St. Jodokus, die für die Ordensschwestern in der Ritterstraße ein Haus gemietet hatte. Auf Wunsch der Kirchengemeinde sollten sie bei der „Privat-Krankenpflege in den Familien ohne Unterschied der Confession“ helfen. Der Entscheidung der Kirchengemeinde gingen vor allem zwei Beobachtungen voraus: zum einen die medizinische Versorgung breiter Bevölkerungsschichten vor dem Hintergrund der Industrialisierung, zum anderen die Situation der Katholiken im mehrheitlich protestantischen Bielefeld.

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Die Armenkrankenpflege gehörte zum wichtigen Betätigungsfeld der Franziskanerinnen. Festschrift der Ordensgemeinschaft (1945)

Mit der Gründung der Spinnerei Vorwärts (1850/52) und der Ravensberger Spinnerei (1854/57) setzte auch in Bielefeld die Industrialisierung ein. Innerhalb weniger Jahre entstanden in der Textilindustrie und im Maschinenbau hunderte Arbeitsplätze, und in der noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts schwach besiedelten Feldmark ließen sich Menschen nieder, die in den neuen Fabriken Arbeit fanden. Auch machten sich aus dem Landkreis frühmorgens Menschen auf dem Weg, um in der Stadt Geld zu verdienen. Um die medizinische Versorgung der Arbeiterinnen und Arbeiter zu gewährleisten, hatte Preußen 1853 ein Unterstützungskassengesetz erlassen, das 1854 von der Stadt mit einem Ortsstatut umgesetzt wurde. Danach musste die Arbeiterschaft in Gesellen-, Fabrik- oder Ortskrankenkassen versichert werden. Diese Kassen sicherten ihren Mitgliedern ärztliche Behandlung und Medikamente zu. Zudem wurde die stationäre Pflege in einem Krankenhaus erlaubt, wenn Ärzte diese „für dringend notwendig“ hielten. Bei verheirateten männlichen Mitgliedern sahen die Kassenstatuten aber i.d.R. vor, dass ihre Mitglieder von den Ehefrauen gepflegt werden mussten. Im 19. Jahrhundert fand die Pflege von bettlägerigen Kranken vor allem in Wohnungen statt, unabhängig von ihrem hygienischen Zustand. Die zweite Beobachtung bezog sich auf die Diaspora der Katholiken in Bielefeld. Seit der Reformation bildeten die Katholiken in Bielefeld eine Minderheit und stellten kaum mehr als zehn Prozent der Bevölkerung. Da im einzigen in Bielefeld bestehenden Krankenhaus, das 1854 von einer Stiftung am Niederwall errichtet worden war, Kaiserswerther Diakonissen für die Krankenpflege verantwortlich zeichneten, wollte die Kirchengemeinde St. Jodokus mit dem Einsatz von Ordensschwestern in der Krankenpflege auch katholische Präsenz in der Stadt zeigen.

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St. Jodokus mit ehemaligem Klostergebäude (1860). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 14-501-10

Im Herbst 1868 hatten sich Pfarrer Johann Casper Heinrich Plantholt (1802-1871) und ein Komitee von St. Jodokus an die Vorsteherin der Ordensgemeinschaft der „Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus“, Franziska Schervier, gewandt und um Unterstützung gebeten. Franziska Schervier (1819-1876), Tochter eines Aachener Nadelfabrikanten, hatte sich schon in jungen Jahren innerhalb ihrer Kirchengemeinde engagiert: Sie half Arbeiterfamilien, unterstützte den Betrieb von Suppenküchen und pflegte Cholera- und Pockenkranke. 1844 trat sie dem „3. Orden des heiligen Franziskus“ bei und bereitete die Gründung einer eigenen Ordensgemeinschaft vor. Dem Beispiel des Heiligen Franziskus folgend, wollte sie ihr Engagement ausschließlich armen, am Rande der Gesellschaft stehenden Menschen zugutekommen lassen und forderte gleichsam von den Mitgliedern ihrer Gemeinschaft, nur mit dem Notwendigsten, in Armut zu leben. Dieser Anspruch schlug sich 1849 auch in der Namensgebung der Ordensgemeinschaft nieder: „Arme-Schwestern vom heiligen Franziskus“. Die Ordensschwestern engagierten sich nicht nur in der Armenkrankenpflege, sondern sie leisteten auch Gefangenen und Prostituierten Hilfe.

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Pfarrer Johann Casper Heinrich Plantholt (1802-1871). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 5, S. 216

Das Gesuch des Bielefelder Komitees lehnte Franziska Schervier zunächst ab, obwohl sich auch der Bischof von Paderborn, Konrad Martin (1812-1879), für die Kirchengemeinde St.  Jodokus einsetzte. Zwei Jahrzehnte nach ihrer Gründung waren die Schwestern der Ordensgemeinschaft dermaßen in Anspruch genommen, dass eine neue Niederlassung in Bielefeld ihre Leistungsfähigkeit zu überfordern schien. So stand das Aachener Mutterhaus mit dem Regierungspräsidenten von Köln in Verhandlung über den Einsatz von „Armen-Schwestern“ im dortigen „großen Weiber-Gefangenenhaus“. Als diese Verhandlungen scheiterten, versprach Franziska Schervier, die Schwestern „in der Osterwoche“ 1869 nach Bielefeld zu entsenden.

Der Bielefelder Niederlassung drohte aber Anfang 1870 bereits das vorzeitige Ende. Entgegen der Vorschriften des Mutterhauses waren die „Armen Schwestern“ auch von „besser gestellten Kreisen“ in Anspruch genommen worden. Franziska Schervier drohte mit dem Abzug, das Komitee der Kirchengemeinde versicherte, die Pflege der armen Kranken wieder in den Mittelpunkt ihres Dienstes zu stellen. Zudem kündigte sie den Bau eines neuen Gebäudes für die Ordensgemeinschaft in Bielefeld an. Finanziert wurde dieses aus Kollekten, die bereits seit 1868 für ein „Haus nebst Garten“ der „barmherzigen Schwestern“ gesammelt wurden, sowie Darlehen, die von wohlhabenden Gemeindemitgliedern zur Verfügung gestellt wurden. Am Bürgerweg, der heutigen Stapenhorststraße, erwarb die Kirchengemeinde ein Grundstück und errichtete dort ein neues Domizil für die „Armen-Schwestern“, das am 19. November 1871 feierlich eingeweiht wurde. Obwohl Bischof Konrad Martin und die Gründerin und Generaloberin der Ordensgemeinschaft Franziska Schervier aus diesem Anlass nach Bielefeld kamen, berichteten die lokalen Tageszeitungen, die konservative Westfälische Zeitung und der liberale Wächter, nicht über dieses Ereignis. Für das protestantische Bielefeld war die katholische Weihe zu diesem Zeitpunkt keine Zeile wert.

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Ordensgründerin Franziska Schervier (1819-1876). Ordensgemeinschaft der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus

Ursprünglich sollte das Wohnhaus am Bürgerweg, in dem auch eine Kapelle eingerichtet war, den Ordensschwestern als würdige Unterkunft dienen, während die Frauen zu den Kranken in die Wohnungen gingen, um sie dort zu pflegen. Da die ärmere Bevölkerung aber häufig in sehr beengten und zumeist unhygienischen Wohnungen lebte, in denen keine Pflege möglich war, nahmen die Ordensschwestern die Kranken in ihrem Haus auf. 1873 wurden im Haus am Bürgerweg, das die heimische Bevölkerung liebevoll „Klösterchen“ nannte, bereits 44 Kranke gepflegt. Das Wohnhaus der „Armen-Schwestern“ hatte sich zu einem Krankenhaus entwickelt. Landrat Wilhelm von Ditfurth (1810-1876) stellte 1874 fest, dass die „Anstalt schon seit Jahren faktisch als Krankenhaus“ diente und „Erhebliches für die Krankenpflege“ geleistet habe.

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Landrat Wilhelm von Ditfurth (1810-1876)

Krankenhäuser waren nach der preußischen Gesetzgebung konzessions- und revisionspflichtig: Medizinalbeamte mussten regelmäßig Berichte schreiben und auf mögliche Mängel hinweisen, die, wenn sie nicht behoben wurden, zum Entzug der Konzession und damit zur Schließung eines Krankenhauses führen konnten. Die Transformation eines Wohnhauses zum Krankenhaus hatte natürlich zur Folge, dass die Kirchengemeinde einen Antrag beim Regierungspräsidenten auf Führung eines Krankenhauses stellen musste. Vor dem Hintergrund des Kulturkampfes, den vor allem der Preußische Staat gegen den politischen Katholizismus führte, sollte sich die Konzessionierung als schwieriges Unterfangen erweisen.

Der Regierungspräsident zögerte, da für ihn die „Anstalt den Character eines Klosters“ hatte und überdies in dem Haus „eine Kapelle“ war. Um den Einfluss der katholischen Kirche zu begrenzen, forderte er eine überkonfessionelle Kontrolle durch den Magistrat der Stadt. Bielefelds Oberbürgermeister Ludwig Huber (1826-1905), der sich als Retter des Krankenhauses erweisen sollte, versuchte, den Verdacht einer konfessionellen Anstalt auszuräumen, lehnte überdies eine städtische Kontrolle ab und drohte gar, gegen eine solche Verfügung Beschwerde einzulegen. Das „Klösterchen“ war zum Spielball in der politischen Auseinandersetzung mit dem Katholizismus geworden, ging aber letztlich gestärkt aus diesem Konflikt hervor. Da in den 1870er Jahren das Kirchenvermögen unter der Verwaltung des Staates stand, hatte die Kirchengemeinde davon Abstand genommen, als Eigentümerin des Grundstücks und Wohnhauses am Bürgerweg in Erscheinung zu treten. Hugo von Hartmann, ein Bankier und Mitglied des Kirchenvorstands, war stattdessen als Eigentümer in das Grundbuch eingetragen worden. Auch der Paderborner Bischof Konrad Martin hatte bereits 1871 angeordnet, dass die „Armen-Schwestern“ keinerlei Rechte an dem Gebäude haben sollten, nicht einmal notwendigerweise in Bielefeld bleiben mussten. Damit sollte von der Anstalt der Verdacht genommen werden, eine konfessionelle Einrichtung bzw. ein wirkliches Kloster zu sein.

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Das katholische Krankenhaus am Bürgerweg (um 1880). Chronik des Franziskus-Hospitals

Am 27. September 1876 erteilte die Königliche Regierung in Minden der katholischen Kirchengemeinde St. Jodokus die staatliche Genehmigung, eine „Privat-Kranken-Anstalt zu errichten, worin Kranke ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses gegen Entgelt verpflegt werden.“ Aus dem Wohnhaus der Franziskanerinnen war damit offiziell das katholische Krankenhaus, das St. Franziskus-Hospital geworden. Nach dem Statut war es als „selbständiges Rechtssubjekt“ formal nicht mit der Kirchengemeinde verbunden, den Pfarrern von St. Jodokus stand aber der Vorsitz des Krankenhausvorstands zu. Nach dem Ende des Kulturkampfes erfolgte 1882 im Grundbuch die Übertragung auf die Kirchengemeinde. Bis 1989 blieb das Franziskus-Hospital als Körperschaft des öffentlichen Rechts im Eigentum von St. Jodokus.

 

Quellen

  • Franziskus Hospital Bielefeld: Chronik (1868-2019)
  • Landesarchiv NRW, Abteilung Detmold, M1 IM, Nr. 948
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Bd. 5: Kirchen (1840-1913)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westmann-Sammlung, Bd. 9: Bielefeld (1869-1914)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Der Wächter, Westfälische Zeitung (1868-1876)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung

Literatur

  • Johannes Altenberend/Josef Horstkotte (Hrsg.), St. Jodokus 1511-2011. Beiträge zur Geschichte des Franziskanerklosters und der Pfarrgemeinde St. Jodokus Bielefeld, Bielefeld 2011
  • Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Ordensgemeinschaft der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus, Aachen 1945
  • Heinrich Sunder, Festschrift zur Hundertjahrfeier des St. Franziskus-Hospitals, Bielefeld 1969
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 2: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, Bielefeld 1988
  • Bernd J. Wagner, „Um die Leiden der Menschen zu lindern, bedarf es nicht eitler Pracht“. Zur Finanzierung der Krankenhauspflege in Preußen, in: Alfons Labisch/Reinhard Spree (Hrsg.), Krankenhausreport 19. Jahrhundert. Krankenhausträger, Krankenhausfinanzierung, Krankenhauspatienten, Frankfurt/Main 2001, S. 41-68
  • Bernd J. Wagner, Zur Geschichte des Krankenhauswesens, in: Andreas Beaugrand (Hrsg.), Stadtbuch Bielefeld 1214-2014, Bielefeld 2013, S. 528-533

 

Erstveröffentlichung: 01.04.2019

Hinweis zur Zitation:
Wagner, Bernd J., 6. April 1869: Die katholische Kirchengemeinde St. Jodokus beteiligt sich mit Franziskanerinnen an der Krankenpflege Bielefelds, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2019/04/01/01042019, Bielefeld 2019

 

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