27. Juni 1934: Wahl des Bekenntnispfarrers Gustav Münter zum Superintendenten – Der Kirchenkampf in Bielefeld

• Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

 

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Gustav Münter (1877-1960); aus: Gustav Münter, Geschichte der Evang.-luther. Kirchengemeinde Brackwede, Bielefeld 1955, S. 68

Es war ein verhaltenes Presseecho auf Gustav Münters (1877-1960) Wahl zum Superintendenten des Kirchenkreises Bielefeld am 27. Juni 1934. Die relevanten Zeitungen gaben recht nüchtern die Fakten wieder: Münter hatte sich mit 85 Stimmen gegen Theodor von Sicard (1885-1968) durchgesetzt. Beide Bewerber konkurrierten zwar um das Amt, waren sich als sog. Bekenntnis-Pfarrer in der Kernfrage jener Zeit einig: Sie lehnten die Einflussnahme des NS-Staates in die Kirchenverhältnisse ebenso ab wie dessen kirchlichen Arm der Deutschen Christen (DC), die dem Regime und ihrer Ideologie nahestanden. Es sollten mehr als drei Jahre vergehen, bis der Widerstand der DC gegen Münters Ernennung überwunden werden und er am 26. September 1937 in sein Amt eingeführt werden konnte. Direkt im Anschluss wurde Münter von der Gestapo verhört – „nicht das erste und nicht das letzte Mal“, wie er 1955 festhielt.

Der neue Superintendent wurde am 2. Juli 1877 in Herford geboren und kam nach seinem Lehrvikariat in Krombach 1902 als Hilfsprediger nach Brackwede. Aus seiner Ehe mit Theodore Münter geb. Fischer (1880-1944) gingen fünf Kinder hervor. 1903 wurde er Pfarrer in Isselhorst und trat 1914 die 2. Pfarrstelle in Brackwede an. 1933 übernahm er die Verwaltung der Superintendentur, nachdem Amtsinhaber Heinrich Köhne (1865-1935) in den Ruhestand getreten war. In seinem Ruhestand, den er 1949 antrat, veröffentlichte Münter 1955 eine Geschichte der evangelisch-lutherischen Kirche Brackwede, in der er u .a. schrieb: „Es entstand die Bewegung der sogenannten ´Deutschen Christen´, die die Grundsätze der nationalsozialistischen Staatserneuerung in die Kirche übertragen und in ihr wirksam machen wollten. Die Hoffnungen, die man zunächst auf sie als eine heilsame Erneuerungsbewegung innerhalb der Kirche gesetzt hatte, erwiesen sich bald als falsch.“

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Die Bartholomäuskirche in Brackwede, 1930; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 14-18-09

Beide Kirchen waren in der Zeit der Weimarer Republik zunächst Gegner des Kommunismus, warnten vor einer bolschewistischen Diktatur. Diese Haltung fanden sie als Katholiken in der eigenen Zentrumspartei garantiert oder als Protestanten in den bürgerlich-konservativen Parteien. In den 1920er Jahren waren Verhandlungen über ein Konkordat zwischen dem Vatikan und Deutschland wiederholt gescheitert, ein Länderkonkordat mit Preußen (1929) konnte dieses Manko nicht beheben. Mit dem Reichskonkordat von 1933 allerdings fand der politische Katholizismus sein Ende. Das Zentrum löste sich auf, katholischen Klerikern waren politische Betätigung und Meinungsäußerungen verboten, was sie einerseits vor eine Inanspruchnahme durch den nationalsozialistischen Staat schützte, aber andererseits politisch-katholisches Engagement verhinderte.

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Aufruf der DC, Dortmund 1934; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 95-06-06

Die Evangelische Kirche dagegen war für bestimmte Inhalte der nationalsozialistischen Ideologie durchaus empfänglicher. Die preußisch-evangelische Tradition von „Thron und Altar“ hatte die Protestanten immer nahe an die (monarchische) Staatsspitze herangeführt, die 1918 untergegangen war. Mit der Weimarer Republik konnten auch evangelische Kirchenführer nicht immer glücklich werden, zumal ihnen eine eigene Partei fehlte. Im Gefolge der Machtübernahme 1933 entstand die neue Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ (DC), die eine gegenseitige Anbindung von Nationalsozialismus und Protestantismus suchte, dabei auch grundsätzliche Veränderungen, um politische und religiöse Einstellungen zu verbinden. Dabei wandten sich die Deutschen Christen auch gegen Marxismus, Freimaurerei, Rassenmischung und die Missionierung von Juden. Als Reaktion auf die Ausdehnung des Arierparagraphen auf getaufte Juden, die aus den Kirchen ausgeschlossen werden sollten, entstand im September 1933 der evangelische Pfarrernotbund. Zu den Gründern gehörten Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) und Martin Niemöller (1892-1984), dessen Bruder Wilhelm (1898-1983) Pfarrer an der Bielefelder Jabokubsgemeinde war. Wilhelm Niemöller war 1923 NSDAP-Mitglied geworden, hatte sich aber nach 1933 zusehends von der Partei distanziert, als die staatlichen Eingriffe in das Kirchenwesen und die Aktivitäten der DC zunahmen.

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Pfarrer Wilhelm Niemöller (1898-1983); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 95-06-18

Am 22. April 1934 entstand in Ulm die Bekennende Kirche, die sich „als rechtmäßige evangelische Kirche Deutschlands“ verstand und kaum einen Monat später auf der ersten Bekenntnissynode in Barmen die „Barmer Theologische Erklärung“ als theologisches Fundament beschloss. Diese deklarierte Jesus Christus als einzigen Glaubensgrund der christlichen Kirche und lehnte die staatlichen Eingriffe in das Kirchenwesen und eine Instrumentalisierung für Interessen des Regimes ab. Die Bekennende Kirche selbst war bis 1934 auch noch nicht gefestigt. Nachdem die Gestapo die in Dortmund tagende Westfälische Provinzialsynode am 16. März 1934 auflöste, konstituierte sich bald darauf die eine erste westfälische Bekenntnissynode. In Bielefeld kamen etwa 9.000 zu Bekenntnis-Synoden zusammen. Die Bekennende Kirche wandte sich gegen eine Einführung des Führerprinzips in der evangelischen Kirche und bezeichnete das Amt eines Reichsbischofs als „angemaßte Alleinherrschaft“ und ein „in der evangelischen Kirche unmögliches Papsttum“.

Auf der Leitungsebene der evangelischen Landeskirchen konnten sich die DC zunächst nicht durchsetzen. Zum ersten Reichsbischof überhaupt wurde 1933 Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh (1877-1946), der Leiter der v. Bodelschwinghschen Anstalten, gegen einen gemäßigten DC-Kandidaten gewählt. Er trat allerdings bald wieder zurück, da die staatlichen Eingriffe zunahmen. Im „Bielefelder Bekenntnis“ vom 29. Juni 1933 protestierten 27 Pfarrer aus der Kreissynode gegen die Einsetzung eines Staatskommissars.

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Aufruf der Bekennenden Kirche für Minden-Ravensberg, März 1934; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 95-06-04

Die Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 offenbarten eine Spaltung innerhalb der evangelischen Kirche: In den Gemeinden setzten sich die Deutschen Christen mit rund zwei Drittel der Stimmen durch, während in der Provinzialsynode und in den Kreissynoden die Gruppe „Evangelium und Kirche“ die Oberhand behielt. Letzteres war auch in Bielefeld der Fall: Sowohl in der Altstädter wie in der Neustädter Kirchengemeinde stellte „Evangelium und Kirche“ 32 der 60 Gemeindeverordneten, 28 entfielen auf die die DC. Noch deutlicher fielen die Ergebnisse in der Martinigemeinde und in Schildesche zugunsten von „Evangelium und Kirche“ aus.

Die von Stadt, Partei und evangelischer Kirche veranstaltete Lutherfeier am 18. November 1933 begann sinnfällig mit dem Horst-Wessel-Lied und endete mit Luthers „Eine feste Burg“ – dazwischen wurden Martin Luther und Adolf Hitler als Reformatoren von Kirche bzw. Staat gerühmt – die von der NSDAP gesuchte Vereinnahmung auch der protestantischen Kirche hätte kaum einen deutlicheren Ausdruck finden können. Dennoch blieb es bei der Zerrissenheit der evangelischen Kirche zwischen den regime-orientierten bis -treuen DC und den Anhängern der „Bekennenden Kirche“. Erklärte Unterstützer der DC waren in Bielefeld zunächst Friedrich Wilhelm Buschtöns (1895-1962) und August Ferke (1891-1970), die beide in Sieker predigten.

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Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh (1877-1946); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 95-06-15

Als am 27. Juni 1934 die Bielefelder Kreissynode in Gütersloh zusammenkam, war der Konflikt noch ungelöst. Nicht zuletzt deshalb war die Nachfolge Heinrich Köhnes, der 1933 als Superintendent ausgeschieden war, offen geblieben. Der Amtsverwalter und designierte Nachfolger Gustav Münter hatte sich früh der BK zugeordnet und lehnte den „Nationalsozialismus in der Kirche“ ab, da sich die Kirche „nie aus einem Geiste auf[baue], der irgendwie dem Raume dieser Welt entstammt, sondern nur aus dem heiligen Geiste“, wie er am 1. Juni 1934 an das Evangelische Konsistorium in Münster schrieb. Am 27. Juni 1934 wurde er in einer Kampfabstimmung zum Superintendenten gewählt. Der Gegenkandidat Theodor v. Sicard war zwar vom DC-Pfarrer Buschtöns nominiert worden, aber tatsächlich BK-orientiert, wenn auch nicht so entschlossen wie Münter. Offensichtlich verfügten die DC über keinen geeigneten und vor allem über keinen mehrheitsfähigen Kandidaten, so dass sie mit einem gemäßigt erscheinenden Kompromisskandidaten aus dem BK-Lager in erster Linie Münter verhindern wollten – dieses gelang nicht. Das Wahlergebnis war deutlich. Die NSDAP-nahen Westfälischen Neuesten Nachrichten berichteten am 28. Juni 1934 über eine insgesamt sachliche Auseinandersetzung über die „im kirchlichen Leben gegenüberstehenden Fronten“ und wurde wenig konkret: „Bedeutsam war die Feststellung von beiden Seiten, daß die geschichtlich gegebene große Gottesstunde unseres Volkes kirchlich nicht so erfaßt worden sei, wie es hätte geschehen können, und daß von beiden Seiten im Dienst des Volkes und der Wahrheit mit ganzem Einsatz gearbeitet werden müsse.“

Aufgrund der innerkirchlichen Konflikte konnte Münter, der danach immer wieder mit dem Staat in Konflikt geriet und zwischenzeitlich sein Amt nicht ausüben konnte, erst vier Jahre später offiziell als Superintendent eingeführt werden. 1935 tagte die Kreissynode zum letzten Mal bis 1945, 1936 wurde sie aufgehoben. Während die BK fortan in eigenen abgeschlossenen Pfarrkonferenzen tagte, setzte das Regime fortan nicht mehr auf die wenig effektiven DC, sondern griff unmittelbar ein. Reichskirchenminister Hanns Kerrl (1887-1941) hatte dazu Kirchenausschüsse installiert, die zwar ebenfalls wirkungslos blieben und bald wieder abgeschafft wurden, aber einen Streit in der BK ausgelöst hatte, inwiefern in diesen kooperiert werden sollte.

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Westfälische Neueste Nachrichten v. 28. Juni 1934

Der Kirchenkampf in Bielefeld lebte vereinzelt spektakulär auf. Eine tätliche Auseinandersetzung fand 1936 in Sieker statt, als DC-Anhänger um Buschtöns und Ferke versuchten, die Nutzung von Kirchenräumen durch ihre Gegner aus der Bekenntnis-Kirche zu verhindern. Die Gestapo verhaftete zwei beteiligte Bekenntnis-Pfarrer und fünf Unterstützer unter dem Vorwurf des einfachen und erschwerten Landfriedensbruchs, während die DC-Sympathisanten straffrei blieben. Der Fall zog weitere Kreise in Staats-, Kirchen- und Kommunalverwaltung. Die beiden Bekenntnispfarrer wurden zwar entlassen, aber mit einem reichsweiten Redeverbot belegt und der Aufenthalt in Rheinland und Westfalen verboten. 1936 misshandelte ein NS-Mob den Missionskandidaten Ewald Schildmann aus Jöllenbeck, der sich geweigert hatte, den kirchlichen Unterricht mit dem Deutschen Gruß zu beginnen. Wie stark der Riss durch die Kirche gehen konnte, zeigen die Verhältnisse um die 1905 gegründete Kirchliche Hochschule in Bethel. Deren Leitungsebene folgte grundsätzlich der Strömung der Bekennende Kirche – die Studenten dagegen waren nach der Machtübernahme 1933 zu 75 % Mitglieder der SA.

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,2/Hauptamt, Nr. 193-194: Allgemeine Kirchenangelegenheiten, 1882-1946
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 250,1/NSDAP, Nr. 76: Kirchenpolitik und Kirchenkampf, 1931-1941
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7(Kleine Erwerbungen, Nr. 511-512: Kirchen und Kirchenkampf in Bielefeld und Umgebung (Kopien), 1933-1941
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 38, 49, 59 u. 64
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 14-18-09, 95-06-06, 95-06-15, 95-06-18

Literatur

 

Erstveröffentlichung: 01.06.2019

Hinweis zur Zitation:
Rath, Jochen, 27. Juni 1934: Wahl des Bekenntnispfarrers Gustav Münter zum Superintendenten – Der Kirchenkampf in Bielefeld, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2019/06/01/01062019, Bielefeld 2019

 

 

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