3. November 1974: Eröffnung der Delius-Eisbahn

Søren Bielke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld

Am 3. November 1974, einem sonnigen Herbstsonntag, glitten vor 50 Jahren zum ersten Mal Schlittschuhe über das matt schimmernde Eis der 60 mal 30 Meter großen Fläche der Delius-Eisbahn auf dem Gelände des Wiesenbads. Nach der Eröffnungsrede des Oberbürgermeisters Herbert Hinnendahl (1914-1993) und Grußworten des Stifters der Bahn Ernst-August Delius (1922-1997) wurde die Kunsteisbahn mit einer Reihe an Vorführungen unter den Augen der über 1.000 Besucher*innen eröffnet und bereicherte das Sportstättenangebot in Bielefeld.

Hinein ins Eisvergnügen

Programm zur Eröffnungsfeier, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister, Nr. 484

Oberbürgermeister Hinnendahl hoffte in seiner Ansprache darauf, dass von dem neuen Angebot reger Gebrauch gemacht werde und dankte der Stifterfamilie Delius, die 1970 anlässlich des 250-jährigen Bestehens der Firma Delius der Stadt Bielefeld 1 Million Mark zukommen ließ, zweckgebunden zur Schaffung einer Einrichtung im Sportbereich, die die Stadt von sich aus vorerst nicht verwirklichen konnte. Insgesamt kostete die Einrichtung 1,5 Millionen Mark, davon wurden die fehlenden 500.000 Mark aus Mitteln der Stadt aufgebracht. Bereits in der Ansprache wünschte sich Hinnendahl für die Zukunft die Errichtung einer Tribüne, die jedoch nur mit zusätzlichem privaten Engagement realisierbar schien.

Ernst-August Delius und Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl am 3. November 1974, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,66/Westfalen-Blatt Fotoarchiv, Nr. 77, Foto Peter Thölen

In seinem Grußwort scherzte Ernst-August Delius, dass er sich bei einem Treffen vor einigen Tagen mit Hinnendahl einig war, dass Politiker und Unternehmer sich nicht auf das Glatteis begeben sollten, es sich in diesem Fall aber um etwas Anderes handele. Und so machten die beiden eine Ausnahme, jedoch nicht ohne einen eigens für die beiden ausgerollten roten Teppich unter den Füßen. Den Wunsch nach einer Einrichtung im Sportbereich begründete er damit, dass man der Bevölkerung ein Geschenk machen wollte. „Wir wollten das sportliche Angebot der Stadt erweitern, weil wir glauben, daß der Sport in erster Linie persönlich betrieben werden muß und dann erst als engagierter Zuschauer“, so Delius. Nach einem Spiel der Eishockey-Mannschaften aus Dortmund und Hannover (die Eisbahn hat die Normmaße zur Austragung von Eishockey-Spielen), Kunsteislauf von Angehörigen der deutschen Meisterklasse vom Eissportclub Hannover und dem ERV Essen, Eisstockschießen und humoristischen Einlagen durften ab 17 Uhr die Bielefelder*innen selbst auf das Eis. Beim Spiel der Eishockey-Mannschaften gewann Hannover 5:4, obwohl einer der Spieler während des Spiels einen Rippenbruch erlitt.

Christina Hanke und Udo Dönsdorf von der deutschen Meisterklasse im Eistanzen vom ESC Essen am Eröffnungstag, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,66/Westfalen-Blatt Fotoarchiv, Nr. 77, Foto Peter Thölen

Ob „einmal aus unserer Stadt Eiskunstläufer kommen werden, ob sich in Bielefeld auch einmal eine Eishockeymannschaft zusammenfindet“, fragte sich hoffnungsvoll die Neue Westfälische anlässlich der Eröffnung am 4. November 1974. Stadtbaurat Jürgen Hotzan schwärmte vom „i-Tüpfelchen des Freizeitangebotes“ und viele Bielefelder*innen kauften sich in den kommenden Monaten und Jahren eigene Schlittschuhe.

Eishockeyspiel am Eröffnungstag, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,66/Westfalen-Blatt Fotoarchiv, Nr. 77, Foto Peter Thölen

Für Aufmerksamkeit sorgten bereits im Vorfeld die Bauarbeiten im August 1974. In einer Mammutschicht von 14 Stunden betonierten 25 Bauarbeiter die Bodenplatte, da die Fläche später keine Fugen aufweisen durfte. Über der Bodenplatte wurden 21 Kilometer Rohrschlangen verlegt, in die bei der Inbetriebnahme das Kältemittel Ammoniak eingefüllt wurde. Zu Beginn der Eislaufsaison wurden die Kühlmaschinen angestellt und eine Lage Kalk auf der 1800 Quadratmeter großen Lauffläche aufgetragen. Anschließend wurde das Wasser aus dicken Rohren aufgetragen, nach drei Tagen bildete sich der glatte Untergrund voll aus. Bei einer Eisschicht von einer Dicke von 1 Zentimeter wurden zunächst die Linien für Eishockey-Spiele nachgezogen und daraufhin weiter Wasser nachgegossen, bis eine Eisdicke von 4 bis 6 Zentimeter erreicht war.

Eisfieber in Bielefeld

Der immense Besucherstrom auf der ersten Eisbahn Bielefelds und lange Schlangen vor den Kassen führten bereits im Januar 1975 zu Veränderungen. Durch die Aufstellung eines zweiten Kassenhäuschens und die Verlagerung des Schlittschuh-Verleihs vor den Kassenbereich sollten die Besucher*innen schneller bedient werden können. Es zeichnete sich ab, dass pro Saison mehr als 122.000 D-Mark eingenommen werden könnten. Die Verlagerung des Verleihs sollte dazu führen, dass niemand mehr nach Zahlung des Eintrittspreises keine Schuhe erhielt, weil die passende Größe bereits ausgeliehen war. Wegen der Beschwerden der Eisläufer*innen, dass bei 400-500 Personen auf der Bahn kein Eislaufen mehr möglich sei, wurde über ein Höchstmaß für die Bahn nachgedacht.

Geländeplan Wiesenbad und Delius-Eisbahn der Architektengruppe Quilling und Kaltenbach, Klußmann und Trappmann, Presse- und Verkehrsamt der Stadt Bielefeld: Das neue Wiesenbad, 1988, S. 16-17, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung Nr. 667

Im Westfalen-Blatt vom 7. Januar 1975 wurden Besucher*innen zu ihrer Meinung befragt. Peter Herden bezeichnete die Preise der Eisbahn im Vergleich zu denen in England als Wucher. Es prognostizierte durch die zu vielen Menschen eine erhöhte Unfallgefahr. Auch andere Befragte wie Wilma Oskenai wünschten sich weniger Eingelassene, eine Überdachung, niedrigere Preise und mehr Platz zum Zuschauen wie eine Tribüne.

Tafel mit Benutzungsentgelten im Eingangsbereich der Delius-Eisbahn, 1974, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,66/Westfalen-Blatt Fotoarchiv, Nr. 77, Foto Peter Thölen

Das Eisfieber der Bielefelder*innen und eine Spende von Rudolf August Oetker (1916-2007) von 1,2 Millionen Mark sorgten dafür, dass bereits im Oktober 1977 mit der 1,85 Millionen Mark teuren Oetker-Eisbahn in Brackwede ein Konkurrenzbetrieb seinen Betrieb aufnahm. Nach der Bronzemedaille des Eishockeynationalteams 1976 in Montreal waren die Deutschen so eisbegeistert, dass der Bedarf zumindest anfangs in Bielefeld groß genug für zwei Standorte war. „Eine Freizeitanlage ohne Zuschussbedarf ist ein Phänomen. In Bielefeld heißt dieses Phänomen zurzeit Delius-Eisbahn“, verkündete der damalige Oberbürgermeister Klaus Schwickert (1931-2019) noch 1977 stolz, aber wie sich später herausstellte, nicht ganz zutreffend. 1976 besuchten zwar 120.000 Menschen die Delius-Eisbahn, aber bei der Rechnung wurden die Abschreibung und Verzinsung des Anlagekapitals vergessen, sodass die Delius-Eisbahn bereits 1976 mit über 100.00 D-Mark bezuschusst werden musste.

Zuschauer*innen warten auf die Öffnung der Eisbahn
210,66/Westfalen-Blatt Fotoarchiv, Nr. 77, Foto Peter Thölen

Zum 20. Jubiläum 1994 zeigte der deutsche Eiskunstlauf-Meister und spätere Moderator Rudi Cerne sein Können. Als Besucherin war unter anderen die 82-jährige Herta Linnenbrügger anwesend, die schon ihren 80. Geburtstag auf der Eisbahn feierte und Läuferin der ersten Stunde war.

Anfang 1997 wurde die Bielefelder Bäder und Freizeit GmbH, kurz BBF, neu gegründet und übernahm sowohl Bäder als auch Eisbahnen der Stadt, um im Anschluss einiges an der Oetker-Eisbahn zu verändern. So erhielt diese als großen Meilenstein 1998 eine Überdachung.

Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Delius-Eisbahn im November 1999 wurde noch von einer erfolgreichen Saison mit 45.392 Besucher*innen in der Saison 1998/99 gesprochen. Es gab zum Jubiläum freien Eintritt, ein Unterhaltungsprogramm mit den Eisprinzessinnen der Schlittschuhabteilung des DSC Arminia Bielefeld und Kostproben der Eishockey-Mannschaft des TSVE Bielefeld. Am Abend fand eine Eislauf-Disco statt.

Sorge um die Gleit-Zeit

Eis-Disco am 3. Januar 1989, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,66/Westfalen-Blatt Fotoarchiv, Nr. 20, Foto Peter Thölen

Schon wenige Jahre später lief es auf der Delius-Eisbahn nicht mehr so glatt. In der Saison 2001/2002 liefen 36.000 Eisläufer*innen auf der Delius-Eisbahn, hingegen 94.000 bei Oetker. Auf der Oetker-Eisbahn stiegen die Besuchszahlen, seitdem sie ein Dach bekommen hatte, welches von der BBF als zu teuer für die Delius-Bahn erachtet wurde. Der TÜV erteilte die Betriebserlaubnis für die Delius-Eisbahn 2002 nur noch für eine Saison. Ein daraufhin von der BBF in Auftrag gegebenes Gutachten der Wenzel Consulting GmbH empfahl die Schließung der Delius-Eisbahn bei Weiterführung der Oetker-Eisbahn ohne eine weitere Eisfläche, welche zunächst angedacht war (Kosten 497.000 D-Mark). Die Sanierung der Delius-Eisbahn und Überdachung mit gleichzeitiger Weiterführung der Oetker-Eisbahn hätte in fünf Betriebsjahren zu 1,98 Millionen Mark Kosten geführt. Die Oetker-Eisbahn um eine Fläche zu erweitern hätte 1,18 Mark Millionen gekostet.

Die im November 2002 gegründete Initiative „Rettet die Delius-Eisbahn“ sprach von einem „Gefälligkeitsgutachten“. Hans-Werner Bruns, BBF-Geschäftsführer, wies darauf hin, dass der Betrieb einer Eisbahn niemals lukrativ sein könne: „Oder warum sonst gibt es so gut wie keine privat betriebenen Eisbahnen?“ Hartmut Meichsner, stellvertretender Vorsitzender des BBF-Aufsichtsrates, wies darauf hin, dass die Anlage marode sei und so nicht weiterbetrieben werden könne, da die Stadt Haftung für die Delius-Eisbahn trug. Auch die Haushaltslage der Stadt sprach für die Einstellung des Betriebes. Bei einem Defizit von 8,2 Millionen Euro im Jahr 2001 sprach wirtschaftlich viel gegen den Weiterbetrieb der Eisbahn. Durch den Verzicht auf eine Sanierung und die Schließung der Delius-Eisbahn wurde ein jährliches Einsparpotential von 230.000 bis 330.000 Euro für die BBF errechnet.

Am 15. Mai 2003 wurde im Stadtrat endgültig mit den Stimmen der CDU, BfB und FDP das endgültige Aus der Delius-Eisbahn beschlossen. Die SPD und die Grünen versuchten noch mit eigenen Anträgen das Ende der Eisbahn abzuwenden und der Bürgerinitiative eine Galgenfrist von einem Jahr zu geben, in denen diese ein Sponsoren-Konzept vorlegen solle. SPD-Ratsherr Horst Grube sagte unter Beifall zahlreicher Zuhörer*innen: „Wir sollten jetzt jedenfalls keine unumkehrbaren Tatsachen schaffen.“ Die BfB warf hingegen der SPD und den Grünen vor, dass sie fälschlicherweise Hoffnung machten, dass es möglich sei, ausreichend Finanzmittel für den Weiterbetrieb aufzubringen, und es schwer genug werde, die Eisbahn in Brackwede zu erhalten.

Am letzten Öffnungstag, den 16. März 2003, waren es 15 o Celsius im Schatten, die Sonne schien. Eine Gruppe von Jugendlichen, die sich „die Furchtlosen“ nannten, ging davon aus, dass sie ihr Hobby aufgeben würden, sollte die Delius-Eisbahn schließen, da ihnen die Stimmung in Brackwede nicht gefiel. Ilse-Marie Westenfelder, Sprecherin der Bürgerinitiative „Rettet die Delius-Eisbahn“ und Leiterin der Abteilung Eissport im TSVE Bielefeld, wollte die innerstädtische Eisbahn retten, da diese von Menschen aus den Bezirken Mitte, Dornberg, Jöllenbeck, Schildesche, Heepen und Stieghorst frequentiert wurde und diese nicht nach Brackwede fahren würden, auch da die öffentliche Anbindung nicht gut sei. Mit einer Überdachung und Sanierung der Delius-Bahn würden auch hier die Besucherzahlen steigen, außerdem wären die Kapazitäten der Oetkerbahn für den Eissport der Vereine nicht ausreichend. So trainierten 80 Aktive des DSC Arminia und 40 weitere des TSVE Bielefeld. Auch Marietta Marik, Trainerin der Eislaufabteilung bei Arminia, prognostizierte die Schließung der Eisbahn als „Tod des Sports“.

Abrissarbeiten an der Delius Eisbahn am 3. Juni 2003, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 54: Westfalen-Blatt, Foto Carsten Bogmeier

Doch bereits am 2. Juni 2003 begannen die Abrissarbeiten. „Der schnelle Abriss war zwar legal, aber politisch völlig instinktlos“, meinte Hans-Jürgen Franz, Vorsitzender der SPD-Fraktion in der Bezirksvertretung. Die Fraktionen von SPD, BfB und den Grünen hatten noch Ende Mai beantragt, dass die BBF die Abrissgenehmigung vorerst ruhen lasse. Die Abrissarbeiten wurden für wenige Tage unterbrochen, als Mitglieder der Bürgerinitiative für den Erhalt der Eisbahn den Bagger blockierten. Sie bezeichneten das Vorgehen als „Schlag ins Gesicht der Bürgerinitiative.“ Jan Helge-Hennigsen (CDU) nannte den Abriss eine logische Konsequenz aus der Entscheidung, die Eisbahn zu schließen und wies erneut auf das Gutachten zu den Kosten der Bahn hin: „Das hat gezeigt, dass ein Erhalt der Eisbahn, den wir uns alle gewünscht hätten, nicht möglich ist.“ An der Stelle der Delius-Bahn befindet sich heute das Beachvolleyballfeld des Wiesenbads.

Bildreich waren die Worte im Westfalen-Blatt vom 13. März 2003 anlässlich der nahenden Schließung der Delius-Eisbahn: „Vorbei. Keine Discos mehr, keine Geburtstagsfeiern, keine atemlosen Sprünge, keine Rendezvous und kein Gleiten und Laufen in klirrender Kälte unter blauem Himmel mehr.“

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister, Nr. 484, Sonstige städtische Veranstaltungen
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,9/Sport- und Bäderverwaltung, Nr. 9: Statistik der Bäderverwaltung, Nr. 70: Delius-Eisbahn
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,7/Hochbauamt, Nr. 707: Delius-Eisbahn
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 32: Neue Westfälische, Datum 1.11.74, 4.11.74, 10.11.1999, 5./6.10.2002, 18.10.2002, 16.5.2003, 10.9.2004
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 54: Westfalen-Blatt, Datum 4.11.74, 7.1.75, 7.10.1998, 13.3.2003, 3.4.2003, 8.4.2003, 6.6.2003
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 5965,2, Förderverein „Rettet die Delius-Eisbahn“

Online-Ressourcen:

Erstveröffentlichung: 01.11.2024

Hinweis zur Zitation: Bielke, Søren,  3. November 1974: Eröffnung der Delius-Eisbahn, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2024/11/01/01112024, Bielefeld 2024

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