18. September 1915: Einweihung des „Eisernen Wehrmanns“ auf dem Alten Markt

• Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

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Der „Bielefelder Feldgraue“ oder „Eiserne Wehrmann“, Foto: Heinrich Baumann, 1915; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 72-1-212

Im August/September 1915 erzielten die Offensiven der kaiserlichen Armee im Osten bedeutende Geländegewinne, während die Fronten im Westen seit dem französisch-englischen „Wunder an der Marne“, als der deutsche Vormarsch gestoppt werden konnte, seit gut einem Jahr bereits erstarrt waren und dieses bis Kriegsende auch nahezu blieben. Die Meldungen vom östlichen Kriegsschauplatz dagegen klangen ermutigend, denn deutsche Truppen nahmen nacheinander die kurländische Hauptstadt Mitau (1. August), Warschau (5. August), die Festung Kowno (18. August), Brest-Litowsk (25. August), Grodno (4. September) und am 18. September 1915 schließlich Wilna ein. Die Nachricht über die kampflose Besetzung der 140.000 Einwohner zählenden Stadt erreichte Bielefeld am Sonntag nach der Einweihung des „Bielefelder Feldgrauen“ und traf eine euphorisierte Bevölkerung an. Seit dem Vortag standen die Menschen am Alten Markt Schlange, um gegen Spenden Nägel in die gerade aufgestellte mächtige Eichenstatue zu treiben und aus ihr einen „Eisernen Wehrmann“ zu machen.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren Millionen Männer zu den Fahnen gerufen worden oder freiwillig zu ihnen geeilt. Die Bevölkerung unterstützte die Armee durch die Zeichnung von Kriegsanleihen, die auf einen deutschen Sieg und eine Verzinsung aus Reparationsleistungen des Gegners setzten, aber auch durch die Abgabe von Wertstoffen, „Liebesgaben“ (Lebensmittel- und Tabakpakete) an die Soldaten und patriotische Spenden bei Straßensammlungen. Besonderes Aufsehen und unterschiedliche Dynamik erfuhren öffentliche Aktionen, bei denen seit Frühjahr 1915 gegen Spenden Nägel in Statuen und Embleme eingeschlagen wurden.

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„Bezirksdamen“ sammelten Spenden für den „Eisernen Wehrmann“; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I, Nr. 155

Ende Juni/Anfang Juli 1915 regte Franz Guntermann (1881-1963), Lehrer an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule Bielefeld, bei Stadtbaurat Friedrich Schultz (1876-1945) an, „nach dem Vorgange anderer Städte ein Standbild in Holz zum Einschlagen von Eisennägeln an öffentlicher Stelle zu errichten“. Während er die Modellanfertigung und die bildhauerische Arbeit leisten wollte, sollte die Stadt die Beschaffung und Vorbearbeitung eines Holzblocks übernehmen. Guntermanns Modell fand nach Einzelbesichtigungen den Zuspruch der Magistratsmitglieder. Die stadtseitig zugebilligte Bedeutung des Vorhabens unterstrich die Tatsache, dass Oberbürgermeister  Dr. Rudolf Stapenhorst (1865-1944) in der Schule nicht weniger als 28 Männer versammelte, um Details des Verkaufs von „Berechtigungskarten“, die die Kunstgewerbeschullehrerin Gertrud Kleinhempel (1875-1948) entworfen hatte, und die Lenkung der erwarteten Besuchermassen zu klären. Von dem Vorhaben, alle Schulklassen einzuladen, wurde nach einer Erhebung, die etwas mehr als 17.000 Schülerinnen und Schüler offenbarte, Abstand genommen, so dass nur die Abschlussklassen der Bürgerschulen, die beiden obersten der Mittelschulen und die drei obersten der höheren Schulen sowie vollzählig das Technische Seminar und die städtischen Fachschulen teilnehmen durften. Der Kartenvorverkauf sollte über die Schulen, Zigarrengeschäfte in der Innenstadt und über zehn „Bezirksdamen“ abgewickelt werden, deren Sprengel sich nach den Armenbezirken richtete. Immerhin gelang es den Vertreterinnen der Lokalprominenz – Kisker, Velhagen usw. – rund 7.400 von 10.400 Karten abzusetzen.  Den Transport des „Feldgrauen“ sollte eine Verwundeten-Kompanie des Ersatzbataillons des Infanterieregiments 131 bewerkstelligen, das 1914 von Mörchingen im Saarland nach Bielefeld verlegt worden war und das den Ende Juni 1915 eröffneten Schauschützengraben auf der Ochsenheide angelegt hatte.

Das Ereignis sollte eine Gruppendynamik bei Schulen, Vereinen und Verbänden entfalten, um einen Grundstock für die städtische Fürsorge für Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene zu bilden. Die Westfälische Zeitung stellte am 18. September 1915 Berechnungen über den erwarteten Umfang der Nagelungen auf den bekleideten Stellen des „55ers“ an, der einen Soldaten des Infanterie-Regiments 55 darstellen sollte, dessen 2. Bataillon seit 1877 in Bielefeld lag. Die von der Schlosserei Wilhelm Röwekamp (Königstraße 5, heute Walter-Rathenau-Straße) gelieferten 60.000 Nägel (16 weitere waren in Gold gefertigt) sollten demnach, bei Annahme von 300 eingeschlagenen Nägeln täglich, für rund 200 Tage reichen: „Wenn man nun auch annehmen darf, daß dadurch, daß mehrere Personen zugleich ihre Nagelungen vornehmen, die Gesamtzeit noch abgekürzt werden kann, so ist doch nicht damit zu rechnen, daß vor dem Verlauf von fünf Monaten der Wehrmann mit seinem eisernen Panzer vollständig bekleidet sein wird. Wie aber mag es in fünf Monaten mit dem Kriege stehen?“ Nun, tatsächlich stand der Krieg fünf Monate später im Wesentlichen weiterhin. Am 21. Februar 1916 begann die Schlacht um die Festung Verdun, die bis Mitte Dezember des Jahres 317.000 Tote und knapp 400.000 Verwundete forderte und zur Chiffre mörderischer Materialschlachten des Weltkriegs wurde.

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Die „Nagel-Berechtigungskarten“ wurden für 1 Mark an Erwachsene verkauft, an Kinder für die Hälfte, was über den Abriss (rechts) unterschieden wurde, 1915; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 114

Der unbehelmte „Eiserne Wehrmann“ oder „Bielefelder Feldgraue“ maß 3 Meter Höhe auf einem 75 Zentimeter hohen Sockel. Bis auf das metallene Seitengewehr (Bajonett) war er vollständig aus Holz gefertigt, allerdings nicht aus einem Stück. Vielmehr hatte die Tischlerei Wilhelm Barkey (Waldhof 2) mehrere Eichenbretter zu einem 3 Kubikmeter umfassenden Block miteinander verleimt und nach Guntermanns Anweisungen in eine Vorform gebracht worden. Die Feinarbeit übernahm Guntermann im Aktsaal der Handwerker- und Kunstgewerbeschule selbst vor. Nach einem Werkstattbesuch zeigte sich die Lokalpresse von der Gestaltung des abschließend geölten und gebeizten „Wehrmanns“ handwerklich-künstlerisch-patriotisch begeistert. So lieferte der Bielefelder General-Anzeiger bereits am 10. September 1915 eine Skizze des Standbilds an seinem späteren Standort am Alten Markt, wo es an der Ecke das Laubengangs des Alten Rathauses platziert werden sollte. Es stelle „den Typus des Feldgrauen vor, wie ihn dieser Krieg uns eingeprägt hat: eine gedrungene Figur, kraftvolle Spannung in der Bewegung, mit der er das Gewehr nach vorne reißt, eiserner Wille im Ausdruck des Gesichts, das dem Feinde zugekehrt ist: so sieht der Sieger aus, der Heimat und Herd verteidigt.“ Abgesehen von der „Sieger“-Überzeugung, deren Formulierung an heutige Fußball-Triumphgesänge erinnert, wird sich noch 1915 kaum jemand gefragt haben, warum „Heimat und Herd“ auf französischem, belgischem oder russischem Boden verteidigt werden mussten. Das lag jedoch im Kriegsnarrativ Deutschlands seit Sommer 1914 begründet, als vielleicht keine allumfassende Kriegsbegeisterung um sich gegriffen hatte, so doch aber eine vaterländisch geprägte Entschlossenheit und vor allem der Glaube, einen aufgezwungenen und damit gerecht und unausweichlich erscheinenden Konflikt unerschrocken führen zu müssen.

Für einen herkömmlichen Nagel zahlte der Spender 1 Mark, Schülerinnen und Schüler 50 Pfennige, allerdings konnte auch mehr bezahlt oder auch mehrere Berechtigungskarten angekauft werden. Parallel wurden Erinnerungskarten der Fotografen Heinrich Baumann und Franz Packenius für 1 Mark verkauft. Unglücklich war der General-Anzeiger mit der Platzwahl am Alten Rathaus: „Wer hat sich wohl nur ausgerechnet diesen windigen Platz dafür ausgesucht? […] Jedenfalls – die Wirkung, die das Denkmal auf diesem Hintergrunde und an dieser Stelle haben wird, wird unseres Erachtens noch gar manches Kopfschütteln verursachen.“ Einen Gegenvorschlag liefert der Artikel allerdings nicht. Bei Betrachtung von Fotos fällt die offene Platzierung ohne schützendes Dach auf, jedoch war vielleicht gerade dieses erwünscht – der Soldat, der entschlossen gen Westen (Frankreich!) blickt und dem auch Sturm, Regen und Schnee nichts anhaben können und dessen Schicksal der Spender für die wenigen Sekunden des Nageleinschlagens teilt. Die eintretende Verwitterung könnte ebenfalls beabsichtigt gewesen sein.

Der General-Anzeiger ließ am 18. September 1915 auch einen Volkskundler über die Tradition des Nagelns zu Wort kommen. Prof. Dr. Friedrich Schirmer (1872-1956) schlug die Brücke von Völkern „niederer Kultur“ über das Christentum zur Gegenwart: „Es wird eine Anregung zum Opfer, jetzt wo die erste Blüte des Gebens verdorrt ist und man weiter hineingehen muß, um neue Hilfsquellen zu erschließen, es verbindet zugleich die Gedanken des einzelnen mit seinem Lieben draußen“. Direkte und diskrete Spenden seien zu bevorzugen: „Aber nicht alle wissen´s und nicht alle wollen´s. Aber das will jeder: eins sein mit dem großen Volksgedanken: Eiserne Zeit fordert eiserne Männer, und die haben wir: und ihre Gedanken der Tat und unsere Liebe und Dankbarkeit für die Braven, die ihr Leben einsetzten, sollen unlöslich zusammengefügt sein im hölzernen Bild.“ Aufgrund ähnlich pathetischer Verlautbarungen und Handlungen bei Kriegsnagelungen erkennt Experte Gerhard Schneider (2003) in ihnen mehr „als gemeinschaftsstiftende Akte: Sie waren immer auch Vehikel patriotischer Gesinnungsbildung, Objekte der Kraftübertragung zwischen Heimat und Front, Akte der Selbstbeschwörung, gelegentlich auch vorweggenommenes Kriegerdenkmal.“ In Bielefeld wurden diese Funktionen überwiegend erfüllt, zu einem dauerhaften Kriegerdenkmal wurde der „Eiserne Wehrmann“ indes nicht.

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Zwei auf einen Karton geklebte Fotos vom 18. September 1915 zeigen Oberbürgermeister Dr. Rudolf Stapenhorst (oben) und Oberst a.D. Otto-Karl Niemeyer (unten) bei ihren Reden. Die Erinnerungskarte stammt vom Fotografen Franz Packenius, 1915; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 346

Patriotisch überwältigt gab sich am Enthüllungstag die Westfälische Zeitung von Guntermanns Leistung, Details gegenüber einer klaren Gestaltung zurückgestellt zu haben: „Nicht das Aeußere, sondern den Kern, das Innere, hat er mit Künstleraugen in Form und Linienführung so angeordnet, daß es ergreifend, überwältigend unsere große Zeit versinnbildlicht. […] So steht er vor uns, ein Sinnbild der gewaltigen Stärke und Entschlossenheit, wie sie von allem, was deutsch heißt, fühlt und denkt, in dieser schweren, aber auch großen Zeit täglich aufs neue bekundet werden.“ Der Artikel verglich die Statue abschließend mit den mittelalterlichen Roland-Standbildern, die in Städten bürgerliche Freiheit und kommunale Eigenständigkeit symbolisierten. Auch die sozialdemokratische Volkswacht griff am 20. September 1915 zu salbungsvollem Vokabular, als sie Guntermanns künstlerische Absicht schilderte: „er wollte den Menschen schaffen, den Soldaten, in dem sich der eiserne Wille und die Ausdauer des ganzen Heeres und des Volkes verkörpert. […] ´Hübsch´ im Sinne einer Salonnippsache ist die Figur ebenso wenig, wie ein Wehrmann Nippsache sein darf. Wer eine ´hübsche´, süßliche Figur geschaffen hätte, an dem wäre die Größe unserer Zeit und die gewaltige Kraft des Volkes spurlos vorübergegangen.“

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Im Bildzentrum ist der „Eiserne Wehrmann“ am Laubengang zu erkennen, Foto: Otto Zähler (?), 1915; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 72-1-215

Noch während der Eröffnungsrede des Stadtverordneten Oberst a.D. Otto-Karl Niemeyer (1850-1925) enthüllten voreilige Hände die Statue und lenkten die Blicke der tausendköpfigen Menge auf dem Alten Markt auf den „Bielefelder Feldgrauen“, der zum „Eisernen Wehrmann“ werden sollte. Die Rede Niemeyers, der 1870 in den Deutsch-Französischen Krieg gezogen war, war überwiegend geprägt vom karitativen Zweck des Unternehmens für verwundete, hilfs- und pflegebedürftige Soldaten und atmete keine Kriegsbegeisterung, sondern eher eine verbreitete Entschlossenheit: „Möge dieses Denkmal uns aber auch zu einer täglichen Fürbitte für unser tapferes Heer und seine bewährten Führer anregen, und möge unsere inständige Bitte erfüllt werden, daß wir aus diesem uns aufgezwungenen und von unseren zahlreichen Feinden jahrelang vorbereiteten Kriege als Sieger so hervorgehen, daß wir uns eines langen, ehrenvollen Friedens erfreuen dürfen.“ In seiner Ansprache drückte Oberbürgermeister Stapenhorst ebenfalls seine Sorge um die Soldaten und die Hoffnung auf aktive Spendentätigkeit aus und schloss mit einem dreifachen Hoch auf die „Feldgrauen zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft, die unerschrockenen Verteidiger der Ehre und der Größe unseres Vaterlandes“. Das anschließende „Deutschland über alles“ wird mehr ein patriotischer Ausdruck gewesen sein, als ein hegemonialer.

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Kopf und Hände des „Eisernen Wehrmanns“ sollten frei bleiben, alle anderen Stellen durften benagelt werden; Foto: Heinrich Baumann, 1916; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 72-1-213

Die Erwartungen an die Bielefelder und ihre Spendenbereitschaft waren hoch. Otto Zähler, der seit August 1914 eine private Kriegschronik führte und mit eigenen Fotos illustrierte, lieferte als letzte Motive Abbildungen der Einweihung vom Eisernen Wehrmann: „In solchen Plagen wusste man Mittel und Wege um nach guter aller deutscher Art Gelder flüssig zu machen und aus solchen Beweggründen heraus entstand der ´Eiserne Wehrmann´ am alten Rathaus, Bielefeld. Wir sehen hier das festlich geschmückte alte Rathaus und die freudig beredte Menge […], wie sie die Einweihung des Wehrmanns und die erste Benagelung desselben vornimmt. Auch hier wieder die Erscheinung, die der Krieg so oft bot, dass [im] selben das deutsche Volke so einmütig zu einander stand, um sich gegenseitig in Not und Gefahr zu helfen, zu fördern.“

Fanpost bekam der „Wehrmann“ auch: „Ein Feldgrauer Bielefelder sendet dem ´Bielefelder Feldgrauen´ von der serbischen Grenze recht herzl. Grüße!“, schrieb Leutnant Werner Bolles (1893-1955) im Oktober 1915 auf seine Motivpostkarte aus Zemun, das heute zu Belgrad gehört. Bolles war 1906 als Lehrersohn nach Bielefeld gekommen und hatte am Ratsgymnasium 1914 das Abitur abgelegt. Er diente im Weltkrieg beim Reserve-Infanterie-Regiment 204 und fiel, so die Regimentschronik, am 23. Oktober 1917 zum Auftakt der Schlacht bei (La) Malmaison. Es scheint jedoch eine Verwechslung vorzuliegen, denn Bolles überlebte, promovierte 1923 in Würzburg, war 1924 bis 1926 als Zahnarzt in Bielefeld gemeldet und starb 1955 in Ulm-Wiblingen.

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Aus dem Schützengraben adressierten vier Soldaten ihr Spendenanschreiben an den „Bielefelder eisernen Wehrmann“ – der letztunterzeichnete Andreas Schikowski fiel neun Monate später; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I, Nr. 155

Bis Ende November hatte der Feldgraue geduldig das Eintreiben der Nägel hingenommen, jedoch nahm die Intensität ab, was der Witterung ebenso zuzuschreiben war wie einer gewissen Übersättigung und Überforderung des Publikums wegen der zahlreichen Spendenwerbungen. Persönlich formulierte Einladungen des „Bielefelder Feldgrauen“, die die Stadt in den Zeitungen veröffentlichte, fruchteten kaum, auch wenn vier Soldaten der 6. Kompanie/Infanterie-Regiment 55, die von der „Klage über meine Vernachlässigung“ gelesen hatten, aus dem Schützengraben 4 Mark spendeten. Mit dem Sarkasmus der Fronterfahrenen sagten Paul Küffe, Andreas Niemjt, der bereits zwei Mal verwundete Wilhelm Wittler und Andreas Schikowski ihre Teilnahme am nächstsonntäglichen Konzert ab, da „der Sportmann gewöhnlich am Sonntag ebenfalls ein großes Konzert veranstaltet.“ Gemeint war wohl, dass der gegenüberliegende Feind (Sportmann = Engländer?) die deutschen Stellungen regelmäßig mit Artilleriebeschuss belegte. Andreas Schikoswki fiel im Alter von 25 Jahren am 12. September 1916 an der Somme, seine drei Kameraden überlebten wohl.

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Die wiederholten Aufrufe des „Wehrmann“ an die Bevölkerung blieben nahezu wirkungslos – 1916 wurde die Nagelung eingestellt; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I, Nr. 155

Ende Dezember 1915 wurde der „Wehrmann“ aus Witterungsgründen verhüllt und die Nagelung für vier Wochen eingestellt, wobei das „klägliche Ergebnis“ an den Weihnachtsfeiertagen ausschlaggebend war. Die Zwischenbilanz fiel gegenüber den Meldungen aus anderen Städten eher mager aus. Ende Januar/Anfang Februar 1916 waren erste Schulklassen wieder am Alten Markt, der allgemeine Betrieb ruhte allerdings bis zum 1. Juni 1916. Eindringlich wandte sich der „Feldgraue“ in einem kleinen Artikel an die Bürgerschaft: „Die sonst so hilfsbereiten Bielefeld werden sich doch in ihrem Opfersinn für diese gute Sache von anderen [„Städten“ – so stand es noch im Entwurf] gleicher Größe nicht übertreffen lassen wollen. Auf denn zur Nagelung, damit wenigstens in diesem Jahre das eiserne Kleid des Feldgrauen fertiggestellt wird.“ Auch dieser Aufruf fruchtete nicht. Vom 1. bis 18. Juni wurden gerade einmal 152 Karten verkauft, davon 66 an Schüler. Besser dagegen lief der Absatz der Ansichtskarten, wobei von den 1.416 verkauften nicht weniger als 1.295 in fünf größeren Paketen veräußert wurden. Nachdem im Juli 1916 nur noch an Sonntagen genagelt werden konnte, lediglich 11,40 Mark eingenommen wurden und schließlich auch das eingeteilte der Personal der Verwundeten-Kompanie nicht mehr erschien, erklärte Oberbürgermeister Stapenhorst als Vorsitzender des Kriegshilfsvereins die Aktion für beendet. Zerknirscht berichtete er dem Regierungspräsidenten Ende August 1916, dass auch nach der Wiederaufnahme im Juni die Einnahmen „so geringfügig“ waren, dass der Betrieb eingestellt wurde. Das offenkundige Desinteresse schrieb er der Vielzahl an Spendenmöglichkeiten zu, die vom „Wehrmann“ ablenkten. In den Schulen Bielefelds beispielsweise gab es seit 1916 Motivnagelungen auf einheitlichen Holzplatten im Format mit Illustrationen von Edmund Körner (1874-1940) aus Essen zugunsten der „Jugendspende für Kriegerwaisen e. V.“.

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Auch die Bielefelder Schulen beteiligten sich an den Nagelungen von „Kriegswahrzeichen“, 1916; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 114
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Die von der Bevölkerung gezeichneten Kriegsanleihen setzten auf einen deutschen Sieg und Verzinsung aus den Reparationsleistungen der unterlegenen Gegner – die Hoffnungen erfüllten sich nicht; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,9/Plakate, Nr. 3089

Nach Abzug der Kosten hatte der „Wehrmann“ 18.043,94 Mark für die „Stiftung für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene der Stadt Bielefeld“ und die Stiftung „Heimatdank“ erbracht. Eine im November 1916 eingegangene 1.000-Mark-Spende des vormaligen Anker-Unternehmers Karl Reyscher (1853-1932) sorgte nur für eine kurzfristige Belebung. Die Schlussabrechnung vermerkt präzise die Einnahmen und Ausgaben. Die Erträge lagen demnach bei 24.039,71 Mark, von denen 17.929,30 Mark auf verkaufte Nägel entfielen, 2.826,50 Mark auf Ansichtskarten, der Rest vor allem auf Spenden, Konzerterlöse und Zinserträge aus gezeichneten Kriegsanleihen, denn für die 3. Kriegsanleihe wurden 14.610 Mark verausgabt für die 8. schließlich 5.860 Mark. Bereinigt um diese Anleihe-Ausgaben standen auf der Ausgabenseite 2.932,14 Mark und damit ein Restbestand von 637,57 Mark. Für den guten Zweck war zwar erfolgreich gesammelt worden, das eigentliche Ziel jedoch wurde verfehlt. Statt anvisierter 60.000 Nägel wurden nur rund 22.270 verkauft. Bielefeld hatte es nicht geschafft, aus dem „Feldgrauen“ einen vollständig „Eisernen“ zu machen.

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Der bislang einzige bekannte Fotonachweis des „Eisernen Wehrmanns“ auf der Sparrenburg zeigt ihn am rechten Bildrand unter dem 1900 für die kaiserliche Familie errichteten Baldachin; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 13-2-185

Im November 1918 verwendete sich Ex-Oberbürgermeister Gerhard Bunnemann (1842-1925) wahrscheinlich bei Stadtbaurat Schultz für den „Obdachlosen“, da er angeblich im nächsten Winter zu zerfallen drohe, und schlug vor, den „Wehrmann“ im Rathausinnenhof, im Rathaus selbst oder im Sparrenburg-Saal unterzubringen. Schultz verwies auf eine Absprache mit Stapenhorst, ihn – so hatte es Guntermann angeregt – im Rathaushof aufzustellen, zumal er für Innenräume zu groß und schwer war. Am 24. Juli 1919 wurde der „Bielefelder Feldgraue“ jedoch auf die Sparrenburg versetzt. Die Tageszeitungen notierten hierzu, dass er zu stark dem Verwittern ausgesetzt war und dort nunmehr unter einem „Schutzdach“ aufgestellt sei. Dabei handelte es sich um nichts weniger als den 1900 errichteten Baldachin für die kaiserliche Familie, die seinerzeit anlässlich der Einweihung des Großer-Kurfürst-Denkmal in Bielefeld war. Da nach der Abdankung Wilhelms II. mit Kaiserbesuchen einstweilen nicht zu rechnen war, fand der „Eiserne Wehrmann“ dort Unterschlupf und führte ein echtes Schattendasein. Guntermann war mit der Ortswahl nicht einverstanden und lehnte Ausbesserungsarbeiten ab. Spätestens 1937 war der Baldachin abgebrochen worden – über den weiteren Verbleib der Statue ist bislang nichts bekannt.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I, Nr. 155: Anfertigung, Enthüllung Nagelung des „Bielefelder Feldgrauen“/„Eisernen Wehrmanns“, 1915-1920
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,3/Magistrat, Verschiedens, Nr. 462: Sammelstiftung Heimatdank: Satzung, Spenden, Nachlässe, 1915-1920
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 114: Spendenwesen, Fürsorge, 1914-1918; Enthält u.a.: Spendenurkunde des Bielefelder Feldgrauen; „Kriegswahrzeichen“-Postkarten mit Kriegsnagelung-Motiven der Falk-Mittelschule (Doppeldecker, 1916) und des Gymnasiums und Realgymnasiums (Löwe, 1916; Seeadler, 1916)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. Patriotische Veranstaltungen, 1915-1918; Enthält: Einladungen: Enthüllung des Bielefelder Feldgrauen
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 179: Im eisernen Jahre: Der eiserne Wehrmann, 1915; Enthält: Nagel-Berechtigungskarte mit Zeichnung des Wehrmannes, Spendenbescheinigung
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 299: Otto Zähler, Illustrierte Kriegschronik eines Daheimgebliebenen (maschsch.), 1914-1915
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 346: Fotos der Kriegsabteilung des Städtischen Museums, 1915-1918; Enthält u.a.: Einweihung des Eisernen Wehrmanns, 1915 (2x Menschenmenge, 1x Foto des Eisernen Wehrmanns)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 355: Kriegserinnerungen-Vordruck „Freud´ und Leid aus schwerer Zeit!“ mit Auszügen aus Feldpostbriefen u. a. zu Weihnachten, Einweihung des Eisernen Wehrmanns
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 5: Bielefelder General-Anzeiger v. September 1915, 18. September 1915 u. 20. September 1915, Nr. 39: Volkswacht v. 20. September 1915, Nr. 50: Westfälische Zeitung v. 18. September 1915 u. v. 20. September 1915
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 72-1-212 u. 72-1-215
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 6918: Stadt-Sparkasse Bielefeld – Schülerspendenquittung für ein Schul-Kriegssparbuch, 1916; Enthält u.a.: Foto mit Schülerinnen/Schülern am Eisernen Wehrmann

Literatur

  • Diers, Michael, Nagelmänner. Propaganda mit ephemeren Denkmälern im Ersten Weltkrieg, in: ders. (Hg.), Mo(nu)mente. Formen und Funktionen ephemerer Denkmäler, Berlin 1993, S. 113-135
  • Kronenberg, Martin, Kampf der Schule an der „Heimatfront“ im Ersten Weltkrieg: Nagelungen, Hilfsdienste, Sammlungen und Feiern im Deutschen Reich, (Diss.) Göttingen 2010
  • Schneider, Gerhard, Zur Mobilisierung der „Heimatfront“. Das Nageln sogenannter Kriegswahrzeichen im Ersten Weltkrieg, in Zeitschrift für Volkskunde 95 (1999), S. 32-62
  • ders., Nagelungen, in: Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich/Irina Renz (Hg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2003, S. 729 f.
  • ders., In Eiserner Zeit – Kriegswahrzeichen im Ersten Weltkrieg, Schwalbach /Ts. 2013
  • Schwedt, Hermann, Das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 204. Nach Kriegstagebüchern und nach Aufzeichnungen von Mitkämpfern (Aus Deutschlands großer Zeit. Heldentaten deutscher Regimenter, Bd. 44), Zeulenroda (Thür.) 1929, S. 308 (Erwähnung Werner Bolles)
  • Sunderbrink, Bärbel/Bernd J. Wagner, Das war das 20. Jahrhundert in Bielefeld, Gudensberg-Gleichen 2001, S. 19

Erstveröffentlichung: 01.09.2020

Hinweis zur Zitation:
Rath, Jochen, 18. September 1915: Einweihung des „Eisernen Wehrmanns“ auf dem Alten Markt, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2020/09/01/01092020, Bielefeld 2020

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