• Jan-Willem Waterböhr, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

„Verschickte Kinder lernen gut“, titeln die Westfälischen Neuesten Nachrichten am 5. März 1941. Sie seien in ihrer ehrlichen Begeisterung über all die schönen Erlebnisse – am Meer, an Seeufern oder in Bergwelten – in ihrer neuen Umwelt zum besten Fürsprecher des großen Gedankens der Kinderlandverschickung geworden. Diese kurze und unspezifische Meldung ist ein Hinweis auf die erste Verschickung von Kindern und Jugendlichen aus Bielefeld nach Württemberg-Hohenzollern, die wahrscheinlich am 28. Februar 1941 im Rahmen der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ stattgefunden hat.
Die Nationalsozialisten nutzen das Instrument der Gesundheitsförderung für Stadtkinder als Maßnahme zur Evakuierung aus „luftgefährdeten Regionen“, nachdem 1940 die ersten Bomben des zuvor angegriffenen Großbritannien auch das Deutsche Reich und Bielefeld trafen – erstmals am 21. Juni sowie im September 1940. Das für die Luftverteidigung und den Bevölkerungsschutz wenig NS-Regime reagierte mit verschiedenen Maßnahmen, darunter die „Erweiterte Kinderlandverschickung“. Wie sie sich auf Bielefeld auswirkte und wie sie umgesetzt wurde, soll an einzelnen Schlaglichtern zusammengetragen werden. Die nachfolgenden Puzzlestücke des sehr umfang- und facettenreichen Programms der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (kurz: NSV) ergänzt die für Bielefeld ebenfalls fragmentarischen Untersuchungen.
Phasen der Kinderlandverschickung
Die Kinderlandverschickung (kurz: KLV) war keine Erfindung der Nationalsozialisten: Die „Verschickung“ von Kindern entstand bereits am Ende des 19. Jahrhunderts als gesundheitliche Fürsorgemaßnahme erholungsbedürftiger Kinder. Aufgrund der durch die Industrialisierung verschlechterten Stadtluft wurden sie zur Frischluftkur in die Berge und an das Meer geschickt. Auch während der schlechten Versorgungslage der Hungerblockade im Ersten Weltkrieg („Steckrübenwinter“ 1916/1917) sowie bei weiteren drohenden Konflikten wie der Ruhrbesetzung von 1923 bis 1925 wurden zahlreiche Kinder und Jugendliche aus dicht besiedelten Städten zu Verwandten „aufs Land“ oder in spezielle Unterkünfte verbracht. In der Weimarer Republik war zunächst die „Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder“ zuständig. Diese wurde 1933 in die NSV eingegliedert und damit gleichgeschaltet. Schon früh nutzte das NS-Regime die vorhandenen Strukturen zur Indoktrination der Jugend: Die Gesundheitsmaßnahme wurde um einen Anteil der Lagererziehung ergänzt – „Blut und Boden“-Ideologie sowie „Volksgemeinschaft“ sollten praktisch erlernt werden. Eduard Füller weist auf zwei Umstände hin: Erstens instrumentalisierten die Nationalsozialisten mit dem „Landjahrlager“ eine Idee aus der Reformbewegung, welches seit dem 29. März 1934 für alle Schulabgänger verpflichtend werden sollte. Zweitens wurde diese Maßnahme kaum umgesetzt. Lediglich vereinzelt in Preußen sowie in einigen Strukturen der Hitlerjugend wurde die KLV als Teil des militärischen Alltagsdrills genutzt.
Frühere Periodisierungen zum Einsatz der KLV sind schwierig. Eine klare Zäsur lässt sich am 27. September 1940 ziehen, als die NSDAP-Parteikanzlei die Anweisung Adolf Hitlers an alle Reichs- und Parteistellen weiterleitete, dass die „Verschickung“ von Kindern aus „luftgefährdeten Gebieten“ umgesetzt werden sollte. Zu diesem Zweck ernannte er Baldur von Schirach (1907-1974) zum „Beauftragten des Führers für die Erweiterte Kinderlandverschickung“. Die Maßnahme galt zunächst für Kinder aus Berlin und Hamburg. Im November 1940 folgten auch zahlreiche Gaue im Westen des Reiches, darunter der Gau Westfalen-Nord, in dem Bielefeld lag.
Die ersten Verschickungen ab Oktober 1940 begannen abseits der breiten Öffentlichkeit, da man Unmut und auch Panik in der Bevölkerung wegen der Luftangriffe befürchtete. Der Begriff „Evakuierung“ wurde vermieden. Die NSDAP versuchte, die Maßnahme unpolitisch erscheinen zu lassen, indem sie die bekannte „Kinderlandverschickung“ schlicht begrifflich ‚erweiterte‘. Mit dieser ersten Phase der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ sei das ehemalige Instrument der Erholungsfürsorge vollständig abgeschafft und zu einer parteipolitischen Maßnahme umgewidmet worden, urteilt Füller abschließend und spricht von „Etikettenschwindel“.

Die „Erweiterte Kinderlandverschickung“ war vornehmlich als eine innenpolitische Gegenmaßnahme des NS-Regimes auf den einsetzenden strategischen Luftkrieg Großbritanniens gegen das nationalsozialistische Deutschland ab 1940. Dieser wiederum war eine Reaktion auf Luftkrieg gegen England. Damit fand der Krieg fortan auch im Reich statt. Als Sicherheitsmaßnahme wurden im Sommer 1940 zunächst ca. 1.000 Kinder aus dem Ruhrgebiet nach Schaumburg verschickt. Nachdem sich die Angriffe ab 1943 intensivierten, baute das NS-Regime die KLV aus.
Die Organisation der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ war mit dem Schreiben des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 2. Oktober 1940 klar benannt:
„Mit der Durchführung dieser Maßnahmen hat der Führer Reichsleiter Baldur von Schirach beauftragt, zu dessen Unterstützung insbesondere die NSV, die HJ und der NS-Lehrerbund tätig werden. Die NSV übernimmt die Verschickung der noch nicht schulpflichtigen Kinder und der Kinder der ersten vier Schuljahrgänge, die HJ übernimmt die Unterbringung der Kinder vom 5. Schuljahr an. […] Die von der NSV verschickten Kinder werden grundsätzlich in Familien untergebracht. Sie sollen tunlichst am Schulunterricht der Schule ihres Unterbringungsortes teilnehmen.“
Es lassen sich vier Formen der KLV unterscheiden:
- Die „Mutter-Kind-Verschickung“ brachte Schwangere und Mütter mit Säuglingen zu Gastfamilien in sichere Gebiete des Reichs – zunächst für drei, ab 1943 bis zu sechs Jahre.
- In Familienpflegestellen oder Pflegefamilien wurden dreijährige Kinder, ab 1943 Sechs- bis Zehnjährige verschickt. Es kam zu Einzel- oder auch zu Verschickungen von Grundschulklassen, die ebenfalls in sicheren Gebieten in mehrere Familien aufgeteilt wurden. Für beide Formen war ausschließlich die NSV zuständig.
- Die HJ verantwortete – mit Unterstützung durch die NSV und den Nationalsozialistischen Lehrerbund (kurz: NSLB) – die Verschickung von Kindern und Jugendlichen im Alter von zehn bis 14 Jahren in zumeist geschlossene KLV-Lager. Neben der Schulausbildung waren typische HJ-Aktivitäten Teil des Lageralltags.
- Die „Verwandtenverschickung“ wurde zumeist privat organisiert oder von der lokalen NSV finanziell unterstützt. Die Familien versandten ihre Kinder zumeist zu Verwandten in weniger „luftgefährdeten“ Gebiete. Füller charakterisiert diese Form auch als Alltagswiderstand gegen die KLV.

Die KLV war bei den Eltern nicht immer beliebt. Während sie ihre Kinder 1940/41 noch freiwillig für die KLV-Lager anmelden konnten, nahmen die Vorbehalte ab 1942 zu und trafen auf Ablehnung, als 1943 der Zwang immer weiter zunahm. Den vermehrten Versuchen, auf schulischen Elternabenden über die KLV zu informieren, begegneten die Eltern häufig mit Skepsis. Sie befürchteten, dass ihre Kinder nicht wohlbehalten zurückkehren oder dass sie nicht gut versorgt und beschult würden. Dies lassen die zahlreichen Beteuerungen in den Zeitungsartikeln der Tagespresse vermuten, die immer wieder versichern, dass es den Kindern in den KLV-Lagern gut gehe. Die Bombenschäden am eigenen Haus sowie die Verschickung der Kinder und die häufige Umquartierung oder Evakuierung der Eltern bedeuteten eine existenzielle Unsicherheit. Gleichzeitig wurden die Zimmer der verschickten Kinder, die dadurch frei wurden, zur Unterbringung anderer Bombenopfer genutzt – eine weitere Zwangsmaßnahme.
Frühe Verschickungen aus Bielefeld
Für Bielefeld benennt Füller eine erste KLV im Rahmen der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ am 28. Februar 1941 nach Württemberg-Hohenzollern. Er nennt jedoch keine klaren Nachweise für den KLV-Transport. Hinweise auf ein strukturiertes Programm lassen sich am 13. Februar 1941 in der Westfälischen Zeitung und in den Westfälischen Neuesten Nachrichten zur Anmeldung finden:
„Sonderzug nach Ostpreußen – Im Rahmen der Kinderlandverschickung können Eltern ihre Kinder kostenlos zu Verwandten nach Ostpreußen senden. Die Anmeldungen hierfür nehmen alle Ortsgruppen der NSV, sowie die Kreisamtsleitung der NSV […] entgegen.“
Dabei handelt es sich eher um eine früh unterstützte „Verwandtenverschickung“, die Füller vermutlich jedoch nicht gemeint hat. Einen weiteren Hinweis findet sich in den Westfälischen Neuesten Nachrichten am 5. März 1941:
„Im ganzen Reiche rollen die Züge mit Kindern, die in Befolg der erweiterten Kinderlandverschickung aus den großen Städten, darunter auch aus Bielefeld, in die Ruhe und Abgeschiedenheit ländlicher Gegenden […] verpflanzt werden.“
Damit ist wahrscheinlich, dass zwischen Ende Februar und Anfang März 1941 die ersten Kinder Bielefeld verließen.
Einen sicher nachweisbaren Transport benennt Reinhard Vogelsang für den 16. März 1941. Recht wenig ist bekannt. Die Akten weisen zahlreiche Schüler des Ratsgymnasiums für die frühe Verschickung nach, die um 16:52 Uhr den Bielefelder Hauptbahnhof in Richtung Oberbayern verließen. Die Ziele waren Wasserburg am Inn, Rießersee bei Garmisch-Partenkirchen und Bad Wiessee. Es folgte ein Transport am 23. April 1941 mit erneuten Zielen in Oberbayern: Pollingen bei Weilheim und Kochel am Kochelsee. Am 17. März 1941 berichten die Westfälischen Neuesten Nachrichten:
„Auf dem Bahnsteig des Bielefelder Hauptbahnhofes klingt frohes Stimmengewirr aus vielen Kinderkehlen. Wir zählen flüchtig: 500 Köpfe – Jungen und Mädel, in 40 Gruppen eingeteilt; […]. Amtswalter der NSV sind als Transportleiter eingesetzt, bei den Mädeln natürlich Amtswalterinnen – alles ältere Kräfte mit Reiseerfahrungen von Lagern und Ferienfahrten. […] Der verantwortliche Leiter des Transportes, ein Ortsgruppenleiter, überzeugt sich selbst noch einmal von der guten Unterbringung und Betreuung der Kinder. […] Es sind zwar keine vollständigen Klassen, denn es bleibt der freie Entschluss der Familien, ob sie ihre Tochter oder den Sohn lieber zu Hause behalten – aber meist haben die Eltern von der großzügigen Möglichkeit von Herzen Gebrauch gemacht. […] Am Endziel werden die Kinder von den behördlichen und Parteistellen empfangen und in Lagergemeinschaften untergebracht. Im neuen Heim wartet nicht nur gute Unterkunft und Verpflegung, sondern auch der gewohnte Schulplan und die gesicherte Tageseinteilung. Fünf Stunden täglich ist mit größeren oder kleinen Lagergemeinschaften ernster Schulunterricht, und auch die Hausaufgaben, bei denen Mutter sonst mehr oder weniger gut aufpasste, werden unter Aufsicht erledigt. Sport, weltanschauliche Bildung und Freizeitgestaltung werden nicht vernachlässigt.“

Die nationalsozialistische Berichterstattung sollte die Eltern beruhigen und den idyllischen Ablauf suggerieren. Gleichzeitig beschwor der Artikel die teils bessere Betreuung in den Lagern als in den Familien sowie die gesellschaftliche Erziehung – gemeint war die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“. Über das Alltagsleben und die tatsächlichen Betreuungsbedingungen schweigt der Artikel. Einen ebenso propagandistischen Einblick gibt Lehrer Eduard K., erneut in den Westfälischen Neuesten Nachrichten am 1. April 1941:
„Schon die Fahrt […] mit dem Postauto gab uns einen herrlichen Blick auf den See und die Bergen. Unsere Lager liegen im südlichen Teil des Ortes. Die Heime, in denen wir untergebracht sind, sind regelrecht Fremdenheime, in denen sonst während der Kurzeit Badegäste wohnen. […] Der Tagesplan ist wie vorgeschrieben aufgeteilt, er umfasst Unterricht, HJ-Dienst, Freizeit, Putz- und Flickstunde, Schreibstunde usw.“
Über den vermeintlichen Fortschritt der KLV berichten die Westfälischen Neuesten Nachrichten am 17./18. Oktober 1942:
„Mit großer Tatkraft und liebevoller Fürsorge ist die erweiterte Kinderlandverschickung, die den Eltern die Möglichkeit gibt, ihre schulpflichtigen Kinder für einige Zeit in einer ruhigen Umgebung auf dem Lande unterzubringen, von Monat zu Monat vorwärts gegangen. […] Welche Freude herrschte bei den Eltern jedesmal, wenn aus irgendeinem kleinen Ort im Bayern-, Hessen-, Frankenland, aus Steiermark, vom Rhein, der Ostmark oder aus anderen Gauen, in die unsere Jungen und Mädel verschickt wurden, ein Brief von der frohen Jugend berichtete! […] Als die KLV im Jahre 1941 noch in den Kinderschuhen steckte, da hat es begreiflicherweise hier und da mal etwas nicht ganz geklappt. Aus den Erfahrungen hat man gelernt. Heute läuft alles wie am Schnürchen.“
Zu diesem Zeitpunkt sollen bis zu 5.000 Kinder aus Bielefeld verschickt worden sein. In dem Artikel werden weiterführend zwei KLVen von Anfang September 1942 mit etwa 400 Kindern sowie am 19. Oktober 1942 mit etwa 500 Kindern benannt.
Eine lückenlose und systematische Darstellung der abgehenden KLVen aus Bielefeld ist schwer möglich, auch weil die lückenhafte Dokumentation und Berichterstattung viele Fragen offenlässt. Dazu bleibt festzuhalten, dass die von der NSDAP aufgesetzten KLV-Programme kaum eindeutig zuzuordnen sind und sich mit einer vorhandenen Praxis der Verschickungen überschnitten haben. Die fragmentarische und quellenkritisch zu betrachtende Berichterstattung der Tageszeitungen stützt zunächst die These der Forschung, dass in der frühen Phase der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ die Öffentlichkeit wenig informiert wurde. Ausnahmen lassen sich zum Beispiel zu einer KLV von etwa 600 Mädchen und Jungen aus Herford im Februar 1941 finden.
Verschickungen von Schulklassen aus Bielefeld
Aus dem Artikel der Westfälischen Neuesten Nachrichten vom 17./18. Oktober 1942 geht auch hervor, was Ende 1942 vermutlich zunächst aus praktischen, später aus organisatorischen und pragmatischen Gründen einsetzen sollte: Die Verschickung von ganzen Schulklassen mittels KLV:
„Die Schüler werden nur noch klassenweise mit ihrem heimatlichen Lehrer auf die Fahrt geschickt, so daß in den Lagern, in denen Kindern gleichen Alters und derselben Schulklasse vereint sind, der Lehrbetrieb planmäßig durchgeführt werden kann.“
Hintergrund waren vermutlich die zunehmenden alliierten Luftangriffe auf das deutsche Kernland, aber auch der systematische Zugriff auf die Kinder über Schulen, der wiederum die nicht mehr freiwillige massenhafte Verschickung ab 1943 erst ermöglichte. Die KLVen sorgten für eine große Durchmischung der Kinder in Bezug auf Bildungsstand, Herkunft und Alter. Dem war das Schulsystem nicht gewachsen. Die daraus resultierende Ablehnung von Seiten der Eltern führten auch zu zahlreichen Rückschickungen und zu weiter abnehmender Akzeptanz.
Nachdem im März 1943 viele Städte im Ruhrgebiet stark bombardiert worden waren, nahmen die KLVen allgemein, aber auch in Bielefeld zu. Grundlage war der „Erlass über Umquartierungen wegen Luftgefährdung und Bombenschäden“ vom 19. April 1943. Die Bestimmung der aufnehmenden Gaue wurde schrittweise von den NSDAP-Parteistellen übernommen – damit zentralisierte sich der Prozess von den NSV- und HJ-Ortsgruppen hin zur Reichsregierung. Dem Gau Westfalen-Nord wurde der Gau München-Oberbayern und der Reichsgau Salzburg zugeordnet. Die KLV war zur zentralen Maßnahme Evakuierungsprogramm geworden.

In Bielefeld (Stadt) betrafen die neuen Maßnahmen das Ratsgymnasium, die Helmholtz-Schule, das Auguste-Victoria-Gymnasium, die Cecilien-Schule sowie die Falk-, Bosse- und Luisen-Mittelschulen. Auch der Ton in der Berichterstattung gegenüber den Eltern verschärfte sich. Die vormalige Verschleierung der Gefahren der Luftangriffe, wichen eindringlichen Appellen an die Elternschaft. So heißt es in den Westfälischen Neuesten Nachrichten am 16. August 1943:
„Kein um das Wohl seiner Kinder besorgter Vater keine verantwortungsbewusste Mutter, soweit sie auf diesen Ehrentitel Anspruch machen kann, wird sich den Argumenten des Reichverteidigungskommissars verschließen, vielmehr alles daran setzen, Leben und Gesundheit der Kinder nach Möglichkeit zu sichern und dafür auch schwere Opfer auf sich zu nehmen. […] Unsere Eltern mögen sich daher mit allem Ernst überlegen, ob sie – von den Ausnahmen der Verwandtschaftshilfe oder der auswärtswohnenden Jahrschüler abgesehen – es mit ihrem Gewissen vereinbaren können, ihre Kinder von dem Gemeinschaftswerk zurückzuhalten. Erziehung, Unterrichtung und Wohlbefinden der Kinder sind bei dieser großen Aktion sichergestellt, soweit menschlichen Voraussicht das vermag. […] Wem sollte da die Entscheidung zweifelhaft sein?“
Die Bielefelder Kriegschronik 1943 dokumentiert die recht konkreten Bestimmungen: Die Schüler der Bielefelder Volksschulen im Alter von zehn bis 14 Jahren hatten sich am 19. September 1943 um 8:45 Uhr am Hauptbahnhof einzufinden, die Abfahrt war um 9:45 Uhr. Die Reiseverpflegung musste selbst mitgebracht werden. Im Vorfeld war die Reiseabmeldebescheinigung beim Ernährungsamt abzuholen. Ein ebenso mitzubringendes Band ermöglichte es den Kindern, die identifizierende „Umhängekarte“ zu führen.

Über einen weiteren KLV-Reiseauftakt nach Ungarn berichtet die Westfälische Zeitung vom 30./31. Oktober 1943, erneut stark idyllisch:
„Auf den ersten Blick erscheint es wie ein unübersichtliches Gedränge und Durcheinander – und eben darum ist das Erstaunen so groß, wenn sich dieses Gewirr von Kindern und Eltern doch lautlos in wohlgefügte Ordnung auflöst. Ein glücklicher Schimmer ging über die Gesichter der Eltern, als ihre Buben nun endlich bequem in den weichen Polstern saßen. Ja, so sind Mütter, sie denken auch an das letzte, was eine Reise angenehm machen kann und putzen die beschlagenen Fensterscheiben mit ihren eigenen Taschentüchern blank. Die Kinder sollen doch eine ungetrübte Aussicht haben! Die jungen Knabenhände umfassen behutsam das Proviantpäckchen, das sie dann in den Netzen verstauen – dort wirft es eine besorgte Mutter ihrem Jungen noch schnell zu, als er mit seinen Kameraden zum Einnehmen der Plätze am Zug entlang marschiert.“
Den folgenden Erfahrungsbericht aus Ungarn drucken die Westfälischen Neuesten Nachrichten am 16. November 1943:
„Die reichsdeutschen Kindern sind nur bei Volksdeutschen untergebracht [Siedler in 5. Generation], die gern die Stuben ihrer draußen bei der Honveds und bei der Waffen-SS stehenden Söhne den vom Luftterror bedrohten kleinen Kameraden aus dem Reich überlassen. Hier erleben die Pimpfe das große Wunder der deutschen Volksgemeinschaft, die über alle Grenzen erhaben ist und marschieren mit Stolz als Deutsche durch die Straßen des gastlichen Ungarnlandes.“
Auch hier lässt sich erkennen: Die Sprache wurde direkter und martialischer, der Mechanismus der Beruhigung und Beschwichtigung – „Etikettenschwindel“ zwischen Abenteuer, Volksgemeinschaft und Evakuierung – blieb dennoch erhalten. Weitere KLVen aus Bielefeld fanden Ende 1943 sowie in Anfang 1944 nach Ungarn, in die Slowakei, nach Böhmen, Mähren, St. Gilgen, in das Salzburger Land und auch nach Holland statt.
Die fragmentarische Zusammenstellung der Berichterstattung in den Tageszeitungen soll nicht über die bestehenden Probleme der KLV seit 1940 hinwegtäuschen. Der elterliche Widerstand gegen die KLV war zum Teil beträchtlich, deren Gründe nicht nur in der Trennung der Familien, sondern auch in der häufig problembehafteten Organisation und Durchführung der Transporte sowie der defizitären Beschulung, den hygienischen Zuständen in den Lagern und der Betreuung durch wechselndes Aufsichtspersonal zu finden sind. Berichte zur Abkommandierung des Lehr- und Aufsichtspersonals als Folge des fortschreibenden Kriegs, ist in den Akten der Schulen mehrfach dokumentiert. Die Berichterstattung in den Tageszeitungen war Teil des NS-Regimes und damit Teil der KLV-Inszenierung. Weitere Überblicke zu Transporten, Erfahrungsberichten und Organisationen der KLV geben Eduard Füller für Westfalen, Joachim Wibbing für die KLVen nach Ungarn, die Vereinigung der Ehemaligen des Ceciliengymnasiums über die KLVen des Ceciliengymnasiums und Christoph Laue für Herford.
Was bleibt? KLV in der Erinnerung und in der historischen Forschung
In der Dokumentation der KLV-Erlebnisse schreibt der Falk-Schüler Hans Kl. aus Bielefeld:
„Unser Führer Adolf Hitler hat der Terrorangriffe englischer Bombenflugzeuge wegen uns Kinder durch die erweiterte Kinderlandverschickung in seinen besonderen Schutz genommen.“
Quellenkritisch ist nicht davon auszugehen, dass in dem öffentlichen und vermutlich von den Lehrerinnen und Lehrern begleitetem Schuldokument, in dem mehrere Schüler ihre Erfahrungen niederschrieben, authentische oder reflexive Erfahrungen der Schüler nachzulesen sind. Vielmehr ist wie in den Artikeln der Tageszeitungen davon auszugehen, dass sie Teil der KLV-Inszenierungen waren – hier der schulischen Dokumentation. Die Passage zeigt dennoch, dass sich die Schülerinnen und Schüler der Situation und der Gefahren durchaus bewusst waren. Es lässt sich nur erahnen, welche Alltagsdynamiken im Schul-, Familien- und Freundesumfeld aufgrund der KLVen entstanden. Dabei darf nicht vergessen werden, dass der von Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg als Ursache zu bewerten ist.

Ein Beispiel ist Inge O., die als Schülerin der Bielefelder Luisen-Mädchenschule einen Verweis erhielt. Was war passiert? Am 8. März 1944 schrieb Schulrat Arthur Meiners (1881-1948) an den Rektor der Luisenschule und fasste die Vorgänge aus seiner Sicht zusammen. Aus der Luisenschule waren zuvor etwa 400 Schülerinnen aus neun Klassen am 27. November 1943 nach St. Gilgen und Kaprun in Österreich verschickt worden:
„Nach dem Bericht des Lagerleiters, Mittelschullehrer Wefing, erschien am 22. 2. 44 Frau […] in Kaprun, um ihr Kind abzuholen. Als Grund gab sie Heimweh des Kindes an. […] Sie erklärte schließlich, daß sie lieber auf die weitere Beschulung ihrer Tochter durch die Mittelschule verzichten und daß auch ihre Tochter lieber die Volksschule besuchen wollte, als daß sie weiter im Lager verbliebe.“
Inge O. verließ mit ihrer Mutter ohne Erlaubnis das Lager und erhielt daraufhin den Schulverweis. Ihre Eltern erwirkten jedoch die Aufhebung, nachdem Inge von ihrem Hausarzt wegen des Verdachts auf Lungenentzündung die Unfähigkeit zur Verschickung attestiert bekam. Das Beispiel steht für zahlreiche Eingaben von Bielefelder Eltern, ihre Kinder aus den KLV-Lagern zurückzuholen wollten und spiegelt die Unbeliebtheit der KLV in den Familien.
So steht die KLV auch in der Forschung im Spannungsfeld zwischen Alltagserfahrung im Krieg und sozialpolitischer Schutzmaßnahmen sowie der nationalsozialistischen Erziehung und Indoktrination. Jörg Echternkamp und Peter Lieb fassen zusammen:
„Nicht obwohl, sondern weil die Jugendlichen durch ihre Sozialisation im NS-Regime hohe Erwartungen an das Gemeinschaftserlebnis auch im Krieg hatten, fiel die Enttäuschung umso größer aus, als sie mit der Realität des Krieges konfrontiert und von ihren Freunden und ihrer Familie getrennt wurden. Das Schicksal vieler Großstadtkinder hing davon ab, ob sie auf dem Wege der ‚Kinderlandverschickung‘ (KLV) aus den bombengefährdeten Städten aufs Land gelangen konnten. Eine besondere Gruppe bildeten die ‚Ausgebombten‘, die ihre eigenen vier Wände verloren hatten und auf die Einquartierung bei Fremden angewiesen waren, denen dieses Schicksal erspart geblieben war. Die Zuweisung von Lebensmitteln folgte dem Prinzip der Nützlichkeitserwägung: Wer für die Gemeinschaft keine Leistung erbringen konnte, fiel aus der Normalversorgung heraus. Auch die sozialpolitischen Leistungen des Regimes wie die Ehestandsdarlehen und Familienbeihilfen folgten häufig rasseideologischen Kriterien.“
Die KLV erscheint damit als eine weitere staatliche und gesellschaftlich etablierte Maßnahme, die von den Nationalsozialisten nicht nur gleichgeschaltet, sondern instrumentalisiert wurde. Es handelte sich dabei nicht nur um eine Schutzmaßnahme im Luftkrieg an der „Heimatfront“, sondern auch um ein Erziehungsinstrument zur nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“. Die schulische Dokumentation berichtet auch über die Freistellung der Schüler zur Ausbildung an den Flakgeschützen.
Ob es klar nachzuweisende Wellen der KLV aus Bielefeld Infolge der Luftangriffe auf Bielefeld gab, lässt sich derzeit nicht beantworten. Da die „Erweiterte Kinderlandverschickung“ Bielefeld erst Anfang 1941 erreichte, bleibt derzeit offen, ob es in der zweiten Hälfte des Jahres 1940 vermehrt zu privatorganisierten Verschickungen („Verwandtenverschickung“) kam. Dazu stehen lokalhistorische Forschungen noch aus. Umgekehrt folgten die Verschickungen der zweiten Phase ab 1943 nicht den Angriffen, sondern vermutlich eher den zunehmenden allgemeinen Luftwarnungen im westlichen Reich, also auch in Bielefeld. Dass zahlreiche Fälle der Rückverschickung nach Bielefeld über die Schulen bis März 1945 dokumentiert sind, spricht nicht für eine flächendeckende Akzeptanz der KLVen.
Die Aufgabe weiterer Forschung weist Füller klar heraus: die Forschungs- und Erinnerungsliteratur zur KLV bis in die 1980er-Jahre habe die Darstellungen und Erfahrungsberichte umfangreich dargestellt – es fehle jedoch das analytische Reflexionsniveau: Streiche, Lagerleben, Abenteuer, aber auch Krankheit und Traumata und die nationalsozialistische Erziehung müssten systematisch aufgearbeitet werden. Besonders die teils recht umfangreiche, schulische Dokumentation der Bielefelder Schulbestände bietet dafür eine reichhaltige Möglichkeit.
Quellen
• Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 2229
• Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 2349
• Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,4/Falk-Realschule, Nr. 124
• Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,4/Falkschule, Nr. 126
• Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,4/Falk-Realschule, Nr. 128
• Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,10/Helmholtz-Gymnasium, Nr. 46
• Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,14/Ratsgymnasium, Nr. 1309
• Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 6: Westfälische Neueste Nachrichten
• Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 50: Westfälische Zeitung
Literatur
• Blank, Ralf, Kriegsalltag und Luftkrieg an der „Heimatfront“, in: Jörg Echternkamp (Hg.), Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945 (Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 9,1), München 2004, S. 357-461
• Füller, Eduard, „Kriegsheimat“. Die Kinderlandverschickung aus dem nördlichen Westfalen im Zweiten Weltkrieg, Münster 2010
• Kühne, Hans-Jörg, Der Tag, an dem Bielefeld unterging. 30. September 1944 (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 18), Gudensberg-Gleichen 2003
• Laue, Christoph, Die Zeit der Kinderlandverschickung. Vater ist im Krieg, Mutter soll kriegswichtige Arbeit leisten – da greift der NS-Staat ein, in: Heimatkundliche Beiträge aus dem Kreis Herford 33 (2000), S. 10
• Nolzen, Armin, Die NSDAP, der Krieg und die deutsche Gesellschaft, in: Jörg Echternkamp (Hg.), Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945 (Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 9,1), München 2004, S. 99-193
• Vereinigung der Ehemaligen des Ceciliengymnasiums, Cecilienschülerinnen – vor 55 Jahren in: Mitteilungen aus dem Schulleben (1999), S. 4-6
• Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld. Band III: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld, Bielefeld 2005
Online-Ressourcen
Erstveröffentlichung: 01.02.2026
Hinweis zur Zitation: Waterböhr, Jan-Willem: 28. Februar 1941: Der „Etikettenschwindel“ der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ beginnt auch in Bielefeld, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2026/02/27/20260201/
