• Heino Siemens, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •
Der am 12. März 1891 in Bielefeld geborene und schon zu seinen Lebzeiten weit über seine Geburtsstadt hinaus bekannte Maler Hermann Fritz Stenner, der sich freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet hatte, starb am 5. Dezember 1914 nahe dem polnischen Ort Iłow in einem vor allem für die deutschen Soldaten sehr verlustreichen Gefecht. Der Ort sollte von den deutschen Truppen eingenommen werden, allerdings hatten sich dort schon die russischen Soldaten zur Verteidigung eingerichtet. Aus der Deckung der Häuser und des angrenzenden Waldes eröffneten sie das Feuer auf die gegen 1.30 Uhr eindringenden Soldaten der 10. Kompanie des Grenadier-Regiments 119, die die Anbindung an ihre Truppe verloren und nun entweder gefangengenommen wurden oder im Dunkeln Mann gegen Mann kämpfen mussten. Der Kompanieführer fällt durch einen Kopfschuss. Im Verlauf dieses Gefechts muss Hermann Stenner getötet oder schwer verwundet worden sein, denn er wurde von der kaiserlichen Armee seit der Stunde des Angriffs als vermisst gemeldet. Da die deutschen und russischen Verwundeten, die sich bei kalten Temperaturen zwischen den Fronten befanden, tagelang nicht geborgen werden konnten, war ihre Überlebensrate gering. Vermutlich wurde auch Hermann Stenner unregistriert in einem der vier Massengräber bestattet, die in den Tagen nach der Schlacht bei Iłow ausgehoben wurden. In Bielefeld warteten unterdessen sorgenvoll die Eltern und Geschwister auf eine Nachricht vom Verbleib Hermann Stenners.

Leidgeprüfte Familie
Am 11. Januar 1915 ließen die Eltern von Hermann Stenner, der Bielefelder Malermeister Hugo Christian Friedrich Stenner (1869-1918) und seine Ehefrau Wilhelmine Elise Stenner geb. Hövener (1870-1949) sowohl in der Westfälischen Zeitung wie auch im Bielefelder General-Anzeiger eine Todesanzeige veröffentlichen, um den Tod ihres ältesten Sohnes Hugo Stenner (1893-1914) zu beklagen. Er war am 12. Dezember 1914 bei Lowitsch (Rußland) bei seinem ersten Sturmangriff in die Brust getroffen worden und am 30. Dezember 1914 seinen schweren Verletzungen erlegen.
Hugo Stenner „starb für das geliebte Vaterland“, so ließen es die Eltern patriotisch mitteilen. Typisch für viele Todesanzeigen aus der Anfangsphase des Ersten Weltkrieges war auch der deutliche Hinweis darauf, dass die Söhne der Familie im wehrfähigen Alter alle ihre Pflicht erfüllten und sich als Kriegsfreiwillige gemeldet hatten. Fritz (1893-1977), Hugos Zwillingsbruder, und Erich „Eken“ Stenner (1896-1986) standen in Russland „im Felde“, dieselbe Angabe wurde über Hermann Stenner gemacht, der bei Erscheinen der Anzeige zwar schon über einen Monat tot war, offiziell aber noch als vermisst galt. Ferdinand Stenner (1894-1917) befand sich 1915 in Minden in der soldatischen Ausbildung, während die beiden jüngsten Brüder, Walter (1905-1997) und Paul (1912-1946), mit acht und drei Jahren noch Kinder waren. Die einzige Tochter von Hugo und Elise Stenner, die wie ihre Mutter Elise hieß, stets aber „Lissi“ genannt wurde, war 17 Jahre alt.
Die hohe Zahl der Toten des über den langen Zeitraum von vier Jahren heftig und mit neuen Kriegstechniken wie etwa Giftgas ausgefochtenen Ersten Weltkrieges bewirkte in allen beteiligten Ländern insbesondere bei Familien mit vielen wehrtauglichen Söhnen große Verluste und schweres Leid. Dabei setzte den Familien nicht nur die Nachricht vom Tod ihrer Angehörigen zu, schlimmer war oft die lange Ungewissheit über das Schicksal vermisster Soldaten.
Hugo und Elise Stenner mussten um den vermissten Sohn Hermann bangen, gleichzeitig kämpfte ihr Sohn Hugo in einem Lazarett um sein Leben. Nach dem Tod Hugo Stenners müssen die Eltern Ende Januar vom Tod Hermann Stenners erfahren haben. Seine Todesanzeige erschien am 28. Januar 1915 in der Westfälischen Zeitung wie auch im Bielefelder General-Anzeiger. Mit Ferdinand Stenner starb am 20. Mai 1917 der dritte Sohn der Stenners in Lübeck im Königlichen Reservelazarett III an den unmittelbaren Folgen seines Kriegseinsatzes. Am 23.Juni 1918 verstarb nach kurzer Krankheit die Tochter „Lissi“ Stenner, wenige Monate später, am 5. Oktober 1918, Hugo Stenner sen., der seit Sommer 1913 an Diabetes erkrankt war.
Vom Schicksal schwer betroffen
Eine solche Vielzahl an Sterbefällen in einer Familie während der Jahre 1914 bis 1918 war so ungewöhnlich, dass gleich zwei Zeitungen in ihrem redaktionellen Teil darüber berichteten. Der Bielefelder General-Anzeiger schrieb am 8. Oktober 1918 als Reaktion auf den Tod des Malermeisters Hugo Stenner: „Schwere Heimsuchungen sind der alteingesessenen Familie des Malermeisters Hugo Stenner in diesem Weltkriege auferlegt. Von 5 Söhnen, die hochgemut für Deutschlands Schutz und Ehre in den Krieg gezogen sind, haben 3, darunter der vielversprechende Maler Fritz [sic!] Stenner, ihre Treue zum Vaterland mit dem Tode besiegelt, gleicherweise sind zwei Brüder von Frau Stenner auf dem Felde der Ehre gefallen. Dann verlor die Familie eine Tochter, die Mutter der Frau und einen Bruder des Herrn Stenner. Und nun ist auch dieser nach langem[,] schweren Leiden gestorben. Ein lebens- und liederfroher Sänger, ein lieber Mensch, ist mit ihm aus diesem Leben geschieden. Die Teilnahme mit der so schwer geprüften Familie, die so 9 ihrer nächsten Angehörigen verloren hat, ist eine allgemeine“. Selbst nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg schlägt dieser Artikel noch ein nationales Pathos an, das der Witwe Elise Stenner und ihren vier verbliebenen Kindern mutmaßlich längst vergangen war. Die Westfälische Zeitung vom gleichen Tag fasste die Verluste der Familie Stenner unter der Überschrift „Vom Schicksale schwer betroffen“ etwas kürzer und nüchterner zusammen.
Walter Stenner, zweitjüngstes Kind von Elise Stenner, wanderte 1930 als Innenarchitekt nach Kanada aus, Erich Stenner führte das Malergeschäft des Vaters fort. Fritz und Paul Stenner blieben in Bielefeld, wo sie als Handelsvertreter beziehungsweise kaufmännischer Angestellter tätig waren und eigene Familien gründeten. Mutter Elise Stenner begab sich im Alter von immerhin 68 Jahren noch auf ein besonderes Abenteuer. Sie bestieg am 11. März 1939 in Bremerhaven das Schiff „Portland“ nach Kanada, um ihren Sohn Walter in Vancouver zu besuchen. Ob bei diesem Entschluss neben privaten Gründen auch die heraufziehende Gefahr eines weiteren Krieges eine Rolle spielte, ist nicht bekannt. Denkbar ist jedoch, dass aus einem geplanten kurzen Besuch in Vancouver durch den Beginn des Zweiten Weltkriegs ein längerer Aufenthalt wurde. Neun Jahre blieb Elise Stenner in Kanada. In ihrer Abwesenheit starb am 27. Juni 1946 ihr jüngster Sohn Paul im Städtischen Krankenhaus nach schwerer Krankheit. Am 1. August 1948 war sie zurück in Bielefeld, wohnte wieder im Stammhaus der Familie, August-Schröder-Straße 12, vormals Augustastraße 12, bei ihrem Sohn Erich und seiner Familie, sodass sie am 2. August 1949 nicht in der Fremde, sondern in ihrer Heimat Bielefeld starb. Selten lassen sich Zerrissenheit, Leid und Entwurzelung durch beide Weltkriege am Schicksal eines Menschen so exemplarisch aufzeigen wie im Fall von Elise Stenner.

Unterstützung durch die Familie
Hermann Stenner kam noch im Haus Breite Straße 21 zur Welt, wo seine Eltern seit 1888 wohnten. Zum 5. Oktober 1895 zog die durch die 1893 geborenen Zwillinge auf fünf Personen angewachsene Familie mitsamt des 1850 vom Großvater Johann Friedrich Stenner (1823-1891) gegründeten Malerbetriebes in die Augustastr. 12 um. Da schon Vater Hugo Stenner eine kunstgewerbliche Ausbildung genossen hatte, zuletzt an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart, legte er dem Berufswunsch seines ältesten Sohnes keine Steine in den Weg, im Gegenteil, Hermann Stenner konnte sich der allgemeinen und finanziellen Unterstützung durch seine Eltern stets gewiss sein. Der Älteste sollte Kunstmaler werden, als Nachfolger im Malerbetrieb mochte sich einer der weiteren Söhne besser eignen. Hugo Stenner organisierte sogar ein Stipendium für seinen Sohn, das von einer Gruppe von Verwandten getragen wurde. Die finanzielle Abhängigkeit, die später durch die Verkäufe seiner Gemälde gemildert wurde, war Hermann Stenner zugleich Last und Verpflichtung. So mögen die Bilder, die bei Heimaturlauben in Bielefeld entstanden, einen etwas weicheren Stil aufweisen und etwas weniger experimentell ausgefallen sein als die fern der Heimat gefertigten Werke, denn der Maler musste mit ihnen auch die Verwandtschaft zufriedenstellen.

Als Stenner sich allerdings zunehmend am Expressionismus und an der Moderne orientierte, mochten die Eltern nicht mehr so recht folgen. Ihr Sohn Hermann antwortete ihnen in einem Brief vom 4. Juli 1913 aus Schleißheim mit Sätzen, die seine beeindruckende Willensstärke unterstreichen: „Natürlich kann ich es von Eurem Standpunkt aus vollkommen verstehen, wenn Ihr Euch um meine Zukunft sorgt. Ich glaube, Euch aber schon oft genug wiederholt zu haben, dass ich niemals derartige Konzessionen mache, wie Vater sie sich denkt. Denn das wäre erst recht der Anfang vom Ende. Lieber will ich mich so durchschlagen, Hauslehrer oder irgend etwas werden, als mir selbst untreu zu werden. […] Wenn Ihr wüsstet, welche Kämpfe ich allein mit mir selbst um das `Wahre in der Kunst´ auszufechten habe, wie ich manchmal ganz verzweifelt bin und suche, bis mir plötzlich was gelingt und [ich] mich berufen fühle, sicher in der Zukunft ein bedeutendes Wort mitzureden, [dann] würdet Ihr vielleicht etwas anderes von mir denken. Nur dadurch, dass ich etwas ganz Grosses und ganz Neues schaffe, kann ich mich durchsetzen“. Wer seinen Eltern solche Gedanken mitteilen kann, hat sicherlich eine eher gute Beziehung zu ihnen. Einen Brief vom 6. August 1909 aus Dachau beendete Hermann Stenner gar mit den Worten „Gruß und Kuß Euer Schmusibus“.
Rückhalt durch die Familie, Willensstärke, Talent, Arbeitsbereitschaft und großes Glück im Verlauf der malerischen Ausbildung sind die Grundpfeiler von Hermann Stenners künstlerischer Entwicklung, die in so kurzer Zeit so große Fortschritte zeigte.
Ausbildung und künstlerische Entwicklung
Das enorme malerische Talent Hermann Stenners fiel schon in der Falk-Realschule auf, die er 1908 mit dem „Einjährigen“ abschloss. Sein Zeichenlehrer förderte ihn und ließ ihn sogar Kopien bekannter Gemälde in Öl malen. Nach der Realschule besuchte Hermann Stenner für kurze Zeit die 1907 gegründete Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Bielefeld, danach bewarb er sich 1909 an der Münchner Akademie zum Studium der Malerei. Er wurde nicht angenommen. Unbeeindruckt von dieser Absage meldete sich Stenner an der privaten Kunstschule von Heinrich Knirr (1862-1944) in München an und besuchte in den Sommerferien zusätzlich die Malschule Hans von Hayeks (1869-1940) in Dachau. Beide Lehrer waren von ihrem Schüler so beeindruckt, dass dieser 1910 ohne weitere Prüfung in Stuttgart von Prof. Christian Landenberger (1862-1927) angenommen wurde. Landenberger war erst 48 Jahre alt und führte neue Unterrichtsmethoden ein. So bestand er etwa darauf, ebenfalls zu malen, was er seinen Schülern zu malen auftrug, damit diese eine Vergleichsmöglichkeit hatten. Erste Erfolge stellten sich ein: Für das Porträt seiner lesenden Schwester Lissi von 1910/1911 erhielt Hermann Stenner als einziger der Landenberger-Klasse eine Prämie, und im Herbst 1911 widmete ihm der Kunstsalon Otto Fischer in Bielefeld eine Ausstellung mit acht Gemälden – eine erste Anerkennung in Stenners Geburtsstadt.

Allerdings verweigerte 1912 der Magistrat der Stadt Bielefeld Stenner ein Stipendium mit den dürren Worten „Ihrem Gesuche um Gewährung eines Stipendiums können wir leider nicht stattgeben, da uns Mittel nicht mehr zur Verfügung stehen“. Der enttäuschte Maler berichtete seinen Eltern in einem Brief vom 24. Mai 1912 aus Stuttgart: „Wie man in allen Biographien von Künstlern und sonstigen Leuten lesen kann, benimmt sich die Heimatstadt meistens am wenigsten vornehm ihren Kindern gegenüber. […] Ich denke, es geht auch ohne diese Almosen“.
Ab dem Wintersemester 1911 studierte Hermann Stenner weiter in Stuttgart, nun bei Adolf Hölzel (1853-1934), der ihn im März 1912 zum Meisterschüler mit eigenem Atelier macht. Hölzel hatte es zu seinem Prinzip gemacht, seine Schüler so wenig wie möglich zu korrigieren, um ihre persönliche Ausdrucksstärke nicht zu verfälschen. Zugleich aber versuchte Hölzel in vielen Pflichtvorlesungen fundamentale Regeln der Malerei zu vermitteln. „Stenners unbekümmertes Drauflosmalen wurde von Hölzel in geordnete Bahnen gelenkt“, schreibt Karin von Maur dazu. Hölzel bot immer wieder Exkursionen an, die Hermann Stenner gerne wahrnahm, sofern sein Budget dies zuließ. Diese Exkursionen führten Stenner 1912 nach Monschau und 1913 nach Schleißheim. Auf dem Weg nach Monschau machte man einen Stopp in Köln, um die „Internationale Kunstausstellung des Sonderbundes“ zu sehen, wo von van Gogh über Cézanne bis Picasso die gesamte europäische Moderne erstmals umfassend in Deutschland zu sehen war. Mit den Kommilitonen und Kollegen fuhr Stenner 1912 für mehrere Wochen nach Paris, im Frühjahr 1914 mit Oskar Schlemmer (1888-1943) und Willi Baumeister (1889-1955) nach Amsterdam. Die drei Künstler hatten zuvor erfolgreich den von Prof. Hölzel vermittelten Auftrag abgeschlossen, zwölf Wandbilder mit dem Thema der „Legende der heiligen Ursula“ für die Haupthalle der „Deutschen Werkbund-Ausstellung Cöln“ zu entwerfen und zu malen. In der weiteren Auseinandersetzung mit religiösen Themen gelang Hermann Stenner mit dem Ölgemälde „Auferstehung“ ein Höhepunkt seines malerischen Schaffens. Und sogar in der Heimat fand der Maler endlich größere Beachtung: Die erste Einzelausstellung mit Werken von Hermann Stenner fand im Oktober 1913 in der „Handwerker- und Kunstgewerbeschule“ in Bielefeld statt.

Freiwilliger im Ersten Weltkrieg
Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war Hermann Stenner ein auf etlichen Ausstellungen vertretener erfolgreicher Maler, der viel gesehen, verarbeitet und in eigene Werke umgemünzt hatte, und dabei für sich selbst nahezu alle neuen Stile der Moderne aufgegriffen und individuell überzeugend umgesetzt hatte. Das Malen war ganz und gar seine Welt, bestimmt nicht das Militärische. Im schon zitierten Brief vom 4. Juli 1913 aus Schleißheim an seine Eltern schrieb Stenner: „An der Stuttgarter Akademie besteht ein Paragraph, nachdem solche Studierende, die schon wirklich etwas leisten, vom Militärdienst befreit werden können. Sollte ich also so nicht frei kommen, so werde ich mit aller Energie darauf hinarbeiten, dass dieser Paragraph auf mich angewendet wird […]. Für meine Kunst würde ich sogar betteln!“.
Warum drängte es dieses strahlende Talent 1914 zu den Waffen, warum meldete sich Hermann Stenner nach Ausbruch des Krieges zum Grenadier-Regiment 119 „Königin Olga“, wo doch gerade die Grenadiere an vorderster Front eingesetzt wurden?

Wie bei vielen jungen Männern, die 1914 mit Begeisterung zu den Waffen eilten, war es wohl eine fatale Mischung aus Naivität, Idealismus und völliger Fehleinschätzung der Entwicklung der Kriegstechniken seit dem erfolgreichen Feldzug gegen Frankreich 1870/71, die Hermann Stenner seine ablehnende Haltung von 1913 gegenüber dem Militärdienst revidieren ließ. Auch er ließ sich von der vielerorts vorherrschenden euphorischen Stimmung mitreißen. Am 2. August 1914 schrieb er seinen Eltern und Geschwistern aus Stuttgart: „Als die Mobilisierung hier gestern abend um 6 [U]hr angeordnet wurde, sammelte sich schnell eine ungeheure Menschenmenge vor dem Schloss des Königs, patriotische Lieder singend. Der König [von Württemberg] trat vor die Menschen hin und dankte mit tränenerstickter Stimme für die Begeisterung seines Volkes. Die Begeisterung war ungeheuer. Was mich selbst betrifft, so wurden meine letzten Bedenken dadurch mitgerissen“.
Ganz und gar idealistisch fallen die Begründungen aus, die Hermann Stenner für seine Entscheidung anführt, sich in vorderster Front am Kriegsgeschehen zu beteiligen: „Ich habe ja auch das bestimmte Gefühl, dass der Feldzug mit seinen Strapazen und seinen Abenteuern nicht ohne Einfluss auf meine Kunst sein wird; er wird uns vertiefen, menschlich und auch künstlerisch“, schrieb der Soldat Hermann Stenner am 4. September 1914 den Eltern. Auch im folgenden Brief vom 9. September 1914 klingt das kathartische Motiv der Reinigung und Verbesserung der Situation durch den Krieg wieder an: „Nicht aus Abenteuerlust ziehen wir in den Krieg, sondern aus der Überzeugung heraus, in diesem furchtbaren Ringen, wo es heißt Siegen oder Untergang, mithelfen zu müssen, dass ein solches Volk wie das unsere nicht untergeht. Eine weitere Fortdauer des Friedens hätte vielleicht zur Erschlaffung und Überkultur geführt. Hoffen wir, dass dieser Krieg auch mit den falschen Standesunterschieden, Verteilung von Reich und Arm[,] ein wenig aufräumt. […] Vielleicht muss es uns wirklich mal erst ein wenig schlecht gehen, um so weit zu kommen“.
Realität des Krieges
Manche Bemerkung Stenners im Vorfeld seines tatsächlichen Kriegseinsatzes klingt doch recht unreif und zeigt, wie wenig er – nicht anders als große Teile der Gesellschaft – auf die Realität des Krieges vorbereitet war, so im Brief vom 2. August 1914 an die Eltern und Geschwister: „[…] eben erfahre ich, dass Russland ohne Kriegserklärung den Krieg begonnen hat. Diesen Schlawinern gehört eine ganz mächtige Tracht Prügel, hoffentlich helfen die Japaner dabei. […] Also, wie gesagt, diese Schlawiner werden verhauen“. Ähnlich unbedarft und naiv klang seine spätere Mitteilung vom 4. September 1914 an die Eltern, das Kasernenleben sei „wirklich kein Vergnügen. Eines guten Tages machen die Herren Franzosen Frieden, und man hat keinen Schuss abgeben dürfen“.
Stenner bemerkte zwar (im Brief vom 9. September 1914): „Hoffen wir, dass wir alle lebend zurückkommen“. Aber schon der folgende Satz seines Briefes zeigt, dass er, wie so viele Soldaten damals, mit dem eigenen Tod nicht wirklich rechnete, höchstens mit einer ertragbaren Verwundung: „Ohne eine mehr oder weniger schwere Verwundung des einen oder anderen wird´s ja wohl nicht abgehen. Aber die trägt man ja gern, wo es gilt, unsere Heimaterde und Kultur zu verteidigen, und wo mit uns Tausende und Abertausende dasselbe erdulden“. Vor der Abreise nach Frankreich schrieb Stenner den Eltern (am 24. September 1914): „Ich mache mir keine Illusionen, ich weiss genau, was uns bevorsteht. Aber mit dem Gedanken an das, wofür wir kämpfen, wird sich alles ertragen lassen“. Schon nach den ersten Gefechtseinsätzen in Frankreich musste Hermann Stenner diese Einschätzung wieder revidieren. In einem Schreiben aus Bouconville in den französischen Ardennen vom 30. September 1914 an die Eltern heißt es nun: „Ich war ja von vornherein auf das Schlimmste gefasst, aber alles das ist nichts gegen die furchtbare Wirklichkeit“. Am 12. Oktober 1914 schrieb der Maler den Eltern resigniert: „Eins nur bringt sie alle [die Kameraden] zusammen, und das ist der Gedanke an die Heimat, und die Rückkehr dorthin“.
Vom 27. bis 30. November 1914 wurde das Grenadier-Regiment Nr. 119 „Königin Olga“ von Flandern nach Russland/Polen verlegt. Fünf Tage später starb Hermann Stenner bei einem aussichtslosen Angriff gegen das von den Russen besetzte Iłow.
Wir Heutigen wissen um die Brutalität des Ersten Weltkrieges. Hermann Stenner hatte als Kriegsfreiwilliger der ersten Stunde keine Chance, sich ein Bild von dem zu machen, worauf er sich eingelassen hatte.
Quellen
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18 u. 58, Meldekarten Stenner
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,4/Kunsthalle, Nr. 528: Hermann Stenners künstlerischer Nachlass (Abschrift)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung Nr. 11-450-1: Breite Straße 21
- Stadtarchiv Stuttgart, Sterbeeintrag Hermann Stenner, 1914
- Kunsthalle Bielefeld, Foto Familie Stenner, Neujahr 1910
- Kunsthalle Bielefeld, Foto Hermann Stenner als Soldat, 1914
Literatur
- Gemmingen-Guttenberg-Fürfeld, Max Freiherr von, Das Grenadier-Regiment Königin Olga (1.Württ.) Nr. 119 im Weltkrieg 1914–1918 (Die württembergischen Regimenter im Weltkrieg, Bd. 39), Stuttgart 1927, S. 68 f.
- Haldenwang, Maximilian von, Ehrentafel des Grenadier-Regiments Königin Olga (1.Württ.) Nr. 119. Stuttgart 1927, S. 67
- Hülsewig-Johnen, Jutta/Christiane Reipschläger, Hermann Stenner. Werkverzeichnis der Gemälde, Bielefeld 2003
- Kunstforum Hermann Stenner (Hg.), Hermann Stenner und seine Zeit, Bielefeld 2019
- Maur, Karin von/Freundeskreis Hermann Stenner e.V. (Hg.), Der Maler Hermann Stenner im Spiegel seiner Korrespondenz. Briefe 1909-1914, München 2006
- Müller, Sally/Arne Reimann (Hg.), Hermann Stenner und seine Lehrer. Werke aus der Sammlung Bunte, Unna 2021
- Riedel, David, „Noch einen Sommer intensives Schaffen“. Hermann Stenners Werk vor dem Ersten Weltkrieg, in: „Sie starben jung! Künstler und Dichter, Ideen und Ideale vor dem Ersten Weltkrieg“, Berlin 2014
- Vriesen, Gustav, Der Maler Hermann Stenner (Sonderdruck des Städtischen Kunsthauses Bielefeld aus Westfalen 35 (1957), Münster 1958
Online-Ressourcen
- www.passagierlisten.de, Ausreise Elise Stenners 1939 nach Kanada
- Stuttgart Mitte Sterberegister 1915 Nr1201-Nr1500 – Access, Sterbeeintrag Hermann Stenner
- https://des.genealogy.net/search/show/720262: Vermissten-Meldung Hermann Stenner v. 1.2.1915
- https://des.genealogy.net/search/show/769410: Gefallen-Meldung Hermann Stenner v. 15.2.1915
Erstveröffentlichung: 01.12.2024
Hinweis zur Zitation: Siemens, Heino, 5. Dezember 1914: Kriegstod des Malers Hermann Stenner in Iłów (Enlau), https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2024/12/01/01122024, Bielefeld 2024


