1. Mai 1890: Erste Feiern zum internationalen Tag der Arbeit in Bielefeld

• Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

 

„Der 1. Mai [1890] ist hier in der Arbeiterbewegung vollkommen und ohne jede Störung verlaufen und, wenn nicht zufällig die Tischlergesellen an diesem Tag hier in den Strike eingetreten wären, so würde man Arbeiter, die feiern, gar nicht wahrgenommen haben.“ Die liberale Tageszeitung „Der Wächter“ berichtete ein wenig erleichtert über die Maifeiern in Bielefeld, die im Vorfeld im gesamten Reich für Nervosität gesorgt hatten. Denn im Juli 1889 wurde auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris eine Resolution beschlossen, den 1. Mai zum „Feiertag der Arbeiter“ zu erklären, und mit der Forderung für die Einführung eines Achtstundentages verbunden. Als dann auch die Sozialdemokraten bei den Reichstagswahlen im Februar 1890 trotz des noch bestehenden Sozialistengesetzes einen großen Erfolg verbuchten, wurden die örtlichen militärischen Befehlshaber vom Kriegsministerium aufgefordert, sozialdemokratische Agitation intensiv zu überwachen und potentielle Rädelsführer vor Kriegsgerichte zu stellen. Durch „genügende Kraftentfaltung“ sollte „jeder Aufruhr im Keime erstickt“ werden, hieß es in einem Erlass.

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„Es geht ein gewaltiger Geisteshauch über die Erde“: Plakat zur Maifeier 1893. Beilage aus der sozialdemokratischen Satirezeitschrift „Der wahre Jakob“. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,9/Plakate, Nr. 1341

Ein Aufruhr fand in Bielefeld nicht statt. Im Gegenteil: „Der Wächter“ stellte fest, dass „an allen Stellen flott gearbeitet worden“ und „mehrfach gerade die Pünktlichkeit des Antritts der Arbeit am gestrigen Tage hervorgehoben“ worden sei. Und die Tageszeitung sparte nicht mit Lob: „Mit uns wird die Bürgerschaft den Arbeitern diese würdige Haltung zum Lobe anrechnen.“ Ob die gelobte „würdige Haltung“ freiwillig oder erzwungen war, sei dahingestellt. Auch in Bielefeld wurde im Vorfeld der angekündigten Maifeier auf mögliche Konsequenzen für die teilnehmende Arbeiterschaft hingewiesen. So warnte auch der „Wächter“ vor „den vielfach unrichtigen Anschauungen“, dass die Maifeiern berechtigt seien. So könnten Gesellen und Gehilfen nach der Reichsgewerbeordnung „ohne vorherige Ankündigung entlassen werden“, wenn sie die Arbeit „unbefugt“ einstellten. Und jüngst sei eine Entscheidung des Reichsgerichts ergangen, nach der auch der Aufruf zur Arbeitsniederlegung in Wort und Schrift mit einer Geldstrafe bis zu 600 Mark oder mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft werden könne; die Geldstrafe konnte dem Jahresgehalt eines Arbeiters entsprechen. Auch die Bielefelder „Maschinenfabrikanten“ hatten in einer Versammlung am 29. April 1890 mit drakonischen Strafen gedroht, wenn Arbeiter „am 1. Mai feiern oder vorzeitig die Arbeit verlassen.“

Der Streik der Tischler hatte dagegen nichts mit den Maifeiern zu tun, der zeitliche Zufall führte die „Volkskundgebung“ und den Streik zusammen. Die Tischler forderten die Einführung eines „Minimallohnes“ von 3 Mark am Tag, den die Arbeitgeber ablehnten. 130 von 150 in Bielefeld beschäftigten Tischlern legten daraufhin am 1. Mai ihre Arbeit nieder, stellten am Bahnhof und an den Hauptstraßen „Tag- und Nachtposten“ auf, die den Zuzug von fremden Tischlergesellen verhindern wollten; Streikbrecher sollte es in Bielefeld nicht geben.

Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse gehörten zur sozialen Frage, die das dominierende Thema auf einer Versammlung am Abend des 1. Mai in der Centralhalle am Kesselbrink war. Nach ihrem Feierabend strömten zahlreiche Männer und Frauen zum Kesselbrink und lauschten dem Vortrag eines auswärtigen Redners. Der Tischler Carl Wesch auf Krefeld betonte, dass die Lösung der sozialen Frage „nur den Arbeitern anheimfalle“, da die Arbeiterschaft weder auf Kirche noch Staat bauen könnte. Der „Wächter“ kommentierte, dass sich die Arbeiter „in verständiger Weise mit jener Form der Kundgebung begnügt“ hätten, „bei der sie völlig auf gesetzlichem Boden“ geblieben seien.

Am 1. Mai 1890 galt zwar noch das 1878 erlassene und mehrfach verlängerte Sozialistengesetz, mit dem „gemeingefährliche Bestrebungen der Sozialdemokratie“ im Reich bekämpft werden sollten, es fand aber im Reichstag letztlich nur noch bei Nationalliberalen und Mitgliedern der Deutschen Reichspartei Zustimmung. Die jahrelang vorherrschenden Repressionen waren aber nicht folgenlos geblieben. Hans-Ulrich Wehler (1931-2014) weist auf „traumatische Verletzungen“ hin, die gleich „mehrere politische Generationen bis 1933 geprägt“ haben. Sie resultierten daraus, dass „sie Jahr für Jahr als Bürger zweiter Klasse behandelt wurden“. Davon zeugen auch zahlreiche Artikel in der sozialdemokratischen Tageszeitung „Volkswacht“, die am 1. Juli 1890 erstmals erschienen war; noch vor der Aufhebung des Sozialistengesetzes hatten im April 1890 in Bielefeld erste Gespräche zur Gründung einer sozialdemokratischen Zeitung stattgefunden. Einerseits agitierte die „Volkswacht“ forsch für die politischen Ziele der Arbeiterbewegung, andererseits konnte man auch zwischen den Zeilen das Misstrauen und die Sorge lesen, dass „falsches Verhalten“ zu erneuten Repressionen führen konnte. Unter diesem Damoklesschwert stand auch die Vorbereitung und Durchführung der Maifeiern 1891.

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Die Titelseite der „Volkswacht“ vom 1. Mai 1891 mit einem Gedicht im zeittypischen Pathos. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen

Die Maifeiern sollten ein demonstrativer Auftritt der Bielefelder Arbeiterbewegung werden. Vorgesehen war, dass sich die Arbeiter aus Schildesche und Bielefeld auf dem Kesselbrink treffen und in einer geschlossenen Formation mit roten Fahnen zum Ochsenberg gehen sollten, wo eine Kundgebung vorgesehen war. Arbeiter aus Brackwede und Gadderbaum sollten von der Gaststätte Wellmann in Gadderbaum ebenfalls gemeinsam zum Kundgebungsort ziehen. Da der 1. Mai 1891 ein Freitag und damit ein regulärer Arbeitstag war, wollten die Organisatoren der Maifeier Sanktionen der Arbeitgeber erst gar nicht provozieren. Am 1. Mai wurde, wie bereits im Vorjahr, in den Abendstunden zu einer Volksversammlung in die Centralhalle eingeladen, während die eigentlich Maikundgebung erst am arbeitsfreien Sonntag, dem 3. Mai, stattfinden sollte.

Die örtliche Polizeibehörde versagte der Demonstration von der Stadt zum Ochsenberg die Genehmigung. Eine Beschwerde des Festkomitees wies der Regierungspräsident ebenfalls zurück. Als Grund nannte die Behörde, dass „das Unternehmen […] geeignet sei, die öffentliche Ordnung zu gefährden.“ Denn zum einen gäbe „schon zu einem derartigen Bedenken Anlass“, dass eine „die bestehende Staats- und Regierungsform negierende Partei“, nämlich die Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), zu den Maifeiern aufgerufen hätte. Zum anderen fehle den Organisatoren die „notwendige Disziplinargewalt“, „bei dem Zuge die Ordnung in der erforderlichen Weise aufrecht zu erhalten“. Die „Bielefelder Post“, eine konservative Tageszeitung, die nur von 1890 bis 1892 existierte, begrüßte das Demonstrationsverbot und kritisierte, dass in anderen Städten solche Demonstrationen erlaubt waren: „Wenn Behörden anderwärts den Aufzug gestatten, so ändert dies allerdings nichts an der Thatsache, daß durch die Bewilligung des Aufzuges der revolutionären Partei gegenüber eine sehr weitgehende Milde bethätigt wird, die unsres Erachtens durchaus nicht am Platze ist gegenüber von Leuten, die je eher je lieber unsern Staats- und Gesellschaftsorganismus zerschmettern möchten.“

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Der „Kapitalteufel“ und das Proletariat: Agitprop zur Maifeier 1891. Beilage aus der sozialdemokratischen Satirezeitschrift „Der wahre Jakob“. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,9/Plakate, Nr. 1340

Der Abend des 1. Mai 1891 war das gewünschte Volksfest. In die Centralhalle kamen „über 800 Personen, zur Hälfte Frauen und Mädchen“, denen „Konzertmusik“ und ein Schauspiel geboten wurde. Eine Gruppe „geschätzter Dilettanten“ führte den Dreiakter „Der erste Mai“ von Heinrich Christoph Friedrich Bosse (1848-1909) auf. Die „Volkswacht“ stellte fest, dass die in dem „Schauspiel zum Ausdruck gebrachten Ideen […] agitatorisch auf die anwesenden Frauen gewirkt haben.“ Die Maifeier am Sonntag verlief wie bereits im Vorjahr „ohne jede Störung“, obwohl sich mehr als 6.000 Menschen auf dem Ochsenberg versammelten. Einer „Völkerwanderung“ gleich wanderten kleinere und größere Gruppen mit roten Schleifen am Revers durch die Stadt, begleitet von den „gesamten Bielefelder Polizeimannschaften“. Selbst Oberbürgermeister Gerhard Bunnemann (1842-1925) war zugegen, um sich ein persönliches Bild von dem Aufmarsch zu machen. An der Stadtgrenze zum Landkreis übernahm dann Landrat Franz von Ditfurth (1840-1909) höchstpersönlich die Aufsicht, auch er begleitet „von einem wohlinstruierten Gendarmeriekorps ausgerüstet mit allen Ordnungsinstrumenten unseres Jahrhunderts“, spottete die „Volkswacht“. Auf dem Ochsenberg wurde eine Resolution zum „Normalarbeitstag als Grundlage jeglicher ernsten Arbeiterschutzgesetzgebung“ verlesen, der die Versammelten „durch Handaufheben“ zustimmten und die an die sozialdemokratische Reichstagsfraktion übergeben werden sollte. Eine Kapelle spielte auf, und jetzt wurden auch die mitgebrachten, aber auf dem Weg zum Kundgebungsplatz eingerollten roten Fahnen beim Orchester aufgestellt. Landrat von Ditfurth gab den Gendarmen daraufhin den Befehl, dafür zu sorgen, dass die Fahnen wieder „verhüllt“ werden. Das Festkomitee protestierte, kündigte an, Beschwerde beim Regierungspräsidenten einzulegen, wohl wissend, dass die Behörde die Position des Landrats teilte. Um 20 Uhr bewegten sich die Festteilnehmer in kleineren und größeren Gruppen zum Kesselbrink und nach Gadderbaum, wo bis in den Abend hinein gefeiert wurde. Als sie das „Weichbild“ der Stadt betraten, wurden sie von Gendarmen aufgefordert, sich ruhig zu verhalten und die Nachtruhe nicht zu stören.

1892 fiel der 1. Mai auf einen Sonntag. Da die Polizeibehörde einen „öffentlichen Aufzug“ gänzlich verboten hatte, fand die Maifeier in der „Wellmannsche Gartenwirtschaft“ in Gadderbaum statt. Zeitweise waren weder der dort vorhandene Saal mit Garten, noch das zusätzlich aufgestellte Zelt dem großen Andrang gewachsen. Bisweilen wurden mehr als 5.000 Menschen gezählt. In dem mit roten Parteifahnen geschmückten Saal „wechselten deklamatorische Vorträge mit den Liedvorträgen der drei Gesangvereine ‚Frischauf‘, ‚Teutonia‘ und ‚Deutsche Eiche I‘“ ab. Auch das Theaterstück „Der erste Mai“ wurde erneut aufgeführt. Die Vorträge betonten die Notwendigkeit eines Achtstundentages und die Rolle der Sozialdemokratie bei der Durchsetzung der Rechte der „Arbeiterklasse“. Dem liberalen Wächter war die Maifeier diesmal nur fünf Zeilen wert: „Die Maifeier der Socialdemokratie [sei] hier ohne Störung der öffentlichen Ordnung verlaufen.“

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Carl Severing (1875-1852). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-9-22

Bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte sich eine gewisse Routine bei der Organisation und Durchführung der Maifeiern. Die ausschließlich aus Sozialdemokraten zusammengesetzten Festkomitees organisierten in der Regel zwei Veranstaltungen. Die erste fand am Vormittag des 1. Mai statt und verstand sich als politische Kundgebung, indem sie die doppelte Bedeutung des Wortes ‚Feiern‘ betonte: Zum einen meinte der Begriff das gesellige Zusammensein, zum anderen aber auch die Arbeit niederzulegen; heute ist diese Bedeutung noch in dem doch sehr problematischen Begriff „krank feiern“ gegenwärtig. Da Demonstrationen am 1. Mai bis ins frühe 20. Jahrhundert verboten waren, luden die Komitees entweder nur zu einem politischen Vortrag in eine der größeren Hallen oder Wirtschaften ein, verbanden diese Veranstaltung aber zunehmend mit morgendlichen Spaziergängen oder gar Wanderungen, die, wie zum Beispiel am 1. Mai 1910, von Bielefeld nach Brackwede führten. An diesem Sonntagmorgen trafen sich „gut 6.000 Proletarier“ um 7 Uhr auf dem Kaiser-Wilhelm-Platz, wie der Kesselbrink kurzzeitig hieß, und begaben sich auf einem genehmigten „Maifestzuge“ durch die Niedern- und Obernstraße, über das Nebelstor zur Promenade und „durch die Berge nach Brackwede“. Dort versammelten sich schnell bis zu 10.000 Menschen, die in kleineren und größeren Gruppen verschiedene Wirtschaften aufsuchten. Der Amtmann von Brackwede hatte einen Umzug in seinem Bezirk verboten, da er „eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit“ befürchtete. Ohne diese Gefahr besonders zu spezifizieren, gab ihm Landrat Dr. August Beckhaus (1877-1945) recht. Mittags hielt der seinerzeit wohl charismatischste Bielefelder Sozialdemokrat Carl Severing (1875-1952) eine Festrede, bevor die Massen sich zunächst in lockeren Formationen, dann aber geordnet wieder nach Bielefeld auf dem Weg machte. Während in den 1890er Jahren verschiedene Redakteure der „Volkswacht“, wie Gustav Slomke (1861-1939) oder Carl Hoffmann (1857-1917) die Festrede hielten, war Severing seit 1905 der unumstrittene Hauptredner der Maifeier. Nur am 1. Mai 1914 wurde er von dem neuen Bezirksparteisekretär Carl Schreck (1873-1956) abgelöst. Vor dem Ersten Weltkrieg gelang es lediglich einmal, einen prominenten Reichstagsabgeordneten nach Bielefeld zu holen. Am 1. Mai 1894 hielt Wilhelm Liebknecht (1826-1900) die Festrede. Während der sonntägliche Umzug wegen der vorherrschenden Arbeitsruhe Tausende mobilisieren konnte, nahmen an den Werktagen zwischen 300 und 800 Menschen daran teil. Die Bielefelder Maurergesellen nahmen sich am 1. Mai häufiger frei, blieben aber 1901 der Demonstration fern, weil sie wegen des langen Winters nur wenig arbeiten konnten und auch im Frühjahr die „Geschäftskonjunktur“ schlecht war. Wenn um den 1. Mai herum gestreikt wurde, nahmen die Streikenden an dem Umzug teil oder gingen bereits vormittags zur politischen Kundgebung. Das war 1890 der Fall, aber auch 1896, als bei Dürkopp gestreikt wurde, und 1900, als sich 190 Streikende der Spinnerei Vorwärts dem Umzug anschlossen.

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Gruppenbild von der Maifeier im „Stillen Frieden“ u.a. mit Carl Severing (2. Reihe, fünfter von links) (1905). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 52-2-8

Die zweite Veranstaltung fand in der Regel nachmittags und abends statt, in manchen Jahren aber auch zeitversetzt am darauffolgenden Sonntag. Diese Feiern sprachen Arbeiterinnen und Arbeiter an, die nicht frei bekamen und ihren Arbeitsplatz nicht gefährden wollten, aber von Beginn an auch Familien; bei diesen Festen standen gesellige, unterhaltende Aspekte im Vordergrund. Natürlich wurden auch kürzere politische Vorträge gehalten, zudem schmückten rote Fahnen die Festhallen, Wirtschaften und Gärten und Lampions mit einer „demonstrativen 8“ warben für den Achtstundentag. Aber das Hauptprogramm wurde von Kapellen, Gesangs- und Arbeitersportvereinen gestaltet. Gesungen wurden Maienlieder, aber auch jedes Mal die Arbeiter-Marseillaise, ein heute fast unbekanntes Lied, das Jacob Audorf (1835-1898) 1864 für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zur Melodie der französischen Hymne geschrieben hatte. 1905 wurden im Waldlokal „Stiller Frieden“ sogar Erinnerungsfotos gemacht, die, so hoffte das Komitee, als eine „Neuerung im Maifeierprogramm […] hoffentlich ein ständiger Programmpunkt bleiben wird“. Die abendliche Maifeier war getragen von einer Arbeiterkultur, die sich als Gegenöffentlichkeit zur bürgerlichen Kultur verstand. Sie sollte das Gemeinsame betonen und für die Sozialdemokratie werben. Denn vor dem Ersten Weltkrieg waren Maifeiern nicht Protestformen der Gewerkschaften, sondern der politischen Arbeiterbewegung, und das war die Sozialdemokratie.

Daraus machten die Festkomitees keinen Hehl, und das war auch den Ordnungsorganen bewusst. Seit der ersten Maifeier verging kaum ein Jahr, in dem die Veranstaltungen nicht Schikanen ausgesetzt waren. Am häufigsten wurden die Umzüge verboten. Wenn aber hunderte Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem Industriegürtel rund um Dürkopp und Ravensberger Spinnerei nach Feierabend quer durch die Altstadt zu einem Lokal in Gadderbaum gingen, dann war das zwar kein geordneter Umzug, aber die „zwanglos in schönster Ordnung dahinziehenden Massen der Arbeiterinnen und Arbeiter gewährten einen imposanten Anblick.“ In anderen Jahren war zwar der Umzug erlaubt, aber die Kapellen durften nicht spielen, die Chöre nicht singen. 1898 verlangte die Polizei, dass während des Tanzens „die Festteilnehmer ihre Maifestzeichen und roten Schleifen abmachen“ und die roten Fahnen aus dem Lokal entfernt werden sollten. 1901 störte sich die Polizei in Brackwede an roten Schleifen, mit denen vor einem Lokal Tannen geschmückt worden waren. Diese mussten entfernt werden. In Schildesche verweigerte die Polizei Kindern den Zutritt zu einem Nachmittagsprogramm, das vor allem Kinder ansprechen wollte. Handelte es sich hier nur um Scharmützel, so ging der Landrat 1896 einen Schritt weiter: Er verbot schlechterdings den politischen Vortrag. Als 1910 der Umzug in Bielefeld erlaubt, in Brackwede aber verboten wurde, kritisierte die „Volkswacht“ diese „Spitze gegen die organisierte Arbeiterschaft“: „Was man Kriegervereinen und anderen, nicht sozialdemokratischer Gesinnung ziehenden Vereinigungen gestattet, wird den organisierten Arbeitern vorenthalten. Diese sind Bürger zweiter Klasse.“ Die „Obrigkeit“ schien der Aufhebung der Sozialistengesetze keine Bedeutung zuzumessen. Für sie waren Sozialdemokraten Revolutionäre und „vaterlandslose Gesellen“, deren Treiben Einhalt geboten werden musste. Sie konnte sich der Zustimmung großer Teile des Bürgertums sicher sein.

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Textilarbeiterinnen nehmen am Maiumzug im Johannistal teil (1919). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 52-2-6

Die politischen Kundgebungen der Maifeiern beschränkten sich nicht auf lokale Ereignisse, die Redner wiesen stets auf die soziale Lage der Arbeiterschaft in den Industrieländern hin, forderten Solidarität für Streikende in Belgien oder England. 1911, drei Jahre vor dem Krieg, stand die Rüstungspolitik im Mittelpunkt, die den Frieden und damit auch das Leben von Arbeiterinnen und Arbeitern gefährde. Die Resolution, die wie in den Jahren zuvor der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zugeleitet wurde, stellte den „Imperialismus“ an den Pranger. Darin hieß es: „Angesichts der Tatsache, daß der Imperialismus infolge seiner immer gemeingefährlicher werdenden Rüstungspolitik, die nicht nur die Kriegsgefahr steigert und am Marke der Völker zehrt, die Sozialpolitik nahezu zum Stillstand gebracht hat, erheben die Versammelten energischen Protest gegen die Rüstungen zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Sie wenden sich deshalb im Besonderen gegen die neuen Heeres- und Marinevorlagen, die dem Reichstag zur Beschlußfassung vorliegen.“ Die Unterzeichner der Resolution wollten „unermüdlich kämpfen […] gegen die Kriegshetzereien und Kriegsrüstungen.“ Drei Jahre später erlebte Bielefeld die bis dahin wohl größte Maifeier. An der abendlichen Demonstration beteiligten sich über 10.000 Menschen, die mit Fackeln und gleich vier Musikkapellen durch das Kamphofviertel und die Arbeiterviertel rund um den Siegfriedplatz zogen. Beeindruckt berichtete die “Volkswacht“: „Hier und da wurde ein Feuerwerk abgebrannt oder Raketen zum Steigen gebracht. In der Mellerstraße hatten die Bewohner der Häuserblocks des Konsumvereins für eine prächtige Farbenbegrüßung gesorgt. In der Arndtstraße kam aber erst der Clou des Umzuges. Das stolze Gebäude der ‚Volkswacht‘ war geschmackvoll illuminiert. Vor jedem Fenster standen Kerzenpyramiden, sodass über 800 Flämmchen hinausleuchteten und ein stilles Lichtmeer bildeten.“ In seiner Festrede erinnerte Carl Schreck an das „winzige Häuflein von Freiheitskämpfern“, die sich 1890 zum ersten Mal an einer Maifeier beteiligten.

Am 1. Mai 1914 hatte sich die Bielefelder Arbeiterbewegung zum letzten Mal als politische Einheit präsentiert. Drei Monate später befand sich Deutschland im Krieg. Der Kaiser beschwor, dass es nur noch Deutsche gäbe, die SPD stimmte im Reichstag den Kriegskrediten zu. Damit begann die Spaltung der politischen Arbeiterbewegung. Nach dem Krieg sollte sich das auch auf die Maifeiern auswirken.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Bielefelder Post (1891/92), Volkswacht (1890-1914), Der Wächter (1889-1902), Westfälische Zeitung (1890-1914)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 52-2-6, 52-2-8 u. 61-9-22
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,9/Plakatsammlung, Nr. 1340 u. 1341

Literatur

  • Brenneke, Gisbert/Klönne, Arno/Lienker Heinrich/Vogt, Willi (Hg.): „Es gilt, die Arbeit zu befreien“. Geschichte der Bielefelder Gewerkschaftsbewegung, Köln 1989
  • Ciftci, Ridvan/Heidemann, Karl-Gustav/Schrammen, Wilfried (Hg.): Gemeinsam für eine solidarische Gesellschaft. Schlaglichter aus 150 Jahren sozialdemokratischer Geschichte in Bielefeld, Bielefeld 2018
  • Ditt, Karl: Industrialisierung, Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung in Bielefeld 1850-1914, Dortmund 1982
  • Ritter, Gerhard A./Tenfelde, Klaus: Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871-1914, Bonn 1992
  • Vogelsang, Reinhard: Geschichte der Stadt Bielefeld. Bd. 2: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Bielefeld 1988
  • Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3: Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1849-1914, München 1995

 

Erstveröffentlichung: 01.05.2020

Hinweis zur Zitation:
Wagner, Bernd J., 1. Mai 1890: Erste Feiern zum internationalen Tag der Arbeit in Bielefeld, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2020/05/01/01052020, Bielefeld 2020

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