30. April 1990: Der Karikaturist Egon Körbi stirbt in Bielefeld

• Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

 

Nachrufe auf den Titelseiten der Tageszeitungen sind in der Regel nur der Prominenz aus Politik und Showbusiness vorbehalten. Am 1. Mai 1990 teilte der Chefredakteur der Neuen Westfälischen, Tim Arnold, auf der ersten Mantelseite mit, dass der langjährige und über die Stadtgrenzen hinaus bekannte NW-Karikaturist Egon Körbi am 30. April gestorben war. Zu dem Aufmacher gehörte an diesem Tag auch eine Karikatur von Körbi, wie er sich sah. In Bielefeld und in der Region war er vielen unter seinem Signum „ekö“ bekannt.

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Egon Körbi, wie er sich sah. Neue Westfälische vom 1. Mai 1990

Egon Körbi wurde am 17. Oktober 1920 in Lüdenscheid geboren. 1929 zogen seine Eltern nach Oerlinghausen. In dieser Stadt hatte sein Vater, ein gelernter Maschinenschlosser, auf der Gesellenwanderschaft eine Zeitlang gearbeitet, sich in die Tochter seines Meisters verliebt und geheiratet. Oerlinghausen sollte nun auch die Heimat der Familie sein. Nach der Schule absolvierte Egon Körbi dort eine Ausbildung zum Lithographen, die ihm aber, wie seine Biographin Gisela Burkamp berichtet, „wenig zusagte“. Im Zweiten Weltkrieg kam er als Soldat in Frankreich und im Mittelmeerraum zum Einsatz und geriet 1944 zunächst in englische, später in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Bereits im September 1944 erreichte er mit einem Transportschiff New York, von wo er zunächst in ein Kriegsgefangenenlager in Ohio verbracht wurde, später war er in Kentucky und Virginia interniert. Trotz Gefangenschaft konnte sich der künstlerisch begabte „prisoner of war“ Ölfarben kaufen und seine Bewacher und Mitgefangenen „in Öl“ porträtieren. Als Honorar erhielt er dafür die eine oder andere „Sonderration in Naturalien“.

Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft studierte Körbi seit 1946 vier Semester an der Bielefelder Werkkunstschule und besuchte die Graphikerklasse. Zu Beginn des Studiums wohnte er noch in Oerlinghausen und legte die tägliche Strecke nach und von Bielefeld mit dem Fahrrad zurück, 1947 zog er dann in die Turmstraße nach Bielefeld. Die Werkkunstschule musste er im Mai 1948 vorzeitig verlassen, weil er sich, wie viele seiner Zeitgenossen nach dem Krieg, die Schulkosten nicht leisten konnte. Das Schulgeld betrug je Semester 150 Mark.

#7
Die Karikaturenleiste auf der Titelseite der Neuen Westfälischen am 11. November 1989

Nach dem Studium folgte zunächst eine freiberufliche Tätigkeit, die ihm 1949 einen ersten Auftrag der „Freie Presse“ einbrachte. Die sozialdemokratische Tageszeitung war im April 1946 erstmals erschienen und gehörte mit der „Westfalen-Zeitung“ und dem „Volksecho“ zu den Bielefelder Tageszeitungen, die von der britischen Militärverwaltung nach dem Zweiten Weltkrieg eine Lizenz erhalten hatten. Für die Ausgabe am 16. Mai 1949 hatte Körbi einen Artikel über den Bielefelder Fußballverein DSC Arminia illustriert. Körbi zeichnete Arminia als eine junge Frau, elegant in knielangem Kleid und Fußballschuhen, die ihre Gegner zum „heißen Tanz“, manchmal gar auf glattem Parkett führte. Aus der damenhaften Gestalt entwickelte Körbi eine Sportlerin, die ein Trikot trug und anfangs athletisch, bald aber nicht selten verführerisch wie ein Model auf dem Laufsteg gezeichnet wurde. Damit war die Karikatur „Arminia“ geboren, die jeder auf den ersten Blick erkannte.

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Arminia versucht, die „Zebras“ vom MSV Duisburg wie in einem Rodeo zu bändigen. Neue Westfälische vom 5. Mai 1981

Seine zweite Karikatur war am 21. Mai 1949 bereits auf der Titelseite der Freien Presse zu sehen. Diesmal illustrierte er einen Artikel über undemokratischen „Wahlzwang“ in der SBZ, der Sowjetischen Besatzungszone. Die deutsche Teilung sollte sich bis zum „Mauerfall“ 1989 wie ein roter Faden durch seine Arbeit ziehen. Darüber wird noch zu berichten sein. In den 1950er Jahren illustrierte er Bücher, zeichnete für Gewerkschaftszeitungen, den „Demokratischen Aufbruch“ der SPD und steuerte 1962 auch eine ganze Serie von Karikaturen zum Landtagswahlkampf der Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen bei. Körbi war in seinen politischen Arbeiten sicher parteiisch, spitzte zu, was auch seine Aufgabe als Karikaturist war. Die Regierung des von 1958 bis 1966 amtierenden Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Franz Meyers (CDU), wurde von Körbi genauso aufs Korn genommen wie der Bundekanzler. So zeichnete nicht nur Körbi Konrad Adenauer (1878-1967) erkennbar als „den Alten“, womit der Karikaturist auch das Gestrige meinte, was der Popularität des ersten Bundeskanzlers aber nicht schadete. Im Gegenteil: Mit seinem Wahlslogan „Keine Experimente“ gewann die CDU bei der Bundestagswahl 1957 die absolute Mehrheit.

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1958 zollte Egon Körbi dem Bundeskanzler Respekt, der gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle (1890-1970) der deutsch-französischen „Erbfeindschaft“ ein Ende setzte. Freie Presse vom 29. November 1958

Einem größeren Publikum wurde Egon Körbi bekannt, als er 1963 einem Ruf von Fritz Pleitgen (geb. 1938) folgte und für die Fernsehsendung „Der Markt“ Karikaturen beisteuerte; Fritz Pleitgen, der von 1995 bis 2007 Intendant des Westdeutschen Rundfunks war, hatte sein Handwerk bei der Freien Presse gelernt. Für Körbi, der mittlerweile ein vollbeschäftigtes Mitglied der Redaktion der „Freien Presse“ und – 1967 nach der Fusion mit der „Westfälischen Zeitung“ – auch der „Neuen Westfälischen“ war, bildete die Arbeit für die Tageszeitung den Schwerpunkt seiner Tätigkeit. Er zeichnete für die Sport- und Lokalredaktion, trug Karikaturen zu nationalen Ereignissen und zur Weltpolitik bei, schuf sogar mit „Nessy und Wolf“ einen beliebten Comicstrip und beteiligte sich auch an der Werbung, wenn für Abonnements geworben, über die Produktion einer Tageszeitung oder die Aufgabe von Inseraten informiert werden sollte. Eine besondere Würdigung wurde ihm noch in den 1950er Jahren zuteil, als die „Freie Presse“ auf der ersten Seite ihrer Samstagsausgabe vier bis fünf Karikaturen in einer Leiste platzierte.

#4
Die Karikaturenleiste der Freien Presse am 18. Januar 1964: Vom Lungenkrebs bis zum Nahostkonflikt
#4a
Egon Körbi (1920-1990) am Zeichentisch; Foto ca. 1980

Dieser Aufmacher war so erfolgreich, dass auch die „Neue Westfälische“ daran festhielt. Die Karikaturen am Samstag sollten die wesentliche Höhepunkte der Woche widerspiegeln. Hier finden sich zahlreiche Karikaturen zur Bundespolitik, zum Ost-West-Konflikt bis zu den Unabhängigkeitsbewegungen Afrikas. Körbi reagierte dort pointiert auf den Vietnamkrieg und sensibel auf die Morde an den „Hoffnungsträgern“ wie John F. Kennedy, Robert Kennedy und Martin Luther King.

 

 

#5
Die Morde an John Fitzgerald und Robert Kennedy. Freie Presse vom 30. November 1963, Neue Westfälische vom 8. Juni 1968

Zu einem Thema könnte ein ganzes Buch mit Körbis Karikaturen gefüllt werden: die deutsche Teilung von 1949 bis 1989/90. Körbis Karikaturen spiegelten den Zeitgeist über 40 Jahre deutsch-deutsche Geschichte wider: Der Kalte Krieg, das Trauma des Mauerbaus vom 13. August 1961, die viel zu vielen Toten an der innerdeutschen Grenze, aber auch die Hoffnung, die mit der sozialliberalen Ostpolitik verbunden wurden. Wiederkehrende Themen waren die Wahlen vom „Wahlzwang“ 1949 bis zu den vorhersehbaren Wahlen in der Ära Honecker in den 1980er Jahren, bei denen das Überraschende nur noch die Zahlen hinter dem Komma waren. Den Schwerpunkt eines Körbi-Buches zur deutsch-deutschen Geschichte würden aber sicher der Bau der Mauer 1961 und der Fall derselben 1989 bilden. Schon in den 1950er Jahren hatte sich Körbi der Figur Walter Ulbrichts (1893-1973) bedient, der von 1949 bis 1971 Staatsratsvorsitzender der DDR war. Wohl kein anderer ostdeutscher Politiker wurde mehr verachtet, mit Hohn und Spott überschüttet, ja, auch gehasst wie Walter Ulbricht. Im August 1961 karikierte ihn Körbi als einen Verbrecher im gestreiften T-Shirt, der mit einem Maschinengewehr, einer Kalaschnikow, vor dem Brandenburger Tor steht. Diese Überspitzung der Realität, die eine Karikatur sein soll, fand mit Sicherheit ungeteilten Beifall. Vorher zeigten Karikaturen ihn als „Giftzwerg aus Pankow“, der seinem Meister, Nikita Chruschtschow (1894-1971), mit „Berlin Hetze“ versorgt. Und schließlich brachte Körbi die Überzeugung aller Menschen auf den Punkt, dass Ulbricht den Mauerbau, die Teilung Berlins, nicht allein ausführte, sondern der willige Helfer sowjetischer Politik war.

 

#6
Karikaturen zum Mauerbau in der Freien Presse vom 8. Juli (links) und 19. August 1961
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Der Karikaturist vor dem leeren Blatt; Karikatur von Egon Körbi

Der Fall der Berliner Mauer war im Sommer 1989 zwar noch nicht absehbar, Körbi nahm aber sehr sensibel die Veränderungen im „Ostblock“ war. Im Juli 1989 zeichnete er die KPdSU als einen Augiasstall, den Michail Gorbatschow (geb. 1931) mit der Politik der Perestroika auszumisten versucht. Für den Karikaturisten eine nur schwer zu erfüllende Aufgabe. Wenige Wochen später beschreibt eine Karikatur die Öffnung der ungarischen Grenze als ein „Sommerloch“ im Eisernen Vorhang. Im September zeichnet Körbi die Opposition in der DDR als einen Baum, der zwar von Erich Honecker (1912-1994) gefällt wird, aus dem aber immer neue Triebe wie das „Neue Forum“ sprießen. Nach Honeckers Rücktritt versprach am 4. November sein Nachfolger Egon Krenz (geb. 1937) den DDR-Bürgern, „unter bewährter Lenkung der Partei“ einen Kurswechsel des real existierenden Sozialismus. Dieser wird von Körbi als schrottreifer LKW gezeichnet, der an einem Abhang steht. Als am 9. November die Mauer geöffnet wurde, die ersten „Mauerspechte“ auf der Westseite mit Hammer und Meißel den Soundtrack zum Mauerfall lieferten, zeichnete Körbi die Bürgerbewegung als eine Lawine, die nicht mehr aufgehalten werden konnte. Das „System“ stand für den Karikaturisten mit dem Rücken zur Wand und konnte den Lauf der Geschichte nicht mehr mitbestimmen.

#8_Ausstellung
Ausstellungseröffnung am 22. September 2017 im Stadtarchiv; Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Körbi, der eigentlich schon im November 1985 in den Ruhestand getreten war, aber weiterhin die „Samstagleiste“ zeichnete, legte auch nach dem Mauerfall seinen Bleistift nicht beiseite. Wenn seine Karikaturen am Samstag fehlten, wussten seine Anhänger, dass „ekö“ im Urlaub war und Länder wie Dänemark, Irland, Kanada und die USA bereiste. Zu Hause, so berichtet Gisela Burkamp, zeichnete er nicht. Und schon gar keine Karikaturen. Dort malte er nach der Natur zum Beispiel „in Öl“. Am 30. April 1990 starb Egon Körbi in seinem 70. Lebensjahr. Das Stadtarchiv Bielefeld widmete dem großen Karikaturisten 2017 eine eigene Ausstellung.

Literatur

  • Burkamp, Gisela: Egon Körbi. Karikaturen von 1981, Bielefeld 1981
  • Dies.: Unterm Strich. Die achtziger Jahre in der Karikatur von Egon Körbi, Bielefeld 1991

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,16/Werkkunstschule, Nr. 23: Schülerlisten sowie Aufstellungen über Schulgeld (1946-1950)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Freie Presse (1949-1967), Neue Westfälische (1967-1990)

 

Erstveröffentlichung: 01.04.2020

Hinweis zur Zitation:
Wagner, Bernd J., 30. April 1990: Der Karikaturist Egon Körbi stirbt in Bielefeld, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2020/04/01/01042020, Bielefeld 2020

 

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