2. März 1943: Vor 75 Jahren wurden jüdische Menschen von Bielefeld nach Auschwitz deportiert

• Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek •

 

„Am Morgen des 2.3.1943 wurden mindestens 76 jüdische Lagerinsassen aus dem Lager Schloßhofstraße von Gestapobeamten bewacht durch die Stadt zum Güterbahnhof geführt, unter ihnen ca. 30 Frauen und 10 Kleinkinder. Beladen mit dem verbliebenen Hab und Gut fand diese entwürdigende Austreibung aus der Stadt vor den Augen der Bielefelder Bevölkerung statt. Am Güterbahnhof wurden die Menschen in Güterwagen getrieben, die Türen verschlossen und verriegelt. Ziel der Fahrt war […] Auschwitz. Einige von ihnen werden schon die Fahrt nicht überstanden haben. Wie können 2-jährige Kinder ohne Wasser auskommen?“

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Umbauplan für das Hauptgebäude Schloßhofstraße 73a vom 19.12.1939. Im ehemaligen Tanzsaal wurden 80 Betten für „ungefähr 100“ Menschen aufgestellt. Im ehemaligen Speisesaal konnten bis zu 66 Menschen untergebracht werden. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,5/Bauordnungsamt, Hausakten, Nr. 1700

Mit diesen Worten schilderte Monika Minninger das Grauen, das sich am 2. März 1943 in Bielefeld zutrug. An diesem Tag sind mindestens 229 Männer, Frauen und Kinder vom Bielefelder Bahnhof nach Auschwitz verschleppt worden. Es war bereits die fünfte Deportation, an deren Organisation  die Gestapoaußendienststelle Bielefeld seit 1941 beteiligt war. Am Anfang stand ein Führerbefehl, der von einem „Großschlächter des so genannten Dritten Reiches“, wie Hans-Ulrich Wehler Heinrich Himmler bezeichnete, in Umlauf gebracht worden ist. Himmler teilte am 18. September 1941 mit, dass der „Führer wünscht, daß möglichst bald das Altreich und das Protektorat vom Westen nach dem Osten von Juden geleert und befreit werden.“ Die Nazis wollten keine Zeit verlieren: Die erste Deportation „in die Gegend um Riga und um Minsk“ erfolgte bereits im Oktober 1941. Als am 13. Dezember 1941 das erste Mal jüdische Menschen vom Bielefelder Bahnhof nach Riga verschleppt wurden, waren bereits Zehntausende aus Deutschland und dem annektierten Österreich sowie dem „Protektorat Böhmen und Mähren“ deportiert worden.

Während die Gestapoleitstellen direkte Anweisungen aus dem Reichssicherheitshauptamt erhielten, lag es im Verantwortungsbereich der Außendienststellen, die Deportationen vor Ort zu organisieren. In Westfalen wurden die „Transportzüge der Reichsbahn“ von der Gestapoleitstelle in Münster eingesetzt, die Entscheidung, wer verschleppt werden sollte, wurde aber in den Außendienststellen zum Teil mit Unterstützung der örtlichen Einwohnermeldeämter und Polizei getroffen. Die Gestapoaußendienststelle Bielefeld, die ihren Sitz am Siekerwall hatte, war für den ehemaligen Regierungsbezirk Minden und die Länder Lippe und Schaumburg-Lippe zuständig. Bei den jeweiligen Deportationen wurden die lokalen Instanzen oft mehrere Wochen vorher informiert und aufgefordert, eine bestimmte Anzahl jüdischer Menschen nach Bielefeld zu bringen, wo sie in der Regel ein bis drei Tage in „Sammelstellen“ untergebracht und von der Bielefelder jüdischen Gemeinde verpflegt werden mussten. Die „Sammelstellen“ waren keineswegs in versteckten Winkeln der Stadt zu finden, sondern befanden sich, für alle Einwohner gut sichtbar in der Innenstadt: in der Gaststätte „Kyffhäuser“ am Kesselbrink und im Haus der Gesellschaft „Eintracht“ am Klosterplatz. Die Menschen, die verschleppt werden sollten, erhielten erst wenige Tage vor der Deportation Bescheid, dass sie für einen „Arbeitseinsatz im Osten“ vorgesehen seien und nur beschränktes Gepäck mitnehmen durften.

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Auszug aus dem Hausbuch „Schloßhofstraße 73 a“. Hinter dem Datum „2.3.43“ steht der handschriftli-che Vermerk „Osteinsatz unbekannt“. Unter den Verschleppten war auch Lotte Windmüller, die Ver-lobte von Paul Hoffmann. Schon 1942 wurden In-sassen des Lagers Schloßhofstraße nach Theresi-enstadt deportiert. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 21: Schloßhofstraße

So auch 1943. Paul Hoffmann erhielt die Nachricht am Abend des 26. Februar, dass das Lager Schloßhofstraße aufgelöst und sämtliche Insassen „nach dem Osten abgeschoben“ werden sollten. Hoffmann, der 1921 in Solingen geboren wurde, musste im Alter von 18 Jahren das Arbeitslager am Grünen Weg in Paderborn aufsuchen, bevor er 1940 dem Lager an der Bielefelder Schloßhofstraße zugewiesen wurde. Die Arbeitslager in Paderborn und Bielefeld, die von den Nazis euphemistisch als „Umschulungslager“ bezeichnet wurden, sollten schnellstmöglich aufgelöst werden. Dieser Entscheidung lagen neue Richtlinien für die „technische Durchführung der Evakuierung“ des Reichssicherheitshauptamtes vom 20. Februar 1943 zugrunde, die eine vorläufige Zurückstellung von jüdischen Zwangsarbeitern nicht mehr vorsahen.  Nur eine Woche nach diesem Erlass wurden zum Beispiel in Berlin im Zuge einer „Fabrikaktion“ jüdische Zwangsarbeiter an ihren Arbeitsplätzen verhaftet und nach Auschwitz verschleppt.

In der Gestapoaußendienststelle Bielefeld war Wihelm Pützer (1893-1945) der Leiter des Judenreferats, der alle Deportationen im östlichen Westfalen organisierte. Am 27. Februar 1943 gab er den Befehl, das „jüdische Arbeitseinsatzlager in Paderborn“ aufzulösen und deren Insassen und weitere Juden aus dem Sprengel bis zum 1. März, also zwei Tage später, nach Bielefeld zu bringen, wo sie „spätestens“ bis 13 Uhr im „Saal der Eintracht“ eintreffen mussten. Weiter heißt es: „Mitzubringen hat jede Person folgendes: Einen Koffer oder einen Rucksack mit ein Paar derben Stiefeln, 2 Paar Socken, 2 Hemden, 2 Unterhosen, 1 Arbeitsanzug, 2 Wolldecken, 2 Garnituren Bettzeug (Bezüge und Laken), 1 Essnapf, ein Trinkbecher, 1 Löffel und einen Pullover. Es ist streng darauf zu achten, dass nicht mehr mitgenommen wird. Außerdem noch für 3 Tage Marschverpflegung. Auch die Familienangehörigen mit Kindern sind mitzubringen und haben das Gepäck bei sich zu führen.“ Es sollte erst gar kein Zweifel darüber aufkommen, dass es sich um einen weiteren Arbeitseinsatz handelte. Auf eine Verschleppung in ein Vernichtungslager deuteten diese Regularien nicht hin. Pützer beauftragte die Gestapo in Paderborn, bei der Reichsbahn einen „Sonderwagen“ für den Transport zu beantragen, da ein Kontakt zur nichtjüdischen Bevölkerung unbedingt zu vermeiden war. „Es können bis Bielefeld Güterwagen sein“, hieß es lapidar in dem Fernschreiben. Ernst Michel aus Mannheim war 19 Jahre alt, als er in der Nacht zum 1. März mit fünfzig Leidensgenossen in einen von zwei „Viehwaggons“ steigen musste, mit denen sie von Paderborn nach Bielefeld fuhren: „Die Wagen waren komplett leer. Es gab kein Stroh. Einfach nichts. Man schloss die Türen. Es war dunkel. Nach langem Warten hängte man uns an. Plötzlich fuhr der Zug an, und langsam begann seine Fahrt, beladen mit seiner verängstigten menschlichen Fracht.“

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Das Haus der Gesellschaft Eintracht diente 1943 als Sam-melstelle jüdischer Menschen, die deportiert werden sollten (Fotograf: Lohöfener, 1930). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1196-18

Als die „Paderborner“ in Bielefeld eintrafen, wurden sie zunächst ins Gesellschaftshaus am Klosterplatz gebracht, wo bereits jüdische Menschen aus dem Arbeitslager Schloßhofstraße sowie aus dem gesamten Bezirk der Gestapoaußendienststelle untergebracht waren. Paul Hoffmann und seine Verlobte Lotte Windmüller teilten sich zum Beispiel die Garderobe des Vereinslokals mit einer Familie aus Warburg, mit Max und Grete Rosenstein sowie ihren fünf Söhnen im Alter von eineinhalb bis elf Jahren. Sie mussten alle die seit der ersten Deportation eingeübte Prozedur über sich ergehen lassen: Sie wurden einzeln aufgerufen und als „Reichsfeinde“ tituliert, deren Vermögen „zu Gunsten des Deutschen Reichs eingezogen wurde, sie mussten Bargeld, das sie bei sich trugen, aushändigen, genauso wie Schmuck und Uhren. Nur Eheringe sollten sie behalten. Eine Täuschung wie beim Gepäck; die Schergen fürchteten sich vor emotionalen Zusammenbrüchen.

Erst kurz vor der Abfahrt erfuhren sie, dass sie nach Auschwitz gebracht werden sollten. Ein Ortsname, der ihnen nichts sagte, wie Paul Hoffmann, der die Shoa überlebte, später seinem Sohn erzählte. Sie wurden „in geschlossene Güterwaggons ‚verladen‘“, die von außen verriegelt wurden,  und „saßen dicht gedrängt.“ Wer Glück hatte, konnte seinen Koffer als Sitzgelegenheit nutzen, andere mussten auf dem Boden Platz nehmen. „In einer Ecke des Waggons stand ein Eimer, den sie als Toilette benutzen sollten.“ Die erzwungene Preisgabe der intimsten Privatsphäre war für viele eine extreme psychische Belastung. Auch Ernst Michel erinnert sich: „Der Gestank von Urin und Exkrementen in den Waggons wurde unerträglich. Es existierte nichts Privates.“

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Das Einfahrtstor des Konzentrationslagers Auschwitz. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 95-13-86

Als der Zug am 3. März 1943 in Auschwitz ankam und die Türen geöffnet wurden, befahlen SS-Männer „in barschem Ton, sämtliches Gepäck im Waggon zurückzulassen, auch nichts in den Händen zu halten.“ In der Hölle von Auschwitz bedurfte es der Täuschung nicht mehr. Die extrem verängstigten Menschen wurden angebrüllt und zur Eile aufgefordert. Alles musste schnell gehen, auch die Trennung von Männern auf der einen und Frauen und Kinder auf der anderen Seite. Paul Hoffmann, der noch in Bielefeld erfahren hatte, dass seine in Solingen wohnende Mutter über Dortmund mit dem gleichen Zug deportiert werden sollte, versuchte, seine Mutter noch einmal zu erblicken und fand sie in Begleitung seiner Verlobten und ihrer Freundin namens Hanna Egert. Paul Hoffmanns Sohn Daniel schildert diese letzte Begegnung in seiner „Rekonstruktion aus dem Holocaust“: Paul Hoffmann „war froh darüber“, dass er seine Mutter in Begleitung von Hanna Eggert „antraf, denn Hanna, eine 20-jährige Berlinerin, kannte er als eine resolute und intelligente Frau. Die beiden jungen Frauen würden sich, wenn sie zusammenbleiben konnten, bestimmt gegenseitig unterstützen können, dachte er. Lotte zeigte keine Anzeichen von Furcht. Sie schien zuversichtlich zu sein. Lotte und mein Vater versprachen sich noch einmal, auch wenn sie getrennt würden, durchzuhalten.“

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Daniel Hoffmann hat über das Leben seines Vaters ein Buch geschrieben. Auf dem Umschlag sind Paul Hoffmann und seine Verlobte Lotte Windmüller abgebildet. Landesgeschichtliche Bibliothek, L Hof 304 Paul 1

Das Grauen von Auschwitz begann schon auf der Rampe. Max Rosenstein aus Warburg hielt seinen anderthalbjährigen Sohn Dany auf dem Arm, während seine Frau Grete sich um die anderen vier Söhne kümmerte, obwohl die SS den Befehl herausbrüllte, dass sich die Männer von den Frauen und Kindern trennen sollten. Als ein SS-Mann ihn mit seinem Sohn entdeckte, entriss er Max Rosenstein das Kind und schlug es mit dem Kopf gegen einen Masten. Als der Vater „mit einem Schrei losstürzte, um zu seinem Kind zu gelangen“, hielten Häftlinge ihn „gewaltsam zurück“. Max Rosenstein überlebte die Shoa. Seine Frau Grete und seine fünf Kinder wurden in Auschwitz ermordet.

Während Paul Hoffmann die Shoa überlebte, sind seine Verlobte Lotte Windmüller und ihre Freundin Johanna Kaufmann geborene Egert wahrscheinlich kurz nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet worden. Lotte Windmüller, am 22. Juli 1922 in Bielefeld geboren, hat ihren 21. Geburtstag wohl nicht mehr erlebt. Johanna Egert, am 6. April 1921 in Berlin geboren, wurde beim Bielefelder Einwohnermeldeamt als „staatenlose Polin“ jüdischer Konfession geführt. Sie war am 6. Februar 1941 zusammen mit Max Kaufmann aus Frankfurt/Main kommend dem Arbeitslager Schloßhofstraße zugewiesen worden. Am 24. März 1942 heirateten sie in Bielefeld. Beide wurden nach Auschwitz verschleppt, der Ehemann überlebte die Shoa.

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 21
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,5/Bauordnungsamt (Hausakten), Nr. 1700
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,110/Nachlass Monika Minninger, Nr. 7, 11
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung

Literatur

  • Hans Günter Adler, Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation von Juden aus Deutschland, Tübingen 1974
  • Alfred Gottwald/Diana Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005
  • Daniel Hoffmann, Lebensspuren meines Vaters. Eine Rekonstruktion aus dem Holocaust, Göttingen 2007
  • Joachim Meynert/Friedhelm Schäffer, Die Juden in der Stadt Bielefeld während der Zeit des Nationalsozialismus, Bielefeld 1983
  • Monika Minninger/Joachim Meynert/Friedhelm Schäffer, Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-1945. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale, Bielefeld 1985
  • Margit Naarmann, Ein Auge gen Zion. Das jüdische Umschulungs- und Einsatzlager am Grünen Weg in Paderborn 1939-1943, Paderborn 2000.
  • Bärbel Sunderbrink (Hg.), Der Schloßhof. Gutshof, Gasthaus, Jüdisches Lager, Bielefeld 2012
  • Bernd J. Wagner, Deportationen in Bielefeld und Ostwestfalen 1941-1945, in: Jupp Asdonk et al (Hg.), „Es waren doch unsere Nachbarn!“ Deportationen in Ostwestfalen-Lippe 1941-1945, 2. Auflage, Essen 2014, S. 70-127
  • Hans-Ulrich Wehler, Der Nationalsozialismus. Bewegung, Führerherrschaft, Verbrechen, München 2009

 

Erstveröffentlichung: 1.3.2018

Hinweis zur Zitation:
Wagner, Bernd J., 2. März 1943: Vor 75 Jahren wurden jüdische Menschen von Bielefeld nach Auschwitz deportiert,
https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2018/03/01/01032018, Bielefeld 2018

 

 

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