4. Februar 1943: Stalingrad-Reaktionen in Bielefeld

• Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek •

 

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Die martialische Berichterstattung infor-mierte im Januar/Februar 1943 über Sta-lingrad; Westfälische Neueste Nachrich-ten v. 4. Februar 1943

Über Wochen hinweg hatten die Bielefelder den Niedergang der 6. Armee und ihrer Verbündeten bei Stalingrad anhand der Berichterstattung in den Zeitungen halbwegs nachempfinden können. Am 4. Februar 1943 dann die am Vortag übers Radio gesendete bittere Gewissheit: „Das Heldenepos von Stalingrad fand sein Ende – Getreu bis zum letzten Atemzuge“, titelten die Westfälischen Neuesten Nachrichten. Trost oder gar Zuversicht konnte in pathetischen Schlagzeilen und Berichten dieser Art nur der überzeugteste Nationalsozialist finden. Die Angehörigen der Verwundeten und Vermissten, Gefallenen und Gefangenen hatten allenfalls eine Ahnung vom Schicksal ihrer Männer, Brüder und Väter – das der russischen Bevölkerung und Soldaten interessierte kaum jemanden.

 

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Eduard Schoneweg gewährt in der Bielefelder Kriegschronik Einblicke in die Stimmung der Bevölkerung; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 7 (1943

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 war der Vorstoß auf Moskau an Widerstand und Winter gescheitert. Neues operatives Ziel war für 1942 ein Vorstoß Richtung Kaukasus im Südosten, um die dortigen Erdölfelder zu sichern. Nicht allein ein Etappenziel war dabei Stalingrad, weniger wegen des symbolträchtigen Namens, der 1925 verliehen worden war, sondern als westlich vorgeschobener neuralgischer Punkt oberhalb des sog. Wolgaknies, wo der Nachschub über diese Wasserstraße hätte abgeschnürt werden können. Mit einer Preisgabe der rund eine Million Einwohner zählenden Industriemetropole war kaum zu rechnen, obwohl später große Teile der Rüstungsproduktion evakuiert wurden. Der Ende Juni 1942 eröffnete Vorstoß unter Oberbefehlshaber Generaloberst Friedrich Paulus (1890-1957) wurde verhältnismäßig rasch vorgetragen, wenngleich die Wehrmacht an der Ostfront gegenüber dem Vorjahr erheblich an Substanz eingebüßt hatte. Konnten beim Überfall noch 64 % der eingesetzten Divisionen als vollkommen intakt eingestuft werden, waren es wenige Monate vor der Operation „Braunschweig“ (ursprünglich „Blau“) gerade noch 5 %. Zugleich war das erfahrene deutsche Offizierskorps beträchtlich dezimiert worden. Während die Verluste der Wehrmacht nicht mehr ohne weiteres oder allenfalls durch verbündete Truppen auszugleichen waren, konnte die durch Gefallene und Gefangene ungleich stärker getroffene Rote Armee immer wieder neue Reserven in das Geschehen werfen, die bei infanteristisch schlechter Ausbildung und Ausrüstung stets in der Überzahl waren. Die quantitative Überlegenheit der Russen mit Panzern, Geschützen und Flugzeugen sollte bald nicht erahnte Dimensionen annehmen.

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Seitenweise nahm die Kriegschronik To-desanzeigen für Gefallene auf; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 7 (1943)

Ende August bombardierte die deutsche Luftwaffe erstmalig Stalingrad, dessen Bevölkerung erst später größtenteils evakuiert wird. Dennoch hielten Tausende Bewohner bis zum Ende der Gefechte unter unmenschlichen Bedingungen in den Ruinen aus. Anfang September 1942 drangen erste Wehrmachtseinheiten in Vororte ein, bis Mitte November waren in einem erbarmungslosen, als „Rattenkrieg“ bezeichneten Häuserkampf rund 90 % der Stadt eingenommen. Während die Wehrmachtseinheiten die Speerspitze des Angriffs bildeten, sollten die schwächer ausgerüsteten Kontingente der Verbündeten Italien, Kroatien, Rumänien und Ungarn mit Unterstützung deutscher Verbände die überdehnten und ausgedünnten Flanken sichern. Hier setzte die Operation „Uranus“ der Roten Armee bevorzugt an, um den Großverband mit 300.000 Soldaten innerhalb von vier Kampftagen bis zum 22. November 1942 vollständig einzukesseln. Eine russische Gegenoffensive dieses Ausmaßes hatte die Wehrmachtsführung für unmöglich gehalten. Der Kampfwille der Verteidiger, die Leistungsfähigkeit der Rüstungsindustrie und die ungeheuren Reserven waren nicht erkannt, seltene Hinweise darauf ignoriert worden. Die von Hermann Göring (1893-1946) als umfassend angekündigte Luftbrücke schaffte in den folgenden Wochen kaum 20 % der benötigten Versorgung in den Kessel. Ein aus Südwesten vorgetragene Entsatzversuch („Wintergewitter“) scheiterte am sowjetischen Widerstand. Die Rote Armee zog den Ring immer enger und drängte die Wehrmacht und verbliebenen Verbündeten immer weiter an die Wolga zurück. Zwischen Paulus´ erfolglosen Anträgen auf Handlungsfreiheit für einen Ausbruch und Hitlers Haltebefehlen wurde die 6. Armee schrittweise aufgerieben.

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Die Kriegssterbefallanzeigen der damaligen Wehrmachtsauskunftsstelle wurden vom Standesamt gesammelt; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,23/Kriegssterbefallanzeigen, Nr. 400,30

Den Bielefelder Museumsleiter und überzeugten Nationalsozialisten Eduard Schoneweg (1886-1969) beschlichen schon am 8. Januar 1943 erste Zweifel, als er in der städtischen Kriegschronik festhielt: „In Bielefeld geht das Gerücht von der Einschliessung von der ersten [sic!] deutschen Armee bei Stalingrad durch die Russen um. Ob das wahr ist? Tatsächlich kommen zahlreiche Pakete von Bielefelder Soldaten, die dort stehen, zurück, und zwar ohne jede Angabe ob die Betreffenden gefallen oder verwundet sind. Die Verluste im Osten müssen sehr gross sein.“ Offensichtlich hörte die Bevölkerung von Fronturlaubern mehr als Radio und Zeitungen häppchenweise preisgaben. Nachrichten aus dem Kessel waren selten. Obergefreiter Erich Kötterheinrich schrieb am 13. Januar 1943 an Verwandte in Bielefeld: „Wir sind auch schon wieder seit dem 19.11.42 eingeschlossen und haben seid dem Tage an eine sehr dünne Verpflegung. […]  Zu Mittag ist das Essen eine sehr dünne Suppe. Morgens essen wir unsere 3 Schnitten Brot mit Belag und von Mittag 12 Uhr bis andere Morgen 9 Uhr leben wir von der Luft. Das geht nun schon 2 Monate so. Alle Verpflegung und Nachschub muss aus der Luft herbeigeschafft werden. […] Wie weh der Hunger tut das habe ich ja zu genüge gelernt. […] Wir haben schon schwere Kämpfe zu bestehen gehabt. Schon 2mal haben wir ausreissen müssen ohne noch etwas mitnehmen zu können nur das Leben retten können. Einmal bin ich verwundet worden, aber zum Glück nicht schlimm. […] All das was man erlebt hat und die Eindrücke kann man nicht brieflich niederlegen, das läßt sich besser erzählen. Hoffe ja bald, das wir hier bald befreit werden und dass es dann den langersehnten Urlaub gibt.“

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Ernüchterung machte sich Ende Januar 1943 nicht nur bei Eduard Schoneweg breit; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 7 (1943)

Am 23. Januar 1943 ergänzte Schoneweg: „Auf dem Wege zum Dienst sah ich heute manches besorgte Gesicht von Männern und Frauen, die wahrlich keine Kopfhänger und Miesmacher sind. Längst sprach man in den letzten Wochen von einer eingeschlossenen Armee bei Stalingrad. Aus diesem ´Kessel´ gelangten auch Briefe nach Bielefeld, in denen deutsche Soldaten mitteilten, man ginge dazu über, die Pferde zu schlachten. Ich habe selbst solche Briefe gelesen. Auch einen sehr besorgten Vater sprach ich, dessen Sohn mit eingeschlossen ist. […] Es ist nötig, dass wir unsere Herzen stark machen. Immer wieder spreche ich den leicht verzagten Leuten gut zu. Tatsache aber ist, dass die Stimmung in allen Kreisen der Bielefelder Bevölkerung sehr ernst geworden ist. Wenn man abens zu Bett geht, liegt man schlaflos, weil die Gedanken von unseren ´armen Jungens´ nicht los kommen. Wieviele Tragödien mögen sich in dem ´Kessel´ abspielen. Nicht auszudenken! Auch in den elektrischen Strassenbahnen unterhält man sich von dem Untergang der Helden von Stalingrad. Eine alte Mutter sah ich schluchzen: ´Use Fritz is auk dabui.´ [Unser Fritz ist auch dabei]“

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Der 10. Jahrestag der „Machtergreifung“ stand auch unter dem Eindruck von Stalingrad; Westfälische Neueste Nachrichten v. 30./31. Januar 1943

Die Bielefelder Tageszeitungen druckten nahezu täglich Todesanzeigen gefallener Soldaten und SS-Männer ab, die ganz überwiegend „im Osten“ gefallen waren. Gelegentlich wurden Orte genannt: Charkow, Leningrad oder auch Stalingrad. Formulierungen wie „bei den schweren Abwehrkämpfen“ deuten an, dass die Rote Armee die Initiative übernommen hatte. Die Kriegssterbefallakten des Standesamts nennen 1943/44 diverse Orte auf dem „östlichen Kriegsschauplatz“, die auch in der Region Stalingrad zu finden sind. Stalingrad selbst erscheint nach November 1942 selten, denn nach der Schließung des Kessels gelangten auch die Meldungen über den Kriegstod kaum noch an die damalige Wehrmachtsauskunftsstelle, da die Postverbindungen zusehends erschwert waren. Erich Mönkemann war 1923 in Milse geboren und zuletzt Fabrikarbeiter gewesen. In Stalingrad setzte man ihn mit seiner Pionier-Einheit vor allem im erbarmungslosen Häuserkampf ein. Er fiel am 25. November 1942, bevor sein Pionier-Bataillon 71 in den Wochen danach im Kessel unterging. Sein Schicksal konnte verhältnismäßig früh geklärt werden, manche sind es bis heute nicht.

Schoneweg und vielen Zeitgenossen war klar, dass die 6. Armee an der Wolga nicht mehr zu retten war. Nachdem die Westfälischen Neuesten Nachrichten am 25. Januar 1943 das Drama in großen Schlagzeilen („Gegen Natur und Uebermacht – Das Heldenepos von Stalingrad“) auf die Titelseite gebracht hatten, schrieb er zwei Tage später unmissverständlich: „Die Tragödie von Stalingrad geht ihrem Ende entgegen. Die 6. Armee ist nicht mehr. Die Eingeschlossenen verkaufen ihr Leben so teuer wie möglich, das geht aus den Berichten des Führerhauptquartiers hervor. Das ist das Thema, worüber man in Bielefeld allgemein spricht. Es wird darüber debattiert, wie diese Einkesselung einer Armee überhaupt möglich war. Mancher äussert Ansichten, die von Sachkenntnis nicht getrübt sind. Die Alles- und Besserwisser machen sich breit. Die Angehörigen der Eingeschlossenen dulden still, das habe ich mehrfach beobachtet.“ Bemerkenswert ist die Offenheit des Kriegschronisten, der unbefangen Hinweise auf miterlebte Gesprächen voller Zweifel an Front, Führung und Führer gibt. Diese Inhalte waren eigentlich dazu angetan, die Beteiligten als Defätisten zu denunzieren – das hat Schoneweg immerhin nicht getan, wiewohl er stets eine Regimetreue offenbarte. Stalingrad war auch ein Stichwort in der Berichterstattung zum 10. Jahrestag der „Machtergreifung“ von 1933. Die Westfälischen Neuesten Nachrichten machten keinen Hehl aus der militärischen Lage: „Nicht nur gegen eine Uebermacht, sondern gegen Hunger, Kälte und Schnee, ohne Aussicht auf irgendeine Hilfe oder Rettung von außen“. Dass ein Gegner militärisch überlegen war, musste schon als schlimm genug empfunden werden. Aber wie konnte es sein, dass deutsche Soldaten froren und hungerten? Reichte die Luftbrücke etwa nicht aus? Warum war keine Rettung mehr möglich? Wer trug die Verantwortung für Ausrüstungs- und Versorgungsmängel und vor allem strategische Fehleinschätzungen?

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Alexander Edler von Daniels (1891-1960), der in Bielefeld Regimentskom-mandeur gewesen war, kapitulierte 1943 mit seiner Division in Stalingrad; Westfälische Neueste Nachrichten v. 19. November 1938

In einer westlichen Frontausbuchtung des am 22. November 1942 bei Kalatsch geschlossenen Kessels, war die 376. Infanteriedivision der Wehrmacht eingesetzt. Divisionskommandeur war der am 1. Dezember 1942 zum Generalleutnant beförderte Alexander Edler von Daniels (1891-1960). Als ihm bald darauf das Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz verliehen wurde, gratulierte der Bielefelder Kreisleiter Karl Heidemann (1895-1975) noch schriftlich, schließlich war von Daniels 1938 Chef des Infanterieregiments 18 geworden, das in Bielefeld stationiert war. Auch Oberbürgermeister Fritz Budde (1895-1956) beglückwünschte den General und gab Ende Dezember 1942 der Hoffnung Ausdruck, „ dass Ihnen auch weiterhin recht gute Erfolge und alles Soldatenglück beschieden sein möchten“. Mit seiner Familie hatte von Daniels von 1938 bis 1941 im Albrecht-Delius-Weg 3 gewohnt, eine Adresse, unter der seinerzeit wiederholt ranghohe Garnisonsoffiziere gemeldet waren. Nach Kriegsausbruch 1939 war er umgehend an verschiedenen Fronten eingesetzt, weshalb seine Familie 1941 nach dem Rittergut Stemmen bei Barsinghausen verzog, woher seine Ehefrau Elma von Daniels geb. von Rössing stammte. In der Adventszeit 1942 hatte von Daniels in seinem Befehlsbunker bei Stalingrad einen Weihnachtsbaum aufgestellt und eine Krippe eingerichtet. Dekoriert war diese mit einem Foto seines soeben geborenen Sohnes – das „Kesselkind“, wie er es nannte. An seine Frau schrieb er einen sentimental-entschlossenen Feldpostbrief: „Jeder versuchte jedem eine kleine Freude zu machen. Es war wirklich erhebend, diese wahre Frontkameradschaft in dem Unterstand zu erleben.“

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Ein Glückwunsch des Oberbürgermeisters Fritz Budde zum Ritterkreuz erreichte Generalleutnant von Daniels im Kessel; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 6 (1942)

Die zahlreichen Briefe in Tagebuchform, die von Daniels in die Feldpost gegeben hatte, sollten seine Familie indes nie erreichen. Mit Tausenden anderen Briefen aus dem Kessel gerieten sie in die Hände der Roten Armee, die am 25. Januar 1943 die deutsche Front bis zur Wolga durchbrach und einen Nord- und einen größeren Südkessel bildete. Edler von Daniels kapitulierte mit den Resten seiner weitgehend zerschlagenen Truppen am 31. Januar 1943. Ein Divisionsoffizier erinnerte sich später: „Ein Mensch, der in einer schlimmen aussichtslosen Situation ist, empfindet nicht mehr wie ein normaler Mensch all den Schrecken, jede Qual. Man erlebt noch Augenblicke, aber alles andere ist Lethargie.“ Am Tag nach der Übergabe berichtete die Westfälische Zeitung mit der Schlagzeile „Bewährte Offiziere“ eher zufällig auch über von Daniels jüngste Ernennung und Auszeichnung. Kriegschronist Schoneweg ergänzte am 2. Februar 1943 ohne Kenntnis der inzwischen vollständigen Kapitulation der 6. Armee: „[…] Edler Daniels ist mit vielen Soldaten westfälischer Regimenter in dem Kessel von Stalingrad eingeschlossen. Die 6. Armee geht ihrer grauenvollen Vernichtung entgegen. Die ernüchternden Berichte aus dem Führerhauptquartier werden besonders von den Bielefeldern, die Angehörige im Kessel haben, am Rundfunk gehört und in den Zeitungen gelesen“.

Ein sowjetischer Verhöroffizier brachte den gefangenen Generalleutnant von Daniels mit der eingestreuten wortwörtlichen Erwähnung des „Kesselkindes“ aus dem Gleichgewicht. Dankbar nahm der prominente Gefangene das Angebot an, die persönlichen Briefe nach seiner Entlassung mitnehmen zu dürfen, wozu es wohl nicht gekommen ist. In der Kriegsgefangenschaft schloss sich von Daniels regimekritischen Bestrebungen ehemaliger Wehrmachtsangehöriger an. Anfang September 1943 wurde er zum Vizepräsidenten des Bundes deutscher Offiziere (BDO) gewählt und nur wenige Tage zum Vizepräsidenten vom Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) ernannt. Aus der Gefangenschaft kehrte er am 13. Oktober 1955 wieder nach Bielefeld zur Familie zurück, erlebte wegen seiner Haltung wiederholt Ausgrenzung und Anfeindungen, wie seine Tochter berichtet. Alexander Edler von Daniels starb am 6. Januar 1960 in Bielefeld. Einen Nachruf druckte allein die Westfälische Zeitung unter der Schlagzeile „Ein erfülltes Soldatenleben“ (war es das etwa?) ab, ohne seine antifaschistische Tätigkeit ab 1943 zu erwähnen. Spiegelt dieser Artikel in Kombination mit der Nichterwähnung in den beiden anderen Bielefelder Tageszeitungen die gesamte Bandbreite des Umgangs mit der Wehrmachtsvergangenheit wieder: von einer aus heutiger Sicht naiven Unbefangenheit gegenüber einer Lebensleistung eines Soldaten über die Vermeidung jeglicher Erinnerung an einen General einer verbrecherisch eingesetzten und z. T. auch so eingestellten Armee bis hin zum Glauben, es handele sich aufgrund seines Seitenwechsels in Gefangenschaft um einen eidbrüchigen „Vaterlandsverräter“?

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Als Bielefelder Zeitungen noch über Auszeichnungen und Beförderungen von Daniels berichteten, saß dieser bereits in russischer Gefangenschaft; Stadtarchiv Bielefeld, Be-stand 300,10/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 7 (1943)

Stalingrad war Mitte Januar 1943 zum Hauptthema einer gewandelten, weiterhin grellen NS-Propaganda, die auch in den Bielefelder Tageszeitungen aus den deutschen Angreifern des Herbstes 1942 ab der Jahreswende Verteidiger eines „Neuen Europas“ zu machen suchte, die in „schweren [und bald darauf „schwersten“] Abwehrkämpfen“ gegen den „Bolschewismus“ standen – „Jeder Mann eine Festung“. Sie nämlich hätten an der Wolga über Wochen hinweg eine sowjetische „Uebermacht“ (was ebenfalls ein Eingeständnis war) gebunden und dieser nachhaltige Verluste beigebracht. Die Westfälischen Neuesten Nachrichten druckten am 5. Februar 1943 einen für diese Haltung so typischen Kommentar des „Das Reich“-Redakteurs Dr. Heinrich Goitsch (1905-1946) ab: „Europa begreift also, daß der Opfergang von Stalingrad ein hoher Beitrag besten deutschen Blutes für die Zukunft des ganzen Kontinents ist. Stalingrad war eine vom Schicksal vorgesehene Bedingung für den endgültigen Sieg über den Bolschewismus!“ . Wer die Entwicklungen indes genauer beobachtet hatte, musste sich fragen, warum es den Achsenkontingenten nicht gelungen war, die Stadt nach einer – vielleicht auch behaupteten –  Zerstörung von Industrieanlagen wieder zu verlassen. Für einen solchen taktischen Rückzug, der vor allem Menschenleben gerettet hätte, war bereits eine entsprechende Sprachregelung vorgeschlagen worden. Wenige Tage nach der Kapitulation in Stalingrad bat Schoneweg die städtischen Dienststellen, ihn bei der Anlage der Kriegschronik zu unterstützen: „So wichtig Zahlen und Statistiken sein können, so sind sie bei der Abfassung einer Chronik nicht der Weisheit letzter Schluß. Bedeutsamer für die Zukunft ist es z.B., zu zeigen, wie sich der Krieg in volkspsychologischer und soziologischer Weise auswirkte.“ Eine derartige Sammlung und vor allem doch recht anspruchsvolle Interpretation der jeweiligen Darstellungen hatte der studierte Volkskundler Schoneweg hier und da bereits eingestreut und behielt sie sich offensichtlich selbst vor. Schoneweg sah sich wohl aufgrund seines Aufsatzes über Soldaten aus der Region im Ersten Weltkrieg für Weiteres qualifiziert. Doch es gab auch Ereignisse, die Schoneweg nur wiedergeben, aber nicht kommentieren konnte. Am 5. April 1943 verübte Jenny Bellingrodt in Bielefeld Selbstmord, weil sie ihren Ehemann in Stalingrad gefallen glaubte. Sie hinterließ zwei minderjährige Kinder, die nach Schwelm zu Verwandten gebracht wurden. Tatsächlich war Johannes Bellingrodt nicht in Stalingrad eingesetzt und auch nicht dort gefallen, sondern später an der Ostfront in Kriegsgefangenschaft geraten, aus der er 1945 freikam und nach Deutschland zurückkehrte.

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Tragische Ereignisse wie den Selbstmord einer vermeintlichen Soldatenwitwe kommentierte Schoneweg nicht: Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 7 (1943)

Schoneweg schilderte weiterhin unbefangen über Gespräche in der Bevölkerung (10. Februar 1943): „Auffallend bleibt der gewaltige Unterschied in der Stimmung derer, die von der Front kommen und die Stimmung vieler Leute in der Heimat. Pessimistische Gedanken über einen möglicherweise unglücklichen Ausgang des Krieges hört man jetzt z.B. auch von solchen Leuten, die vor Monaten ganz anders dachten.“ Erneut kamen ihm Inhalte zur Kenntnis, die als „Wehrkraftzersetzung“ hätten verfolgt werden können (12. Februar 1943): „Die durch das Unglück von Stalingrad – Untergang der 6. Armee – unter den Bielefeldern hervorgerufene gedrückte Stimmung scheint sich etwas zu heben. Man gewinnt vertrauen und glaubt wieder, dass die Angriffe im Osten zum stehen kommen und daß die Front halten wird. Es ist eigenartig zu beobachten, wie jeder Bielefelder sein eigenes Wesen in die Beurteilung der grossen Geschehnisse trägt. Geborene Pessimisten und Neinsager machen nicht einmal halt in ihrer Kritik gegenüber dem Führer, und man muss sie schon unter Hinweis auf die gewaltigen Leistungen der Wehrmacht sehr kräftig darauf aufmerksam machen wie tief wir überall im feindlichen Lande stehen.“ Stalingrad wurde vom Regime zum Mythos umgewidmet, als Fanal für den vom Propagandaminister  Joseph Goebbels (1897-1945) bald ausgerufenen „Totalen Krieg“. Regime und Bevölkerung mussten aber im Folgejahr lernen, dass Stalingrad nicht die schlimmste Schlachtenniederlage der Wehrmacht bleiben sollte. Im Sommer 1944 zerschlug die personell und technisch überlegene Rote Armee die Heeresgruppe Mitte vollständig. Während der Operation „Bagration“ verlor die Wehrmacht innerhalb von acht Wochen rund 400.000 Soldaten, davon 26.400 Gefallene und eine Viertelmillion Kriegsgefangene. Dass die Russen diesen Erfolg wie in Stalingrad erneut mit deutlich höheren Verlusten (178.800 Gefallene) teuer erkauften, wird dabei häufig übersehen.

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Stalingrad dominierte eine gewandelte Pro-paganda; Westfälische Zeitung v. 4. Februar 1943

Stalingrad war, ist und bleibt ein Schauplatz der Erinnerung, literarischer und medialer Aufmerksamkeit. Als Wolfgang Borchert den 1945 erstveröffentlichten Stalingrad-Roman von Theodor Plievier (1892-1955) besprach, verdichtete er das in einige Vokabeln im Stakkato, die nicht ergänzt werden müssen: „Und die Steine heißen Hunger, Schrei, Schmerz, Tod. Heißen Eissturm, Eiter, Einschlag. Heißen Heldentum und Kannibalismus, Elend und Qual, Lüge, Selbstmord und Gehorsam. Und sie heißen Blut und Kot und Schnee, Preußens Gloria und Viehtreiben. Und alle zusammen heißen: Hitler! Heißen Stalingrad!“

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.23/Standesamt, Kriegssterbefälle, Nr. 400,30: Kriegssterbefälle Bielefeld, Zweiter Weltkrieg, Nr. 1131-1392, Nr. 1164 (Erich Mönkemann)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Militärgeschichtliche Sammlung, Nr. 6-15: Materialien der Stalingrad-Ausstellung des Stadtarchivs Bielefeld, 1993
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 6 (1942) und 7 (1943)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermannsammlung, Nr. 75: Militärisches, 1938-1942
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen

Literatur

 

Erstveröffentlichung: 1.2.2018

Hinweis zur Zitation:
Rath, Jochen, 4. Februar 1943: Stalingrad-Reaktionen in Bielefeld,
https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2018/02/01/01022018, Bielefeld 2018

 

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