1. Januar 1818: Im Kreis Bielefeld sollen Amtschroniken begonnen werden

• Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek •

 

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Am 12. Dezember 1817 ordnete die Regierung Minden die Anlage von „Chroniken-Büchern an, die am 1. Januar 1818 be-gonnen werden sollten; Stadtarchiv Bielefeld, Be-stand 100,2/Ältere Akten, Nr. 147

Das hatte den örtlichen Verwaltungschefs kurz vor Jahresende 1817 noch gefehlt: Eine Anweisung des Regierungspräsidenten in Minden, die innerhalb von acht Tagen umzusetzen war. Alle Städte und Ämter im Regierungsbezirk waren aufgefordert, in dieser kurzen Frist ein Chronikbuch zu beschaffen und ab dem 1. Januar 1818 jährlich mit Inhalten zu den örtlichen Verhältnissen zu füllen, dazu einen Vorspann der Ereignisse von 1800 bis 1817 inklusive Statistikteil zu liefern, der den erkennbar höchsten Rechercheaufwand erforderte. Mit verhaltenem Elan gingen die meisten Beamten deshalb an die neue Aufgabe und kein Verwaltungsleiter des Kreises Bielefeld sollte die engen Terminvorgaben erfüllen. Die Chroniken von Schildesche und Dornberg wurden 1826 gemeinsam eingereicht, Heepen und Jöllenbeck folgten jeweils separat gar erst 1842, Bielefeld legte, trotz mehrfacher Mahnungen, die den Bürgermeistern gelegentlich peinlich gewesen zu sein schienen, eine Chronik in der geforderten Form sogar niemals vor. Die regelmäßigen Aufforderungen waren, so Bürgermeister Ernst Friedrich Delius (1790-1831) 1829, „seit Jahr und Tag […] im höchsten Grade unangenehm und ein wahrer Schrecken“. Heinrich Mumperow (17??-1832), der zwischen 1813 und 1832 in Brackwede amtierte, wird als erster (und vielleicht sogar fristgerecht) eine ausgedehnte Chronik vorgelegt haben.

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Eine idyllische Ostansicht von Bielefeld; kolorierter Stahlstich von Johann Poppel (1807-1882) nach einem Gemälde von Theo-dor Walther und Ludwig Wahrens (um 1781-1870), ca. 1840; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 438

Mit Pathos hatte die Regierung zur Führung der Amtschroniken aufgerufen, nachdem die als Joch empfundene napoleonische Fremdherrschaft abgeschüttelt worden war und gerade die „Befreiungskriege“ einer Darstellung bedurften: „Ein edles und aufgeklärtes Volk wird stets darauf halten, daß es den ihm zukommenden Platz in der Geschichte behaupte, es wird deshalb die Schicksale der lebenden Generation nicht unter dem Gesichtspunkte einer vorüber eilenden Erscheinung, sondern unter dem eines bleibenden Zusammenhangs mit allen Geschlechtern künftiger Jahrhunderte betrachten, und diesen Zusammenhang, wahrhaft wie er der That nach ist, auch äußerlich in Wort und Schrift zu begründen sich angelegen seyn lassen.“ Trotz dieses inbrünstigen Appells nahmen die Beamten in Schildesche, Heepen und auch in Jöllenbeck, das damals zum Kreis Herford gehörte, die Anordnung recht ungerührt zur Kenntnis. Keiner lieferte die allgemeine Einleitung mit Statistik, wie gefordert, bis Ende Februar 1818. Erst einige Jahre und regelmäßige Mahnungen später sollten die Verwaltungschefs ihre Beobachtungen und Erfahrungen jährlich niederschreiben. Die entstandenen Chroniken sind dann allerdings ein Kaleidoskop der jeweiligen Amtsgeschichte mit Namen von Amtsträgern, Berichten zu den großen politischen Ereignissen und deren lokalen Auswirkungen, zu Unglücksfällen, Wetterereignissen, Ernteverhältnissen und Lebensmittelpreisen – freilich alles gefiltert durch die Meinung des Behördenleiters, der über Wichtigkeit und Unwichtigkeit entschied, während Tendenz und Kritik grundsätzlich unerwünscht war. „Wahrhaftigkeit, einfache Darstellung, reine Beschränkung auf die Thatsache, ohne alle Einmischung von Privat-Ansichten, und ohne allen nicht zur Sache gehörigen Wortkram, vor allen Dingen von ihnen gefordert werden. Was wirklich geschehen ist, soll die Nachwelt auf diesem Wege erfahren; nicht was dieser oder jener dabey gedacht hat“, war den Chronisten 1817 ins Stammbuch geschrieben worden.

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Brackwede um 1840; Lithographie von C. Schreiber nach einer Zeichnung von Jüngerich; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 439

In Brackwede holte der Beamte Mumperow dennoch weit aus, als er seine, im Vergleich zu den gelegentlich recht konform wirkenden anderen Chroniken sehr individuelle, Darstellung über Dynastien, Religionsverhältnisse, Kriege und örtliche Verwaltungsgeschichte 1800 bis 1817 u. a. mit der Varus-Schlacht im Jahr 9 n. Chr. ausstattete, die nach damals landläufiger Auffassung bei Detmold „und in der hiesigen Gegend“ stattgefunden hatte, wobei die Römer angeblich „in den Bergen oberhalb Senne I und Senne II einen Adler (Fahne) verlohren“ hatten. Detaillierte Nachrichten liefert die Chronik zu den Folgen des Dreißigjährigen Krieges und noch mehr des Siebenjährigen Krieges. Mumperow hatte geradezu vorbildlich gearbeitet und früh geliefert, so dass eine Sammelerinnerung der Regierung von 1824, die Chroniken endlich zu beginnen, ausdrücklich nicht an ihn adressiert war. Seine Einleitung mit Statistik war außergewöhnlich umfangreich ausgefallen, denn die „Kurze Geschichte des Kirchspiels Brackwede“ 1800 bis 1817 umfasst bereits 66 Seiten und die „Kurze statistische Darstellung“ 1818 folgte mit immerhin 27 Seiten – Umfänge, die keine andere Chronik mehr erreichen sollte.

Selbst einer der aufgewecktesten und auch kritischsten Beobachter der Verhältnisse, der Beamte Johann Franz August Lampe (1765-1823) in Schildesche, hatte es nicht fertig gebracht, die Chronik zu erstellen. Lampe scherte sich allerdings ohnehin wenig um Vorschriften und Regeln – die Chronik-Episode mag insofern typisch für ihn sein, aber auch typisch für eine ansonsten unter den Amtsleitern verbreitete Haltung in dieser Sache. Immerhin hatte Lampe angesichts eigener Überlastung bei örtlichen Pfarrern angefragt, die Aufgabe zu übernehmen, aber zunächst abschlägige Antworten erhalten. Erst Lampes Nachfolger, der sinnigerweise Haase hieß, sollte nach seinem Amtsantritt im April 1823 das Mammutprojekt angehen und vollenden (lassen). Friedrich Wilhelm Haase kontaktierte Pfarrer Florenz Justus Schrader (1756-1825) dieses Mal mit Erfolg, allerdings starb dieser vor Abschluss des Manuskripts im Oktober 1825. Einer seiner Söhne bereitete die Materialien und Vorarbeiten auf, konnte hierbei wohl vor allem den 1818 eingereichten Bericht des Vaters über die „äußere und innere Verfassung des luth. Kirchspiels Schildesche 1817“ berücksichtigen, der nach Umfang und Gründlichkeit unter anderen Darstellungen dieser Art herausragte. Es bleibt unklar, ob es sich dabei um Theodor Friedrich Schrader (1790-1877) handelte, der sich 1826 vier Monate lang in Schildesche aufhielt und später zu Grimms Deutschem Wörterbuch beitragen sollte, oder um Karl August Schrader (1795-1872), der 1820 bis 1824/25 Hilfsprediger in Schildesche und Dornberg und danach bis 1836 in Hörste Pfarrer war. Der Beamte Haase ergänzte „Nachrichten, die in der hiesigen Registratur und sonst aufzutreiben waren“, betonte aber später den wichtigen Beitrag der Schraders nicht mehr.

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Die Chroniken Schildesches und Dornbergs ähneln nicht nur hinsichtlich der Titel; Stadtar-chiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handschriften, gebunden, Nr. 20: Amtschronik Schildesche, 1800-1912

Am 1. August 1826 konnte Haase, wohl mit ein wenig Stolz, das Konzept der Chronik-Einleitung als „Treue und wahrhafte Darstellung der Vorfälle und Begebenheiten von der Gemeinde Schildesche in den Jahren 1800 bis 1817“ in die Post geben. Bereits vier Tage später äußerte Landrat Franz von Borries (1785-1858) seine „Zufriedenheit über den Fleiß, mit welchem dieses weitläufige Werk ausgearbeitet ist“. Die Anmerkungen von Borries´ müssen Haase nicht immer erfreut und vor allem nicht überzeugt haben, so u. a. die zum Russland-Feldzug 1812: „Hier könnte wohl erwähnt werden was u. wie viel die Gemeinde durch Aushebung der jungen Mannschaft, Einquartierung der durchmarschierenden Truppen, Kornzufuhren etc. gelitten hat“ – Haase ignorierte diese Anregung. Den Vorschlag, das französische Besitzergreifungspatent vom 14. November 1806, das u. a. die Grafschaft Ravensberg aus dem preußischen Herrschaftsverband ausgliederte, der Chronik beizuheften, kommentierte Haase in Form einer trotzig anmutenden Selbstbestätigung lapidar mit „ist bei geheftet“. Als ausgesprochen belehrend musste er den Hinweis empfinden, die Anmerkungen genauestens zu berücksichtigen „und manche kleine Verstöße gegen den guten Styl“ zu verbessern. Der Landrat erinnerte an die korrekte Ausführung des Einbandes und sogar dass die „Reinschrift „sauber und deutlich seyn [müsse], jedoch ist zu wünschen, daß etwas compreß geschrieben wird, damit das Buch lange genug vorhält“. Der Gipfel echt bürokratischer Detailverliebtheit und preußischer Aufsichtsverwaltung wurde mit dem Hinweis erreicht, dass „linker Hand ein weißbleibender Rand von 1 ½ bis 1 ¾ Zoll bleibt.“

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„Das Dorf Schildesche“ präsentierte Victor Tuxhorn (1892-1964) als Motiv einer Radierung; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 260

Die Chronik gibt Einblicke in die lokale Lebenswelt, die durch die monatlichen Verwaltungsberichte („Zeitungsberichte“) des lokalen Beamten an den Landrat mehr als ergänzt werden, denn diese enthielten sehr viel mehr Detailinformationen und auch Kommentierungen, die den Aufsichtsbehörden nicht immer schmecken mussten. Vor allem aber waren diese Zeitungsberichte jener Phase ungleich farbigere Schilderungen von Zeitzeugen, wogegen die Amtschronik-Einleitungen wegen ihres teilweise eklatant verzögerten Zustandekommens genau genommen aus Erinnerungen und Überresten rekonstruierte Rückschauen für die Jahre 1800 bis 1817 sind, bei denen Fehler und Vergesslichkeit nicht ausgeschlossen werden können, sofern die älteren Zeitungsberichte nicht als Daten-Steinbruch dienten. Quellenkritik ist durchaus angebracht.

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Die Peterskirche zu Kirchdornberg, Zeichnung von Gerhard Wedepohl (1803-1930), 1913; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 230

Während die Amtschronik von Brackwede ein durchgängig selbständiges Produkt zu sein scheint und die von Heepen einen Sonderfall darstellt, fallen in den Chroniken Dornbergs und Schildesches sowie Jöllenbecks wortidentische Passagen auf. Diese Makros sind gelegentlich durch lokale Ergänzungen und Einschübe erweitert worden. Darunter könnte der Quellenwert vor 1818 zusätzlich leiden, wenn die Beamten nicht Zeitzeugen der beschriebenen Ereignisse waren: die Besetzung durch das napoleonische Frankreich, der Russlandfeldzug 1812 mit Gefallenen aus den Amtsbezirken, die „Befreiungskriege“ 1813/15, das „Jahr ohne Sommer“ 1816 mit Missernten sowie Hunger und Teuerungen im Folgejahr. Textmuster des Landrats oder Regierungspräsidenten sind ebenso wenig zu ermitteln wie eine literarische Vorlage. Die wortgleichen Chronikteile von Schildesche und Dornberg rühren daher, dass Dornberg seinerzeit noch zum Kanton Schildesche zählte, also von eben jenem Beamten Haase mitverwaltet wurde. Jöllenbeck dagegen gehörte zunächst dem Kreis Herford an, ehe es 1832 dem Kreis Bielefeld zugeschlagen wurde und fortan mit den bereits bestehenden Gemeinden Schildesche und Dornberg das Amt Schildesche bildete. Die gleichlautenden Passagen aus Dornberg, Schildesche und auch Jöllenbeck betreffen vor allem die Einleitung („Treue und wahrhafte Darstellung der Vorfälle und Begebenheiten von der Gemeinde […] in den Jahren 1800 bis 1817“) und die geforderte „Kurze statistische Darstellung der Verhältnisse der Gemeinde […] mit Anfang des Jahres 1818.“ Haase hatte die Chroniken für Schildesche und Dornberg auf Basis der Vorarbeiten Schraders parallel geführt (dafür sprechen auch gleichartige Einbände und Rückenprägungen, die er beim Buchbinder Vahle beauftragt hatte), während die Jöllenbecker Annalen nach 1832 neu angelegt wurden, als Jöllenbeck dem Amt Schildesche angegliedert wurde und aus einer nachvollziehbaren Bequemlichkeit eine gewisse Gleichförmigkeit resultierte. Diese Übernahme hängt offenkundig mit der Person von Conrad Heinrich Brewitt (1791-1862) zusammen, der von 1818 bis 1831 Beamter in Jöllenbeck gewesen war und 1832 auch die Verwaltung in Schildesche übernommen hatte, das ja über eine Chronik verfügte. Noch 1841 hatte er mitgeteilt, dass die Jöllenbecker Chronik bis 1828 angelegt sei und weiter vervollständigt werde, wofür er bei den Kirchengemeinden Statistiken zu Geburten, Heiraten und Sterbefällen abfragte.

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Jöllenbecks alte Kirche wurde 1876 abgebrochen; Zeichnung von Paul Heinrich, vor 1877 (Ausschnitt); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 65

Die Anlage der Jöllenbecker Chronik mit durchgängiger Seitenzählung spricht für eine erstmalige Chronik-Erstellung, wobei der historisch-statistische Vorspann von anderer Hand niedergelegt ist, als der jahrgangsweise Teil ab 1818. Das schulmeisterliche Verhalten des Landratsamts blieb auch Brewitt nicht erspart, als es monierte, dass die Darstellung der Lebensmittelpreise und Witterung 1842 zu ausgedehnt ausfielen „und die Chroniken dadurch ihren eigentlichen Charakter verlieren“; stattdessen sollten Tabellen „mit kleiner Schrift“ eingefügt werden. Das sollte auch dazu beitragen, den Band lange nutzen zu können, der „in gedrängter Kürze bei möglichster Raumsparung möglichst viel Material enthalten muß“. Abschließend bequemte sich Landrat Wilhelm von Ditfurth (1810-1876) immerhin zu einer Anerkennung: „muß es übrigens lobend anerkennen, daß die Chroniken bisher kurrent gehalten worden“. Doch auch die in Sachen Chronikführung sonst vergleichsweise vorbildlichen Schildescher Amtmänner erlebten auch Phasen der Nachlässigkeit, als Brewitt die Chroniken Schildesches und Jöllenbecks (und wohl auch Dornbergs) zwischen 1845 und 1855 nicht fortsetzte.

Den größten Problemfall stellte neben Heepen ausgerechnet Bielefeld dar. Die Anordnung von 1817 hatte durchaus Öffnungsklauseln formuliert, da die Chronikführung „hin und wieder auf dem platten Lande mit großen Schwierigkeiten verbunden seyn“ konnte. Gerade dort durfte der örtliche Beamte bei eigener Überlastung einen externen Chronisten verpflichten, sofern dieser geeignet und überhaupt dazu bereit war. In Bielefeld jedoch gelang es den Bürgermeistern nie, die Chronik selbst zu führen oder jemand anders anzuvertrauen, wo doch die ungleich größere Einwohnerschaft und vorhandene Behörden- und Schullandschaft Chancen geboten hätten. Im August 1825 adressierte der für höhere Posten vorgesehene Kreissekretär Klein eine Mahnung und Warnung an Bürgermeister Delius: „Unterlaßen Sie nicht, alle möglichen Materialien zu sammlen; ich werde über einige Tage wan denn was hierunter geschehen, mir Ueberzeugung verschaffen.“ Im Folgejahr drohte der Landrat in einer seiner insgesamt sechs Mahnungen erfolg- und folgenlos ein Strafgeld von 10 Talern an.

Als Landrat v. Borries die Stadt Bielefeld im Mai 1829 an die Vorlage erinnerte, schrieb Bürgermeister Delius offensichtlich zerknirscht, dass ihm und den Magistratsbeamten die Mahnungen „seit Jahr und Tag […] im höchsten Grade unangenehm und ein wahrer Schrecken“ seien. Zeitmangel und Überarbeitung hinderten ihn an dieser Aufgabe, denn es sei „zu solcher Arbeit doch im Magistratsbureau wegen des unaufhörlichen Anlaufs niemals Ruhe“. Immerhin löste die erneute Erinnerung gewisse Aktivitäten aus. Der städtische Sekretär Adam Junkermann fragte in Schildesche um eine Ausleihe der Amtschroniken an: „Ich muß diese Tage nutzen, etwas für die Chronik zu thun.“ Der mehrfache und gut gemeinte Rat der Regierung, eine geeignete Person aus der Bevölkerung mit der Aufgabe zu betrauen, ermutigte Delius schließlich, Pfarrer Carl Friedrich Daniel Aleman (1772-1849) für den Vorspann 1800 bis 1817 zu gewinnen. Dieser war Zeitzeuge jener Jahre gewesen und verfügte neben Sprachkenntnissen und nützlichen Kirchendokumenten auch über die „Collectanea Ravensbergensia“ seines Großvaters Wolff Ernst Aleman (1654-1725), die viele Nachrichten zu Bielefeld und Ravensberg vor 1720 enthielt, was für den verlangten Chronik-Vorspann aber nahezu bedeutungslos war. Delius´ Ankündigungen, der Autor werde „etwas Vorzügliches“ liefern, blieb erneut Makulatur.

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Landrat Wilhelm von Ditfurth (1810-1876) amtierte von 1837 bis 1876; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-4-44

Eine bald darauf ergangene „ernste Mißbilligung“ der Regierung Minden ging ins Leere, da Aleman seine Arbeit angesichts der bevorstehenden Konfirmationen Ostern 1830 noch nicht begonnen hatte. Die Regierung wurde deutlicher, warf der Stadt „Mangel an Interesse für den Gegenstand“ vor. Der kommissarische Bürgermeister Adam Junkermann hatte zwar die Schildescher Amtschronik erneut als Muster angefordert, aber der Quellenmangel und wohl auch das Akten-Durcheinander in den eigenen Büroschränken waren unübersehbar. Aleman kapitulierte angesichts der Aktenlage im Rathaus: Außer – auch noch unvollständigen – Zeitungsberichten der Jahre 1800 bis 1802 und 1805 bis 1807 hatte er wenig Verwertbares ausgehändigt bekommen, „weil es auch über diesen Zeitraum fast gänzlich an schriftlichen Nachrichten im hiesigen Rathhause fehlt […] und das Übrige aus sonstigen rathhäuslichen Actenconvoluten nur mühsam und durchaus bruchstückshaft zusammengesucht“ worden war – bei „dieser Lage der Dinge“ gab Aleman auf. Alemans Befund entsprach früheren Feststellungen der Regierung Minden gegenüber Landrat v. Borries, die am 14. Oktober 1820 aufgrund eines städtischen Berichts konstatiert hatte, „daß sich das Archiv der Stadt Bielefeld in bedeutender Unordnung befindet“. Im August 1820 hatte der Landrat konstatiert, dass das Archiv „spoliirt“ (geplündert) worden war, spätere Aufräum- und Erfassungsarbeiten waren nur stockend und oberflächlich ausgeführt worden. Den vernichtenden Befund Alemans über den Aktenmangel 1830 konnte der Verwaltungschef selbstverständlich kaum weiter melden, so dass aus Alemans Hinweisen auf Registraturdefizite schließlich eine Meldung über dessen eigene Verzögerungen und vorgerücktes Alter wurde.

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1835 erschien eine Bielefelder Stadtgeschichte von Heinrich Wil-helm Schubart, Landesgeschichtli-che Bibliothek, Sign. G 405 38

Umso willkommener war das Angebot des Gymnasiallehrers Heinrich Wilhelm Schubart, der sich im Sommer 1832 an die Arbeit machte, das beschriebene Aktenchaos bändigte und auf ältere Veröffentlichungen zurückgriff, so dass Junkermann schon im Oktober erste Entwürfe einreichen konnte. Die häppchenweise Vorlage von Chronikteilen fand allerdings kaum Beifall, denn es folgten wiederholt Aufforderungen zur vollständigen Einreichung der Chronik. Junkermann und Schubart allerdings verfolgten inzwischen eine Veröffentlichung der Chronik, um zumindest die geforderte Rückschau seit 1800 endlich zu liefern. Was im Sommer 1835 erschien, war eine erste Stadtgeschichte Bielefelds mit dem Titel „Topographisch-historisch-statistische Beschreibung der Stadt Bielefeld“. Auf 212 Seiten entfaltete der Pädagoge ein Handbuch, das chronologisch und thematisch eingerichtete Teile enthielt. Eine im Vorwort in Aussicht gestellte Fortsetzung lehnte Schubart 1839 ab (er starb 1840). Bielefeld geriet konsequenterweise erneut auf die Mahnliste und beantragte wiederholt Aufschub, denn Schubarts erfüllte den jährlichen Fortführungscharakter nicht und die Stadt verpasste die Chance, die Chronik in reduzierter Form fortzusetzen.

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Zwischen den Jahreschroniken 1840 und 1841 wechselt die Handschrift der Heeper Amtschronik; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handschriften, gebunden, Nr. 7: Amtschronik Heepen, 1800-1859

Die Heeper Amtschronik weicht von den anderen deutlich ab. Sie wurde 1841 in einem Schwung zusammengestellt, wie die einheitliche Handschrift, vor allem aber die wiederholten Mahnungen der Bezirksregierung nahelegen, die noch 1833 darauf hingewiesen hatte, dass die Chronik von Heepen „noch gar nicht aufgenommen“ sei, obwohl der dortige Beamte Friedrich Zetzener sich bereits 1826 den Chronik-Entwurf aus Schildesche ausgeliehen hatte. Sein nicht nur in dieser Angelegenheit wohl völlig untätiger Vorgänger Florens Arnold Meyer (1769-1830) war 1819 vom Landrat aus dem Amt gedrängt worden, da bei ihm Alkoholismus vermutet wurde und ohnehin eine Verwaltungsreform mit einer Vereinigung der Kantone Heepen und Schildesche geplant war, die aber nicht umgesetzt wurde. Meyer und auch seinen Schildescher Amtskollegen Lampe traf jedoch das vernichtende Urteil „absolut schlecht und unbrauchbar“. Noch 1841 musste der kurzzeitig amtierende Carl Christian Müller melden, dass die Datensammlung für die Jahre 1800 bis 1810 erst nach einer notwendigen Revision der Aktenregistratur erfolgen könne. Es kann kaum ein Zufall sein, dass der Titel der doch noch 1841 eingereichten Heeper Chronik „Statistisch-Topgraphische Beschreibung des Amts Heepen“ auffallend dem Titel von Schubarts Bielefelder Stadtgeschichte von 1835 ähnelte: „Topographisch-historisch-statistische Beschreibung der Stadt Bielefeld“. Dennoch zeigte sich der Landrat 1843 erfreut, dass die Heeper Chronik „mit rühmlichem Eifer“ angefertigt worden war. Ohne Kritik ging es auch in den Folgejahren nicht. Bei der Amtschronik 1844 monierte der Landrat die Auslassung des Chausseebaues zwischen Detmold und Bielefeld, der für Sieker, Hillegossen und Ubbedissen, die im Amtsbezirk Heepen lagen, „von der größten Wichtigkeit“ und deshalb würdig für ein „Plätzchen in der Chronik“ seien.

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Friedrich Wilhelm Eduard Körner war von 1835 bis 1853 Bürgermeister Bielefelds; Stadtarchiv Bielefeld, Be-stand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-11-120

Immerhin hatten die Heeper überhaupt mit einer Chronik begonnen, während Bielefeld weiterhin inaktiv blieb. 1843 platzte angesichts der Bielefelder Ausflüchte zunächst dem Landrat der Kragen: Nach einer Auflistung früherer Anweisungen lehnte der Landrat einen mit „Entschuldigungen so allgemeiner Natur“ begründeten Antrag auf Fristverlängerung ab und forderte eine Erklärung, was der Magistrat in den vergangenen zwei Jahre unternommen habe und „wann und auf welche Weise derselbe gedenkt, die städtische Chronik fertig zu bringen“. Den ständigen Zusicherungen geleisteter Vorarbeiten misstraute er ganz offensichtlich, da er auch verlangte, diese vorbereitenden Sammlungen einzureichen. Überraschenderweise legte der Magistrat tatsächlich Materialien vor, die den Landrat für den Moment beruhigten. Als Bürgermeister Friedrich Körner und der Magistratsvorsitzende Kreisrichter Ignatz Neukirch jedoch eine erneute Aufforderung mit dem Hinweis an den Innenminister konterten, dass an der Chronik allenfalls ein lokales Interesse bestünde und dauernde Erinnerungen der Aufsichtsbehörden unnötig seien, ja sogar eine gesetzliche Verpflichtung zur Chronikführung in Frage stellten, hatten sie sich mit dem Falschen angelegt. Oberpräsident Ludwig Freiherr von Vincke (1874-1844) machte die Angelegenheit noch in seinem letzten Dienst- und Lebensjahr zur Chefsache und belehrte die Bielefelder am 30. April 1844 über den allgemeinen Wert der Chroniken für das Staatswesen und drohte „Zwangsmaaßregeln“ an. Unerhört fand er geradezu, dass der Magistrat „die Meinung hegt, die Arbeit nach seinem Gutbefinden aufgeben zu dürfen, wie bis jetzt noch von keiner einzigen Gemeinde behauptet worden ist“. Diese scharfe Zurechtweisung verpuffte indes ebenso folgenlos wie die weiteren Erinnerungen bis 1847. Bielefeld blieb ohne Chronik und war bald stärker mit der 1848´er Revolution beschäftigt als über eben jene Ereignisse Zeugnis abzulegen, wofür gerade die Chronik der geeignete Ort gewesen wäre.

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Bielefelds Anmerkung gegen-über dem Innenminister, ob es eine Gesetzespflicht zur Chronikführung gäbe, rief 1844 Oberpräsident Ludwig Freiherr von Vincke (1874-1844) auf den Plan; Stadtar-chiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 147

Die Amtschroniken bieten in Kombination mit den periodischen Verwaltungsberichten („Zeitungsberichten) einen guten Einstieg in die lokale Geschichtsforschung, wurden aber nur ungleichmäßig und dann auch unregelmäßig fortgesetzt. Die vorbildlich gestartete Chronik von Brackwede wurde schon 1844 als erste eingestellt, Heepens so spät eingerichteten Annalen enden 1859, Dornberg gab 1880 auf (gelegentliche Fortsetzungen bis 1954), Schildesche und Jöllenbeck jeweils 1890 (letzteres mit Rückschauen bis 1972). Als Pfarrer Heinrich Ludwig Wilhelm Heidsiek (1804-1889) aus Heepen 1883 die Amtschronik Jöllenbeck nach einer etwas zu lang geratenen Ausleihe wieder zurückgab, schwärmte er: „Eine solche Chronik von Stadt u. Land behält immer einen hohen Werth für die Nachwelt und es wäre zu wünschen, daß die Regierung mit Nachdruck darauf hielte, daß sie überall geführt würde.“

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 121: Führung des alten Rathausarchivs, 1821-1838
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 147: Anlegung einer Chronik der Stadt Bielefeld, 1817-1880
  • Bestand 130,3/Amt Dornberg, Nr. 21: Chroniken und Bücher, Wappen, Allgemeines, 1817-1938
  • Bestand 130,3/Amt Dornberg, Nr. 22: Chroniken und Bücher, Wappen, Spezielles, 1843-1937
  • Bestand 130,4/Amt Heepen, Nr. 1278: Führung der Gemeindechronik, 1818-1880
  • Bestand 130,6/Amt Schildesche, Nr. 164: Chronik der Gemeinde Schildesche (Entwurf), 1800-1826
  • Bestand 130,6/Amt Schildesche, Nr. 168: Führung der Gemeindechroniken, 1818-1869
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handschriften, gebunden, Nr. 7: Amtschronik Heepen, 1800-1859
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handschriften, gebunden, Nr. 20: Amtschronik Schildesche, 1800-1912
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handschriften, gebunden, Nr. 179: Amtschronik Dornberg, 1800-1954
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handschriften, gebunden, Nr. 201: Amtschronik Jöllenbeck, 1800-1972
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-4-44 u. Nr. 61-11-120
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 65, 230, 260, 438 und 439
  • Sammlung des Heimatvereins Brackwede: Amtschronik Brackwede, 1800-1844

Literatur

  • Amts-Blatt der Königlich Preußischen Regierung zu Minden, Nr. 68 v. 26.12.1817, S. 582–587
  • Angermann, Gertrud, Land – Stadt – Beziehungen. Bielefeld und sein Umland 1760-1860 unter besonderer Berücksichtigung von Markenteilungen und Hausbau (Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, Bd. 27), Münster 1982
  • Bauks, Friedrich Wilhelm, Die evangelischen Pfarrer in Westfalen von der Reformationszeit bis 1945 (Beiträge zur Westfälischen Geschichte, Bd. 4), Bielefeld 1980
  • Ders., Das kirchliche Leben in Schildesche zur Zeit des Rationalismus, in: Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte 79 (1986), S. 71-90 (Wiederabdruck in Ulrich Andermann (Hg.), Stift und Kirche Schildesche 939-1810. Festschrift zur 1050-Jahr-Feier, Bielefeld 1989, S. 171-189)
  • Culemann, Ernst Albrecht Friedrich, Ravensbergische Merckwürdigkeiten, Dritter Theil, Worin insbesondere von der Stadt Bielefeld Aus lauter beglaubten Urkunden gehandelt wird Minden 1752 (online)
  • Kahmann, Uli, Die Geschichte des J. F. A. Lampe. Ein Beamtenleben im Dorf Schildesche um 1800 (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 15), Bielefeld 1995
  • Keinemann, Friedrich, Westfalen im Zeitalter der Restauration und der Julirevolution 1815-1833. Quellen zur Entwicklung der Wirtschaft, zur materiellen Lage der Bevölkerung und zum Erscheinungsbild der Volksstimmung (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Bd. 22 A; Geschichtliche Arbeiten zur westfälischen Landesforschung, Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Gruppe, Bd. 5), Münster 1987
  • Kirkness, Alan, „Einer der Fleißigsten“ beim Deutschen Wörterbuch: Pastor Friedrich Schrader in Hörste, in: Ludwig Denecke (Hg.), Brüder Grimm Gedenken, Bd. 3 (Schriften der Brüder-Grimm-Gesellschaft Kassel, Bd. 5), Marburg 1981, S. 197-215
  • Schubart, Heinrich Wilhelm, Topographisch-historisch-statistische Beschreibung der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1835 (online)
  • Vorst, Claudia, Familie als Erzählkosmos – Phänomen und Bedeutung der Chronik (Germanistik, Bd. 9), (Diss.) Münster 1995

 

Erstveröffentlichung: 1.1.2018

Hinweis zur Zitation:
Rath, Jochen, 1. Januar 1818: Im Kreis Bielefeld sollen Amtschroniken begonnen werden, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2018/01/01/01012018, Bielefeld 2018

 

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