6. November 1867: Einweihung der Evangelischen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische Rheinlands und Westfalens

• Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek •

 

Gustav Adolf Heinrich Strate war der Sohn eines Schreiners und seiner Frau aus Dortmund, Gustav Mörsch stammte aus Neuwied, Friedrich Meininghaus aus Elberfeld, der geistig normal entwickelte, aber unter Anfällen leidende August Düning kam aus Bielefeld, Heinrich Wilhelm Kampmann aus Gütersloh und der besonders schwer erkrankte Heinrich Lörcher aus Werden bei Essen. Diese sechs Jungen im Alter von 11 bis 17 Jahren standen im Mittelpunkt der kleinen, aber prominent besetzten Feier „im engen Stübchen“ des vormaligen Steinkamp´schen Hofes in Gadderbaum am 6. November 1867. Sie waren die ersten sechs Pfleglinge der neuen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische Rheinlands und Westfalens, die an jenem Tag vor den Toren Bielefelds feierlich eingeweiht wurde. Eingezogen waren die Ersten von ihnen bereits Mitte Oktober. Es muss wohl ein Zufall sein, dass die eine Hälfte aus Westfalen stammte, die andere aus dem Rheinland. Im zeittypischen Pathos berichtete das Bielefelder Wochenblatt am 26. Oktober 1867: „Die Dankbarkeit der Kinder, welche bis jetzt ohne jede entsprechende Pflege sich selbst und ihren Angehörigen die größte Last gewesen waren, ist groß; noch größer die der Angehörigen, welche dazu mitwirken werden, der Anstalt neue Freunde und Gönner zu erwerben.“

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Haus Ebenezer mit dem später erbauten Haus Zoar; aus: Siebold, Kurze Geschichte […], S. 111

Eine Mischung aus Hoffnung und Prognose durchwehte den kurzen Artikel des Bielefelder Wochenblatts vom 7. November 1867 über die Einweihungsfeier der neuen Einrichtung, der, offensichtlich vom biblischen Gleichnis bewegt, eine Entwicklung aus „senfkornartigem Anfange zu großer Bedeutung“ gewünscht wurde – Hoffnung und Prognose sollten sich in den nächsten Jahren erfüllen. Um den „fallsüchtigen“, also epilepsiekranken Jungen, und die waren es zunächst ausschließlich, eine geeignete Fürsorge zukommen zu lassen, bedurfte es neben dem idealistischen und damals noch religiös motivierten Engagement der Erzieher doch stets einer soliden finanziellen Ausstattung, die ganz wesentlich auf Spenden basierte. Der erfolgreiche Ausbau des Spendenwesens wird zu Recht Friedrich von Bodelschwingh (1831-1910) zugeschrieben, der Gründer der heutigen v. Bodelschwinghschen Stiftungen war er freilich nicht. Und auch die Initiatoren und ersten Leiter haben neben der seelsorgerischen und pädagogischen Arbeit auch immer die finanzielle Seite im Blick gehabt. Das zeigte sich schon bei der Generalversammlung des Verwaltungsrats „unserer Pflege-Anstalt für Epileptische, Bethesda [!]“ an jenem 6. November 1867, denn das Wochenblatt vermerkte einige Finanzdaten zu Einnahmen und Ausgaben und vor allem eine großzügige Einzelspende einer Witwe über 1.000 Reichstaler.

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Bielefeld um 1870; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 12-2-113

Die Notwendigkeit einer institutionalisierten und außerhäuslichen Betreuung Epilepsiekranker war auch eine Folge der voranschreitenden Industrialisierung, die zusehends mehr Menschen an neuen Arbeitsstätten dauerhaft band. Diese waren zuvor im überwiegend landwirtschaftlich arbeitenden Familienverband tätig gewesen und hatten dabei parallel selbstverständlich häusliche Aufgaben einschließlich der Pflege älterer oder erkrankter Angehöriger übernommen. Konnten Behinderte nicht in die Arbeit integriert werden, so wurden sie häufig in „Irrenanstalten“ (für die Provinz Westfalen seit 1816 in Marsberg) übergeben, die kaum mehr waren als reine Verwahrstätten. Aufgrund ihres Krankheitsbildes mit schwer zu kontrollierenden Anfällen wurden Epilepsiekranke von bestehenden Anstalten für „Gemüts- und Geisteskranke“ vernachlässigt oder gar nicht erst angenommen. Diesen Mangel an angemessener Pflege hatten die Verantwortlichen inzwischen erkannt. Bedarf bestand allenthalben: in Deutschland waren 1866 etwa 42.000 Epilepsiekranke registriert. Dem gegenüber standen nach einer ersten Anstaltsgründung im württembergischen Tettnang 1862 und dem Umzug einer schon 1849 gegründeten diakonischen Einrichtung nach Stetten bei Stuttgart 1864 gerade einmal 300 Versorgungsplätze. Im südfranzösischen Laforce gab es seit 1848 ein Kinderheim, zu dem später eine Pflegeeinrichtungen namens „Eben-Ezer“ für Frauen und mit dem bekannt klingenden Namen namens „Bethel“ für Männer gegründet worden; Béthesda hieß eine weitere Einrichtung, die 1855 gegründet worden war. Die späteren Namensgebungen in Bielefeld dürften wohl einem Brief des La Force-Pfarrers John Bost (1817-1881) zuzuschreiben sein, der den Protagnisten in Deutschland schon im Mai 1865 geschrieben hatte: „Möchte ein Eben-Ezer, möchte ein Bethel sich auftun in Ihrem reichen Deutschland, reich an Erbarmen, reich an Wissenschaft, reich an christlichen Männern und Frauen, reich an irdischen Gütern.“

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Statut der der Evangelischen Heil- und Pflegean-stalt für Epileptische, Stadtarchiv Bielefeld, Be-stand 100,2/Ältere Akten, Nr. 1195

Das eklatante Missverhältnis zwischen der großen Anzahl an Patienten und den wenigen Pflegeplätzen erkannte der „Rheinisch-Westfälische Provinzialausschuss für Innere Mission“, der Vorläufer der heutigen Diakonie in Westfalen und Rheinland, zumal die 1859 gegründete Einrichtung „Hephata“ bei Mönchengladbach die spezielle Pflege von Epileptikern mangels Ausstattung hatte aufgeben müssen. Auf der Generalversammlung des Provinzialausschusses in Bonn am 27. Juni 1865 hielt der im Ravensbergischen aufgewachsene Hephata-Gründer Pfarrer Franz Balke (1822-1889) aus Rheydt den programmatischen Vortrag „Was erfordert die christliche Fürsorge für die Epileptischen?“. Die geforderten Anstaltsgründungen sollten in drei Epilepsie-Abteilungen gegliedert werden: 1. schulpflichtige Kinder mit fortgeschrittenem Krankheitsbild, 2. nicht Schulpflichtige in Beschäftigungshäusern, 3. Pfleglinge ohne geistige Behinderungen. Der Ausschuss beschloss die Einrichtung einer neuen Einrichtung, und zwar in Westfalen, das in dieser Hinsicht noch Diaspora war.

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Pfleglinge beim Kegeln, wie die Zeitschrift „Daheim“ sie sah; Daheim Jg. 1889, S. 252

Balke hatte sich umgehend für eine Ansiedlung in seiner alten Heimat Ravensberg stark gemacht, die harte und weiche Standortfaktoren positiv zu erfüllen verhieß. Außerdem waren alle bestehenden Anstalten der Rheinisch-Westfälischen Inneren Mission im Rheinland (z. B. Kaiserswerth, Düsselthal, Duisburg, Lintorf, Boppard) angesiedelt worden, Westfalen stets leer ausgegangen, so dass das eigens gegründete Komitee schon am 2. August 1865 eine Grundsatzentscheidung zugunsten des westfälischen Raums traf. Die neue Einrichtung sollte freilich auch Bedarfe aus dem Rheinland decken. Barthold versammelte am 30. August 1865 in Bielefeld ein Standort-Gremium, dem selbstverständlich die evangelische Kirche mit Landessuperintendent Ernst Wilhelm Müller (1810-1872), die Erweckungspfarrer Johann Heinrich Volkening (1796-1877), Clamor Ludwig Carl Huchzermeyer (1809-1899) und Carl Siebold (1818-1905) sowie Pastor Eduard Kuhlo (1822-1891) aus Gohfeld angehörten. Bürgermeister Ludwig Huber (1826-1905) aus Bielefeld und Bürgermeister Karl Stroßer aus Herford (1819-1898) vertraten die Kommunalverwaltungen, die Unternehmer Hermann Wilhelm Delius (1819-1894), Gottfried Bansi (1828-1910) und Carl Albrecht Delius (1827-1915) die lokale Wirtschaft und der Mediziner Dr. Bernhard Tiemann die örtliche Ärzteschaft.

Der Versammlungsort Bielefeld war ein untrügliches Zeichen, dass die neue Pflegeanstalt hier eingerichtet werden sollte – Balke aber auch der Hephata-Direktor Carl Barthold (1829-1904) hatten sich für das aufstrebende Industriezentrum mit rund 18.000 Einwohnern ausgesprochen. Die Stadt versprach vor allem aufgrund der in Ravensberg seit Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelten und etablierten Erweckungsbewegung besonderes Unterstützerpotential. Ein christlich-diakonischer Impetus und der Wille zu praktizierter Nächstenliebe trieben die Erweckungsanhänger an, um sich selbst und auch vor Gott „Zeugnis der Liebe Gottes“ zu geben. Das betraf ebenso die notwendigen Pflegekräfte wie die elementare Spendenakquise, um den Auf- und Ausbau des Projekts voranzutreiben.

Anfang 1866 schloss Huber namens des Komitees für 8.500 Taler einen vorläufigen Kaufvertrag für einen kleinen Hof im heutigen Kantensiek. Zu dieser Steinkampschen Stätte unterhalb der Sparrenburg zählte neben dem 1805 errichteten Fachwerkhaus ein Buchenwäldchen. Der Vorbesitzer war infolge als enttäuschter Gläubiger in finanzielle Notlage geraten und zum Verkauf gezwungen. Bansi kaufte parallel zum Hof gehörige Flächen mit etwa 9 Hektar Größe an. Der Immobilienerwerb sicherte einerseits die Unterbringung der Pfleglinge ab, andererseits aber enthielt er eine Perspektive für deren Beschäftigung.

Am 20. März 1866 billigte das Komitee den Kauf des Areals, das Superintendent Müller als „still und ruhig zwischen den Bergen und doch nicht allzufern von der Stadt“ gelegen pries und auch die gesicherte ärztliche Fürsorge und Wasserversorgung hervorhob, wie der „Conservative Volksfreund“ am 2. April 1865 berichtete. Delius, Smidt, Tiemann und andere dagegen kritisierten, dass ein öffentlicher Weg durch Grundstück verliefe, der von Arbeitern und Ausflüglern genutzt würde: „es sei also gar nicht zu vermeiden, daß der für schwächere Nerven und namentlich für Frauen und Kinder höchst unangenehme, ja selbst nachtheiliger Anblick der von epileptischen Krämpfen befallenen Kranken in sehr lästiger Weise sich geltend machen werde“. Das entsprach verbreiteten Einstellungen, erkrankte Menschen wegzuschließen, und Vorstellungen, Behinderung und Krankheit als behandelbar, aber nicht vorzeigbar zu erkennen. Die Kritiker lehnten den Standort ab und forderten einen weiter von der Stadt entfernten Standort und die Einsetzung einer „Kommission erprobter Sachkenner“. Die Befürworter hielten u. a. dagegen, dass das Grundstück kaum einsehbar sei und außerdem auch andere Wege von und aus der Stadt führten. Um die „Kranken gänzlich dem Anblick anderer Menschen“ zu entziehen, müssen man „in den ödesten Theil der Senne sich wenden“. (Auch bei anderen Vorhaben noch heute vorgebrachte) Befürchtungen „über angebliche Nachtheile, welche solche Anstalten für die Nachbarschaft ausüben könnten“ hätten sich nirgendwo bestätigt. Gerüchte über eine zentrale Aufnahme aller etwa 4.000 Epileptischen seien abwegig, „denn solche Riesen-Anstalten wolle Niemand in´s Leben rufen“. Perspektivisch wäre die Aufnahme von 100 bis 200 Personen denkbar: „Käme Zeit, käme Rath“. Mit großer Mehrheit wurde schließlich der Grundstückskauf gebilligt. Beifall fand die Ankündigung, dass die Ravensberger Spinnerei 500 Reichstaler jährlich für die Besoldung eines Geistlichen beisteuern wollte, der auch für das Unternehmen tätig werden sollte.

Etwas kryptisch wusste „Der Wächter“ am 2. Mai 1866 zu berichten, dass die „Anstrengungen der pietistisch-conservativen Partei, namentlich der dieser Richtung angehörigen Prediger, durch Gründung sogenannter Rettungsanstalten hier festen Fuß zu fassen, scheinen mit Erfolg gekrönt zu werden; man zweifelt nicht mehr an dem Zustandekommen eines hier einzurichten Diakonisseninstituts nebst Heilanstalt für Epileptische“. Am 16. Mai 1866 folgte im Conservativen Volksfreund der öffentliche Unterstützungsaufruf des Komitees zur Gründung einer „Heil- und Pflege-Anstalt für Epileptische bei Bielefeld“, der an gelungene Vorbilder erinnerte und christliche Milde appellierte in einer Zeit, die vom „Kampf des Glaubens mit dem Unglauben auf wissenschaftlichem Gebiete“ geprägt sei, wobei auch den Unterzeichnern klar gewesen sein dürfte, dass Heilung und Pflege allein mit christlichem Glauben nicht zu erreichen war.

Das politische Klima indes seinerzeit war alles andere als günstig: Der Ausbruch des Deutschen Krieges zwischen Preußen und Österreich Mitte Juni 1866 lähmte auch in Bielefeld Wirtschaft und Stadtentwicklung und bald die Einstellung des Führungspersonals der neuen Einrichtung. Der städtische Verwaltungsbericht 1865/66 konstatierte bereits während der politischen Krise vor dem militärischen Konflikt einen „vollständigen Stillstand“ mancher Geschäftszweige in Handel und Gewerbe, während Großbetriebe florierten, sowie eine „fast gemeine[n] [d. h. umfassende] Sistirung der Bauthätigkeit“, noch 1867/68 stellte die Verwaltung eine „Lähmung in Handel und Gewerbe“ und eine „Abnahme der Bautätigkeit“ fest. Erst 1868 war diese Krise überwunden. Dennoch unterstützte die Stadt das Projekt vor ihren Toren weiter, das vor allem von den kirchlich-medizinischen Vertretern im Komitee forciert wurde.

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Gustav Delius (1794-1872) protestierte 1870 gegen den Ausbau der Anstalt; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-4-48

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Grundstückskäufe musste das Gründungskomitee einen Anstaltsgeistlichen und Verwaltungsleiter einstellen. Die Wahl des Seelsorgers fiel auf Pfarrer Friedrich Simon (1833-1912) aus dem hessischen Bensheim, der zur Hälfte auch für die Belegschaft der boomenden Ravensberger Spinnerei tätig war. Zum Hausvater und Lehrer avancierte Johann Unsöld (1843-1934) aus Württemberg. Der Krieg hatte das Einstellungsverfahren für einen Moment in Frage gestellt, da Hessen und Württemberg gegen Preußen gestanden hatten und die Zuverlässigkeit beider Bewerber in Frage gestellt wurde – zu Unrecht wie sich schnell zeigte. Euphorisch stürzte sich Unsöld noch vor seiner Abreise nach Bielefeld bereits in konkrete Bauplanungen. Unsölds „freudige Bereitwilligkeit“ überzeugte den Bielefelder Landessuperintendenten Müller, dass er „sich in die Sache versenkt und ein Verständnis für seine zukünftige schwere Aufgabe“ habe. Auf seinem fünfwöchigen Weg nach Bielefeld besuchte Unsöld verschiedenste Pflegeeinrichtungen im Rheinland von, nach damaligen Maßstäben, fortschrittlichen Psychiatrien in Heppenheim und Frankfurt/M., über Herbergen zur Heimat und Rettungshäusern bis den diakonischen Zentren Kaiserswerth, Duisburg und Mönchengladbach. Im Möchengladbacher Hephata hielt er sich länger auf, um, trotz langjähriger Erfahrungen in diesem Pflegesektor, neue Anregungen für Ausstattung, Gestaltung und vor allem Behandlungsmethoden zu erhalten.

Der geschäftsführende Ausschuss war sich im Klaren darüber, dass nicht alle Pläne in einem ersten Wurf bereits zu realisieren waren. Das betraf bauliche Herausforderungen und Einrichtungsfragen, vor allem aber pädagogische Ziele, die dazu führten, dass zunächst nur als bildungsfähig eingestufte Jungen aufgenommen wurden. Balke hatte 1866 prophezeit, dass für derartige Einrichtungen „Erfahrungen, Orientierung in allen Aufgaben und Schwierigkeiten“, ein „gewiß viel zu corrigirender Plan“ für die Einrichtung und „Einübung und Erprobung“ notwendig seien. Mangelnde Erfahrungswerte machten die Anstalt in Bielefeld zu einem Labor mit ausgeprägtem Realitätssinn und bestmöglicher Pflege, aber auch erwarteten Rückschlägen und Fehlern in diesen Feldern und in der stadtgesellschaftlichen Akzeptanz. Ende 1870 zählte die Anstalt 25 Pfleglinge, von denen ein Teil geordnet, aber auf einem Niveau für schwach Begabte beschult werden konnte, ein anderer in arbeits- und werktherapeutischen Angeboten betreut und beschäftigt werden konnte. Erst mit wachsender Patientenzahl konnte eine Ausdifferenzierung nach Krankheitsbildern und –graden bewerkstelligt werden. 1873 wurden die ersten Frauen aufgenommen.

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Bethel antwortete 1870 mit einer Ge-genschrift; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 1196

Diese Einsicht prägte einleitend auch eine Entgegnungsschrift Bethels, als 1870 massive Kritik gegen einen Ausbau der Anstalt formuliert wurde. Nachdem das Anstalt-Statut, das weniger die medizinische Ausrichtung regelte („[…] hat den Zweck, epileptische Kranke in leibliche Pflege zu nehmen und sie, wo möglich, zu heilen“), als die Kompetenzen des Verwaltungsrates, im August 1868 genehmigt worden war, begannen Ende 1868 Planungen für eine Vergrößerung der Anstalt für bis zu 100 Patienten nebst Werkstätten und Räumen. In der Bevölkerung entwickelte sich ein lebhafter Protest und offensichtlich auch ein stadtgesellschaftlicher Diskurs, der sich quer durch Familien ziehen konnte. Erneut argumentierten die Gegner mit einem gefährdet geglaubten Freizeitwert der Gegend, machten aber auch deutliche Vorbehalte gegen Begegnungen mit den Pfleglingen und ihrem Krankheitsbild geltend. Der Wortführer dieser frühen „Bürgerinitiative“, Gustav Delius (1794-1872), dessen Sohn Hermann in der Auswahlkommission für den Standort der Anstalt tätig gewesen war, mobilisierte etwa 1.200 Unterschriften besorgter Bürger. Die Gegner erkannten eine „zu nahe Berührung mit den unglücklichen Kranken als ein allgemeines Unglück“, verstiegen sich sogar zu einem drastischen Vergleich zur Anstalt: „ähnlich wie eine Pestbeule, die mit jeder Ausdehnung ihren verheerenden Hauch um so verderblicher um sich verbreitet und für ewige Zeiten.“ Vorbehalte und Ablehnung entsprangen mangelnder Kenntnis und Erfahrung, waren zeittypisch; ein Konzept von Integration oder gar Inklusion allerdings noch nicht einmal von den damaligen Befürwortern entwickelt worden.

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Haus Ebenezer um 1960; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 41-22-52

Von alldem dürften die noch anwesenden Pfleglinge der Ersten Stunde kaum etwas mitbekommen haben. Der am schwersten erkrankte Heinrich Lörcher war bereits wenige Monate nach seiner Ankunft in Bethel gestorben. Und der „Erstling“ Gustav Adolf Heinrich Strate verließ die Anstalt zunächst, kehrte aber nach vielen Jahren zurück und verstarb am 11. März 1911 im Haus Neu-Ebenezer.

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 1195: Anstalten zur Pflege geistig behinderter und epileptischer Personen (1869-1881)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 1196: Anlage einer Anstalt für Epileptische in Gadderbaum (1870)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 304-1911: Sterberegister Gadderbaum 1911, Nr. 69/1911
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 130,4/Amt Heepen, Nr. 2637: Diakonissenhaus zu Gadderbaum und Anstalt für Epileptische in Bethel (1872-1912)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr. 136: Bemühungen um eine Verlegung der Anstalt für Epileptische, 1870
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 9, 2. Teil: Bielefeld: Geschichtliches, Städtische Anstalten und Einrichtungen, Bethel
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 17: Personalien A-H (1836-1910)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 12-2-113, 41-22-52 u. 61-4-48

Literatur

  • Benad, Matthias, Eine Stadt für die Barmherzigkeit, in: Ursula Röper/Carola Jüllig (Hg.), Die Macht der Nächstenliebe. 150 Jahre Innere Mission und Diakonie, 1848-1998, [Berlin 1998], S. 122-129
  • Bitter, Bärbel, Die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, in: Wolfram Korn (Hg.), Bethel und das Geld: die ökonomische Entwicklung der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel 1867-1998, Bielefeld 1998, S. 7-13
  • Diekmann, Wilfried, Gen Bethel ziehen! Johannes Unsöld und die Anfänge Bethels in den Jahren 1867 bis 1876, in: Jahrbuch für westfälische Kirchengeschichte 107 (2011), S. 289-354
  • Ebenezer 1867-1917. 50 Jahre Liebesarbeit in Bethel, Bethel 1917
  • Marholdt, Anke, Entwicklungen der Betheler Anstalten bis zum Beginn der dreißiger Jahre (1867-1933) im Spiegel der Publikationsorgane der Anstalten […], Heidelberg 1994
  • Schmuhl, Hans-Walter, Friedrich von Bodelschwingh, Hamburg 2005
  • ders., Ärzte in der Anstalt Bethel 1870-1945, Bielefeld 1998
  • Siebold, Matthias, Kurze Geschichte und Beschreibung der Anstalten Bethel, Sarepta, Nazareth, Wilhelmsdorf und Arbeiterheim bei Bielefeld, Bielefeld 1889
  • Stockhecke, Kerstin, Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Eine Stadt der Barmherzigkeit, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld 1214-2014, Bielefeld 2013, S. 516-521
  • Vanja, Christina, Das Landeshospital Marsberg. Erste psychiatrische Einrichtung in Westfalen, in: Westfälische Zeitschrift 156 (2006), S. 301-318
  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 2: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Bielefeld 1988

 

Erstveröffentlichung: 1.11.2017

Hinweis zur Zitation:
Rath, Jochen, 6. November 1867: Einweihung der Evangelischen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische Rheinlands und Westfalens, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2017/11/01/01112017, Bielefeld 2017

 

 

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