August 1816: Achtzehnhundertunderfroren – Das Jahr ohne Sommer im Kreis Bielefeld

• Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek •

 

Eine der ersten Folgen war marginal, dennoch lasen es die Bielefelder Hühnerjäger mit Verdruss und hängten ihre Querflinten und Patronentaschen noch einmal zurück. Die Veränderungen in der Natur dürften sie indes schon selbst bemerkt haben: Wo sich in einem Normaljahr nach eingeholter Ernte spätestens Ende August der Stoppel zeigte und glänzende Jagdmöglichkeiten auf Rebhühner, Wachteln und Krammetsvögel (Wacholderdosseln) versprach, stand 1816 das Getreide noch großflächig auf dem Halm und vor allem sehr spärlich. Die Regierung zu Minden ordnete Mitte August 1816 wegen „der in diesem Jahre so sehr verspäteten Aerndte“ eine Verschiebung des Jagdaufgangs an, wie die Öffentlichen Anzeigen für die Grafschaft Ravensberg am 29. August 1816 meldeten. Der verzögerte Beginn der Jagdsaison war jedoch eine der geringsten Auswirkungen des Jahres ohne Sommer 1816, das eine beispiellose Missernte, Angst vor Viehseuchen, enorme Teuerungen und schwere Not über die Bevölkerung brachte. Dass ein mehr als 12.000 Kilometer entfernt liegender Vulkan all dieses einschließlich der verschobenen Vogeljagd verursachte, war in Bielefeld und auch sonst wo seinerzeit niemandem klar.

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Westansicht Bielefelds mit ländlicher Umgebung, 1809; Aquarellierte Federzeichnung von Anton Wilhelm Strack (1758-1829); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 12-1-18

Gut 16 Monate zuvor, am 10. April 1815 war der südpazifische Vulkan Tambora mit einer Wucht ausgebrochen, die seit Menschengedenken keine andere Eruption erreicht hatte. Der Tambora auf der Insel Sumbawa (Indonesien) ist Teil einer Kette extrem explosiver Vulkane, die sich über Sumatra und Java bis nach Timor erstreckt. Nach Jahrhunderten der Ruhe hatte der Tambora 1812 Anzeichen von Aktivität gezeigt, im Frühjahr 1815 ereignete sich die ungeheure Eruption. Die Explosion war noch in 2600 Kilometer Entfernung zu hören, tagelang herrschte in weitem Umkreis völlige Dunkelheit. Der ehemals rund 4300 Meter hohe Berg war nach der Eruption auf 2850 Meter zusammengefallen. Allein durch die Direktfolgen des Ausbruchs (Druckwelle, Ascheregen, Glutlawinen und Tsunamis) starben in Indonesien ungefähr 12.000 Menschen. 50.000 fielen Seuchen und Hunger zum Opfer. Exakt 40 Jahre später versuchte sich der 231. Band der „Oekonomischen Encyklopädie“ 1855 an einer akademischen Erklärung von Vulkanen: „Seine größte, die ganze Umgegend, oft viele Länder mehr oder weniger berührende und beunruhigende Thätigkeit nennt man einen Ausbruch oder Eruption. […] Nicht selten verdunkelt sich die Atmosphäre, so daß man mitten am Tage des künstlichen Lichts nicht entbehren kann, und die herabfallende (vulkanische) Asche, vielleicht auch nur verdickte Dämpfe, überschütten und verschütten die Gegenden.“ Die Erkenntnis, dass die Folgen eines extremen (wissenschaftlich „ultraplinianischen“) Vulkanausbruches globalen Ausmaßes sein konnten, hatte sich noch nicht eingestellt.

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: Idealtypische Darstellung eines westfälischen Hofes; aus: Peter Florens Weddigen, Historisch-geographisch-statistische Beschreibung der Grafschaft Ravensberg in Westphalen, Bd. 1, Leipzig 1790

Erst 1913 brachte der Klimaforscher William J. Humphreys (1862-1949) die Klimaanomalie mit der pazifischen Eruption in Verbindung, während die leidenden Zeitgenossen ahnungslos blieben. Johann Heinrich Daniel Zschokke (1771-1848), ein in der Schweiz lebender Schriftsteller und Pädagoge aus Magdeburg, billigte im 1815 veröffentlichten 7. Jahrgang seiner „Stunden der Andacht zur Beförderung wahren Christenthums“ das Wetter noch einer höheren Macht zu und dürfte damit nicht allein gestanden haben: „Daß also, o Landmann, deine Felder und Aecker im Sommer oder Frühling zu wenigen Regen oder zu viel haben sollen; daß deine Weinberge Ueberfluß oder Mangel an Wärme erhalten: wird in den Entfernungen des Weltgebäudes bereitet, deren Größe auszusprechen der Mensch keine Zahlen mehr hat. So waltet der allmächtige Gott in den Himmeln, und in den Halmen der Flur einer ländlichen Familie.“

Die Tambora-Eruption war – gemessen an der Menge des ausgestoßenen vulkanischen Lockermaterials (Tephra) – etwa sechzehnmal stärker als der Ausbruch des Pinatubo 1991 und mehr als hundertmal gewaltiger als der des isländischen Eyjafjallajökull, der im April/Mai 2010 u. a. für wochenlange Beeinträchtigungen des europäischen Flugverkehrs gesorgt hatte. Was ein Vulkanausbruch in den Dimensionen des Tambora von 1815 für die hochtechnisierte (und offensichtlich ebenso anfällige) Welt und dichtbevölkerte Erde heute bedeuten würde lässt sich nur erahnen. Der Tambora warf etwa 160 Kubikkilometer Gestein aus. Die Aschewolke stieg bis in über 45 Kilometer Höhe. 50-60 Millionen Tonnen Schwefel wurden in die obere Stratosphäre geblasen. Material, das so hoch in die Erdatmosphäre gelangt, wird vom Regen nicht ausgewaschen, da sich das Wetter auf der Erde im Wesentlichen in Höhen bis 15 Kilometer abspielt. Die Folgen des apokalyptischen Ausbruchs waren im Folgejahr 1816 global mehr als spürbar. Eine weltweite Abkühlung um durchschnittlich 1 o Celcius ist nachweisbar, in manchen Regionen Südfrankreichs lagen die Temperaturen um bis zu 3,5 o Celius unter den Normalwerten – zum Vergleich: Der mit der globalen Erderwärmung in Zusammenhang gebrachte Anstieg der Durchschnittstemperatur in den letzten 130 Jahren beträgt knapp 1 o Celsius. In Europa traf die unbekannte Katastrophe 1816 den süddeutschen Raum und die Schweiz hart, aus der berichtet wird, dass Kinder auf den Weiden grasten. Im Westmünsterland und in Schlesien trat der Hungertyphus (Fleckfieber) auf.

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Die „Klugheits-Regeln beim Gewitter“ vermitteln Unkenntnis; Öffentliche Anzeigen für die Grafschaft Ravensberg v. 27. Juni 1816

In Ostwestfalen blieb der Sommer 1816 deutlich zu nass. Dauerregen und schwere Unwetter (z. B. am 1. Mai in Heepen) hatten die Region getroffen. „Klugheits-Regeln beim Gewitter“, die zwar Jahrzehnte alt waren und vor allem eine gehörige Prise Unwissen offenbarten, waren am 27. Juni 1816 in den Öffentlichen Anzeigen nicht grundlos abgedruckt worden. Die Ernte wurde mit oft halbierten Erträgen deutlich verspätet eingebracht, die damit erst im Oktober 1816 mögliche Neueinsaat durch ebenso frühen wie starken Schneefall behindert, litt zusätzlich unter massivem Schneckenbefall. Allein sonst zu trockene Flächen erzielten gute Erträge: „Gut Korn im Sande bringt Kummer im Lande“, zitierte der soeben eingesetzte Mindener Regierungspräsident Karl von der Horst (1780-1861) den Volksmund. In seinem Bericht für August 1816 erkannte er über die „vielerley Inkonvenienzen, Verlusten, und Gefahren für den Landwirth“ hinaus: „Desto größer und begründeter ist die Furcht schwerer Krankheiten für Menschen und Vieh im bevorstehenden Winter als Folge der nassen Witterung der halbreifen und verdorbenen Nahrungsmittel oder des gänzlichen Futtermangels. Wenig bleibt dagegen zu thun übrig; die harte Noth wirft die Menschen auf den zu frischen Roggen, auf die unreifen Kartoffeln; ohne ein Surrogat dafür bieten zu können, ist das Wiederrathen lächerlich.“ Die notleidende Bevölkerung wich auf Kartoffeln aus, die sonst an die Schweine verfüttert wurden.

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In Schildesche beschrieb Amtmann Johann Franz August Lampe (1765-1823) die lokale Not; Ausschnitt einer Karte, 1790; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne, Nr. 219

Die Zeitgenossen konnten sich das schlechte Wetter 1816 nicht erklären, wohl aber das schamlose Handeln der Krisengewinnler, die die Getreidepreise antrieben. Ein aufmerksamer, mit großem Verständnis für die Notleidenden und erstaunlicher Offenheit gegenüber höheren Stellen ausgestatteter Beobachter war Amtmann Johann Franz August Lampe (1765-1823) aus Schildesche. In seinen monatlichen Verwaltungsberichten („Zeitungsberichte“) an den Landrat des gerade eingerichteten Kreises Bielefeld liefert er ein anschauliches Bild des sich bis Mitte 1817 ausbreitenden Elends in Schildesche. Erklären konnte er sich die Schlechtwetterperiode nicht, die Teuerungen aber konnte er sehr genau zuordnen – es waren die Spekulanten, die die Not ausnutzten und die Ernährungskrise verschärften. Die Menschen litten unter überhöhten Getreidepreisen, die sich über Monate hinweg auf einem Spitzenniveau bewegten. Die Aussichten auf die Befriedigung der Grundernährung waren für die Kleinbauern und Heuerlinge „höchst schaudererregend“, wie Lampe bemerkte, und angesichts der schrankenlosen Bedrohung niederschmetternd – „was nun, da auch mancher oeconomisch Selbständige zittert?!“ Amtmann Heinrich Mumperow aus Brackwede notierte in seinem Zeitungsbericht für November 1816 mit Blich auf die Getreide-Teuerungen: „Die ältesten Menschen erinnern sich in dieser Jahreszeit keiner so hohen Preise.“

Auch der Kommissar des Kreises Bielefeld, Franz von Borries (1785-1858), der von 1817 bis 1837 als Landrat amtierte, hatte im November 1816 verschiedene Ursachen für die Krise ausgemacht: „Die Ansichten, welche ein großer Theil des Publicums von dem Ertrage der diesjährigen Erndte hat, veranlaßt bey einer großen Menge Furcht vor hohen Preisen des Getreides, wenn nicht gar Besorgniß vor drückendem Mangel im künftigen Frühjahr. Wenngleich die diesjährige Erndte den gewöhnlichen Ertrag nicht geliefert hat“, so müsse aber zugleich festgestellt werden, dass die verspätete, ja z. T. noch gar nicht eingeholte Ernte zum Preisanstieg beitrage, vor allem aber halte der „der Landmann […] den Überschuß in der Hoffnung auf noch höhere Preise zurück, wodurch das Steigen derselben unvermeidlich wird.“ Für seinen Rapport an die Aufsichtsbehörden in Minden forderte er von den lokalen Verwaltungsspitzen, den Amtmännern, Ernteberichte mit Vorjahresvergleichen ein. Gleichzeitig sollten finanzielle Zuschussbedarfe angemeldet werden. Allerdings forderte er hier angesichts der desolaten Kassenlage Preußens Zurückhaltung und Schicksalsergebenheit ein. Die „großen Staats-Ausgaben der letzten Jahre“ – für die Befreiungskriege gegen Napoleon und die Umsetzung der Staatsreformen – grenzten die Spielräume so stark ein, dass die Einwohner notfalls den Preis für die Bedarfsdeckung zahlen müssten, „wie die Umstände solchen bestimmen“.

Amtmann Florens Arnold Meyer aus Heepen schätzte nach Rücksprache mit verschiedenen Sachkundigen die örtlichen Ernteausfälle beim Roggen auf etwa 1/3. Da der Amtsbezirk Heepen ohnehin jährlich einen Roggen-Zuschuss erhalte, was im Übrigen für die Grafschaft Ravensberg insgesamt galt, sei es „einleuchtend“, dass ein großer Bedarf bestehe, und zwar in Höhe von etwa 5.000 Scheffel (ca. 215.000 Liter = 129 Tonnen), während Weizen und Hafer ausreichten. Meyer erahnte aber die verheerenden Folgen für die „unvermögendeste Klasse der Heuerlinge“, wenn keine Hilfen bereitgestellt würden, und forderte lapidar eine Erklärung, was dann zu tun sei. Um das Wenige zu retten (und nicht um die frustrierten Hühnerjäger bei Laune zu halten), wurden in Heepen Prämien auf getötete Sperlinge wieder eingeführt, deren Köpfe vorzulegen waren, ansonsten drohten Geldstrafen.

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Die Preistabellen für Verbrauchsgüter veranschaulichen für 1817 Preissprünge beim Getreide und Stabilität für Fleisch; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 513

Ein Blick in die überlieferten Preistabellen für Verbrauchsgüter („Konsumtibilien“) im Bezirk Bielefeld offenbart die Preissprünge. Lediglich im September 1816 gab es noch eine kleine Kurskorrektur nach unten, die mit dem Eingang der ersten Ernteerträge auf den Märkten zusammenhängen mag. Der im Kreis Bielefeld mit 41% der Aussaatmenge dominierende „Rocken“ (Roggen) kostete im Februar 1816 in der Stadt noch 2 Reichstaler, im Oktober plötzlich 3 Reichstaler und 7 Mariengroschen, im Juni 1817 schließlich sogar 4 Reichstaler und 23 Mariengroschen – hatte sich also mehr als verdoppelt. Noch gravierender sah es beim nur sporadisch angebauten (1,6 % der Aussaat) und deshalb ohnehin einzuführenden Weizen aus, dessen Preis von 2 Reichstalern 16 Mariengroschen (März 1816) auf 5 Reichstaler 23 Mariengroschen (Juni 1817) stieg. Bielefelds Bürgermeisters Ernst Friedrich Delius (1790-1831) berichtete im November 1816: „Buchweitzen ist gar nicht gewachsen, liefert nicht einmahl die Saat wieder“, so dass auch die großen Produzenten zukaufen müssten. Rückschau und Prognosen des Verwaltungschefs waren düster, da Weizen-, Roggen- und Kartoffelerträge weniger als die Hälfte eines Normaljahres erreichten, die Heuernte kaum besser und vor allem sehr nass ausgefallen war, so dass wegen der durchfeuchteten Einstreu Viehseuchen drohten. Kohl, Bohnen und Erbsen, die im Winter/Frühjahr die Ernährung absicherten, waren „gänzlich misrathen“, ein Drittel des Bedarfes für das Überleben fehlte insgesamt, die Neuaussaat war dabei noch nicht berücksichtigt. Auch die „schon allgemein eingeführte Sparsamkeit wird den Mangel schwerlich etwas abhelfen, aber bey weitem nicht decken.“ In diesem „trübseligen Jahre“ sollten deshalb Getreidevorräte angelegt werden. Die Fleischpreise dagegen blieben während der Krisenzeit nahezu unverändert, denn angesichts knapper Futtervorräte wurden große Viehmengen geschlachtet und der Markt damit gesättigt. Der gewitzte und sozialkritische Beobachter Amtmann Lampe aus Schildesche schrieb im Oktober 1816: „Manches Schwein muß bei einer so mageren Erndte auch mager sterben.“

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Bielefelds Bürgermeister Ernst Friedrich Delius (1790-1831); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-4-49

Am 5. Dezember 1816 endlich die erlösende Nachricht: Die Öffentlichen Anzeigen druckten eine Verlautbarung des Oberpräsidenten Ludwig Freiherr Vincke (1774-1844) ab, der zufolge der König die Lieferung einer „beträchtlichen Quantität Roggen“ für die Westprovinzen genehmigt habe. 1,1 Millionen Berliner Scheffel sollten verschifft werden, das waren etwa 42.350 Tonnen. Bis zum ebenso oft angekündigten wie verschobenen Eintreffen des Ostsee-Roggens erreichten die Getreidepreise ungebremst neue Höchstmarken. Im Kreis Bielefeld kostete der Scheffel Roggen mehr als 5 Reichstaler. Amtmann Lampe in Schildesche fluchte im Februar 1817 über das Spekulantentum: „Mancher Bauer aber hat kein Gefühl für die leidende Armuth und hofft noch immer auf höhere Preise, und sich nicht schämend, den armen Leuten so viel Geld abzufordern, als er von den Bäckern in Bielefeld bekommen kann, führt er den Roggen und Weizen heimlich zur Stadt, wo der eine Bäcker den andern aufbietet. So erhalten sich die hohen Kornpreise in den Städten und der arme Heuerling kann auf dem Lande für einen billigen Preiß den Kornbedarf nicht bekommen.“ Der Preiszenit wurde im Juni 1817 erreicht, danach gaben die Getreidepreise schrittweise nach, als staatliche Hilfen den Markt regulierten. Treffend resümierte ein Autor, der 1829 in Sachsen-Coburg Hinweise für die Schneckenbekämpfung gab, über die Teuerung von 1816/17, dass diese „nur Wenigen half, Vielen schadete und Manchen ruinirte“.

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Ende 1816 wurden Roggen-Lieferungen aus den Ostseeprovinzen Preußens angekündigt; Öffentliche Anzeigen für die Grafschaft Ravensberg v. 5. Dezember 1816

Zu echten Hungersnöten kam es in Ostwestfalen schließlich nicht, da im Frühjahr 1817 die sehnlichst erwarteten, aber teilweise dilettantisch organisierten Getreidelieferungen aus dem weniger betroffenen Ostseeraum eintrafen. Eigens gegründete lokale Hilfsvereine (u. a. in Schildesche, Brackwede, Jöllenbeck und Dornberg) übernahmen die Verteilung, hatten parallel aber auch andere Unterstützungsleistungen arrangiert, von denen in Schildesche z. B. 54 Arme profitierten. Auf den Regierungsbezirk Minden mit Bielefeld entfielen schließlich etwa 1.350 Tonnen Roggen, wie die Öffentlichen Anzeigen am 1. Mai 1817 vermeldeten. Die Verkaufspreise waren noch nicht festgelegt worden, aber eine „wesentliche Erleichterung gegen den laufenden Marktpreis“ erwartete die Bekanntmachung, die allen Untertanen versichern wollte, dass „die wirksamste Hülfe überall nahe ist“. Amtmann Meyer hatte freilich für Heepen allein 129 Tonnen gefordert; in Brackwede beispielsweise wurden nur 28,4 Tonnen verteilt.

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#08_Vincke: Ludwig Freiherr Vincke (1774-1844), Oberpräsident der Provinz Westfalen, Lithographie, um 1900 (nach einer Vorlage von 1832); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 343

Auch Amtmann Lampe aus Schildesche stufte die Lieferungen im Mai als zu gering ein: „Die hiesigen Einwohner […] hatten ihre ganze Hofnung auf die Ankunft des Ostsee-Roggens gesetzt […], aber diese sie bisher tröstende Hofnung hat sich bei ihnen in ein lautes Murren verwandelt, weil sie jetzt vernehmen, dass nur die ärmste Klasse von diesem Roggen vorläufig nur etwas erhalten kann. […] Die Stimmung des Volkes ist so übel, als ich noch nicht erlebt habe“ – eine Einzelstimme drohte sogar bewaffnete Aufstände an. Lampes eigene Seelenlage verhärmte sich noch im Juni 1817 angesichts der täglichen Not und Herausforderungen, zeigte melancholische Züge: „Umgeben schon seit vielen Tagen vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit Menschen, welche sich bald mehr, bald weniger mit Grunde über Herzensnoth beklagen und Trost bei mir suchen, deren Klagen mir das Herz zerreißen, und mich so schwermüthig machen, dass ich das wahrlich nicht zu beschreiben vermag“. Noch im Juni 1817 musste der Landrat den Heeper Amtmann Meyer eindringlich aufmerksam machen, dass die Roggenlieferungen kein „Gegenstand der Speculation“ werden durften, sondern „diese Begünstigung nur den Consumenten zu gutkomme“. Allen gefühlten und realen Hindernissen zum Trotz brachte der Sommer 1817 die Versorgungswende, zugleich stimmten die stabilisierten Ernteerträge wieder hoffnungsfroh. Es sollte aber noch bis Mai 1818 dauern, bis der Roggenpreis sich wieder auf dem Vorkrisen-Niveau einpendelte.

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Pflug mit verschiedenen Scharen, 1838, aus: Johann Gottlieb Koppe, Unterricht im Ackerbau und in der Viehzucht. Anleitung zu einem vorbildhaften Betriebe der Landwirtschaft, Berlin 1836 (1. Aufl. 1812/13)

Dem „Jahr ohne Sommer“ werden nicht nur negative Wirkungen auf Klima, Ernten und Ernährungslage zugeschrieben, sondern auch inspirierende Einflüsse auf Wissenschaft und Kunst. So werden die spektakulären Farbkompositionen der Maler Caspar David Friedrich (1774-1840) und William M. Turner (1775-1851) auf die durch hohe Staubanteile in der Atmosphäre verminderte Sonneneinstrahlung zurückgeführt. Bei einem Literatentreffen am Genfer See 1816 entstanden angesichts miserablen Wetters die Gothic novels „Frankenstein oder Der neue Prometheus“ von Mary Shelley (1797-1851) und „Der Vampyr“ von John Polidori (1795-1821), und im selben Jahr schrieb Gastgeber George Gordon Byron (1788-1824) sein bedrückendes Gedicht „The Darkness“ – „Die Finsternis“, das als Reflex auf die Krisenerscheinungen gedeutet wird:

 

„Mir kam ein Traum – es war nicht ganz ein Traum.

Die schöne Sonne war verglüht; die Sterne

Verdunkelt kreisten in dem ewigen Raum,

Weglos und ohne Strahl; blind zog die Erde

In mondesleerer Luft. Der Morgen kam

Und ging und kam, und brachte keinen Tag.

[…]

Mit Blut war jede Mahlzeit erkauft;

und jeder saß einsam und düster

und schlang im Finstern –: Liebe war nicht mehr.

Nur ein Gedanke war auf Erden und

Der war – ruhmloser Tod. Der grimmige Biß

Des Hungers nagte an den Eingeweiden.

Die Menschen starben, unbegraben blieb

Das Fleisch; von Magern nährten sich die Magern,

Die Hunde selbst zerrissen ihre Herrn.“

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 507: Feststellung der 30-jährigen Martini-Kornpreise, (1776-) 1810-1876
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 513: Preistabellen der Verbrauchsgüter, 1816-1852
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 130,4/Amt Heepen, Nr. 3832: Roggenpreise und -lieferangelegenheiten, 1816-1817
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handschriften, gebunden, Nr. 7: Amtschronik Heepen, 1800-1859
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handschriften, gebunden, 20: Amtschronik Schildesche, 1800-1817
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handschriften, gebunden, Nr. 179: Amtschronik Dornberg, 1800-1954
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handschriften, gebunden, Nr. 201: Amtschronik Jöllenbeck, 1800-1972
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 33: Öffentliche Anzeigen für die Grafschaft Ravensberg, 1816-1817
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 12-1-18: Bielefeld mit Sparrenburg, 1803, aquarellierte Federzeichnung von Anton Wilhelm Strack
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-4-49: Bürgermeister Ernst Friedrich Delius (1790-1831)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne, Nr. 219: Karte von den Gart- und Feld Ländereyen des Hochadlichen Stifts Schildesche
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 343: Ludwig Freiherr von Vincke, Oberpräsident der Provinz Westfalen (1774-1844), Lithographie, um 1900 (nach einer Vorlage von 1832)

 

Literatur

  • Behringer, Wolfgang, Tambora und das Jahr ohne Sommer – Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte, München 2015
  • Bender, Wolfgang, „… die ältesten Menschen erinnern sich keines Sommers, worinn es soviel und anhaltend geregnet hat wie in dem diesjährigen.“ Der Ausbruch des Tambora (1815) und seine Auswirkungen in Lippe, in: Lippische Mitteilungen 83 (2014), S. 171-195
  • Gerste, Ronald D., Wie das Wetter Geschichte macht – Katastrophen und Klimawandel von der Antike bis heute, Stuttgart 2015
  • -Sachsen-Coburgisches Regierungs- und Intelligenzblatt Nr. 36 v. 5. September 1829
  • Kahmann, Uli, Die Geschichte des J. F. A. Lampe. Ein Beamtenleben im Dorf Schildesche um 1800 (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 15), Bielefeld 1995
  • Knackstedt, Wolfgang, Fürsorge an der Schwelle zu staatlicher Sozialpolitik – Vinckes Antworten auf soziale Fragen, in: Hans-Joachim Behr/Jürgen Kloosterhuis (Hg.), Ludwig Freiherr Vincke – Ein westfälisches Profil zwischen Reform und Restauration in Preußen, Münster 1994, S. 265-288
  • Koppe, Johann Gottlieb, Unterricht im Ackerbau und in der Viehzucht. Anleitung zu einem vorbildhaften Betriebe der Landwirtschaft, Berlin 1836 (1. Aufl. 1812/13)
  • Koppenfels, Werner von/Manfred Pfister, Englische und amerikanische Dichtung 2: Von Dryden bis Tennyson, München 1991, S. 331-335 (Übersetzung „The Darkness/Die Finsternis“ durch Fritz Lemmermeyer)
  • Nitsch, Meinolf/Rita Gudermann (Hg.), Agrarstatistik der Provinz Westfalen 1750-1880, Paderborn 2009
  • Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, begründet von Johann Georg Krünitz, Bd. 231, 1855, s. v. Vulkane (online)
  • Weddigen, Peter Florens, Historisch-geographisch-statistische Beschreibung der Grafschaft Ravensberg in Westphalen, Bd. 1, Leipzig 1790
  • Wischermann, Clemens, Hungerkrisen im vormärzlichen Westfalen, in: Kurt Düwell/Wolfgang Köllmann (Hg.), Rheinland-Westfalen im Industriezeitalter, Bd. 1: Von der Entstehung der Provinzen bis zur Reichsgründung, Wuppertal 1983, S. 126-147
  • Wood, Gillen D’Arcy, Vulkanwinter 1816 – Die Welt im Schatten des Tambora, Stuttgart 2015
  • Zschokke, Heinrich Daniel, Stunden der Andacht zur Beförderung wahren Christenthums und häuslicher Gottesverehrung, 1809-1816

 

Erstveröffentlichung: 01.08.2016

Hinweis zur Zitation:
Rath, Jochen, August 1816: Achtzehnhundertundverfroren – Das Jahr ohne Sommer im Kreis Bielefeld, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2016/08/01/01082016, Bielefeld 2016

 

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