12. Juni 1891: Die jüdische Gemeinde erhält die Erlaubnis zur Belegung eines neuen Begräbnisplatzes am Haller Weg

• Dagmar Giesecke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek •

 

„Für die Synagogengemeinde Bielefeld war der 12. Juni 1891 sicherlich ein Freudentag. Endlich, nach fast zehnjährigem vergeblichem Bemühen erhielt der Vorstand eine Abschrift über die Genehmigung zur Benutzung des neuen Friedhofs am Haller Weg“, berichtete die Neue Westfälische am 15. November 1986.

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Blick über den jüdischen Friedhof,2008. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, unverzeichnet

Erste Spuren eines jüdischen Friedhofs in Bielefeld führen ins 17. Jahrhundert. Wann genau auf dem alten Friedhof am Bolbrinkersweg die erste Beerdigung stattgefunden hatte, ist nicht nachzuweisen. Der älteste Grabstein, von den wenigen, die heute noch vorhanden sind, ist von 1663. Dabei handelt es sich um die Grabstätte der am 2. März verstorbenen „Frau Gitla, Tochter des Mose Meir, seligen Angedenkens, Tag 4, Neumondstag des Adar nach der abgekürzten Zählung“. Auch wenn anfangs nur wenige jüdische Familien in Bielefeld lebten, um 1880 muss der Friedhof schon fast belegt gewesen sein, denn die jüdische Gemeinde suchte nach einem neuen Areal für ihre Toten. Es kann davon ausgegangen werden, dass im Laufe der Zeit dort um die 400 Bestattungen stattgefunden hatten. Auf diese Zahl kommt Karl-Wilhelm Röhs, ehemaliger Leiter des Sennefriedhofs. Er hat sich in den 1980er Jahren intensiv mit den Bielefelder Friedhöfen befasst, auch mit dem jüdischen. Einen kleinen Einblick zu jüdischen Beerdigungen gibt ein 1884 angefertigtes Polizeiprotokoll. Darin schilderte der Schuhmachermeister Heinrich Meyer, nebenberuflich als Totengräber in der jüdischen Gemeinde tätig, dass während seiner zehnjährigen Beschäftigung niemals eine Leiche über einer vorbeerdigten bestattet worden sei. In der Zeit von 1874 bis 1884 seien 84 Gemeindemitglieder gestorben und hätten dort ihre letzte Ruhe gefunden. Der Friedhof wurde, wie viele andere jüdische Friedhöfe in der NS-Zeit auch, dem „Deutschen Reich“ übereignet. Am 10. Dezember 1940 ging er in das Eigentum der Stadt Bielefeld über. Knapp zwei Monate vorher war er schon aus dem Grundbuch gelöscht worden. Nur die Grabsteine blieben Eigentum der Gemeinden.

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Drei von elf Grabsteinen des jüdischen Friedhofs am Bolbrinkersweg, die nach der Schließung 1940 auf neuen jüdischen Friedhof am Haller Weg wieder aufgestellt wurden, 1980. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 83-017-015

Anders als in der christlichen Beerdigungskultur garantiert jedes jüdische Grab als geheiligter Ort der Toten ewige Ruhe. Deutlich wird es durch die Übersetzung der hebräischen Worte „בית עולם (Beit Olam)“ das „Haus der Ewigkeit“. Ein anderes Wort bezeichnet diesen Ort als „Haus der Lebenden“. Am bekanntesten allerdings ist „Der gute Ort“, jedenfalls in Deutschland. In Israel ist diese Bezeichnung völlig unbekannt. Von alters her bestand die Vorschrift, außerhalb der Ortschaften zu beerdigen. Für die Juden waren Friedhöfe schon immer ein hoher Kostenfaktor. Die Beerdigungsplätze, ob als Eigentum oder zur Pacht, mussten bezahlt, das Areal unterhalten werden. Weitere finanzielle Belastungen verursachten Bewachungspersonal und Steuern. Manchmal kam noch Leichenzoll dazu, wenn eine Überführung über die Landesgrenzen hinaus erfolgte.

Auch war es im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit schwierig, überhaupt einen geeigneten Platz für die Toten zu finden. In der Regel erhielten sie wirtschaftlich unbrauchbare Flächen weit außerhalb an steilen Hängen oder in sumpfigen Gebieten. War ein Friedhof ausgelastet, gelang es nicht immer, neuen Boden für weitere Begräbnisse zu gewinnen. Dann musste übereinander bestattet werden. Erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts bekamen die jüdischen Gemeinden die Möglichkeit, ihre Toten ortsnah zu beerdigen. Selten erhielten sie ein Stück Gottesacker auf dem christlichen Friedhof.

Obwohl Friedhöfe zu den ersten Einrichtungen der jüdischen Bevölkerung gehörten, legen die wenigsten heute Zeugnis über mittelalterliche Gräber ab. Pogrome, verbunden mit Vertreibungen, führten dazu, dass jüdische Häuser konfisziert, Synagogen abgerissen oder zu Kirchen umgebaut wurden. Auch Friedhöfe blieben nicht verschont. Grabsteine galten als begehrtes Baumaterial. Ein weiteres Mal als Materiallager wurden jüdische Friedhöfe in der NS-Zeit genutzt, als die „Reichsmetallspende“ eingefordert wurde. Buntmetallplatten, Inschriften und Grabumrandungen wurden gewaltsam entfernt und der Rüstungsindustrie zugeführt. Bis heute kommt es zu Entweihungen auf jüdischen Ruhestätten, auch in Bielefeld.

Rituelle Waschungen und das Einwickeln in einfaches weißes Leinen erfolgen vor der Bestattung. Diese Tradition, über 1800 Jahre alt, soll die Gleichheit der Armen und der Reichen vor Gott demonstrieren. Seit der christlichen Zeitrechnung wurden Grabsteine in Form einer Stele als religiöses Ideal der Einfachheit verwendet. Erste Veränderungen fanden im Mittelalter statt. Heute noch am häufigsten erhalten sind die vom Klassizismus geprägten Grabsteine aus dem späten 18. und dem frühen 19. Jahrhundert. Im Laufe des 19. Jahrhunderts passten sich jüdische Friedhöfe weitestgehend den bürgerlich-christlichen an. Damit verbunden war der Abschied vom Gleichheitsprinzip im Tod. Wohlstand, Bürgersinn und Leistung des Verstorbenen konnten jetzt an der Ausstattung des Steines erkannt werden. Neues Selbstbewusstsein der jüdischen Bevölkerung ließ sich auch darin erkennen, dass die Grabsteine von nun an Steinmetzzeichen aufwiesen.

Wie auch die christlich-bürgerlichen Friedhöfe definieren sich jüdische Friedhöfe über Symbole. Zu den häufigsten gehören die „Segnenden Priesterhände“, als Zeichen der Zugehörigkeit zum Priestergeschlecht der Kohanim. In Bielefeld auf dem Grabstein von Isidor Schlang zu erkennen. Davon leiten sich die Nachnamen Cohn, Kahan oder auch Katz ab. Ebenfalls oft findet sich die „Kanne“ als Symbol der Leviten, zuständig für die rituelle Reinigung im damaligen Tempel. Auf Frauengräbern sind Priesterhände und Kannen eher selten. Lichtträger wie „Öllampe“ und „Leuchter“ gelten als die ältesten Symbole. Hinzu kamen Ende des 18. Jahrhunderts nicht-jüdische Symbole wie die abgebrochene Rose und die Efeuranke. Der Davidstern, als das jüdische Zeichen im konfessionellen und säkularen Bereich, kam erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf. Figurale Abbildungen, in der christlichen Beerdigungskultur z. B. in Form eines Engels oder eines Bildnisses des oder der Verstorbenen, sind eigentlich bis heute auf jüdischen Friedhöfen nicht erlaubt. Aber durch die Zuwanderung jüdischer Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, die dort keine religiösen Praktiken leben durften und deswegen nur teilweise jüdisch-religiöse Traditionen haben, sind auch diese fast 2000 Jahre alten Vorschriften ins Wanken geraten.

Bis zum ersten Drittel des 19. Jahrhunderts trugen die jüdischen Grabsteine ausschließlich hebräische Inschriften. Dann traten deutschsprachige Angaben auf der Rückseite der Steine hinzu. Ende des 19. Jahrhunderts „eroberten“ die deutschen Inschriften auch die Vorderseiten.

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Auszug aus der Friedhofsordnung für den alten jüdischen Friedhof, 1859. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I, Nr. 174,1

Bis die jüdische Gemeinde das endgültige „Ja“ der Regierung aus Minden für einen neuen Friedhof erhalten würde, sollte es ein schwieriger Weg werden. Gleich der erste Antrag zur Erweiterung der Friedhofsfläche am Bolbrinkersweg, gestellt am 25. Juli 1881, führte mit der Begründung „Die Nähe der vorhandenen und geplanten Bebauung läßt dies nicht zu“ umgehend zu einer schroffen Absage. Es folgten 1882 und 1884 weitere Anträge, die ebenfalls negativ beschieden wurden. Die Gemeinde gab nun den Plan der Erweiterung auf und begann mit der Suche eines Platzes an anderer Stelle. Am Haller Weg fand sich ein geeignetes Gelände. Vorbehaltlich, dass dieses Mal der Antrag bei der Bezirksregierung Wohlwollen finden sollte, schloss die jüdische Gemeinde den Kaufvertrag mit der Witwe Bollbrinker und sandte am 24. September 1886 das Schreiben nach Minden. „Wir überreichen hierbei ergebenst 1. den Vertrag, […] 2. Situationsplan des zu erwerbenden Grundstücks, 3. Auszug aus dem Protokollbuch der Repräsentanten mit dem gehorsamsten Ersuchen a) zu dem in Rede stehenden Ankaufe dieses Grundstücks und der Friedhofsanlagen auf derselben b) zur Aufnahme einer Kapitalanleihe bis zur Höhe von 15 000 Mark behufs Erwerbung des Grundstücks und Ausführung der erforderlichen Anlagen die Genehmigung erteilen zu wollen.“ Ein Antwortschreiben kam schon wenige Tage aus Minden, das aber keine Zusage, sondern ausschließlich Auflagen enthielt, u. a. sollte ein Gutachten des Kreismedizinalbeamten eingeholt und abermals ein detaillierter Lageplan eingereicht werden. Ein weiteres Jahr verging, ohne dass die Gemeinde Planungssicherheit erhielt. Stattdessen schaltete sich das Ministerium der geistlichen Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten ein und formulierte weitere Voraussetzungen für eine Genehmigung. Nachdem die Synagogengemeinde auch die zusicherte, kam kurze Zeit später endlich die grundsätzliche Zusage der Bezirksregierung aus Minden, die allerdings wiederum an Bedingungen geknüpft war.

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Friedhofsplan vom jüdischen Friedhof vor dem Bau des Ostwestfalendamms. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 358

Der potentielle Begräbnisplatz lag ganz in der Nähe des 1874 eröffneten kommunalen Friedhofs – dem Johannisfriedhof. Wegen der ungeklärten Frage nach einem neuen jüdischen Friedhof, hatten einige Mitglieder der Gemeinde, die damals schon als Reformgemeinde galt, kein Problem, ihre Verstorbenen dort beerdigen zu lassen. „Der Wächter“ schrieb dazu in seiner Ausgabe vom 22. Januar 1876: „Durch die Beerdigung der am Dienstag verstorbenen Fr. J. Dreyer auf dem Johannisfriedhof hat gestern auch die hiesige Synagogengemeinde ihrerseits den neuen städtischen Friedhof eröffnet. Der Prediger der Gemeinde Hr. Blumenau , gedachte in der Trauerrede der kulturhistorischen Bedeutung dieses Ereignisses in einigen Worten, welche dem vollsten Einverständnis unserer jüdischen Mitbürger mit der Beseitigung von engherzigem Confessionalismus selbst für den Tod gesteckten Schranken Ausdruck geben.“ Für die eher etwas konservativer denkenden Gemeindemitglieder war das keine Alternative. Sie hofften weiter auf den anvisierten Platz am Haller Weg. Im Laufe der nächsten Jahre entstanden weitere detaillierte Planungen seitens der Gemeinde. Dazu gehörten der Bauantrag mit minuziös erstellten Wegeplanungen, Anordnungen der Gräber sowie die Gestaltung des Eingangstors aus schmiedeeisernem Material mit Sandsteinpfeilern und die Erstellung einer Friedhofsordnung. Auch diese war für damalige Verhältnisse sehr moderat und weltoffen. Noch heute ist die Bandbreite der religiösen Normen so vielfältig, dass nichts als das non plus Ultra angesehen werden kann. Fast als revolutionär jedenfalls kann angesehen werden, dass Feuerbestattungen auf diesem neuen Friedhof möglich sein sollten. Schließlich warteten – und warten noch heute – die Juden auf den Messias und alle Gräber müssen gen Jerusalem ausgerichtet sein. Denn wenn der Messias erscheinen sollte, wären auch alle Toten in der Lage, schnell zu folgen. Diese Friedhofordnung, eingereicht im August 1890, wurde schon knapp einen Monat später genehmigt. Gefallen fand diese sicher von offizieller Seite, weil die jüdische Gemeinde die der städtischen Friedhofverwaltung an vielen Stellen einfach übernommen hatte, zum einen aus pragmatischen Gründen, zum anderen weil die Ausarbeitung einer eigenen viel Zeit in Anspruch genommen hätte. Ein Krematorium gab es in Bielefeld zu dieser Zeit noch nicht. Das sollte erst knapp 40 Jahre später Realität werden. Wann genau der neue Friedhof aber erstmals belegt wurde, ist bis heute nicht bekannt.

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Die alte Trauerhalle auf dem neuen jüdischen Friedhof, um 1930. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, unverzeichnet

Im Kampf für den Ersten Weltkrieg ließen auch viele Juden ihr Leben. Das 1932 erschienene Gedenkbuch für die Gefallenen, herausgegeben vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, listet für Bielefeld 16 Tote auf. Sechs von ihnen fanden ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof am Haller Weg.

Verwüstungen, verbunden mit antisemitischen Hetzparolen, an und in jüdischen Einrichtungen, traten nicht erst mit Beginn der Machtübernahme 1933 auf. Stetig wachsender Antisemitismus war seit Anfang des 20. Jahrhunderts schleichend zu erkennen. So berichteten 1924 die “Westfälischen Neuesten Nachrichten“, allerdings mehr beiläufig in einem Leserbrief, von Schmierereien auf dem Friedhof. Am 9. November 1938 brannte auch in Bielefeld die Synagoge. Der jüdische Friedhof blieb verschont. Dass er zwischen 1933 und 1945 nicht der Verwahrlosung preisgegeben wurde, ist dem nicht-jüdischen Friedhofsgärtner zu verdanken. Obwohl ab 1939 laut „Reichsverband der Gartenbauausführenden und Friedhofsgärtner“ kein Nichtjude sich um diese Einrichtungen mehr kümmern sollte, sah Gustav Vinke das weiterhin als seine Pflicht an. Er war eigentlich beim städtischen Friedhofsamt angestellt, hatte aber schon seit 1916 ebenfalls einen Vertrag mit der jüdischen Gemeinde. Nach Kriegsende gab er zu Protokoll: „Durch den immer stärker werdenden Auszug der Juden wurde die hiesige Gemeinde aufgelöst, und somit fiel auch mein Gehalt aus. Da ich von einzelnen Familien für das laufende Jahr kleinere Beträge erhalten habe, habe ich die Wege aus eigenem Interesse kostenlos in Ordnung gehalten. Ebenfalls wurde der Rasen geschnitten.“ Allerdings blieb sein Verhalten nicht ohne Repressionen von staatlicher Seite. Er wurde vier Mal polizeilich vernommen sowie vom Ortsgruppenleiter der NSDAP im Februar 1943 offiziell aufgefordert, sich nicht mehr um den Friedhof zu kümmern.

Ab 1943 sollten jüdische Friedhöfe systematisch erfasst werden und der „geschichtlichen Auswertung“ dienen. Auch die Stadt Bielefeld erhielt von der Geheimen Staatspolizei aus Münster die Aufforderung zur fotografischen Registrierung. Eduard Schoneweg (1886 – 1969), damals Leiter des Städtischen Museums, erwiderte daraufhin, dass 30 Grabsteine des alten Friedhofs mit deutschen und hebräischen Inschriften der Auswertung genealogischer Daten dienlich sein könnten. Für professionelle Fotos bot der Bielefelder Fotograf Carl Schröder seine Dienste an. Die Fotos sind heute nicht mehr auffindbar.

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Aufforderung des Sozialministers des Landes Nordrhein-Westfalens, die jüdischen Friedhöfe wieder instand zu setzen, 1947. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt, V 56

Blieb der Friedhof am Haller Weg auch während der NS-Zeit von Schändungen verschont, führten die beiden großen Bombenangriffe zum Ende des Krieges zu erheblichen Schäden an Gräbern und Trauerhalle, die aber schon im Juli 1945 beseitigt werden konnten. Juden, die den Holocaust überlebt hatten und nach Bielefeld zurückgekehrt waren bzw. dort eine neue Heimat finden wollten, übernahmen selbstverständlich wieder die Pflege ihres Friedhofs. Offizielle Unterstützung erhielt die nur noch aus 30 Mitgliedern bestehende Nachkriegsgemeinde auch von der Stadt und dem neu gegründeten Land Nordrhein-Westfalen. Das Sozialministerium ordnete 1947 dazu an, „alle Spuren der Vernichtung oder der Verwahrlosung“ sofort zu beseitigen, damit die jüdischen Friedhöfe wieder ein würdevolles Aussehen erhielten. Die Kosten dafür hätten die Städte und Gemeinden zu tragen. Im selben Jahr konnte die Synagogengemeinde die Einweihung des neuen Betsaales feiern. Ein weiterer Schritt in Sachen Normalisierung der Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden. 1949 wurde für die 388 Juden, die während der Shoah ermordet wurden, gleich im Eingangsbereich des „Guten Ortes“ ein Gedenkstein enthüllt. Aber auch viele einzelne Grabsteine sind mit ihren zusätzlichen Eintragungen stille Zeugen dieser Zeit.

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Grab von Artur Sachs, Holocaustüberlebender und von 1958 bis zu seinem Tod Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld, auf dem jüdischen Friedhof, 2008. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, unverzeichnet

Nach einer langen Phase der Ruhe und des guten Zusammenlebens zwischen der jüdischen und nicht-jüdischen Bevölkerung in Bielefeld, kam es erstmals wieder in den Jahren 1968 bis 1973 mehrmals zu Friedhofsschändungen, die dank der spontanen Hilfsbereitschaft vieler Bielefelder meist zeitnah beseitigt werden konnten. Allerdings war die Trauerhalle nicht mehr zu retten, nachdem sie 1973 von Jugendlichen abbruchreif beschädigt wurde. Die „spektakulärsten“ Verwüstungen ereigneten sich zum Gedenktag des 9. Novembers 1986. Die Empörung sowohl der politischen Seite als auch die der Bielefelder Bevölkerung war groß. 47 Gräber waren auf das Übelste beschmiert und an die Friedhofmauer war „Reichskristallnacht 1986“ mit roter Farbe gesprüht. Bei einem solchen Ausmaß der Beschädigungen ging man anfangs von mehreren Tätern aus. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um einen Einzeltäter, der gerade einmal 17 Jahre alt war. In einem offiziellen Schreiben bedankte sich die Jüdische Kultusgemeinde für die Anteilnahme und die schnelle Aufklärung. Unterschrieben war es von dem Vorsitzenden der Gemeinde, selbst Holocaustüberlebender, Artur Sachs. Er wurde am 27. Juni 1997 neben seiner Frau auf dem neuen jüdischen Friedhof beerdigt. Dr. Monika Minninger, langjährige Mitarbeiterin des Stadtarchivs und Expertin in Sachen jüdischer Geschichte in Bielefeld, war bei seiner Beerdigung gegenwärtig und schildert ihre Erlebnisse in den „Ravenberger Blättern“ des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg e.V. sehr eindrucksvoll.

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Familiengrab Porta auf dem neuen jüdischen Friedhof, um 1990. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,110/NL Dr. Monika Minninger, unverzeichnet

Alle Veränderungen, oftmals verbunden mit Schändungen, waren sicher für die jüdische Gemeinde von großem Gewicht. Den größten Einschnitt erlebte sie allerdings mit dem Bau des Ostwestfalendamms. Für die Realisierung dieses Projektes mussten 1700 Quadratmeter Friedhofsfläche geopfert werden. „Bei der Veränderung des südlichen Friedhofsteils wurden viele stehende Grabmale mit Zustimmung der Kultusgemeinde im Rasen bündig verlegt – eine Maßnahme, die zur Vereinfachung der Pflegearbeiten vorgenommen wurde. Hierbei hat man sicherlich nicht daran gedacht, daß durch diese Maßnahme ein typisch jüdischer Friedhofscharakter aufgehoben wurde. Seit dem Mittelalter errichten die in Mittel- und Osteuropa angesiedelten Juden, die auch Aschkenasim genannt werden, auf ihren Friedhöfen immer nur Grabstelen, nur die in Nordafrika und im Orient lebenden Juden, Sephardim genannt, benutzen Grabplatten“, war 1986 in einem Vortrag von Wilhelm Röhs zu hören. Schon vorher war der alte Friedhof in den 1950er Jahren, auch mit Zustimmung der jüdischen Gemeinde, wegen einer Straßenänderung einfach dem Erdboden gleich gemacht. Nur einige Grabsteine „überlebten“ und sind noch immer auf dem neuen Friedhof anzusehen.

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Schändung des jüdischen Friedhofs am Haller Weg, Neue Westfälische vom 11.11.1986. Stadtarchiv Bielefeld,
Bestand 400,2/
Zeitungen, Nr. 27

Heute wird „Der gute Ort“ weiterhin von der inzwischen auf rund 250 Mitglieder angewachsenen Gemeinde genutzt. Es ist aber nicht mehr möglich, den Friedhof zu besuchen. Er ist nicht mehr öffentlich zugänglich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I (Hauptbüro), Nr. 174, Bd. 1 – 2
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,4/Kunsthalle, Nr. 7
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,14/Garten-, Forst- und Friedhofsamt, Nr. 219, Nr. 362, Nr. 736
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt, Nr. V 56
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,110/Nachlass Dr. Monika Minninger, Nr. 7, Nr. 33
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,8/Sammlung Judaica, Nr. 48
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 358

 

Literatur

  • Diamant, Adolf, Geschändete Jüdische Friedhöfe in Deutschland 1945 – 1999, Potsdam 2000
  • Minninger, Monika, Kein Begräbnisplatz wie andere. Bielefeld Jüdischer Friedhof von 1891, in: Ravensberger Blätter, Heft 2, 1998
  • Röhs, Karl-Wilhelm, Der gute Ort. Die jüdischen Friedhöfe in Bielefeld, herausgegeben vom Garten-, Forst- und Friedhofsamt der Stadt Bielefeld und der Deutsch-Israelischen Arbeitsgemeinschaft, Bielefeld 1987
  • Stratmann, Harmut/Birkmann, Günter, Jüdische Friedhöfe in Westfalen und Lippe, Düsseldorf 1987
  • Probst, Stefan M., Das Andenken an die im Ersten Weltkrieg „für Kaiser und Vaterland“ gefallenen Bielefelder Juden, in: Ravensberger Blätter, Heft 1, 2014

 

Erstveröffentlichung: 01.06.2016

Hinweis zur Zitation:
Giesecke, Dagmar, 12. Juni 1891: Die jüdische Gemeinde erhält die Erlaubnis zur
Belegung eines neuen Begräbnisplatzes am Haller Weg, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld,
https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2016/06/01/01062016, Bielefeld 2016

 

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