17. Dezember 1936: Todestag des Geometers Heinrich Bomers, Schöpfer des „Bomers-Plans“ von Bielefeld von 1895

• Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

Der „Bomers-Plan“, manche nennen ihn sogar den „berühmten Bomers-Plan“, ist anziehend. Wer das Stadtarchiv am Bielefelder Neumarkt besucht, bleibt in der Regel an drei großformatigen Drucken von Karten interessiert hängen, die Bielefeld 1768, 1827 und 1895 zeigen. Die abschließende Reproduktion des „Bomers-Plans“ von 1895 illustriert im Vergleich zur Vorläuferkarte das enorme Wachstum der Stadt, die sich nach 1850 die umliegende Feldmark als Raum für Wohnbauten und Industrieansiedlung angeeignet hatte. Michael Mertins merkte 2000 im Begleittext zu einem Nachdruck über den Bomers-Plan im Stadtarchiv an: „Es ist das einzige gut erhaltene Exemplar, welches so eindrucksvoll ein Bild des vergangenen Bielefelds zeigt.“ Schöpfer dieses präzisen, in dominierendem Rot für Gebäude gehaltenen und wegen seiner Detailfülle immer wieder faszinierenden Plans war Johann Heinrich Bomers (1862-1936), der am 17. Dezember 1936 in Bielefeld verstarb.

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Titelvignette des Bomers-Plans von 1895; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne, Nr. 50169

Vom Rheinland nach Bielefeld

Bomers war kein Westfale, sondern Rheinländer. Am 4. Februar 1862 war er in Homberg am Rhein geboren, das heute zu Duisburg gehört. Er besuchte die Volksschule in Mönchengladbach und danach in Krefeld, wo er zur Realschule und danach zur Gewerbeschule wechselte. Er trat eine Ausbildung zum „Feldmesser“ (Vermessungstechniker) an, begann dafür 1881 als „Eleve“ bei einem Vermessungsbüro Hüser in Krefeld. Das Examen in Düsseldorf bestand er als „Kandidat der Feldmeßkunst“ 1884 mit praktischen und theoretischen Arbeiten. Das Zeugnis bescheinigte ihm ein „gut“ in Algebra und in der „ebenen Trigonometrie“, in den meisten anderen Fächern ein „ziemlich gut“ und in Stereometrie und „Feldertheilungslehre“ jeweils ein „zulänglich“. Danach hielt er sich mit Privataufträgen in Kleve und Krefeld, zuletzt in Goch über Wasser.

1889 bewarb sich Bomers, „ganz ergebenst“, bei der Stadt Bielefeld auf die ausgeschriebene Stelle eines Stadtgeometers (Vermessungstechnikers) für die Aufstellung von Fluchtlinien- und Bebauungsplänen. Bielefeld, das 1862 einen ersten Bebauungsplan hatte, lag mit der Stellenausschreibung ganz auf der Linie der Forderungen des Städteplaners Reinhard Baumeister (1833-1917), der bereits 1876 mehrstufige Planungssysteme empfohlen hatte, die aus Bebauungsplänen für Stadtteile und Fluchtlinienplänen für die jeweiligen Straßenzüge bestehen sollten. Bomers verwies in seiner Bewerbung auf Erfahrungen beim „außerordentlich rasche[n] Emporblühen“ Krefelds, das „das fortwährende Erweitern des Bebauungsplans“ verursachte. Nach einer Empfehlung („ein äußerst anständiger junger Mann“) des Bürgermeisters aus Goch wurde Bomers am 2. Mai 1889 in Bielefeld eingestellt und am 1. April 1894 dauerhaft übernommen.

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Oberbürgermeister Gerhard Bunnemann erkundigte sich in Goch nach Bomers Qualitäten; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalamt, Personalakten, Nr. A 64

Kaum ein Jahr in der Verwaltung, hatte Bomers wegen Arbeitsüberlastung die Einstellung eines Gehilfen, darüber hinaus eine Gehaltserhöhung um 20 Prozent auf 3.000 Mark beantragt. Bomers begründete seine Anfrage um einen „Gehülfen“ mit der Vielzahl der Aufgaben und Ablenkungen und dem Hinweis, dass die Erstellung von Karten im Maßstab 1:500 eine „mühselige und ungesunde Arbeit“ sei. Die Gehaltszulage rechtfertige sich aus einem Gehaltsvergleich mit anderen Bediensteten, außerdem seien die „Wohnungs- und Lebensverhältnisse in Bielefeld […] theurer als anderswo.“ Beide Anträge wurden zunächst abgelehnt, später erhielt Bomers erst kleinere Gratifikationen, 1892 sogar 3.300 Mark. Es verging kein Jahr ohne umfängliche Anträge Bomers´ an den Magistrat, 1894 bekräftigte er eine erneute Gehaltserhöhungsanfrage mit dem Hinweis, bei Gewährung auf einen Stellenantritt in Dortmund verzichten zu wollen. 1907 legte er eine Liste der Besoldungsverhältnisse städtischer „Landmesser“ vor – unter 61 Städten rangierte Bielefeld auf Platz 60 knapp vor Erfurt. Nicht ganz klar wird, ob der in Bielefeld gewährte Wohnungsgeldzuschuss von 550 Mark in den Vergleich eingegangen war. Erst 1914 wurde er wieder vorstellig und erhielt auf Antrag die überhaupt höchstmögliche Besoldung von 6.000 Mark. Der seit 1911 amtierende Oberbürgermeister Dr. Rudolf Stapenhorst (1865-1944) beschied den Antrag lapidar mit „ja“.

Auch organisatorisch hatte Bomers einige Ideen eingebracht. 1891 schlug er die Einrichtung eines städtischen Vermessungsamts als „Zentralstelle für alle Vermessungen in der Gemeinde […] zur Bearbeitung eines vollständigen und stets richtigen Kartenwerkes“ an, um die Stadt von privaten Vermessungsaufträgen profitieren zu lassen, indem die Karten-Duplikate in den städtischen Bestand eingingen. Dazu kam es nicht, zumal das Katasterwesen seinerzeit eine staatliche Angelegenheit war und es damit zu Doppelstrukturen gekommen wäre. Es blieb bei einer „Abteilung für Vermessungen“, der Bomers freilich vorstand. Von der Grundidee eines städtischen Vermessungsamts her war Bomers seiner Zeit voraus, denn das Katasterwesen wurde in Nordrhein-Westfalen und damit auch für Bielefeld erst 1948 kommunalisiert.

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Bielefeld, von Osten gesehen, Zeichnung von Robert Bechauf (1867-1949), 1893; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 149

Der „Bomers-Plan“

1895 legte Bomers das Werk vor, das auf ewig mit seinem Namen verbunden bleiben wird: Den „Bomers-Plan“ oder, wie er offiziell hieß, „Plan der Stadt Bielefeld und des Amtes Gadderbaum nach amtlichen Material“. Der Plan war – und das war neu – auch im Buchhandel zu erwerben. Die Konturen und Beschriftungen nahm Bomers´ Gehilfe Victor Huth mit „denkbar einfachsten Werkzeugen“ vor, wie Michael Mertins 2000 feststellte: Reduktionszirkel, Maßstab, Ziehfeder und spezielle Schreibfedern“. Den Druck bewerkstelligte die Steindruckerei Brockmann im seinerzeit modernen photolitographischen Verfahren, indem die Kartonzeichnung auf eine Glasplatte als Negativ reproduziert und per Kontaktkopie auf mehrere, lichtempfindliche beschichtete Lithographiesteine übertragen wurde, die aufgrund der Größe erforderlich waren.

Im Maßstab 1:5000 gibt der 4-Farben-Steindruck der Karte interessante Einblicke in die historische Stadtgestalt und ihre Veränderungen. Der damalige Bestand aus Häusern und Straßen erschließt sich aus heutiger Sicht nicht immer auf Anhieb, da ganze Häuserzüge im oder nach dem Zweiten Weltkrieg untergegangen und Straßenführungen angepasst und neu angelegt worden sind. Selbst anhand von Fotos und Luftbildern fällt die Orientierung und Einordnung gelegentlich schwer. Beispielsweise ist der östliche Einstieg in die Stapenhorstraße (bis 1930 noch Bürgerweg) deutlich nach Norden verschoben und begradigt worden. Die Kreuzstraße erfuhr nach der Zerstörung der Bebauung bei den Luftangriffen von 1944 eine erhebliche Verbreiterung zugunsten des Verkehrs. Der Bomers-Plan dagegen gibt den Urzustand von 1895 wieder, als Bielefeld sich zur Boomtown entwickelt hatte. Es war die Amtszeit des Oberbürgermeisters Gerhard Bunnemann (1842-1925), der von 1887 bis 1911 Stadtoberhaupt und Verwaltungschef war. Laut der Volkszählung vom 2. Dezember 1895 registrierte Bielefeld etwa 47.455 Einwohner. Zwanzig Jahre zuvor waren es etwas mehr als 26.000 gewesen, 1905 dagegen bereits knapp 72.000. Bielefeld schien auf dem Sprung zu einer Großstadt mit mehr als 100.000 Einwohnern zu sein, jedoch ebbte die Dynamik der prozentualen Steigerungsraten noch vor dem Ersten Weltkrieg leicht ab, auch wenn 1914 mehr als 82.000 Menschen in der Stadt lebten. 1917 fiel die Einwohnerzahl gar auf 68.609.

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Die Stadtmitte im Bomers-Plan von 1895 (Ausschnitt); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne, Nr. 50169

Die Stadt hatte also 1895 einen Plan, und den verdankte sie Heinrich Bomers. Wenn städtischer Verwaltungsbericht und Bomers Plan übereinstimmen, dann hatte der Stadtgeometer nicht weniger als 3.420 Wohngebäude akribisch ein- und mit dominantem Rot ausgezeichnet, darüber hinaus – in Schwarz – natürlich auch öffentliche Gebäude wie Rathaus, Gericht, Post, Finanzamt, Schulen, Kaserne, Bahnhöfe oder Gaswerk und zusätzlich die zahlreichen Industriekomplexe, die seit der Jahrhundertmitte entstanden waren. Im Quartier rechts und links der Bahnhofstraße und rund um den 1847 eingeweihten Hauptbahnhof sind allein etwa 30 Firmengebäude von Firmen mit klangvollen Namen dargestellt: Calow & Co., Droop & Rein, Gildemeister etc.

Dieses „Wimmelbild“ lädt zur Identifizierung des eigenen Hauses, der Straße und Stadtviertels ebenso ein wie zur weiteren Recherche: Welche „Loge“ war in der Brüderstraße 5, wer war in der Zimmerstraße in der „Herberge zur Heimath“ untegebracht, war auf dem heutigen Neumarkt tatsächlich eine „Gasanstalt“, ist es Zufall, dass an der Kavalleriestraße der „Bielefelder Reitclub“ ein Haus hatte, was ist aus dem Garnisonslazarett zwischen West- und Wittekindstraße geworden, was war die „Ressource“ am Niederwall gegenüber den Hausnummern 1 bis 6, die heute durch das Neue Rathaus ersetzt sind? Diese und weitere Fragen findet man unweit der Karte, die auch als „Standbild“ von 1895 verstanden werden kann, in den Buchbeständen der Landesgeschichtlichen Bibliothek und in Unterlagen im Stadtarchiv beantwortet.

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Die Industriegebäude rund um den Hauptbahnhof im Bomers-Plan von 1895 (Ausschnitt); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne, Nr. 50169

Im Verwaltungsberichtsjahr 1894/95 war für die neue 8. Bürgerschule (Petrischule) ein Schulgebäude entstanden, das aber erst Ostern 1896 übergeben wurde. Die höhere Mädchenschule, die Kamphofschule und die Diesterwegschule hatten jeweils eine Turnhalle erhalten. Neupflasterungen hatte sich die Stadt ebenfalls gegönnt, was der Plan natürlich nicht wiedergeben konnte. So wurde die Herforder Straße vom „Jahnsplatz“ (!) bis zur Gasanstaltstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße) mit einem „Basaltsteinpflaster I. Sorte“ ausgestattet. Bielefeld war schon immer um den Jahnplatz als ein Ort der Modernisierung und der Modernität bemüht. Nicht weniger als 125 neue Wohnhäuser waren im damals 1.221 Hektar großen Stadtgebiet neu entstanden gegenüber 104 im Vorjahr, obwohl die Bauordnung verschärft worden war: „Auch muß anerkannt werden, daß der Sinn für eine bessere Bauausführung sich vorteilhaft inbezug auf das ganze Stadtbild entwickelt hat“, hielt der Verwaltungsbericht dankbar fest. Bomers zeichnete danach wieder Bebauungs- und Baufluchtlinienpläne – mehr als Hundert sind im Stadtarchiv überliefert.

Stadtbild, Stadtfläche und Städtebau

Als Bomers am 30. September 1925 in den Ruhestand eintrat, war dieses den Tageszeitungen nur einen Dreizeiler wert, der immerhin die 36-jährige Dienstzeit für die Stadt erwähnte. Es wird als Zufall zu bezeichnen sein, dass die Westfälischen Neuesten Nachrichten daneben eine „Groteske“ betitelte Glosse Heinz Roses platzierte, die wohl die baulichen Entwicklungen und Beschlüsse zugunsten der Verkehrswege im Rathaus kritisieren sollte: „Die Häuser murrten. Sie wollten nicht mehr so langweilig in einer Reihe stehn, wollten mal einen Meter vorrücken, mal einen zurück, mal zu drein auf einem Haufen stehn.“ Rose ließ die protestierenden Häuser fantasievoll an den Kesselbrink abrücken, die aber angesichts der eingetretenen Menschenleere in ihren Wohnungen aufgaben. Der Magistrat indes nutzte die Rückkehr der Häuser an ihre Plätze für neue Richtlinien: „Die Häuser sollten in Reih und Glied schnurgerade sich aufstellen und eine fünfzehn Meter breite Straße zwischen sich frei lassen. […] Alle hellgrün, rosarot und ähnlich modern gestrichenen Häuser sollten auf der Obern- und Niedernstraße zusammentreten, damit man in andern Stadtteilen wenigstens vor ihnen Ruhe habe. Außerdem machte eine so bunte Straße auf Fremde gleich einen vornehmen, weltstädtischen Eindruck. Und die Häuser gingen darauf ein, stellten sich schnurgerade auf, rechtwinklige Ecken, so daß man sich nie verlaufen konnte und einer Straße schon anzumerken war, wie sie hinten aussah. Es war eine Freude, alles so schön gerade besonders für die Automobilisten.“ Die als eigenwillige „Groteske“ leidlich getarnte Kritik sollte offensichtlich die Stadtplaner und Entscheider im Magistrat treffen, die eine Eintönigkeit im Stadtbild zu billigen und bereits von einer verkehrsgerechten Stadt zu träumen schienen. Offensichtlich schwang die Furcht mit, dass derartige Bestrebungen die Individualität historisch gewachsener Stadtgestalt einzuebnen drohten.

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Der Einstieg in den Bielefelder Westen mit der ursprünglichen Linienführung der Stapenhorststraße, um 1930; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 12-2-341

Derartige Befürchtungen mussten 1926 Auftrieb erhalten, als der städtische Baurat Hans Laspeyres (174-1952) im „Buch der Stadt“ zu erkennen meinte, dass in den Bauformen von Geschäftshäusern und Fabriken „der Zeitgeist seinen besten künstlerischen Ausdruck“ fände: „Es kommt hierbei auf sachliche, zweckmäßige Gestaltung an, Hervortreten des schmückenden Beiwerks widerstrebt dem, eine gute Massenverteilung ist das Ausschlaggebende. Die hierbei sich allmählich entwickelnden selbständigen Formen werden den Wohnhäusern und sonstigen Bauten einen entsprechenden Zeitausdruck aufprägen. Daß dabei die Stimmungswerte früherer Zeiten verloren gehen, wird man in Kauf nehmen müssen, wie ja auch die immer höher gehenden Wogen des Verkehrs das alte Stadtbild, wo es ihnen im Wege steht, entsprechend umbilden werden. Daß dabei möglichst Wertvolles an die Stelle des Alten treten möge, dazu bedarf es der verständnisvollen Mitarbeit aller Bielefelder.“

An gleicher Stelle mahnte Stadtoberbaurat Friedrich Schultz (1876-1945): „Eine starke Gefahr für die weitere Entwicklung der wachsenden Stadt liegt in der unheilvollen, sich geradezu überstürzenden Steigerung des Verkehrs“ mit einer Verzehnfachung in den USA seit 1914 und einer Vervierfachung in Deutschland, so dass klar sein müsse, dass „wir in Bielefeld erst am Anfang dieser Entwicklung stehen. Wir müssen damit rechnen, daß die engbebaute Innenstadt schon in wenigen Jahren in den Hauptstunden des Verkehrs von Fahrzeugen so verstopft sein wird, daß ein vernünftiger Straßenverkehr unmöglich ist. […] Insbesondere wird dabei auch der natürliche Engpaß zwischen dem Sparenberg und dem Johannisberg in irgendeiner Weise für den Verkehr geeigneter gemacht werden müssen.“ Dieses geschah durch den Ausbau der Artur-Ladebeck-Straße, spätestens aber durch den Bau des 1975 eröffneten Ostwestfalendamms. Dass für diesen 135 Wohnhäuser im Bielefelder Westen abgebrochen werden würden, konnte Schultz 1926 kaum erahnen.

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Drangvolle Enge in der Alt- und in der Neustadt, Fliegeraufnahme vor 1915; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 12-2-185

1925 hatte eine bereits 1922 aus Magistratsmitgliedern und Stadtverordneten gebildete Eingemeindungskommission beschlossen, einen Generalbebauungsplan für Bielefeld aufzustellen, der erheblichen Flächenbedarf für Wohnungsbau und Gewerbeansiedlung diagnostizierte. Oberbürgermeister Stapenhorst prognostizierte 1928: „Die Enge des Stadtgebiets wird zur Folge haben, dass auch in Bielefeld das Großhaus kommt und die mit ihm verbundenen Schäden, wie in fast allen Großstädten, in die Erscheinung treten werden.“ Wollte man Hochhäuser und Mietskasernen vermeiden, blieben nur noch Flächen jenseits der Stadtgrenze übrig, die im damaligen Kreis Bielefeld lagen. Diese Überlegungen mündeten in die kommunale Gebietsreform vom 1. Oktober 1930, als Schildesche, Sieker und Stieghorst und kleinere Teile weiterer Gemeinden und Ämter der Stadt zugeschlagen wurden. Der nicht veröffentlichte Verwaltungsbericht für die Jahre 1926 bis 1931 ging ebenfalls auf diese Situation des unter den westfälischen Stadtkreisen als kleinsten ausgemachten Bielefelds ein: „Durch das weiträumige Bauen unter Vermeidung der Mietskasernen war das Bauland innerhalb des Stadtgebietes sehr knapp geworden […]. Die wenigen in Privatbesitz befindlichen Baugrundstücke wurden, teilweise in spekulativer Absicht, zurückgehalten. Das früher von der Stadt vorsorglich angekaufte Bauland […] ging zur Neige.“

Bomers hatte über Jahrzehnte vor allem Baufluchtlinienpläne und Bebauungspläne gezeichnet und Stadtpläne, die ein präzises Stadtbild von oben vermitteln. Seine Rolle und sein Einfluss in städtebaulichen Fragen bleibt unklar, dennoch bescheinigte ihm ein Nachruf in der Westfälischen Zeitung v. 19. Dezember 1936 „an der Lösung wichtiger städtebaulicher und bodenpolitischer Fragen“ mitgewirkt zu haben.

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Bethel im Bomers-Plan von 1895 (Ausschnitt); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne, Nr. 50169

Ein vielseitiger Kenner der Stadt

Johann Heinrich Bomers starb am 17. Dezember 1936 in Bielefeld, der Stadt, die ihm zur beruflichen Heimat geworden war und die er vermessen, gezeichnet und auch als Mieter anscheinend zur Genüge kennengelernt hatte. Von seinem Zuzug 1889 von Goch bis 1905 war er nicht weniger als acht Mal umgezogen: Am Markt (1889), Ritterstraße, Bürgerweg (heute Stapenhorststraße), Große Kurfürstenstraße (1890), Dorotheenstraße (1894), Goldbach (1902), Kreuzstraße (1903) und Niedernstraße (1905). Danach die Reichspoststraße (heute Friedrich-Eberst-Straße) (1908), Mozartstraße (1911), Goebenstraße 61 (1932) und schließlich die Obernstraße 1 (1934). Es muss den auf Genauigkeit getrimmten Bomers wohl mächtig gewurmt haben, dass er in den städtischen Adressbüchern noch bis einschließlich 1893 als „Boomers“ geführt wurde; erst die Ausgabe 1894/95 ließ das zweite „o“ entfallen. Ob die Veröffentlichung des Bomers-Plans seine Bekanntheit und die seines Namens gesteigert hat, muss indes offen bleiben. Erklärbar wird die anfängliche, durch acht Wohnadressen angedeutete Rastlosigkeit zwischen 1889 und 1905 wohl durch den Umstand, dass Bomers noch ledig war. Anfang 1905 heiratete er in deren Heimatstadt die gebürtige Paderbornerin Elisabeth Bomers geb. Lengeling (1883-1944). Nach der Geburt der Kinder Georg (1907-1926) und Katharina Maria Adelheid (1908-1994) scheint eine private Ruhe bei ihm eingekehrt zu sein.

Johann Heinrich Bomers hat der Nachwelt ein präzises Abbild Bielefelds 1895 hinterlassen. Wie er selbst aussah, ist bislang unbekannt.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalamt, Personalakten, Nr. A 64: Personalakte Heinrich Bomers, 1889-1944
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 300-1936,2: Sterberegister Bielefeld 1936, Bd. 2, Nr. 1136/1936
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/, Nr. 66: Meldekartei Bielefeld-Mitte, Abgänge, 1920-1939
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 370: Bebauungspläne – Generalia: Verordnungen und Gesetze, Baufluchtlinien, Entschädigungszwang der Gemeinden, Fluchtlinienplan im Kamphofgebiet, 1902-1937
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 371: Bebauungspläne – Spezialia: Nördlicher Bebauungsplan mit Flurbuchauszug und Lageplan, Einwendungen von Anliegern; nordöstlicher Bebauungsplan mit Straßenverzeichnis, Vermessungsregister, Lageplänen; südöstlicher Bebauungsplan mit Lageplänen und Eingaben, 1895-1935
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 372: Bebauungspläne – Spezialia: Lagepläne, Straßenprofile, Kostenanschläge, Beschwerden gegen Fluchtlinien: Gellershagen/Schildesche, Jöllenbecker und Schildescher Straße; Rohrteichstraße, Gadderbaum, Gebiet zwischen Kaiser-, Herforder Str. und Stadtgrenze, Altstadt, 1893-1949
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 6: Westfälische Neueste Nachrichten v. 30.9.1925 (Ausscheiden); Nr. 50: Westfälische Zeitung v. 30.9.1925 (Ausscheiden und „Groteske“) u. v. 19.12.1936 (Nachruf; Todesanzeige)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 12-2-185, 12-3-341
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 149: Bielefeld, von Osten gesehen, 1893; Zeichnung von Robert Bechauf (1867-1949)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne, Nr. 50169: Plan der Stadt Bielefeld und des Amtes Gadderbaum nach amtlichen Material bearbeitet von Stadtgeometer H[einrich]. Bomers, 1895 (Download)

Literatur

  • Adressbücher der Stadt Bielefeld, 1884-1936
  • Ellwein, Thomas, Der Staat als Zufall und als Notwendigkeit. Die jüngere Verwaltungsentwicklung in Deutschland am Beispiel Ostwestfalen-Lippe, 2 Bde., Opladen 1993/97
  • Enderle, Martin, Flächennutzung im 20. Jahrhundert: Bielefelds Weg zur Großstadt, in: Ravensberger Blätter 2002, Heft 1, S. 19-38
  • Laspeyres, Hans, Die Entwicklung des Bielefelder Stadtbildes, in: Magistrat der Stadt Bielefeld (Hg.), Das Buch der Stadt Bielefeld 1926, S. 23-37
  • Mertins, Michael, Nachdruck des ersten amtlichen Stadtplans (Bielefeld 2000)
  • Schultz, Friedrich, Zukünftige Bielefelder Aufgaben, in: Magistrat der Stadt Bielefeld (Hg.), Das Buch der Stadt Bielefeld 1926, S. 100-103
  • Stapenhorst, Rudolf, Die städtische Boden- und Siedlungspolitik, in: Magistrat der Stadt Bielefeld (Hg.), Das Buch der Stadt Bielefeld 1926, S. 76-82
  • Verwaltungsberichte der Stadt Bielefeld, ab 1852
  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 2: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Bielefeld 1988
  • ders., Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005

Erstveröffentlichung: 01.12.2021

Hinweis zur Zitation:
Rath, Jochen, 17. Dezember 1936: Todestag des Geometers Heinrich Bomers, Schöpfer des „Bomers-Plans“ von Bielefeld von 1895, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2021/12/01/01122021/, Bielefeld 2021

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