19. Januar 1919: Die Wahl zur Nationalversammlung in Bielefeld

• Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek  •

 

„Wir wollen durch! Wir woll’n empor / zum Licht! Wer will uns hemmen? / Wer will sich uns am Zukunftstor / dauernd entgegenstemmen? / Du heil’ge Glut, flamm‘ lodernd auf / erfülle alle Seelen! / Der Tag ist da! Deutschland, Glück auf! / Nun kommt und laßt uns wählen!“ So dichtete ein Anonymus in der sozialdemokratischen Tageszeitung ‚Volkswacht‘ einen Tag vor der Wahl zur Nationalversammlung, die das erste demokratisch gewählte verfassungsgebende Parlament in der noch jungen Republik legitimieren sollte. Seit den letzten Dezembertagen 1918 hatte der Wahlkampf den Alltag in Bielefeld bestimmt und gegensätzliche Positionen sichtbar gemacht.

Das Tempo, das die Novemberrevolution von den Zeitgenossen abverlangte, war schwindelerregend: Am 9. November 1918 verkündete Reichskanzler Max von Baden (1867-1929) die Abdankung des Kaisers, fast zeitgleich proklamierten der Sozialdemokrat Philip Scheidemann (1865-1939) die deutsche und der Spartakist Karl Liebknecht (1871-1919) die sozialistische Republik. Die Aufgaben des Reichstags nahm nun der Rat der Volksbeauftragten wahr, der sich zunächst aus Mitgliedern der Mehrheits- und unabhängigen Sozialdemokraten zusammensetzte. Am 11. November unterzeichnete Matthias Erzberger (1875-1921) im Auftrag Berlins das Waffenstillstandsabkommen von Compiègne und besiegelte damit das Ende des Ersten Weltkriegs. Einen Tag später führte der Rat der Volksbeauftragten das allgemeine Wahlrecht ab dem 20. Lebensjahr ein, wodurch Frauen erstmals wählen und gewählt werden durften, zudem die Aufhebung der Zensur und die Pressefreiheit, den 8-Stunden-Tag, die Ausweitung der Sozialversicherung und vieles mehr. Das ganze wurde begleitet von einer zunehmenden Radikalisierung der Politik. Während die Mehrheitssozialdemokraten auf eine parlamentarisch verfasste Republik setzten, forderten Spartakisten die Vollendung der sozialistischen Revolution mit der Schaffung einer Räterepublik. Um das zu verhindern, stimmte der von Mehrheitssozialdemokraten dominierte Reichsrätekongress am 19. Dezember 1918 dem Regierungsbeschluss zu, Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung durchzuführen. Diese sollten bereits am 19. Januar 1919 stattfinden.

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„Wählt die Liste beginnend mit …“ – auf dem Foto sind die Namen der Spitzenkandidaten nicht zu erkennen. Wahlkampf im Januar 1919 auf dem Schillerplatz in Bielefeld. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 93-6-42

Der in den letzten Dezembertagen des Jahres 1918 beginnende Wahlkampf wurde überschattet von bürgerkriegsähnlichen Unruhen, auf die noch einzugehen sein wird. Andererseits kam es zu Gründungen von politischen Parteien, die sich quasi über Nacht ein Programm geben mussten, mit dem sie sich in der Republik behaupten wollten. Selbstbewusst auf ihre eigene Geschichte verweisend, verkündeten die Bielefelder MSPD-Kandidaten Carl Severing (1875-1952) und Carl Schreck (1873-1956) wenige Tage vor der Wahl, dass „allein die sozialdemokratische Mehrheitspartei […] keiner Firmenänderung und keiner Umgestaltung des Programms“ bedurfte. Überhaupt hat es den Anschein, dass sich die Bielefelder Sozialdemokraten sehr sicher waren, die Wahlen mit einer deutlichen absoluten Mehrheit für sich entscheiden zu können. Nachdem die Führer des Spartakusbundes, Rosa Luxemburg (1871-1919) und Karl Liebknecht, beschlossen hatten, sich nicht an den Wahlen zu beteiligen, sondern mit einem gewaltsamen Aufstand die politischen Verhältnisse zu verändern, sahen sich die Bielefelder Sozialdemokraten eigentlich nur von den bürgerlichen Parteien herausgefordert, die von den Genossen aber kaum als ernsthafte Gegner wahrgenommen wurden. Schließlich war es die MSPD, die, wie sie in vielen Wahlanzeigen verkündete, lange vor dem Krieg die nun durchgesetzten sozialpolitischen Maßnahmen gefordert, sich während des Krieges für die Unterstützung von „Kriegerfrauen“ eingesetzt sowie Frauen und jungen Menschen das Wahlrecht gegeben hatte, die zudem dafür sorgte, dass Soldaten, die „bisher politisch entrechtet“ waren, nun wählen durften und vieles mehr. Der Wahlkampf in Bielefeld zeigte jedoch, dass nicht Parteiprogramme, sondern Ängste und Sorgen in unruhigen Zeiten einen entscheidenden Einfluss auf den Ausgang von Wahlen haben.

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Die Spitzenkandidaten der Bielefelder MSPD für die Nationalversammlung: Carl Severing (1875-1952) und Carl Schreck (1873-1956). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-19-22, 61-19-160

Für alle Parteien war neu, dass Frauen erstmals wählen durften und daher als potentielle Wählerinnen direkt angesprochen werden mussten; fast täglich wurden besondere Versammlungen für Frauen angekündigt. Während die aus den Konservativen des Kaiserreichs neu gegründete Deutschnationale Volkspartei (DNVP) forderte, dass „christliche Sitte und Sittlichkeit in Ehe und Familie herrschen“ müssen, aber ansonsten an die patriotische Pflicht der „deutschen Frauen und Mädchen“ appellierte, die rechte und zudem antisemitische Partei zu wählen, gingen vor allem die Kandidatinnen der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und Deutschen Volkspartei (DVP) auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft ein. Insbesondere die promovierte Pädagogin Dr. Annemarie Morisse (1877-1942), die im Januar 1919 fast täglich in Versammlungen der DDP in der Stadt und im Kreis Bielefeld referierte, wies auf den Bedeutungszuwachs von Frauen im „Wirtschaftsleben“ hin. Während sich „die wirtschaftlichen Leistungen der Frau“ in der vorindustriellen Zeit auf den „häuslichen Wirtschaftsbetrieb“ beschränkten, sei durch die Industrialisierung ein Wandel eingetreten: „Die Frau vollbringt jetzt Leistungen für den Staat, sie hat nunmehr auch das Recht, im Staatsleben mitzusprechen, und sie will ihre Interessen selbst vertreten. Wie die Frauen in den unteren Ständen körperliche Arbeit leisten, so sind die Frauen des Mittelstandes jetzt an der Erzeugung geistiger Güter beteiligt.“ Morisse forderte, Frauen „bei gleichen Leistungen ebenso wie Männer“ zu entlohnen. Zudem müsse ihnen „der Aufstieg in höhere Berufe“, vor allem in der Seelsorge, Rechtspflege und Universitätsdozentenlaufbahn, eröffnet werden. Dass der Weltkrieg hätte verhindert werden können, wenn es bereits vor 1914 Politikerinnen gegeben hätte, erklärte Morisse biologistisch: „Die Frau müsse sich für eine Politik der Versöhnung der Völker einsetzen, dazu sei die Frau schon von Natur berufen, denn aus der Mutterschaft fließe der Geist der Liebe.“ Die Frauenversammlung am 4. Januar im Vereinshaus an der Bahnhofstraße war sehr gut besucht, das Auditorium spendete „lebhaften Beifall“.

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Dr. Annemarie Morisse (1877-1942). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,4/Fotoalben, Nr. 174-34 (Ausschnitt)

Morisses Rollenverständnis und die daraus resultierenden gleichberechtigten Forderungen für Frauen hätten die Mehrheitssozialdemokraten sicher geteilt. Die Berichte über Frauenversammlungen der MSPD lassen aber vermuten, dass spezifische Fraueninteressen als Teilmenge der relevanten Klassen- bzw. proletarischen Interessen der Arbeiterbewegung verstanden und diesen auch untergeordnet wurden. Als Carl Severing am 9. Januar in der Zentralhalle am Kesselbrink zu einer Frauenversammlung einlud und über „Frauenrechte und Frauenpflichten“ referieren wollte, war der „Saal schon lange vor Beginn überfüllt“, ebenso die Flure und Galerien und selbst „der Raum hinter der Bühne“, sodass Hunderte, die vor dem Lokal standen, keine Chance hatten, dabei zu sein. Da gleichermaßen Männer und Frauen zu der Versammlung gekommen waren, hielt es Severing „mit Rücksicht auf die zahlreich erschienenen Männer […] für richtig, nicht über das angekündigte Thema […], sondern allgemein über die jetzt aktuellen Fragen zu sprechen.“ Um keinen abweisen zu müssen, sprachen im Garten der Zentralhalle u.a. eine „Frl. Petersen“ und Käthe Vordtheide (1891-1964), die seinerzeit eine bekannte feuilletonistische Schriftstellerin und in den 1920er Jahren als Journalistin tätig war. Die mit Severing angekündigte Frauenversammlung wurde auf den 17. Januar verlegt, zu der „Männer keinen Zutritt“ hatten. Am 9. Januar kam es gegen Ende der mehr als fünfstündigen Versammlung zu einem Disput zwischen Severing und Pastor Heinrich Köhne (1865-1935) von der evangelischen Johanniskirche über die nicht nur von der Sozialdemokratie geforderte Trennung von Staat und Kirche im Allgemeinen und über den Mitbegründer der USPD Adolph Hoffmann (1858-1930) im Besonderen. Hoffmann, der während der Novemberrevolution zum Kultusminister ernannt wurde, war zwar zu Beginn des Spartakusaufstandes am 4. Januar 1919 aus der Regierung ausgeschieden, weckte aber bei den Katholiken schlimmste Erinnerungen an den Kulturkampf in den 1870er Jahren. Der Name ‚Hoffmann‘ stand für die strikte Trennung von Staat und Kirche und die Aufhebung der kirchlichen Schulaufsicht. Wohlgemerkt, das gleiche forderten auch die liberale DDP und einige Protagonisten der DVP, der Nachfolgepartei der Nationalliberalen. Aber die Politik des bekennenden Atheisten Adolph Hoffmann war radikal antiklerikal, was für die katholische und evangelische Kirche nichts anderes bedeutete als die gottlose Schule und der gottlose Staat. Da half es Severing auch nicht darauf hinzuweisen, dass Hoffmann zum einen von der USPD nominiert worden, zum anderen seit kurzem auch kein Minister mehr war. Für die Kirchen und die bürgerlichen Parteien war Hoffmann letztlich ein Symbol einer sozialistischen Republik, die auch die MSPD als Ziel anstrebte.

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Im Wahlkampf 1919 wurden vor allem lange Texte und Parolen eingesetzt; Bilder spielten kaum eine Rolle. Wahlplakat der DDP zur Nationalversammlung. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,9/Plakate, Nr. 564

Bis zum Wahltag verging kaum eine Versammlung einer bürgerlichen Partei, in der die Trennung von Staat und Kirche nicht angesprochen und vor einer sozialistischen Republik der MSPD nicht gewarnt wurde. Die liberalen ‚Westfälischen Neuesten Nachrichten‘ (WNN) hoben zwar hervor, dass nach der Abdankung des Kaisers dieses Thema auf der Tagesordnung stände, weil der Kaiser als oberster Landesbischof Kirche und Staat zusammengehalten hatte: „Heute ist ein oberster Landesbischof nicht mehr vorhanden. Wer tritt an seine Stelle? Die Regierung? Der zukünftige Präsident? Wenn aber nun eine rein sozialistische Regierung kommt, wenn wirklich, wir wollen mal den schlimmsten Fall annehmen, Adolph Hoffmann preußischer Kultusminister bliebe, würde es der Kirchenbehörde angenehm sein, wenn ein Vertreter des Ministers oder er selber sämtliche Sitzungen des Oberkirchenrates oder der Konsistorien beiwohnte? Wir glauben, dass die Kirche in eine Lage kommen kann, dass sie selber die Trennung vom Staate wünscht. Nicht aus Gleichgültigkeit oder gar Feindschaft gegen die Kirche, viel weniger aus Feindschaft gegen die Religion, kann man heute für eine Trennung von Staat und Kirche sein.“ Obwohl sich unter den bürgerlichen Parteien die liberale DDP ebenfalls für eine Trennung aussprach, schloss die WNN diese aus,  „wenn die Wahlen eine sogenannte bürgerliche Mehrheit bringen werden“.

Dass dieses Thema innerhalb weniger Tage zu einer Belastung für die Mehrheitssozialdemokraten wurde, zeigt der „Hirtenbrief der Oberhirten der niederrheinischen Kirchenprovinz und der ihr angeschlossenen Bistümer“, zu denen auch der Paderborner Bistum und sein Bischof Karl Joseph Kardinal Schulte (1871-1941) gehörten, der am 8. Januar in Münster gegeben und einen Tag vor der Wahl am 18. Januar in der Westfälischen Zeitung als „letzte Mahnung“ ganzseitig veröffentlicht wurde. Allein die den Hirtenbrief gliedernden Überschriften machten deutlich, dass die MSPD für Christen nicht wählbar war: „Christentum und Sozialdemokratie stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser“, „Die sozialistische Lehre steht im schärfsten und schroffsten Gegensatz zu unserem christlich-katholischen Glaubensbekenntnis“, „Der Sozialismus will auch die katholische Sittenlehre und das katholische Sittenleben zertrümmern“, „Der Staat soll von der Kirche getrennt werden, die Schule soll weltlich, d.h. gottlos sein“ und schließlich „Die Sozialisten zerstören die christliche Ehe und Familie“. Zusammengefasst hieß es: „Wer den Sozialismus fördert, arbeitet gegen die Religion. Wer den Sozialismus, unmittelbar oder mittelbar, durch eigenes Tun oder Nachlässigkeit oder durch Saumseligkeit unterstützt, versündigt sich an Christus und seiner Kirche“. Pastor Walter Michaelis (1866-1953) von der evangelischen Neustädter Marienkirche und Kandidat der DNVP hätte in ökumenischer Eintracht dem Hirtenbrief bestimmt zugestimmt.

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Die MSPD wehrte sich in Kleinanzeigen gegen den Vorwurf, die Religion einschränken zu wollen. Volkswacht vom 14./17. Januar 1919

Während sich die katholischen Bischöfe darauf beschränkten, Sozialismus und Sozialdemokratie in toto zu bekämpfen, bekannten sich Bielefelder Beamte eindeutig zur DNVP. In einem offenen Brief klagten sie über ihr desaströses Ansehen in der Bevölkerung, die ihnen die Schuld für die Not und Entbehrungen der Kriegsjahre zuschieben würde, obwohl Beamte nur den Mangel verwalten konnten. Friedrich Ebert (1871-1925) habe sich zwar bei den Beamten für ihre „Treue zum Staat“ in der Umbruchzeit bedankt, unvergessen sei aber die Forderung des Volksbeauftragten Hugo Haase (1863-1919), dass der „bisherige Beamtenapparat […] möglichst vollständig durch Anhänger der sozialistischen Partei ersetzt werden“ müsste, und die unwidersprochene Erklärung von Heinrich Ströbel (1869-1944), dass die Anstellung von Beamten auf Lebenszeit „wohl bald der Vergangenheit angehören“ würde; Haase war von 1911 bis 1916 einer der beiden Vorsitzenden der SPD und 1917 Gründungsmitglied der USPD, Ströbel trat 1917 von der SPD in die USPD und war neben Paul Hirsch (1868-1940) Ministerpräsident im preußischen Revolutionskabinett. Da unter den bürgerlichen Parteien sich nur die Deutschnationalen für die Rechte der Beamten ausgesprochen hätten, sei nur diese Partei für die Beamten wählbar. Die MSPD hatte sich zwar längst von den radikalen Positionen distanziert, was ein Kommentar in der WNN durchaus bestätigte. Auch schaltete sie in den verbleibenden Tagen bis zur Wahl noch mehrere Anzeigen, mit denen sie das Vertrauen der Beamten zurückgewinnen wollte, aber letzte Zweifel an einer sozialistischen Beamtenpolitik blieben wohl erhalten.

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Die DVP empfahl sich als Partei „zur Erhaltung eines gesunden Beamtenstandes“. Anzeige in Westfälische Neueste Nachrichten vom 14. Januar 1919

Überhaupt hat es den Anschein, dass die Mehrheitssozialdemokraten die Konsequenzen aus der Spaltung der Arbeiterbewegung, deren kurzfristiger Ursprung die bewilligten Kriegskredite zu Beginn des Ersten Weltkrieges waren, vollkommen unterschätzten. Es handelte sich eben nicht nur um die Abspaltung des radikalen Flügels zu den Unabhängigen und später zu den Spartakisten und Kommunisten. Aus bürgerlicher Sicht war und blieb die Sozialdemokratie die Keimzelle der Revolution, die nicht nur die Monarchie hinwegfegte, sondern auch die bürgerliche Gesellschaft gefährdete. Schließlich waren Haase und Ströbel, Luxemburg und Liebknecht ursprünglich Sozialdemokraten. Als nach dem Massaker am 6. Dezember in der Berliner Chausseestraße die Gewalt nicht nur in der Hauptstadt eskalierte, die Weihnachtskämpfe fast nahtlos in den Spartakusaufstand übergingen, war die Angst im deutschen Bürgertum vor einem Bolschewismus russischer Prägung groß. Da half es auch nicht, dass sich die MSPD und vor allem Ebert mit den alten Eliten verbündeten (Ebert-Groener-Pakt), um die radikale Linke zu bekämpfen. Für Bürgerliche war die MSPD nicht wählbar, und die radikale Linke sprach vom Verrat.

Auch in Bielefeld wurde der Wahlkampf mit seinen täglichen Versammlungen und Erklärungen vom Spartakusaufstand überschattet. Auf den Titelseiten berichteten die Tageszeitungen über „Straßenkämpfe“ mit „Kanonen- und Maschinengewehrfeuer“ in Berlin, über „Schützengräben im Tiergarten“ und am 10. Januar gar über „700 Tote in der Reichshauptstadt“. Die Zahl der Todesopfer entbehrte zwar jeder Grundlage und kann, modern gesprochen, als „fake news“ bezeichnet werden, sie verfehlte aber ihre Wirkung nicht: Solche Nachrichten hatte es selbst während des Ersten Weltkriegs nicht gegeben. Nach dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht veröffentlichte die sozialdemokratische ‚Volkswacht‘ einen „authentischen Bericht“ der Ereignisse, bei dem es sich dennoch um eine Fälschung handelte, und zeigte wenig Mitleid mit den ehemaligen Genossen: „In der Arbeiterbewegung wirkten sie als Kräfte der Zersetzung, und wenn auch die organisierte Arbeiterschaft Deutschlands in ihrer überwältigenden Mehrheit die Art verabscheut und verurteilt, in der die ‚Massen‘ ihr Ankläger- und Richteramt ausgeübt haben, so vermag der tragische Tod der beiden in ihr doch nicht das Gefühl zu erwecken, das man sonst beim Scheiden von alten Kameraden und Kampfgenossen empfindet.“

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700 Tote in Berlin? Fake-News im Wahlkampf! Titelseite der Westfälischen Neuesten Nachrichten vom 10. Januar 1918

Während die USPD, die zu ihren Versammlungen nur wenige Dutzend Anhänger mobilisieren konnte, für die Bielefelder MSPD kein ernstzunehmender Gegner war, grenzten sich in der Woche vor der Wahl sämtliche bürgerlichen Parteien scharf gegen die Sozialdemokraten ab. Dazu gehörte nun auch die liberale DDP, die sich aber dennoch weigerte, ein bürgerliches Wahlbündnis einzugehen, an dem auch die DNVP beteiligt war. Das gemeinsame Ziel, eine absolute Mehrheit der Sozialdemokraten zu verhindern, wurde im Reich erreicht. Während die MSPD in der Stadt Bielefeld nur äußerst knapp die absolute Mehrheit verfehlte, ging sie im Landkreis als eindeutige Gewinnerin hervor. Auf die von Carl Severing angeführte sozialdemokratische Liste entfielen in der Stadt 22.574 Stimmen oder 49,3 %. Mit großem Abstand folgten die DDP mit 21,5 %, die DVP mit 14,8 %, die DNVP mit 7,2 % und die Zentrumspartei mit 5,9 %. Bedeutungslos waren in der Stadt die USPD, die 591 Stimmen erhielt bzw. 1,3 % und die statistisch kaum messbare „Liste der Eisenbahner“, für die zwei Wähler votierten. Im Landkreis entfielen auf die MSPD 22.649 Stimmen oder 59,4 %, gefolgt von der DNVP 22,4 %. Die liberalen Parteien DDP und DVP waren mit 8,6 und 6,4 % der Stimmen weit abgeschlagen. Auf die Zentrumspartei, die im katholischen Paderborn und Münsterland die stärkste Partei war, entfielen 2 %, die USPD erhielt nur 1,2 % und sieben Wähler gaben ihre Stimme den „Eisenbahnern“.

Die Enttäuschung der Bielefelder Sozialdemokraten war groß. Man habe zwar in der Stadt mehr Stimmen erhalten als sämtliche bürgerliche Parteien (22.574 zu 22.525), dass der Partei gewogene Wählerpotential sei aber nicht ausgeschöpft worden: „Die Beamten, deren Interessen sie zur Sozialdemokratie führen sollten, haben in Bielefeld noch nicht den Mut gefunden, sich offen zur Sozialdemokratie zu bekennen. Der sozialdemokratisch gesinnte Teil überlässt das Kampffeld deswegen ohne Gegenwehr den bürgerlichen Gegnern. Das wird im Laufe der Jahre anders werden. Auch die Beamten werden einsehen, dass ihre Interessen bei der Sozialdemokratie am besten aufgehoben sind und der Partei neue Wähler zuführen. Dann wird auch die Aufklärung der Frauen Fortschritte machen und damit die Voraussetzungen schaffen, die zur Behauptung der sozialistischen Hochburg Bielefeld erforderlich sind.“

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Eine der wenigen bebilderten Wahlkampfanzeigen: Die Republik steht infolge der „sozialistischen Gefahr“ am Abgrund. Anzeige der DNVP in Westfälische Zeitung vom 15. Januar 1919

Die Hoffnungen erfüllten sich nicht, als eine Woche später am 26. Januar 1919 die Wahl zur Preußischen Nationalversammlung anstand. Im Gegenteil: Auf die MSPD entfielen nur 21.492 Stimmen oder 43,7 %. Wie bei der Wahl vom 19. Januar folgten DDP und DVP mit 17,3 und 12.4 % der Stimmen, sodann die DNVP mit 7,5 %, das Zentrum mit 5,6 % und abgeschlagen die USPD mit 1 Prozent. Bei einer geringeren Wahlbeteiligung hatten die DDP 1.319, die MSPD 1.082, die DVP 659 und die USPD 90 Stimmen eingebüßt, während sich die DNVP mit einem Zuwachs von 402 Stimmen zur Gewinnerin der Wahl erklären konnte. Auch die Zentrumspartei konnte im Vergleich zur Vorwoche immerhin 37 zusätzliche Stimmen verbuchen. Im Landkreis konnte die MSPD bei niedriger Wahlbeteiligung ihre Spitzenstellung zwar behaupten und legte mit 59,5 % der Stimmen sogar leicht zu, verlor aber auch hier real 1.085 Wählerinnen und Wähler. Bis auf die Deutschnationalen, die einen leichten Zuwachs von acht Stimmen erzielten, verloren auch im Landkreis die Parteien real und prozentual; DNVP 23,6 %, DDP 8,1 %, DVP 5.8 %, Zentrum 2,1 % und USPD weniger als 1 Prozent.

Kaum zweieinhalb Monate nach der politischen Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts konstatierte die sozialdemokratische ‚Volkswacht‘ „Wahlmüdigkeit“. Die Bielefelder MSPD war über die „sehr beträchtliche Abnahme“ der Stimmen verärgert: „Es hieße Vogel-Strauß-Politik treiben, wenn man über diese blamable Tatsache hinweggehen wollte. Die Parteileitung hatte geglaubt, auf Listenkontrolle und Schlepperdienst diesmal verzichten zu können, weil sie der Meinung war, dass die politischen Verhältnisse jedermann aus dem werktätigen Volke ohne besondere Anhaltung zur Wahlurne bringen würde. Diese Auffassung hat sich als falsch erwiesen. Man wird diese Hilfsmittel wieder in Anwendung bringen und mit den Parteigenossen, die bei so wichtigen Abstimmungen ihr Wahlrecht nicht ausüben, ein ernstes Wort reden müssen.“

Als fünf Wochen später am 3. März 1919 die Bielefelder Stadtverordneten neu gewählt wurden, zeigte sich, dass das Wahlziel „absolute Mehrheit“ von den Sozialdemokraten in ihrer Hochburg wieder nicht erreicht worden war. Sie erhielt 48 % der Stimmen, gefolgt von der DDP mit 18 %, der DVP mit 13,1 % der DNVP mit 11,7 % des Zentrums mit 6,5 % und der USPD mit 2,8 %. Die Hoffnung, einen sozialdemokratischen Oberbürgermeister zu wählen, erfüllte sich nicht, da sich die USPD bei der Wahl enthielt. Oberbürgermeister Dr. Rudolf Stapenhorst, seit 1911 im Amt und nun Kandidat der DVP, wurde in seinem Amt bestätigt. Auffällig war, dass sich links von der MSPD mit den Unabhängigen Sozialdemokraten und später der KPD neue Parteien etablierten und am rechten Rand die DNVP stark zulegte. Diese Entwicklung, vor allem die Erosion der bürgerlichen Mitte zugunsten der Rechtsextremen sollte sich in den Jahren der Weimarer Republik noch verstärken und letztlich auch in Bielefeld das Ende der ersten Demokratie in Deutschland besiegeln.

 

Quellen

Literatur

  • Doris Johanna Bockholt, „Haltet euch bereit für Wille und Tat“. Die Pädagogin und Stadtverordnete Annemarie Morisse (1877-1942), in: Bärbel Sunderbrink (Hrsg.), Frauen in der Bielefelder Geschichte, Bielefeld 2010, S. 111-121.
  • Martin Schumacher (Hrsg.), M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung. Eine biographische Dokumentation, Düsseldorf3 1994.
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005, S. 20-77.
  • Bernd J. Wagner, Die Bielefelder Sozialdemokratie in der Weimarer Republik und unterm Hakenkreuz, in: Ridvan Ciftci/Karl-Gustav Heidemann/Wilfried P. Schrammen (Hrsg.), Gemeinsam für eine solidarische Gesellschaft. Schlaglichter aus 150 Jahren sozialdemokratischer Geschichte in Bielefeld, Bielefeld 2018, S. 77-99.
  • Heinrich August Winkler, Weimar 1918-1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie, München 1994, S. 33-68.

 

Erstveröffentlichung: 01.01.2019

Hinweis zur Zitation:
Wagner, Bernd J., 19. Januar 1919: Die Wahl zur Nationalversammlung in Bielefeld, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld,
https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2019/01/23/01012019, Bielefeld 2019

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