5. Februar 1906: Die Ravensberger Spinnerei schenkt der Stadt eine Dampfmaschine für das Städtische Museum

• Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek •

 

Es war nur eine kurze Notiz im Protokoll der Magistratssitzung vom 5. Februar 1906: „Die Schenkung der ersten in Bielefeld aufgestellten Dampfmaschine durch die Ravensberger Spinnerei wird mit Dank angenommen. Die Maschine soll in einer der Remisen auf dem Grundstücke Coblenzerstraße 1 aufgestellt“ und die „erforderlichen Arbeiten […] vom Stadtbauamte ausgeführt werden.“ Anderntags informierten die Bielefelder Tageszeitungen knapp, um dann mehr als zwanzig Jahre nicht mehr darüber zu berichten. Die Dankbarkeit gegenüber der traditionsreichen Firma war sicher groß, das Interesse an diesem technischen Monstrum aber provozierend gering. Lohnt es sich, nach mehr als hundert Jahren an dieses Ereignis zu erinnern? Auf jeden Fall. Denn am Beispiel des Ausstellungsobjekts „Dampfmaschine“ kann ein Paradigmenwechsel der Geschichtswissenschaft und, damit eng verbunden, der historischen Museen aufgezeigt werden.

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Die Dampfmaschine im Museumsgarten (1960). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 72-1-265

Der Schenkung voraus ging eine seit den späten 1890er Jahren intensiv geführte Diskussion über die historische Sammlung der Stadt Bielefeld, die in dem 1888 errichteten ‚Pallas‘ auf dem Sparrenberg erstmals museal präsentiert werden konnte. Für die Sammlung verantwortlich zeichnete der 1876 gegründete Historische Verein für die Grafschaft Ravensberg, der „historisch-merkwürdige Gegenstände im Original oder zweckmäßiger Nachbildung“ zusammengetragen und diese 1895 mit Bibliothek und Archiv der Stadt geschenkt hatte. Obwohl die „Räume auf der Sparrenburg“ anfangs begeistert begrüßt wurden, erwiesen sie sich im Laufe der Jahre als „höchst ungeeignet“. „Wenn nach längerem Frost milderes Wetter eintritt, durchschlagen sich die durchkälteten Wände so sehr mit Feuchtigkeit, daß das Wasser an ihnen herunterläuft und auf dem Boden Pfützen bildet“, berichtete Prof. Dr. Julius Wilbrand (1839-1906) den Mitgliedern des Historischen Vereins; der Gymnasialoberlehrer war als ehrenamtlicher Pfleger für die historische Sammlung der Stadt verantwortlich. In den bürgerlichen Vereinen, Gesellschaften und städtischen Gremien herrschte Konsens, dass in Bielefeld die Zeit reif war, ein städtisches Museum zu gründen.

1898 schlug Gustav Reyscher (1853-1928) vor, „dem Museum zugleich den Charakter eines Gewerbemuseums, wenigstens für Bielefelder Fabrikate, zu geben.“ Reyscher war Baumeister, hatte also ein technisches Studium absolviert. Obwohl Prof. Wilbrand versicherte, dass auch der Vorstand des Historischen Vereins diesen Wunsch teile, sahen sich ‚die Historiker‘ nicht für diesen Ausstellungsbereich verantwortlich. Das wurde deutlich, als der Magistrat am 6. November 1899 ein Statut für das städtische Museum vorlegte, das am 23. März 1900 von der Stadtverordneten-Versammlung genehmigt wurde. Das Statut sah zwei Abteilungen vor, eine für Geschichte und eine für Gewerbe. Während die „geschichtliche Abteilung“ von einem Pfleger des Historischen Vereins betreut werden sollte, war für die „Abteilung für Gewerbe“ ein Pfleger der Bielefelder Handelskammer, also ein Mann aus der Wirtschaft zuständig. Die Handelskammer stimmte zwar diesem Verfahren zu, ohne aber jemals einen Pfleger aus den eigenen Reihen zu benennen.

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Prof Dr. Julius Wilbrand (1839-1906). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-23-4

Die Wichtigkeit eines „Gewerbemuseums“ wurde zwar weiterhin betont, da es aber für diese Abteilung keinen Ansprechpartner gab, wurden diesbezügliche Exponate erst gar nicht angeschafft. Zumindest spielten sie im Zugangskatalog des städtischen Museums, der seit 1901 regelmäßig in den Ravensberger Blättern veröffentlicht wurde, kaum eine Rolle. Während dem Museum zahlreiche archäologische und ethnologische Artefakte (von steinzeitlichem Faustkeil über Urnen bis hin zu Gerätschaften indianischer Provenienz), bäuerliche Möbel und Trachten, Hecheln (landwirtschaftliches Gerät zur Reinigung von Fasern), Spinnräder und nicht zuletzt Münzen, Fotografien und Karten geschenkt oder mit städtischen Mitteln angekauft wurden, erhielt die „Gewerbeabteilung“ bis zur Schenkung der Dampfmaschine nur drei Fahrscheine der am 20. Dezember 1900 in Betrieb genommenen „elektrischen Straßenbahn“ und eine „alte Handnähmaschine“ (1904).

Die Befürworter eines städtischen Museums wünschten sich als Domizil die Kaselowskysche Besitzung an der Koblenzer Straße, die 1899/1900 von der Stadt erworben worden war. Kurzzeitig drohte das Projekt allerdings zu scheitern, als das Grundstück mit der heiß diskutierten Theaterfrage in Verbindung gebracht wurde; das Bielefelder Stadttheater wurde bekanntlich neben dem neuen Rathaus am Niederwall gebaut und 1904 eröffnet. Um die historische Sammlung vor der zerstörenden Feuchtigkeit auf dem Sparrenberg zu schützen, wurde sie mit den neuen Objekten im Keller der Kaselowskyschen Villa eingelagert, während die Räume in dem zweigeschossigen Gebäude bis zum Umzug ins neue Rathaus vom städtischen Bauamt genutzt wurden. 1905 konnte das Obergeschoss dem Museum übergeben werden, während im Erdgeschoss vorübergehend das Konservatorium von Musikdirektor Traugott Ochs (1856-1919) untergebracht war. Nach dessen Auszug feierte die Stadt am 3. Oktober 1906 die Eröffnung des Museums – allerdings ohne die Dampfmaschine. Diese zog erst 1909 in den Museumsgarten, nachdem ein kleiner, abseits gelegener „Schuppen“ für deren Unterbringung errichtet worden war. Das „technische Denkmal“ ward in den folgenden Jahren kaum mehr zu sehen und geriet bald in Vergessenheit.

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Das Städtische Museum (1959). Das Gebäude wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der Pädagogischen Akademie genutzt. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 84-2-11

Wie ist es zu erklären, dass ein aus heutiger Sicht hochrangiges Ausstellungsobjekt nach der Eröffnung des Museums so wenig Beachtung fand? Auf den ersten Blick hat es den Anschein, dass der Wert technischer Erzeugnisse nur in den Metropolen Europas erkannt wurde. So zog das bedeutende Pariser „Concervatoire des Arts et Métiers“, das Maschinen und technische Zeichnungen ganz im Stile von Descartes Enzyklopädie präsentierte, bereits im späten 18. Jahrhundert eine technisch interessierte Öffentlichkeit in den Bann. Im November 1906 wurde das Deutsche Museum in München mit einer provisorischen Ausstellung eröffnet, während der Neubau erst 1925 eingeweiht werden konnte. Und als 1909 in Bielefeld die Dampfmaschine in einem Schuppen verschwand, wurde in Wien der Grundstein für ein Technisches Museum gelegt. Hinter all‘ diesen Gründungen standen nicht Historiker, sondern Techniker, vor allem Ingenieure, wie zum Beispiel in München um den Bauingenieur Oskar von Miller (1855-1934), der unter anderem für den Bau des Münchener Elektrizitätswerkes verantwortlich zeichnete. Auch in der Geschichtswissenschaft waren es eben nicht akademisch gebildete Historiker, sondern Ingenieure wie Conrad Matschoss (1871-1942), die technikgeschichtliche Forschungen betrieben.

In Bielefeld war es nicht anders. So wurde das städtische Museum vor allem von historisch-philologisch gebildeten Lehrern gefordert, die, so ist zu vermuten, weder ein Interesse an Technikgeschichte, noch an der Geschichte der Industrialisierung hatten. Letztere war aus der Sicht der lokalen Historiker wahrscheinlich noch „zu jung“ und damit kaum geschichtswürdig. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass die „Gewerbeabteilung“ von einem Experten der Handelskammer geleitet werden sollte. Es gibt aber durchaus Belege, dass Bielefelder Techniker und Ingenieure Interesse an technikgeschichtlichen Präsentationen hatten. Als der Gymnasiallehrer und Vorsitzende des Historischen Vereins Prof. Dr. Hermann Tümpel (1857-1923) 1907 über Fortschritte beim Bau eines besonderen Hauses für die Dampfmaschine berichtete, wies er darauf hin: „Der geschaffene Raum soll außerdem eine Sammlung industrieller Erzeugnisse aufnehmen, bei denen der interessante Werdegang derartiger Sachen vom Rohmaterial bis zur Vollendung gezeigt werden soll. Ein Grundstock solcher Gegenstände“ sei von Gewerberat Konrad Trauthan (1859-1928), der die Gewerbeinspektion im Landratsamt leitete, gestellt worden. Im Zugangskatalog des Museums fehlt allerdings jeglicher Hinweis auf sein Geschenk, das womöglich mit der Dampfmaschine im Schuppen des Museums eingelagert wurde.

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Prof. Dr. Hermann Tümpel (1857-1923). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-20-9

Im Sommer 1923 wurde in Bielefeld mit der betriebstechnischen Wanderausstellung „Technik und Wirtschaft“ eine „Ausstellung der Ingenieure“ im neu gebauten Gebäude der Firma Berg & Co. an der Missundestraße präsentiert. Festredner war der Fabrikant Ernst Rein (1858-1953), der auch Vorsitzender des Teutoburger Bezirksvereins im Verband Deutscher Ingenieure (VDI) war. Er betonte, dass die Ausstellung „kein Wettbewerb in der Vorführung fertiger Erzeugnisse“ sei, „in dem Einer den Andern zu übertreffen“ suche, sondern sie stelle „ein Mittel gegenseitiger Hülfeleistungen dar. Keine Jagd nach Auszeichnungen, keine marktschreierische Reklame, sondern sachliche Vorführung von Einrichtungen oder Arbeitsverfahren, die dem Laien vielleicht wenig“ imponiere, „für den Fachmann aber von hohem Wert“ sei. Von städtischer Seite ließ sich Oberbürgermeister Dr. Rudolf Stapenhorst (1865-1944) durch den Direktor des städtischen Betriebsamtes Carl Brüggemann (1864-1934) vertreten. Die Bielefelder Tageszeitungen berichteten mit mehrseitigen Sonderbeilagen über die Ausstellung, und die Westfälische Zeitung mahnte, dass Technik und technischer Fortschritt nicht Worte seien, „die den Laien gleichgültig lassen dürfen.“ Die Ausstellung sei nicht nur für „Fachleute“, sondern „für uns alle“ bedeutungsvoll.

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Ernst Rein (1858-1953). Aquarell von Wassilij Barsoff (1952). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 257

Als Dr. Eduard Schoneweg (1886-1969) 1925 die Leitung des Städtischen Museums übertragen wurde, wies er auf die in der Vergangenheit gemachten Versäumnisse hin. Weil es keinen Ansprechpartner für die Gewerbeabteilung gab, wurden die „für das Museum zur Verfügung stehenden alten Maschinen […] zum Teil zum alten Eisen geworfen.“ Die erste Nähmaschine von Baer & Rempel und das erste Fahrrad der Dürkoppwerke seien dem Deutschen Museum in München übergeben worden. Schoneweg kündigte an, dass neben der historischen und naturwissenschaftlichen Abteilung „nunmehr […] eine neue Abteilung für Industrie, Handel und Gewerbe angegliedert“ werden solle, die „Raumfrage“ innerhalb des Museums allerdings noch nicht gelöst sei. Daher sollte „jeder Industrielle für sich einmal die für ein Museum brauchbaren Gegenstände, Maschinen und Apparate in einen Raum zusammenstellen. Es wird sich in der Rumpelkammer unserer großen und kleinen Werke sicherlich noch manch ein Stück finden, das ein typisches Glied in der Kette der industriellen Entwicklung Bielefelds darstellt. Also frisch ans Werk!“

Über die Dampfmaschine sprach er nicht. Diese tauchte erst im Juli 1933 wieder auf, als die Westfälische Zeitung über eine „Dornröschen-Maschine“ berichtete, die ein Fotograf mit der „Kamera entdeckt“ habe. Wie in dem Märchen der Prinz, musste sich der Fotograf erst einen Weg bahnen, „nicht durch eine Rosenhecke, wohl aber durch viel Gerümpel und dichtes Spinnengewebe“. Die Bedeutung der Dampfmaschine für die Industriegeschichte Bielefelds wurde zwar jetzt erkannt, die Frage, wie sie denn zu präsentieren sei, trieb aber neue Blüten. Der Vorschlag, die Dampfmaschine „zu einem Kriegerdenkmal für die im Weltkrieg gefallenen Techniker“ zu verwenden, wurde von Ernst Rein zurückgewiesen. Zum einen könne er keinen Zusammenhang zwischen der Maschine und dem Krieg erkennen, zum anderen sei es „abwegig, für einen bestimmten Berufsstand des Wirtschaftslebens ein besonderes Kriegerdenkmal zu errichten, denn dann könnte man mit gleichem Recht für jeden anderen Beruf gesonderte Denkmäler verlangen. Unser Heer bildet eine Einheit, folglich soll auch die Ehrung der Gefallenen keine zersplitterte sein.“ Ernst Rein warnte jedoch davor, die Dampfmaschine im Freien aufzustellen, da „auch bei bestem Schutz gegen Witterungsverhältnisse die Maschine allmählicher Zerstörung“ ausgesetzt sei.

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Das „Maschinendenkmal“ am Abend des 15. September 1934. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 72-1-260

Die Warnung des technischen Experten blieb ungehört. Am 15. September 1934 wurde die Dampfmaschine als technisches Denkmal im Museumsgarten unter freiem Himmel geweiht. Anlässlich des Jubiläums hatten Mitglieder des Teutoburger Bezirksvereins im VDI gemeinsam mit der Bielefelder Armaturenfabrik und Eisengießerei Karl Vogelsang, der Gute-Hoffnungshütte Sterkrade, die die Dampfmaschine 1843 hergestellt hatte, und der Stadtverwaltung das Projekt realisiert. Choreographie und Festreden der „Weihefeier“ standen ganz im Dienst des braunen Zeitgeistes: Scheinwerfer tauchten das Maschinendenkmal „in helles Licht“, wodurch die „Abmessungen der Maschine noch größer als am Tag“ erschienen. Rings um das Denkmal standen „regungslos wie aus Erz gegossen“ Fackelträger. Diplom-Ingenieur und städtischer Baurat Hugo Wendt (1894-1955) verglich voller Pathos die 1840er Jahre mit der Gegenwart: „Wenn wir heute mitten in unserem schweren Kampfe um unsere Unabhängigkeit diese alte Dampfmaschine hervorholen und als Denkmal aufrichten, die vor 100 Jahren uns Deutschen mitgeholfen hat, unsere darniederliegende Wirtschaft aufzubauen, so wollen wir damit zum Ausdruck bringen, daß uns [gemeint sind Ingenieure, BJW] heute wieder ein großer Teil der Arbeit zufällt. Wir geloben, alles daran zu setzen, die uns gestellten Aufgaben zu lösen!“ Regierungsbaumeister Erich Kothe (1883-1962), der als Vertreter des Hauptvorstandes des VDI aus Berlin angereist war, wurde deutlicher: Die „Aufgabe des Ingenieurs im nationalsozialistischen Staat“ sei es, „ein Helfer des Menschen zu sein.“ Die Dampfmaschine stand nun auf einem Sockel, auf dem zu lesen war: „Am Anfang der industriellen Entwicklung Bielefeld stand diese alte Dampfmaschine“. Alle unter der Sockeloberfläche befindlichen Teile waren abgesägt sowie Zylinder und Balanciersäule „aus statischen Gründen mit Zement ausgegossen“ worden.

Obwohl die Bielefelder Altstadt unter den Bombenangriffen während des Zweiten Weltkriegs gelitten hatte und auch der Museumsgarten in Mitleidenschaft gezogen worden war, wies das Maschinendenkmal nach dem Krieg keine Schäden auf. Es stand aber in den 1950er Jahren der Stadtplanung im Weg. Im Juni 1956 schlug Oberbürgermeister Artur Ladebeck vor, das Denkmal auf das Gelände der berufsbildenden Schulen an der Heeper Straße zu versetzen. Dazu kam es aber nicht. Dreieinhalb Jahre später, am 16. Dezember 1959, sprach sich der Rat einstimmig für das Gelände der neuen Ingenieurschule an der Wilhelm-Bertelsmann-Straße als neuen Standort für die Dampfmaschine aus. Sie wurde 1964 auf einem Sockel mit gleichem Text transloziert und blieb dort bis in die 1990er Jahre.

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Büste von Heinrich Niedergassel. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-7-19

In den Fokus der Historiker geriet die Dampfmaschine, als ein Team um Dr. Cornelia Foerster eine Konzeption für das neue Historische Museum entwarf, das im Mai 1994 auf dem Gelände der ehemaligen Ravensberger Spinnerei eröffnet werden sollte. Im Eingangsbereich des Historischen Museums sollte die Dampfmaschine nicht, wie anderorts häufig zu sehen, „ohne jeglichen sozialen und ökonomischen Zusammenhang und Produktionskontext“ präsentiert werden, sondern gleich mehrere Bezüge aufzeigen, die für Bielefelds Industrialisierung wichtig waren. Von der bisherigen Interpretation abweichend, die die Dampfmaschine als Objekt präsentierte, mit der die Industrialisierung in Bielefeld begann, wird insbesondere die Krisensituation in den 1840er Jahren thematisiert. Der Niedergang der Handspinnerei spätestens seit den 1820er Jahren ließ den Ruf nach einer maschinenbetriebenen Spinnerei laut werden. Heinrich Niedergassel (1817-1858), Pächter der Neuen Bleiche auf dem Gelände der heutigen Ravensberger Spinnerei, war von dieser Innovation überzeugt und gründete die erste Maschinenflachsgarnspinnerei in Bielefeld, für die er auch eine Dampfmaschine benötigte. Obwohl er für seinen noch überschaubaren Maschinenpark von der preußischen Regierung Wirtschaftsförderung erhielt, scheiterte sein Projekt, weil ihm die Unterstützung Bielefelder Kaufleute fehlte. Für Spinner und Heuerlinge aus Theesen zog mit den Spinnereimaschinen gar ein „schreckliches Ungewitter“ herauf, und sie baten 1847 die preußische Regierung, den Einsatz „jener unheilbringenden Maschine, die fürchterliche Geißel der Menschheit,“ zu verhindern. Die von Heinrich Niedergassel 1842 in Bielefeld aufgestellte Dampfmaschine war also auch ein „Symbol des Scheiterns der anfänglichen Industrialisierungsversuche“, ein Symbol für den konfliktgeladenen Spannungsprozess zwischen Befürwortern und Gegnern des Maschineneinsatzes, zwischen technischem und gesellschaftlichem Fortschritt und nicht zuletzt für die preußische Wirtschaftsförderung im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. All‘ das wird heute im Historischen Museum gezeigt.

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Die Dampfmaschine im Historischen Museum (2000). Fotosammlung des Historischen-Museums-Bielefeld

Auf eine Wiederherstellung der technischen Funktionsfähigkeit der Dampfmaschine wurde nicht zuletzt aus Kostengründen verzichtet; Funktionen und technikgeschichtliche Besonderheiten werden an Bildschirmen erklärt. Aber nicht nur die ökonomischen, sozialen und strukturgeschichtlichen Aspekte werden mit der Dampfmaschine in Beziehung gesetzt, das Museum zeigt auch den gesellschaftlichen Umgang mit dem technischen Denkmal im Laufe der Geschichte auf: Dazu gehören der aus heutiger Sicht schwer verständliche Pathos oder der Versuch, das Maschinendenkmal völkisch-nationalistisch zu verklären. Letztlich werden auch die Schäden thematisiert, die dem Denkmal zugefügt wurden, nachdem es nach jahrzehntelangem Einsatz im Produktionsprozess der Ravensberger Spinnerei der Stadt geschenkt worden war. Es sind vor allem die Schäden, vor denen Ernst Rein 1933 gewarnt hatte und die bei der Installation auf dem Sockel entstanden waren.

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,4/Kunsthalle, Nr. 3: Handakte Dr. Schoneweg, Industrie und Gewerbe (1941/42)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 84: Einrichtung des städtischen Museums (1881-1910)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 85: Städtisches Museum (1905-1918)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 32: Kunst, Vorträge, Ausstellungen (1905-1944)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Bielefelder Generalanzeiger, Westfälische Zeitung, Westfälische Neueste Nachrichten
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung

Literatur

  • Gertrud Angermann, Heinrich (Nieder)Gassel (1817-1858), in: Rheinisch-westfälische Wirtschaftsbiographien, Bd. 14: Bielefelder Unternehmer des 18. bis 20. Jahrhunderts, hg. v. Jürgen Kocka und Reinhard Vogelsang, Münster 1991, S. 188-208
  • Jürgen Büschenfeld, Das Ding mit dem Ing. 50 Jahre Ingenieurwissen aus Bielefeld, Bielefeld 2009
  • Axel Flügel, Kaufleute und Manufakturen in Bielefeld. Sozialer Wandel und wirtschaftliche Entwicklung im proto-industriellen Leinengewerbe von 1680 bis 1850, Bielefeld 1993
  • Cornelia Foerster (Hg.), Historisches Museum Bielefeld. Ein Führer durch das Historische Museum, Bielefeld 1994
  • Cornelia Foerster, Geschichten von Menschen und Dingen. Das Historische Museum in der Ravensberger Spinnerei und seine Vorgänger, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld. Tradition und Fortschritt in der ostwestfälischen Metropole,Bielefeld 1996, S. 398-403
  • Martin Griepentrog, Kulturhistorische Museen in Westfalen (1900-1950). Geschichtsbilder, Kulturströmungen, Bildungskonzepte, Paderborn 1998.
  • Joachim Radkau, Technik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis heute, Frankfurt/Main 2008
  • Udo Schlicht, Textilbleichen in Deutschland. Die Industrialisierung einer unterschätzten Branche, Bielefeld 2010
  • Eduard Schoneweg, Das Städtische Museum, in: Das Buch der Stadt, hg. v. Magistrat der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1926, S. 199-208
  • Rosa Schumacher, Ansprüche an die Museumsmacher formuliert am Beispiel einer geplanten Ausstellungsabteilung des Historischen Museums, in: Ravensberger Blätter 1991, Heft 1, S. 17-23
  • Wilhelm Stratmann, Das Historische Museum in der Alten Ravensberger Spinnerei. Geschichte Bielefelds und der Region, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld 1214-2014, Bielefeld 2013, S. 680-687
  • Hermann Tümpel, Geschichte des Städtischen Museums zu Bielefeld, in: Ravensberger Blätter, 1906, Nr. 10, S. 69-72
  • Reinhard Vogelsang, Grundsatzüberlegungen zu einem historischen Museum in Bielefeld, in: 72. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (1979/80), S. 207-218
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld. Bd. 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005, S. 195-201
  • Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, 12.1898 ff (Berichte des Vorstands)

 

Erstveröffentlichung: 01.02.2016

Hinweis zur Zitation:
Wagner, Bernd J., 5. Februar 1906: Die Ravensberger Spinnerei schenkt der Stadt eine Dampfmaschine für das Städtische Museum, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld,
https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2016/02/01/01022016, Bielefeld 2016

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