14. Mai 1996: Entscheidung des Stadtrats zur Umbenennung des Bavink-Gymnasiums in „Gymnasium am Waldhof“

• Jan-Willem Waterböhr, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld •

 

Am 14. Mai 1996 kam es im Rat der Stadt Bielefeld zu einer hitzigen Diskussion zwischen Abgeordneten der rot-grünen Ratskoalition und den Oppositionsfraktionen CDU und BfB (Bürgergemeinschaft für Bielefeld). Gegen zwei Vertreter der BfB und der GRÜNEN/Bunte Liste wurden während der Debatte Ordnungsrufe ausgesprochen, nachdem sie sich unangemessen geäußert und verbal angegriffen hatten. Gegenstand der Diskussion war die Entscheidung über die Umbenennung des „Bavink-Gymnasiums“ in „Gymnasium am Waldhof“.

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Schülerinnen vor dem Schulgebäude mit Namenszug, 1978. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,003/Fotosammlung, Nr. 24-202-29

Seit dem Ende der 1980er-Jahre waren mehrere wissenschaftliche und seit 1991 auch zunehmend öffentliche Debatten innerhalb der Stadtgesellschaft um die Ehrung des ehemaligen Lehrers Dr. Bernhard Bavink (1879-1947) geführt worden. Die Stadt Bielefeld gab 1991 ein wissenschaftliches Gutachten bei Dr. Michael Schwartz (Münster) in Auftrag, welches die Biographie Bavinks auf die Nähe zu den Nationalsozialisten und seine wissenschaftlichen Positionen zur Eugenik, Euthanasie und der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ prüfen sollte. Die öffentlichen Debatten fanden vornehmlich in den Tageszeitungen, zwischen den Parteien und den verschiedenen Verwaltungsinstitutionen statt. Die Fronten der Diskussionen verhärteten sich, nachdem der Schulausschuss am 12. März 1996 und die Bezirksvertretung Mitte am 18. April 1996 sich für die Umbenennung ausgesprochen hatten, die Schulkonferenz des Bavink-Gymnasiums als Selbstverwaltungsorgan jedoch am 9. Mai 1996 ein zweites Mal gegen die Umbenennung votierte. Dabei zeigte sich, dass vornehmlich die Elternschaft sowie die Vertreterinnen und Vertreter der Schülerinnen und Schüler mehrheitlich gegen die Umbenennung stimmten. Im Stadtrat fand die Debatte sowohl ihren Siede- als auch einen vorläufigen Schlusspunkt, denn die rot-grüne Rathauskoalition erreichte die Umbenennung am 14. Mai 1996 mit einer knappen Mehrheit von 35 zu 29 Stimmen. Sie trat ab dem 1. August 1996 in Kraft. Nachfolgend sollen prägende und relevante Positionen der wissenschaftlichen und in Teilen der öffentlichen Debatte zusammengetragen werden.

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Dr. Bernhard Bavink, zwischen 1933 und 1945. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,5/Nachlass Bernhard Bavink, Nr. 177

Dr. Bernhard Bavink lehrte seit 1912 Mathematik und Naturwissenschaften am Bielefelder Mädchengymnasium, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Kaiserin Auguste Viktoria-Schule hieß. Er war am 30. Juni 1879 in Leer (Ostfriesland) als Sohn des Kaufmanns und Fabrikanten Bernhard Bavink und Johanna Elea Bavink geb. Ruffels geboren worden. Nach dem Abitur studierte er ab 1897 in Bonn und Göttingen Chemie, Mathematik und Biologie, schloss das Staatsexamen im November 1902 ab und promovierte 1904 zur Kristallphysik. In Goslar und Gütersloh absolvierte er zwei Vorbereitungsjahre als Lehrer, bevor er nach Bielefeld wechselte und sich dort mit seiner Familie niederließ. In zwei Ehen – seine erste Frau Maria „Mieze“ Meyer aus Barmen starb 1915 an Tuberkulose – war er Vater von insgesamt fünf Kindern geworden.

Als Lehrer war er auf dem Bielefelder Gymnasium sehr beliebt, was er selbst auf seinen verstehenden und offenen Zugang gegenüber den Schülerinnen zurückführte, den er im Gegensatz zum übrigen Kollegium gepflegt habe, um sie für den Unterrichtsstoff der Naturwissenschaften zu begeistern. Bernhard Bavink wurde am 1. September 1944 auf eigenen Wunsch in den Ruhestand versetzt und verstarb unerwartet am 27. Juni 1947 an einer Gehirnblutung.

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Frontansicht der Kaiserin Auguste Viktoria-Schule in der Viktoriastraße 7, ca. 1905. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 24-202-12

Das hohe Ansehen in der Bielefelder Stadtgesellschaft drückte sich in der Umbenennung der Auguste Viktoria-Schule in Bavink-Gymnasium noch im selben Jahr aus. Oberbürgermeister Artur Ladebeck (SPD) selbst regte die Umbenennung 1947 an. Das Mitteilungsblatt des Stadt- und Landkreis Bielefeld schreibt dazu am 27. September 1947:

Es ist der Geist, der im Christentum wurzelt und der den Satz vertritt, dass die Wissenschaft immer nach der Wahrheit strebt, selbst wenn sie überzeugt ist, dass sie die Wahrheit nie erreichen wird. Dies beiden, den Glauben und die Wissenschaft, als These allen Lernens zum Grundsatz in der Schule aufrecht zu erhalten, […] das wäre ihr [Witwe Bavink] Wunsch.

Die langjährige Verehrung durch seine Schülerinnen zeigte sich nicht nur in mehreren Redebeiträgen auf der Trauerfeier, sondern auch in verschiedenen Artikeln einer Gedenkseite des Westfalen-Blatts, welche am 27. Juni 1997 anlässlich seines 50. Todestags erschien. Zu beiden Anlässen betonten sie Bavinks großen Hunger nach Werten und Erkenntnissen, den lebendigen und humorvollen Unterricht zu Problemen der Naturwissenschaft mit Ausblicken auf Philosophie und Theologie sowie seine mutige Menschlichkeit auf der Suche nach Wahrheit in unmenschlichen Zeiten – gemeint ist die Lehre Bavinks während der Zeit des Nationalsozialismus.

In den einsetzenden Diskussionen seit den 1980er-Jahren wurde aber nicht der Lehrer Bavink kritisiert, sondern seine Positionen als wissenschaftlicher Eugeniker in der Weimarer Republik sowie seine persönliche Nähe zur NSDAP und zur Rassenpolitik der Nationalsozialisten. Zunehmend wurden seine in Teilen antisemitischen, anti-individualistischen und völkischen Aussagen herausgearbeitet: In der eugenischen Diskussion um die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ – eine Diskussion des wissenschaftlichen Mainstreams während der 1920er- und 1930er-Jahre – wurde ein inhaltlicher Vorläufer der Euthanasie (Krankenmorde der Nationalsozialisten) identifiziert. Die inhaltliche Nähe und persönlichen Verstrickungen sowie seine frühe Mitgliedschaft in der NSDAP machten Bavink als eugenischen Vordenker der Rassenpolitik und als Unterstützer der Nationalsozialisten verdächtig.

1993 legte Dr. Michael Schwartz das von der Stadt Bielefeld in Auftrag gegebene wissenschaftliche Gutachten vor, welches zentrale Aspekte der Biographie, der wissenschaftlichen Karriere und Positionen einordnete und bewertete. Schwartz kam zu dem Ergebnis, dass Eugenik (Rassenhygiene) und Euthanasie nicht synonym verstanden werden dürfen: Eugenik forciere die Erhaltung und Verbesserung einer Fortpflanzungsgesellschaft mittels Eheverboten, Sterilisation, Kastration, Abbrüchen von Schwangerschaften oder auch Tötungen. Zahlreiche Eugeniker lehnten jedoch einen eugenisch-fundierten Rassismus ab, auch wenn viele selbst rassistische Weltauffassungen vertraten. Die Rassenpolitik der Nationalsozialisten hingegen konstruierte eine arische oder nordische Rasse, die auch mit intendierten Lebensverkürzungen und sozialdarwinistischen Theorien die Erlösung der Gesellschaft suchten. Dennoch habe die NS-Rassenpolitik zu Nachbarschaften von Eugenik und Euthanasie geführt, so Schwartz.

 

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Monographie von Dr. Bernhard Bavink, 1933. Stadtbibliothek Bielefeld am Neumarkt.

Bavinks wissenschaftliche Position orientierte sich an Thesen der eugenischen Erhaltungspolitik von gesundem Leben, die einer radikalen ‚natürlichen Selektion‘ von kranken Menschen gegenüberstand. Er habe einen Ansatz vertreten, der die Verbreitung und Vererbung von genetischer Minderwertigkeit sowie unheilbaren Krankheiten mit eugenischer Fortpflanzungskontrolle zu verhindern suchte. Die vorübergehende Befürwortung der Vernichtung von lebensunwerten Lebens führt Schwartz auf die Annäherung an die Münchener Eugenetik zurück, die wiederum nicht mit der Euthanasie der Nationalsozialisten gleichzusetzen sei. Die Frage nach der Vernichtung lebensunwerten Lebens sei für Bavink nur randständig, mit Blick auf einen organischen Volkskörper aber diskutabel gewesen. Bavink begründet sein Engagement in der Eugenetik in seinen Lebenserinnerungen: „Daß die Nationalsozialisten dieses Thema [Eugenik] aufgebracht hätten, ist eine Geschichtsfälschung. Ich wollte damals verhindern, dass diese Diskussion im Hinblick auf religiöse Fragen durch das Engagement des aus dem Jesuitenorden kommenden Professors Hermann Muckermann allein in katholischen Händen lag und damit unter den Einfluß der Zentrumspolitik geriet.

Bavink reproduzierte, popularisierte und publizierte nicht nur zeitgenössische Wissenschaftsthesen der Eugenik, sondern positionierte und agierte daher auch politisch. Dem Wissenschaftler Bavink weist Schwartz eine christlich-nationalkonservative Gesinnung nach, wie sie nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Revolution in den protestantischen und verunsicherten Kreisen verbreitet war. Motive seiner konservativen Gesellschaftskritik waren vornehmlich die technokratische Industrialisierung und die politischen, kulturellen und sozioökonomischen Modernisierungsprozesse, die sich auch in einer Ablehnung der Weimarer Republik als Symbol der Moderne äußerten. Sie mündeten in autoritär-antiliberalen, antidemokratischen Staatsvorstellungen, die sich auf Volk, Gemeinschaft und Organismus als Gegenentwurf zur Weimarer Demokratie stützten und vor fremden und jüdischen Einflüssen zu schützen waren – dazu Bavink (1933): „Solche Art von Eigenleben verträgt sich mit dem des Ganzen natürlich nicht, und ein organisches Staatswesen ist deshalb gezwungen, nötigenfalls rücksichtslos abzustoßen, so wie der Arzt, wenn es noch Zeit ist, die Krebszellen mit dem Messer entfernt. In diesem Sinne muß also die individuelle Freiheit [zum selbstständigen Wachsen] in einem solchen Staate begrenzt sein.

Schwartz hält weiter fest, dass sich diese völkisch-nationalen Programmatiken Bavinks in seiner auch persönlichen Nähe zu Fritz Lenz (1887-1976) entwickelten. Lenz war Professor für Eugenik in München und Kopf der ‚Münchener Schule‘ im Eugenikdiskurs – er selbst sowie die Münchener Schule gelten und galten als stark völkisch geprägt. Exemplarisch dazu Bavink (1944):

Europas führende Rolle in der Kultur hängt daran, daß die europäischen Völker ihre wertvolle Erbmasse, die zu den großen Leistungen ihrer Geschichte befähigt hat, nicht verkommen lassen […]. Ein Volk ist eben keine bloße Summe von Individuen, es ist eine eigenartige und einmalige Schöpfungsgestalt, die – mögen ihre biologischen Wurzeln sein welche sie wollen, ebensogut wie ein einzelnes Individuum ihr charakteristisches Leben […] lebt und deshalb auch das Recht darauf hat, dieses Leben, soweit das im allgemeinen Schöpfungsplane liegen kann, zu erhalten und zu fördern.

Bavink erlangte in den Kreisen seit etwa 1926/27 eine große und anerkennende Reputation. Dies ging auch mit der Verantwortungsübernahme der Verbundszeitschrift „Unsere Welt“ des Keplerbunds einher, über die er einerseits ein weitreichendes Publikationsorgan erhielt und andererseits das wissenschaftliche Profil des Bundes vorantrieb. Fritz Lenz und Bernhard Bavink suchten schon früh die Nähe zu den Nationalsozialisten, um über Fachnetzwerke beratenden Einfluss auf deren eugenische Politik zu nehmen.

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Fragebogen zur Entnazifizierung von Dr. Bernhard Bavink, 1946. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. D 99: Prof. Dr. Bavink

Parteipolitisch war Bavink zunächst in der national-konservativen DNVP aktiv. Er selbst hält in seinen Lebenserinnerungen fest: „Alle Welt, auch viele meiner Kollegen und Kolleginnen, ließ sich von dem allgemeinen Taumel der demokratischen Begeisterung anstecken. Für mich war klar, daß ich auf Seiten der nationalen Opposition stand.“ Am 1. April 1933 trat der der NSDAP bei und blieb Parteimitglied bis 1945 – im Juli 1933 war er außerdem Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) und seit Ende 1933 in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Im März 1933 gründete er eine örtliche „Arbeitsgemeinschaft für deutsche Kultur“ mit, die es sich zum Ziel gesetzt hatte das „öffentliche Leben von Schmutz und Schund zu befreien“. Er übernahm dort die Organisation sowie die Veranstaltungen der Sektionen Rassenbiologie, Musik und Schulwesen. In Eigeninitiative erreichte er den Beitritt des Stahlhelms, des Kreiskriegerverbands, der Abteilung Volksbildung der NSDAP, des Kampfbundes für deutsche Kultur sowie des Deutschbundes und des Deutschnationalen Handlungshilfen-Verbands. Er sorgte also für eine Netzwerkbildung zwischen nationalkonservativen Organisationen und nationalsozialistischen Gliederungen. Die Arbeitsgemeinschaft blieb trotz des Engagements weitestgehend inaktiv. Ferner trat er im Frühjahr 1933 mehrmals auf öffentlichen Veranstaltungen der NSDAP auf.

Wie viele der national-konservativen und protestantischen Kreise hatte auch Bavink große Hoffnung in die Nationalsozialisten und die NSDAP gesetzt, eine nationale Revolution gegen die verhasste Weimarer Republik voranzutreiben – Mitte 1933 distanzierte er sich jedoch zunehmend von den Nationalsozialisten.

Seine Kritik richtete sich einerseits gegen die zunehmenden Einschränkungen der Religions- und Wissenschaftsfreiheit, andererseits gegen die Rassenpolitik der Nationalsozialisten, deren Vermischung von Rasse und Kultur er als wissenschaftliche Grundlage ablehnte. Der Physikprofessor Dr. Klaus Hentschel zitiert Bavink aus „Unsere Welt“ 26 (1934): „Weder religiöse noch rassistische oder sonstige ‚Standorte‘ haben das geringste Recht zu dekretieren, was ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ ist, wenn und soweit es sich dabei um Fragen handelt, die tatsächlich nüchterne sachliche Untersuchung entschieden werden können.“ „Unsere Welt“ wurde 1941 verboten. Schließlich blieb auch der Einfluss auf die eugenische Politik der Nationalsozialisten über die Fachnetzwerke erfolglos. Dennoch kommen Schwartz und Hentschel zu dem Urteil, dass viele seiner publizierten Forderungen in den Rassegesetzen umgesetzt wurden, ohne dass ihm dabei ein entscheidender Einfluss zuzuschreiben ist – seine Konflikte mit der Politik der Nationalsozialisten haben daher außerhalb der politischen Umsetzungsfragen gelegen.

Schwierig ist die Einordnung Bavinks in den Wissenschaftsdiskurs der 1920er- und 1930er-Jahre. Schwartz urteilt, dass Bavink Sprachrohr einer rechtsradikalen, wissenschaftlichen Minderheit gewesen sei. Dabei war Eugenik in der gesundheitspolitischen Debatte der Weimarer Republik integriert und findet sich auch im Programm der SPD wieder, wenn auch im Anschluss an einen linken Wissenschaftsdiskurs, der wesentlich von Alfred Grotjahn (1896-1931) geprägt war.

Hentschel ergänzt, dass die Entscheidungen Bavinks stärker im Spiegel seiner Biographie zu betrachten sind. Er interpretiert die frühe Nähe zur NSDAP als Reaktion auf die Ablehnung seiner Bewerbung zum Professor in Darmstadt – damit habe er sich bessere Karrierechancen versprochen. Einer häufigen Wertung, die Bavink die Rolle eines nonkonformistischen Wissenschaftler zuschreibt, entgegnet Hentschel, dass Bavink nach 1933 nur deshalb seine Freiheiten nutzen und für die Freiheiten der Wissenschaft eintreten konnte, weil er sich als Gymnasiallehrer außerhalb des Wissenschaftssystems bewegte und daher weniger der Kontrolle der Nationalsozialisten unterlag. Im Gegensatz zu vielen Apologeten habe er trotzdem seine Kritik äußern können. Bavink sei jedoch kein Widerstandskämpfer gewesen, auch wenn er ab 1934 „zivilen Mut“ (Münchener Institut für Zeitgeschichte) gezeigt habe – dies solle nicht vergessen werden.

Margret Gromann, eine Tochter Bavinks, wirft den verschiedenen wissenschaftlichen Darstellungen seit den 1980er-Jahren vor, in der Bewertung Bavinks selektiv vorgegangen zu sein. Es sei nicht gelungen, seine Werke, seine Person und sein Leben angemessen darzustellen. Weiter wirft sie der Nachwelt den Eifer vor, Zeitgenossen des Dritten Reichs als „Nazis“ zu entlarven und gleichzeitig zu diffamieren, wenn sie die Unmenschlichkeit des Systems nicht sofort erkannt hätten. Ferner seien dichotome Einteilungen in „Opfer“ und „Täter“ durch jüngere Generationen ohne Erfahrung unter totalitären Regimen verkürzend, für die Presse-, Bewegungs-, Berufs- und Informationsfreiheit eine Selbstverständlichkeit seien.

Dem stellt sie die edierten Lebenserinnerungen von Bernhard Bavink gegenüber, die er selbst bis zum Ende des Kriegs verfasste. Sie heben die zahlreichen Erinnerungen und Selbstreflexionen Bavinks hervor, die ihn als Menschen, Sohn, Studenten, Vater, Familienoberhaupt, Wissenschaftler und Lehrer im Alltag skizzieren.

Der wissenschaftliche Diskurs fand Anfang 1996 in einer Podiumsdiskussion der Volkshochschule Bielefeld einen ersten Höhepunkt. Dr. Michael Schwartz, Dr. Hans-Walter Schmuhl und Prof. Dr. Klaus Hurrelmann diskutierten die Eignung Bavinks als Vorbild. Dr. Schwartz hob den eugenischen Schutz des Volkes als göttliche Ordnung in Bavinks Publikationen hervor, die durch Zwangsabtreibung und -sterilisation aufrechterhalten werden sollten. Dr. Schmuhl ergänzte, dass Bavink zwar einige Maßnahmen der Judenverfolgung kritisierte, sie aber prinzipiell befürwortete. Prof. Dr. Hurrelmann betonte, dass der Vorbildcharakter bei Bavink nicht schwärmerisch sein kann, sondern sich mit der Lehrerpersönlichkeit und einer gefährlichen Lehre auseinandersetzen müsse. Abschließend befürworteten alle drei die Umbenennung der Schule, da Bavink als zu belastet und nicht mehr als Vorbild gelten müsse. Sie wiesen aber auch auf den symbolischen Charakter der Umbenennung hin und griffen damit die gespaltene Meinung des Publikums auf, das auch die pädagogischen Leistungen Bavinks berücksichtigt sehen wollten.

Es war hingegen weniger die wissenschaftliche Debatte um Bavink, welche die öffentlichen Diskussionen auslösten, sondern u. a. ein zugespitzter Artikel des Tübinger Naturwissenschaftlers und Pädagogen Klaus Musfeld 1991, der verkürzt das gesamte wissenschaftliche Werk Bavinks gleichermaßen unter die Fragen der Eugenik und der Euthanasie stellte. Die Reaktionen in den Bielefelder Tageszeitungen Westfalen-Blatt und Neue Westfälische bemängelten einerseits die Verengung der Debatte auf Bavinks Nähe zu den Nationalsozialisten, andererseits wurden Parallelen zur Fremdenfeindlichkeit der Gegenwart bezogen, wie ein Kommentar in der Neuen Westfälischen (28. November 1991) zeigt:

Das [eugenische Denken Bavinks] hat auch mit Ausländerhaß und allgemeinem Rassismus zu tun und endet in kriegerischen Konfliktlösungen. Anders sein ist immer noch gefährlich. Ob schwarz, ob gelb, ob dumm oder körperlich schwach, solange es Menschen mit einer Kurzsichtigkeit à la Bavink gibt und solche, die danach handeln!

Erneut meldeten sich einige ehemalige Schülerinnen von Bavink zu Wort und betonten dessen festen Charakter, persönliche Integrität und das intellektuelle Vergnügen seiner Lehre, auch wenn sich die Vorwürfe erhärten sollten, obwohl das ausgewertete Material als nicht eindeutig beschrieben wird. Am 20. November 1991 spricht Margot Gromann von einer „Hexenjagd“ und bot dem Stadtarchiv zahlreiche Dokumente aus dem Nachlass Bernhard Bavinks an. Gleichzeitig wurde mehrfach betont, dass die Bewertung der Positionen Bavinks und seiner Rolle im Nationalsozialismus der wissenschaftlichen Debatte überlassen werden sollte, weshalb in zahlreichen Kommentaren die Erwartungen an das wissenschaftliche Gutachten und eine damit einhergehende Versachlichung der Debatte durchscheinen. Am Ende stellten die GRÜNEN/Bunte Liste am 3. Dezember 1991 im Hauptausschuss der Stadt Bielefeld den Antrag auf ein wissenschaftliches Gutachten zur Bewertung der wissenschaftlichen Positionen Bavinks im Verhältnis zu den Nationalsozialisten, Euthanasie und der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, welches anschließend an Dr. Michael Schwartz vergeben wurde.

Die Debatte nahm 1995 und 1996 an Spannung zu, als die Entscheidung über die Umbenennung des Gymnasiums näher rückte und zunächst eine erste Schulkonferenz am 10. Juli 1995 sich gegen die Umbenennung aussprach. Hingegen stimmten sowohl der Schulausschuss am 12. März, als auch die Bezirksvertretung Mitte am 18. April 1996 für die Umbenennung – eine zweite Schulkonferenz des Bavink-Gymnasiums stimmte am 9. Mai 1996 erneut mit deutlicher Mehrheit gegen die Umbenennung.

Auch wenn einige Autorinnen und Autoren in verschiedenen Kommentaren die Ehrbenennungspraxis von Straßen, Plätzen und Gebäuden in Frage stellten sowie die Aktualität von Genetik und Pränatal-Diagnostik anmerkten, spitzte sich die öffentliche Diskussion auch parteipolitisch zu. Überwiegend wurde der SPD und den GRÜNEN eine ideologisch gefärbte Diskussion und polit-taktisches Vorgehen vorgeworfen. Gleichzeitig wurde versucht, Bavink in ein positives Licht zu rücken, wie ein Leserbrief Ende Mai 1996 im Westfalen-Blatt verdeutlicht:

Der große Unterschied [Bavinks] zu den braunen Machthabern allerdings war, daß er nach gründlicher Überprüfung von seinen Thesen abrückte und entsprechend handelte. Warum sollte man einen solchen Menschen nicht die Anerkennung zollen, die ihm gebührt? […] Was aber die Frauen und Männer der ersten Stunde nach dem Krieg um den aufrechten Sozialdemokraten Artur Ladebeck auszeichnete, Idealismus, Fingerspitzengefühl, Souveränität und das Vermögen, geschichtliche Zusammenhänge ebenso wie menschliche Verhaltensweise zu erkennen, das wird heute vielfach durch eine oft unerträgliche Arroganz der Macht und Freude an destruktiven Kungeleien, fern jeglichen gesunden Menschenverstandes gesetzt.

Auf der anderen Seite zeigten sich die Befürworter der Umbenennung überwiegend verwundert über den mehrheitlichen Beschluss der Schulkonferenz und die hohe Zustimmung der Eltern- sowie Schülerinnen- und Schülerschaft. Diese Entscheidung habe auf der Unkenntnis seiner Schriften und der Bewertung der Experten gefußt. Daher sei eine innerschulische Auseinandersetzung unbedingt nötig, die bisher nicht vorgenommen worden sei. Ferner sollte eine öffentliche Diskussion in der demokratischen Gesellschaft geführt werden, um Bavink als guten Menschen oder bösen Eugeniker und Antisemiten, aber kein Glaubenskrieg.

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Schulgebäude des Bavink-Gymnasiums Waldhof 8, 1984. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung Nr. 24-202-15

Schlussendlich lenkte Margret Gromann auch öffentlich ein und plädierte am 29. Februar 1996 im Westfalen-Blatt – offensichtlich zermürbt und verbittert – für eine Umbenennung des Bavink-Gymnasiums:

Ich plädiere nicht für eine Namensänderung, weil ich die Vorwürfe gegen meinen Vater im geringsten für gerechtfertigt halte. Im Gegenteil: sie sind falsch und absurd. Aber gerade darum sollte diese unwürdige Diskussion – auch im Interesse der Schule und der Schule – endlich aufhören!

 Die Umbenennung wurde schließlich am 14. Mai 1996 im Rat der Stadt Bielefeld nach einer hitzigen Debatte beschlossen. Am 31. Juli 1996 – ein Tag vor der tatsächlichen Umbenennung – schlug die BfB in einem Kommentar im Westfalen-Blatt vor, „eine Gedenktafel zu[m] Andenken an Bernhard Bavink an geeigneter Stelle in Bielefeld anzubringen“. Dass sich die Gemüter auch nach dem Ratsentscheid nicht beruhigt hatten, wird ebenso deutlich:

Es ist nicht nur eine Provinzposse, sondern ein Skandal erster Güte, mit welcher Arroganz der Macht SPD und Grüne die Umbenennung des Bavink-Gymnasiums betrieben haben. […] Die Ratsmehrheit habe ihr Urteil anhand eines fragwürdigen Gutachtens und mit Hilfe von selektierten Zitaten über einen Menschen gefällt, der nicht mehr lebe und der sich selbst nicht mehr verteidigen könne. […] es sei eine schändliche Mißachtung des Bürgerwillens, dass bei der Entscheidung über die Namensänderung keine Rücksicht auf die Angehörigen Bavinks, auf ehemalige Schüler und das Votum der Schulkonferenz, den Namen zu behalten, genommen worden sei.

Bis heute ist auf der Webseite des Gymnasiums ein Text zugänglich, auf der Wolfgang Detmer den Befürwortern der Umbenennung moralischen Purismus vorwirft:

Zu wünschen ist, daß die Namensänderung nicht als folgenloser Sieg einer Seite auf einem ideologischen Kampfplatz verbucht wird, sondern die am Streit Beteiligten uns, Lehrer, Schüler und Eltern, nach der Destruktion eines ‚Denkmals‘ jetzt auch konstruktiv bei der Suche nach dem, ‚was das Gute sei‘ (Sokrates) unterstützen.

Versöhnliche, aber auch mahnende Worte fand Fritz Achelpöhler schon 1995, als er Ratsmitglied für die SPD und auch Schulleiter des Bavink-Gymnasiums war:

„[…] heutige Kritiker von Eugenik weisen auch auf Bavinks Beiträge zurück, weil sie in dem Begriff von Eugenik die Ausgrenzung kranker Menschen aus der Gesellschaft wahrnehmen und darin eine Vorbereitung auf Euthanasie erkennen. Bavinks Aussagen zu theologischen Fragen folgen einer damals verbreiteten autoritären Tendenz und werden heute deshalb ebenso wie seine gesellschaftlichen und staatspolitischen Positionen zurückgewiesen.

Als ‚historische Wahrheit‘, um die man seit 1991 erbittert rang, muss gelten, dass Bavink für eine ‚objektive‘ und freie Wissenschaft während der Zeit des Nationalsozialismus eintrat, die ihn gleichermaßen in die Nähe und auf Distanz zu den Nationalsozialisten, der Euthanasie und den Fragen nach der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ brachte.

Seine persönliche Integrität und Beliebtheit als Wissenschaftler wie als Pädagoge treten im Rahmen einer erinnerungspolitischen Ehrbenennung einer städtischen Schule sowie als Vorbild ihrer Schülerinnen und Schüler deutlich hinter seinen autoritär-antidemokratischen, völkisch-biologischen, national-konservativen und in Teilen antisemitischen Weltansichten zurück. Schlussendlich wählen sich alle Generationen ihre eigenen historischen Identifikationen, sodass gesellschaftliche, generationale und politische Diskussionen wie die um Dr. Bernhard Bavink auf unterschiedlichen Ebenen geführt werden müssen. Die Ergebnisse sind und bleiben wohl nur Zwischenstationen – sie können daher keine ewige Gültigkeit in Anspruch nehmen.

 

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. D 99: Prof. Dr. Bavink
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 140/Protokolle, Nr. 2001, 2152
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,5/NL Bernhard Bavink, Nr. 52
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,47/Bielefelder StadtBlatt, Nr. 163
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,007/Kleine Erwerbungen, Nr. 871: „Eine Erinnerung an Bernhard Bavink“ von Dr. Hans Hartog
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 257
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 5349

Literatur

  • Achelpöhler, Fritz, Bavink in der Diskussion, in: Bavink-Gymnasium Schulzeitung 1993/94, S. 6-7 u. 1994/95, S. 6-7
  • Ders., Mädchen.Schule.Zeitgeschichte. Eine Zeitreise mit Bielefelder Schülerinnen in die Jahre 1828 bis 1996, Bielefeld 2014.
  • Bavink, Bernhard, Organische Staatsauffassung und Eugenik, Berlin 1933.
  • Bavink, Bernhard, Ergebnisse und Probleme der Naturwissenschaften. Eine Einführung in die heutige Naturphilosophie, Leipzig 19448.
  • Detmer, Rainer, Bavink in der Diskussion – Bernhard Bavink und die Schwierigkeit, ein über alle Zweifel erhabenes Vorbild zu finden, in: Bavink-Gymnasium Schulzeitung 1995/96, S. 6-8 u. 1996/97, S. 6-7
  • Ders., Rückblick auf die Bavink-Diskussion, in: Bavink-Gymnasium Schulzeitung 1997/98, S. 6-7
  • Gromann, Margot, Bernhard Bavink, Lehrer, Wissenschaftler, Philosoph, Bielefeld 1995
  • Hentschel, Klaus, Bernhard Bavlnk (1879-1947). Der Weg eines Naturphilosophen vom deutschnationalen Sympathisanten der NS-Bewegung bis zum unbequemen Non-Konformisten, in: Sudhoffs Archiv, vol. 77 (1993), S. 1-32.
  • Musfeld, Klaus, Bernhard Bavink als „christlicher“ Wegbereiter der Vernichtung „unterwertigen“ Lebens, in: Behinderten Pädagogik. Vierteljahreszeitschrift für Behindertenpädagogik in Praxis, Forschung und Lehre und Integration Behinderter, Jg. 30, Heft 4 (1991), S: 429-434.
  • Schildknecht, Urs, Die Umbenennung der „Kaiserin-Auguste-Viktoria-Schule“ – 1947, in: Ravensberger Blätter, Heft 1 (1988), S. 22-33.
  • Schwartz, Michael, Bernhard Bavink: Völkische Weltanschauung – Rassenhygiene – ‚Vernichtung lebensunwerten Lebens‘. Wissenschaftliches Gutachten im Auftrag der Stadt Bielefeld (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 13), Bielefeld 1993.
  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 2, Bielefeld 1995².

Internetquellen

Erstveröffentlichung: 01.05.2021

Hinweis zur Zitation:
Waterböhr, Jan-Willem, 14. Mai 1996: Entscheidung des Stadtrats zur Umbenennung des Bavink-Gymnasiums in „Gymnasium am Waldhof“, https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2021/05/01/01052021/, Bielefeld 2021

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